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Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS # 7 „und ja, ich möchte auch in die Kolonne, Arschloch“ / Happy belated birthday, Marlene Streeruwitz!

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Marlene Streeruwitz wurde am 28. Juni 70. Ich bin ein bisschen spät dran mit dieser Geburtstagskolumne, der Kuchen ist aber trotzdem frisch gebacken. Willkommen zur After-Party.

Wollte man Marlene Streeruwitz’ Werk mit einem einzigen Wort beschreiben, so wäre vielleicht das passende Wort: ATMEN. Was ihre Protagonistinnen auch tun, wohin sie auch unterwegs sind, auf welche Weise sie sich auch fortbewegen, was sie auch denken oder fühlen, immer hört man sie atmen. Oder keuchen. Keine Bewegung ohne Atmen, kein Denken ohne Atmen, kein Erzählen ohne Atmen, kein Lesen ohne Atmen, ___STEADY_PAYWALL___ das Atmen (und damit auch der Körper) ist der Grund der Buchstaben, scheinen diese Frauenfiguren von jeder Seite schreien zu wollen, ich bin ein Körper, der atmet, ich bin ein Körper, der denkt, ich bin ein Körper, der sich (selbst) bewegt, hör mich doch mal einer! Eher selten trifft man diese Figuren in Innenräumen von Gebäuden an, und wenn doch, dann immer im Modus maximaler Beklemmung; ansonsten sind sie ständig unterwegs, zu Fuß, im Flugzeug – oder, besonders oft, im Auto. In ihrer Bewegung geht es aber nicht darum, weit zu kommen, schnell zu fahren oder hoch zu fliegen; überhaupt geht es nie um irgendein ‚Ziel‘ oder darum, etwas Bestimmtes (auch erzählerisch) zu erreichen. Es geht vielmehr um das Atmen in und mit der Welt, um die Bewegung des Erzählens selbst, um die Körpererfahrung und Körpererinnerung (den Körper durchaus auch verstanden im Sinne eines transgenerationell erlebbaren und erlebten historischen Archivs) weiblichen ‚Stimmens‘. Da die Protagonistinnen immerzu atemlos sind, hat man das Gefühl, dass sie eigentlich immer laufen, auch dann, wenn sie im Flugzeug oder im Auto sitzen. Erzählerisch besonders radikal ausgearbeitet ist das in Jessica, 30, einem Roman, der kaum Punkte enthält (nur am Ende jedes der drei Kapitel findet sich einer). Die Füße von Jessicas Gedankenstrom sind immer ‚am Boden‘, der Gedankenstrom läuft immer, selbst dann, wenn sie Auto fährt oder ein Flugzeug sie befördert. Vielleicht kein Wunder, denn „ich bin noch nie mit einer Frau geflogen, ich habe noch nie von einer Frau erzählt bekommen, wie hoch wir fliegen“ (Jessica, 30, S. 204): Das (Hinweg-) Fliegen (über etwas) ist kein Erzählbeförderungsmittel, in das die Erzählerin einfach so, mit Selbstverständlichkeit, einstimmen und einsteigen könnte – oder vielleicht auch wollte: Denn das Interesse dieser Literatur ist ja gerade, vom weiblichen Körper zu erzählen, dessen historische Erfahrungswelt nun einmal darin besteht, an die Erde gebunden und bei jedem Versuch des Abhebens auf sie zurückgeworfen zu werden. Wäre es nach Marcel Reich-Ranicki gegangen, hätte Streeruwitz ihren ersten Roman Verführungen, der von einer von ihrem Mann verlassenen Frau handelt, die in hunderttausend Banalitäten des Alltags mit Kindern gefangen ist, nie veröffentlicht: „Ich bin nicht bereit zur weiblichen Sicht“. Vielleicht, oder hoffentlich, haben wir heute ein klitzekleines Bisschen mehr Lektürefähigkeit. Am Boden also, selbst wenn die Protagonistin in der Luft ist; am Boden, meistens draußen, während der Text fortwährend die eigene Erlebniswelt erzählt und reflektiert. Das Drinnen ist draußen, das Draußen ist drinnen, wenn und solange man unterwegs ist. Also weiter. Atmen. Atemlos. Dabei befällt Streeruwitz’ Protagonistinnen regelmäßig die Angst, (wieder) in ein Innen gesperrt zu werden:

„Sie wünschte sich, dick angezogen zu sein und auf einer Wiese und weit und breit niemand. Aber dann hatte sie Angst, dass aus dem Wald rund um die Wiese jemand heraustreten könnte und auf sie zu, und dann wünschte sie sich in ein Zimmer. In ein Zimmer mit einer Tür, die abgesperrt werden konnte. Aber dann wieder hätte man sie einsperren können, und sie wusste nicht mehr, wohin sie sich wünschen konnte.“ (Die Schmerzmacherin, S. 229)

Dass Streeruwitz ihre Protagonistinnen in aller Atemlosigkeit so gern, soviel und so gut Auto fahren lässt, ist nicht nur deshalb gewitzt, weil sich vielleicht auch andere an jenen in meiner Kindheit noch ganz gängigen Spruch erinnern „Heut ist Sonntag, heut darf Mutti fahren“ (der gebracht wurde, wenn ein anderes Auto nicht schnell genug schien und eine Frau am Steuer saß). Was implizierte: a) jede Frau ist (ihrer Bestimmung nach) eine Mutti; b) Vati muss Mutti das Autofahren erst erlauben; c) Mutti kann es aber nicht (was in der Natur ihres Geschlechts liegt: zum Lenken ist sie nicht geschaffen); und d) „Aber seien wir gnädig, heut ist Sonntag, heut müssen auch wir in unserer Wichtigkeit nicht so dringend und schnell wie sonst ein bestimmtes Ziel erreichen.“ Im Jahr 1970 gab der ADAC extra ein Büchlein heraus, das Frauen erklärte, wie sie sich als Beifahrerinnen verhalten sollten, es heißt ADAC Beifahrerbuch, lässt keinen Zweifel daran, dass der Mann natürlicherweise am Steuer sitzt und die Frau natürlicherweise auf dem Beifahrersitz und bietet reichlich Tipps bzw. Idealbeschreibungen der Beifahrerin, wie etwa diese:

„Nie würde es ihr in den Sinn kommen, ihm zu sagen, wie er seinen Wagen zu lenken habe oder ihm gar sagen, um wieviel besser sie das täte, wenn er sie nur ans Steuer ließe; mit flinken Fingern aber weiß sie rasch zu helfen, wenn es gilt, eine Sicherung zu wechseln oder eine verstopfte Düse durchzublasen […]; mit ihren schlanken Armen winkt sie ihn sicher in die engste Parklücke ein; wenn es ans Reisen geht, hat sie alles so gut vorbereitet, daß es wie am Schnürchen klappt.“ (S. 17)

Unsichtbare Hintergrundarbeit also, von der möglichst niemand etwas merkt, und bei der sie zugleich möglichst gut aussieht.

„Wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen“, lautet ein in sozialen Medien beliebtes Zitat, das das Internet Sokrates zuschreibt, das allerdings in keiner der einschlägigen Quellen tatsächlich auffindbar ist, gut möglich also, dass das Internet hier nur sich selbst zitiert und bewegt (tatsächlich klingt das Zitat eher nach einem Werbespruch für den neuesten Mercedes „Sie jagen gern Abenteuer in der Großstadt?“ SUV als nach Sokrates). „(Sich) selbst“, das heißt auf Griechisch: „auto“. „Auto“, so nennen wir im Deutschen in Kurzform das Automobil, „mobilis“ heißt soviel wie „beweglich, flink, lenksam“. Das Automobil ist also ein Ding, das sich selbst bewegt. Allerdings scheinen wir uns, so lässt sich schon allein aus der Abkürzung schließen, weit weniger für das „mobil“ zu interessieren, dafür aber umso mehr für das „auto“, weniger also für die Bewegung, mehr hingegen für das Selbst, dieses Heiligste des Kapitalismus, aber auch des christlich-westlichen-patriarchalen Denkens, des deutschen Denkens allemal. Das Selbst, dieses verpanzerte, Fahrt aufnehmende Etwas, das über die Welt hinwegbrettert und dieses Hinwegbrettern mit eigener Bewegung verwechselt – denn der Fahrer bewegt sich ja überhaupt nicht, er drückt nur aufs Pedal, bewegt sich keinen Millimeter selbst. „Mobil“, das ist immer das Andere, während der Fahrer „Dasselbe“ bleibt; er lässt sich durch die Gegend kutschieren von einer Maschine, die er sich zu Diensten gemacht hat, die für ihn arbeitet und ihn ausspuckt, wo er gerade hin will – und das nicht erst, seit es das Automobil gibt:

„Der Mann ist der Passagier der Frau, nicht nur bei seiner Geburt, sondern auch in den sexuellen Beziehungen. […] könnte man sagen, daß das Weibchen das Mittel ist, welches das Männchen gefunden hat, um sich zu reproduzieren, das heißt, um auf die Welt zu kommen. In diesem Sinne ist die Frau das erste Transportmittel der Gattung, ihr erstes Fahrzeug. Das zweite wäre das Reittier […]“ (Paul Virilio, Fahren, fahren, fahren, S. 74)

Die letzte Veröffentlichung des statistischen Bundesamtes zu Unfällen von Männern vs. Frauen stammt aus dem Jahr 2018 und sagt: „31,4 % der unfallbeteiligten Frauen fuhren einen Pkw mit einer Motorleistung unter 60 kW, bei den Männern waren dies nur 16,5 %. Einen Pkw mit über 90 kW Motorleistung fuhren dagegen nur 30,9 % der unfallbeteiligten Frauen, aber 51,1 % der unfallbeteiligten Männer.“ Das im oder als Auto identifizierte Selbst, das jedes beliebige Ziel erreichen und das über alles hinwegrollen kann, wenn es nur will, in das aber umgekehrt von „außen“ (die Trennung zwischen „Innen“ und „Außen“ ist uns bekanntlich hoch und heilig) nichts und niemand eindringen kann, darf oder soll – Slavoj Zizek hört es nicht gern, aber dieses westliche Selbst ist nicht geschlechtsneutral und auch niemals gewesen. Die Odyssee mit ihrem männlichen Helden, der das als weiblich gedachte Element des Wassers bereist, sich dabei von fraubewohnten Inseln verführen und irreleiten lässt, um sich von diesen immer wieder abzustoßen (die Inseln der Negation befördern ihn sozusagen weiter, sind sein Vehikel auf der Reise zu sich selbst) und ganz am Ende in den Heimathafen seiner Ehefrau zurückkehrt, endlich identisch mit sich geworden (muss da noch jemand außer mir an Hegelsche Dialektik denken?), ist als Urszene westlicher Denk- und Schreibtradition noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wirksam und wird auch heute noch immer wieder neu in Szene gesetzt und auf den Plan gerufen. Das Element, das bereist und bezwungen wird mit immer größeren, immer schnelleren Gefährten, kann dabei genauso gut die Erde sein – auch die Erde gilt schließlich als weiblich. Anders als das Wasser ist sie besambar und lässt sich besetzen, weshalb sie dem klassischen Denken auch als „wahrer“ gilt (Kant zum Beispiel sprach von der „Wahrheit“ als einem „Land“ – das Wasser dagegen galt ihm als lügenhaft). Das einzige männlich konnotierte Element scheint das Feuer zu sein (Prometheus, der das Feuer bringt, die Kultur). Und was wäre in der technologisierten Kultur mehr Sinnbild des Feuers als das Brennen des Krafstoffes, als Dampf und Geschwindigkeit?

„Nun geht’s los! Und er beugte sich über das Lenkrad und drückte auf die Tube; er war wieder in seinem Element, jeder konnte es sehen. Wir waren alle entzückt, wir alle erkannten, dass wir Verwirrung und Unsinn hinter uns ließen und die einzige und edle Funktion unserer Zeit erfüllten, in Bewegung zu sein.“ (Jack Kerouac, On the Road / Unterwegs, empfohlen von der Zeitschrift Men’s Health in ihrer „Liste der wichtigsten Männerbücher“)

Frauen und Autos also – überhaupt, Frauen und Bewegung: Glaubt man Philosophen und Schriftstellern von Hesiod über Homer über Aristoteles über Rousseau über Hegel über Kierkegaard über Heidegger über Rilke über Thomas Mann … ach, müßig, sie alle aufzuzählen, jedenfalls bis hin zu Michel Houellebecq und Till Lindemann (ok, eher ein selbsterklärter Schrifsteller, aber sein Zeug wird immerhin von KiWi gedruckt), dann besteht das (wenigstens ideale) „Wesen“ „der Frau“ (mit „die Frau“ meint die Geschichte immer die weiße, bürgerliche Frau – die Bilder für Women of Color waren und sind auf andere Weise abwertend und unterwerfend, wie u.a. die kürzlich verstorbene Philosophin Maria Lugones aufgezeigt hat) ja nicht darin, sich selbst zu bewegen, sondern darin, bewegt zu werden, während sie mit ihrer Sprache stillgestellt wird im Hausinneren. Daher jene generationenübergreifende Körpererinnerung von Jessica, 30:

„und warum muss ich bei jedem Haus überlegen, wie das wäre da zu wohnen, bei jedem Spaziergang, bei jeder Autofahrt, immer sehe ich mich hinter den Fenstern, in den Gärten, auf den Balkons“ (Jessica, 30, S. 48)

„Mobilis“, das heißt übrigens auch: „unbeständig, veränderlich, wankelmütig, erregbar“ – Attribute, die klassischerweise „der Frau“ zugeschrieben wurden und u.a. Kennzeichen jener Ende des 19. Jahrhunderts erfundenen „Krankheit“ waren, die man „Hysterie“ nannte, ein Zustand, den man auf die Gebärmutter (griechisch hystera) zurückführte, und der natürlich der Therapie bedurfte, damit „die Frau“ nach der Behandlung wieder ihrem Idealbild als unbewusst, schlafend, still und stumm entsprach. Das heißt, damit sie wieder zum „mobil“ im Sinne der flinken, lenksamen, nicht aufmuckenden Bewegung wurde, sobald der Mann sie nur bestieg und aufs Pedal drückte. „Dieses Gefühl, unterzugehen. Begraben zu werden. Vergessen. Erstickt. Das kam aus ihrer Geschichte.“, heißt es in Streeruwitz' Nachkommen (S. 253); später kommt der Protagonistin das Bild eines „Muttermotors“: „Eine Maschine, die in regelmäßigen Abständen Personen in hohem Bogen in die Welt schleuderte.“ (S. 383). Austragende, Fahrzeug, „mobil“ seines „auto“, seiner Reproduktion, seiner Geschichte, seiner Literatur, seiner Philosophie, seiner Kultur.

„Die erste Freiheit ist die Bewegungsfreiheit, die die Last-Frau dem Jagd-Mann verschafft. […] Genau wie der Eindringling das Gebiet, in das er eingedrungen ist und das er erobert hat, so einrichtet, daß es die Lenkbarkeit seiner Kräfte und Bewegungen fördert, so wird aus der geheirateten und gefangenen Frau umgehend ein Transportmittel gemacht. Ihr Rücken, ihre Hüften werden zum Modell der Reiseausrüstungen, die gesamte Auto-Mobilität wird von dieser Infrastruktur ausgehen, von diesem getätschelten und geschlagenen Hinterteil, alle Wünsche nach Eroberung und Eindringen finden sich in dieser zahmen Reisemaschine wieder.“ (Paul Virilio, Fahren, fahren, fahren, S. 76)

Streeruwitz’ Protagonistinnen nun setzen sich einfach in dieses „auto“, sie nehmen es sich einfach, zum einen weil sie die „auto“-Übermacht der Männer in die Schranken weisen und dieser etwas entgegensetzen wollen, zum anderen aber auch, weil sie in Bewegung sein müssen, sie sind ja die Bewegung selbst. Und das „auto“ als überpräsenter Prototyp des modernen Fahrzeugs steht eben gerade parat: Es bietet sich literarisch an, einzusteigen, gerade dann, wenn man an der Fahrweise der Geschichte etwas ändern will. Subversion beginnt immer zunächst mit den gleichen Mitteln.

„und warum lässt mich dieser Trottel da hinten nicht die Spur wechseln, du lieber Himmel, kostet es ihn seine Potenz, wenn er mich da hineinlässt (…) und na und, dann fahre ich halt über die Sperrlinnie und brauche den nicht, dass er mir Platz lässt (…) es ist mein Recht, es ist mein Recht, die Spur zu wechseln und den Platz dafür zu bekommen“ (Jessica, 30, S. 49)

Dabei geht es nicht um den (männlichen) Mythos vom rauschhaften Beherrschen der Straßen, der Erde, der Welt. Es geht überhaupt nicht darum, sich ein Anderes untertan zu machen, damit man selbst Dasselbe bleiben kann, gleich, wohin auf der Welt man sich bewegt. Das in-Bewegung-Sein ist dem Körperwissen und Körperdenken von Streeruwitz’ Protagonistinnen so tiefgreifend eingeschrieben, dass sie gar keine andere Seinsmöglichkeit haben; sie bewegen sich um der Bewegung willen, sie sind das Bewegliche, das „mobil“ selbst – allerdings können und müssen sie sich selbst transportieren, sie sind Erzählinstanz und Austragungsort in einem. Auch gibt es für diese Figuren kein teleologisches Ziel, keinen „Heimathafen“, in den sie odysseisch nach einer anstrengenden Reise draußen in der Welt einkehren könnten (heißt: den sie sich letztgültig aneignen könnten); sie sind immer drinnen und draußen zugleich, es gibt keine Erlösung, kein Heim- oder Ankommen, keine Aneignung der Welt. Wieviel Grund Streeruwitz’ Protagonistinnen und wir alle haben, unser transgenerationelles Körperwissen nicht zu vergessen, zu sprechen, weiterzusprechen, zu schreiben, weiterzuschreiben und überhaupt wach zu sein und zu bleiben, lässt sich nicht zuletzt aus folgendem Satz entnehmen, den die (2019 zurückgetretene) österreichische Bundesregierung 2018 in ihr Regierungsprogramm geschrieben hat, und den Streeruwitz im selben Jahr in einer Kunstaktion auf youtube auseinandernahm:

 „Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen und anzuerkennen, ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden“. (Regierungsprogramm ÖVP/FPÖ 2018-22)

Denn das Paradoxe ist ja, dass politisch mit solchen Feststellungen – die in Wirklichkeit immer drohen, in Forderungen zu kippen – keineswegs so diffizile Dinge gemeint sind wie etwa differentes Körperwissen, sondern vielmehr hierarchische Rollenzuschreibungen, die klassischerweise gerade die Behauptung implizieren, dass „die Frau“ überhaupt kein eigenes (Körper-) Wissen und kein Schreibinteresse oder Denkvermögen habe – dass sie vielmehr stummer „Muttermotor“ sein und sich aus allem, was die Welt und was Buchstaben betrifft, heraushalten solle. Denn sobald sie zum Stift greift und sich selbst ins „auto“ setzt, kommt der Geschichte ihr Vehikel abhanden.

„Das war da, wo die Einflüsterungen hinrannen. Das war dieses Raunen. Dass sie nichts konnte. Dass sie nicht denken konnte. Dass sie die Dialektik nicht begriffen habe. Dass sie Philosophie nicht verstehen konnte. Nie verstehen würde. Dass das für Frauen typisch war. Dass das nicht offen gesagt würde. Dass das aber jeder wüsste. Das war da, wo alle diese Feindschaften gelagert wurden.“ (Nachkommen, S. 383)

Ein Auto habe ich nicht, ich fahre Rad, aber wenn ich nicht Rad fahre, laufe ich. Ständig. Wann und wohin immer möglich. Denn auch ich „fühle mich nicht so bewegungslos und festgefroren, wenn ich laufen war“ (Jessica, 30, S. 20). Meine nächsten 70 Strecken widme ich hiermit Marlene Streeruwitz, ihrem sezierenden Blick und ihren sich so verwandt anfühlenden Figuren. Happy belated birthday!

 

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Marlene Streeruwitz' Werk erscheint im S. Fischer-Verlag.

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