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Wir reden über Literatur
Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS #8 it’s the memoir, stupid!

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Das mit der Erinnerung ist ja hierzulande so eine Sache. Es geht schon los mit der Frage, wer oder was genau ihr Beziehungspartner eigentlich ist: Gegenwart? Aber das Pendant zu „Gegenwart“ wäre eher „Vergangenheit“. Sowas wie ein Sprechen von Vergangenem, im Gegensatz zu einem Sprechen von Gegenwärtigem? Und wer spricht dann? Spricht jemand von Gegenwärtigem oder Vergangenem, ___STEADY_PAYWALL___oder spricht Gegenwärtiges und Vergangenes selbst? Oder beides? Und wie genau unterscheidet man das eine vom anderen? Gibt es so etwas wie eine abgeschlossene Vergangenheit, die hinter einer klar definierten Grenze liegt, von der man spricht, die aber nicht „selbst“ spricht? Ein Anderes des Sprechens dieser sogenannten Gegenwart? Und wenn ja, ist es wirklich so, dass sie „selbst“ (schwieriges Wort, ja, aber es sei hier mal behelfsweise verwendet) nicht spricht – oder nicht eher so, dass sie nicht sprechen soll?

Womit wir der Sache vielleicht schon etwas näher kommen. Wenn ein Typ wie der maximal sendungsbewusste, dabei oft gleichzeitig maximale philosophische Banalitäten von sich gebende Möchtegern-Philosophie-Gott Markus Gabriel (darf ich sagen, ich hab mit ihm studiert) sagt, er wolle die Deutschen wieder zum „Weltmeister der Philosophie“ machen (ich finde das Zitat nicht mehr, schwöre aber, dass er das vor ein paar Jahren so oder so ähnlich gesagt und dass ein Medium das so oder so ähnlich gedruckt hat), bekomme wahrscheinlich nicht nur ich leichte Anflüge von Übelkeit, und diese Übelkeit hat auch etwas mit Max Czolleks in meinen Augen sehr treffender Diagnose zu tun, die Deutschen inszenierten sich regelmäßig als „Erinnerungsweltmeister“ (siehe sowohl Desintegriert euch! von 2018, als auch Gegenwartsbewältigung von 2020). Czolleks Diagnose bezieht sich auf deutsche Shoah-Erinnerungskultur (AKA „Gedächtnistheater“), aber an dieser Diagnose gibt es auch eine feministische Komponente, die in Augenschein zu nehmen sich lohnt. Ein Weltmeister ist jemand, der auf einem bestimmten Gebiet alle anderen aussticht, was meistens damit einhergeht, dass er bestimmte Techniken, die zum Ausstechen aller anderen notwendig sind, überragend gut beherrscht. Er beherrscht aber nicht nur diese Techniken, sondern auch das, worauf sich diese Techniken beziehen, und zudem beherrscht er, in gewisser Weise, auch die Anderen, die, die er ausgestochen hat. Wer etwas beherrscht, ist Herr über das Beherrschte. Ein Bedamtes oder dergleichen gibt es nicht. Ein Weltmeister der Erinnerung ist also ein Herr, der Erinnerung beherrscht, über Erinnerung herrscht, ein Herr der Erinnerung. Er herrscht über die Form des Erinnerns, über die Frage, was Erinnerung heißt, heißen soll oder heißen darf, also wie erinnert wird, und damit implizit auch über die Frage, wer erinnert, wessen Erinnern als lesbar gilt und ergo Raum bekommt – oder aber umgekehrt in irgendeiner Weise als bedrohlich gilt für die Meisterschaft des Herrn und daher stumm gestellt wird, er-innert wird im Sinn von eingeschlossen.

Das deutsche Denken hat von jeher Haus-Metaphern geliebt, Heideggers Sprache als „Haus des Seins“ zum Beispiel, über das „die Denkenden und Dichtenden“ wachen („Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung“): Ja bitteschön, welche denkende/dichtende Frau, welche denkende/dichtende person of color, welche denkende/dichtende jüdische Person etwa ist je Wächterin über „die Sprache als Haus des Seins“ gewesen? Wer die Sprache als „Haus des Seins“ bewachen will, der will das deshalb, weil a) in diesem Haus, in seinem Inneren, b) aber auch außerhalb dieses Hauses anderes Sprechen wohnt; weil dieses andere Sprechen lebendig ist; und weil dieses andere Sprechen für seinen Wächter-/Herr-/oder Meister-Anspruch, kurz: für sein Haus irgendwie bedrohlich sein oder werden könnte. Die deutsche Geistesgeschichte ist eine Geschichte, die den Besitz von Grund und Boden, was immer auch den Besitz von Hauswänden einschließt, kontinuierlich und konsequent mit Wahrheit verwechselt: „erst im Eigentume ist die Person als Vernunft“, heißt es irgendwo bei Hegel, der übrigens am 27. August 250 Jahre alt wurde und trotz seines doch augenscheinlichen In-die-Jahre-gekommen-Seins immer noch jeden Morgen in Bademantel und Hauslatschen schlüpft und nichtmal mit Schläuchen und Maschinen künstlich am Leben gehalten werden muss. Grund und Boden zu besitzen, heißt immer auch: „Mutter Erde“ besitzen, Herkunft besitzen, Erinnerung besitzen.

Beziehungspartner der Erinnerung also: Der Herr, der Meister, „die Deutschen“? „Beziehungspartner“ wäre wohl etwas arg wohlwollend gleichberechtigt ausgedrückt, der Beziehungsstatus gleicht schließlich eher dem einer Ehe aus dem 18. Jahrhundert, Erinnerung, die nicht „selbst“ sprechen soll, unter eigenem Namen, sondern eingeschlossen wird in eine Ehe unter dem Namen des Herrn, in ein altbekanntes Haus. Das Christentum hätte die Frau, das Sprechen in seinem Inneren, natürlich am liebsten umgebracht, das ging aber nicht (mal abgesehen von den Hexenverfolgungen, mal abgesehen von bis heute täglich stattfindenden – und natürlich nicht auf christlich geprägte Gemeinschaften beschränkten – Femiziden), denn dann wäre die Geschichte ja schon am Ende gewesen. Also legte man sie schlafen, stellte sie still, um sie so zum stummen Austragungsort/Medium machen zu können. Umgebracht hat man Menschen, die unmittelbar mit dem anderen Aspekt dieses Sprechens im Inneren des Christentums assoziiert wurden – interessanterweise wurden ja durch die Jahrhunderte „jüdisches Sprechen“ und „weibliches Sprechen“ regelmäßig mit ganz ähnlichen Assoziationen/Konnotationen und entsprechenden Ausrottungsphantasien – die freilich ganz unterschiedlich realisiert wurden – belegt.

Schlagen wir nun einen kleinen Haken (oder auch mehrere), a) weil der Meister/Herr nichts so sehr hasst, als wenn wir Haken schlagen, b) weil Bewegung gut ist für die Gesundheit, c) weil es psychologisch einfach angenehm ist, wenn man nicht ohne weiteres verfolgt werden kann, und d) weil genau das auch eines der Merkmale von Erinnerung ist: Sie lässt sich nicht festnageln, es gibt keine Autobahn, die man nur befahren müsste, um irgendwann am „Ziel“ zu sein, ihr ist nicht beizukommen mit der Idee des Autors als (Welt-) Meister, der nur das geilste Fahrzeug besteigen und die geilsten Techniken anwenden muss, und schon ist ihm das Ziel sicher, schon gebiert sie ihm willig, was immer er in sie eingepflanzt hat. Der Meister/Herr hasst Erinnerung, weil er die Formen ihres Sprechens – unter anderem – mit „Weiblichkeit“ assoziiert: Sie ist nie, was sie ist, versucht er, sie in den Griff zu kriegen, entwischt sie; dabei versucht er ja wirklich alles, er legt ihr Ringe an, bringt sie unter seine Haube, sperrt sie hinter seinen dicken Hauswänden ein. Und was macht sie? Sie gräbt einfach einen Tunnel (oder mehrere) und haut ab.

„und das wäre ja das Thema überhaupt, wie Frauen sich an sich selbst erinnern“,

stellt Marlene Streeruwitz’ Jessica, 30 fest (S. 79). In Eliot Weinbergers Essay Matteo Ricci heißt es:

„No matter what the subject, the memory always thinks of something else, is always creating still lifes, collages.“ (in: Works on Paper, S. 18)

Und dann sitzt er da, mit seinen Hauswänden, dieser weltmeisternde Dichter und Denker, und isst Abend für Abend Dosenwürstchen mit Graubrot und Senf. Bye-bye, viel Spaß noch! Dummerweise ist es nicht ganz so einfach, da er so viele andere kennt, die auch Hauswände haben, und mit sehr vielen Hauswänden zusammen kann man sehr viel Leben erschlagen. Leider kann man also nicht einfach nur abhauen; man muss ihn unschädlich machen, immer wieder neu, immer wieder von vorn. Man muss ihm erzählen von alldem, was er verpasst, vielleicht schmecken ihm seine Würstchen dann irgendwann selbst nicht mehr.

In genau diesem Sinne gibt es literarisch dieses Jahr sehr viele sehr gute Nachrichten. Der Literaturbetrieb hat anscheinend endlich auch dort, wo er breitenwirksame Öffentlichkeit hat, Notiz davon genommen, dass längst schon die Scheidung von dieser ungesunden Ehe eingereicht wurde – was vielleicht nicht zuletzt auch mit einem Generationenwechsel an entscheidenden Positionen zu tun hat; und er hat endlich Notiz davon genommen (auch wenn er sich oft noch nicht traut, das Kind beim Namen zu nennen), dass es ein Schreiben jenseits des Meister-Mythos’ gibt, jenseits der romantischen – und im Kern patriarchalen – Idee des Erfinders, der einen Guss irgendwo hingießt, also eigentlich nicht irgendwohin, sondern in eine als stumm imaginierte papierne, unschuldige Gebärmutter – woraus dann ein ihm gehörendes/gehorchendes Großwerk entsteht, genannt „Haus“, äh, „Roman“. Ein richtiger Schriftsteller schreibt Romane, nicht wahr? (Und zwar möglichst realistische, wir sind schließlich die rationale Nation schlechthin!) Der Betrieb hierzulande ist reichlich spät dran mit der Erkenntnis, dass Literatur auch etwas ganz anderes sein kann, dass man auch ganz andere Formen von Literatur auszeichnen kann, aber gut, besser spät als nie. Nichts gegen Romane, nichts gegen Häuser! (Insbesondere dann nicht, wenn es in ihnen sehr viele Wohnungen gibt.) Dach überm Kopf ist gut. Aber draußen sein & bewegen ist halt auch manchmal gut.

Draußen sein & bewegen: Ich weiß jetzt nicht, ob es nur an meiner Lektüreauswahl liegt (schon möglich, gebe ich zu), aber mir drängt sich zunehmend der Eindruck auf, das machen literarisch in letzter Zeit vor allem Autorinnen, oder zumindest werden sie in letzter Zeit endlich dafür ausgezeichnet (da wundert sich der weltmeisternde Dichter und Denker: hä, draußen? Liegt sie nicht immer in einem Haus in einem Bett und träumt vor sich hin?). Eine (unvollständige) Liste:

  • Der Bachmann-Preis ging dieses Jahr an Helga Schubert, für einen Text, der sich mit Erinnerung und dem Versuch einer Formfindung für Erinnerung beschäftigt.
  • Der Büchner-Preis ging an Elke Erb, deren Arbeit sich unter anderem mit Erinnerung und möglichen Formen von Erinnerung/Kommentierung beschäftigt, ja mehr noch, mit Fragen der Form überhaupt. (Ist nicht die Frage der Form immer auch irgendwie eine Frage der Erinnerung? Könnte man drüber nachdenken. Zumindest das Umgekehrte dürfte gelten: Die Frage der Erinnerung ist immer auch eine Frage der Form.)
  • Im Juli wurde bekannt, dass Esther Kinsky den dieses Jahr erstmals vergebenen Sebald-Preis erhält, für einen Text, der sich mit Gedächtnis und Erinnerung beschäftigt, ein Feld, auf dem Esther Kinsky ja schon lange arbeitet, und zwar gerade auch als Frage, wie sich Erinnerung (selbst) schreibt.
  • Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen mindestens zwei Bücher, die sich mit eigener Verortung, Sprachfindung und Erinnerungsmöglichkeiten beschäftigen – im einen Fall als Geschichte sozialer Herkunft, die einer Poetik sehr genauen Beobachtens folgt (Deniz Ohde), im anderen in rasanter, vielstimmiger, formal gewitzter Auseinandersetzung unter anderem mit Erfahrungen von Rassismus (Olivia Wenzel).
  • Han Kangs vor 2 Wochen in Übersetzung erschienenes famoses neues Buch Weiß ist ebenfalls ein Text, der sich mit Erinnerung beschäftigt, mit persönlicher Erinnerung, aber auch mit der Frage, wie sich (traumatische) Erinnerung von Eltern auf Kinder überträgt, in diesem Fall spezifisch von Mutter auf Tochter, und wie sich diese Erinnerung auf Wanderschaft begibt, wie sie immer wiederkehrt in zunächst gar nicht als solchen erkennbaren Zeichen; es ist ein Text, der für das erinnernde, wandernde, assoziierende Erzählen seine ganz eigene Form findet. Interessanterweise hat der Aufbau-Verlag ihn mit keiner Gattungsbezeichnung versehen; im Amerikanischen würde er wohl als „lyrical essay“, „personal essay“, „memoir“ oder sogar „poetry“ bezeichnet. Überhaupt stehen Gattungsbezeichnungen bei amerikanischen Büchern oft nur winzig klein auf der Rückseite, oft steht da auch nicht eine einzige Gattungsbezeichnung, sondern gleich mehrere. Die amerikanische Ausgabe von Maggie Nelsons Bluets etwa bezeichnet den Text als „essay/literature“; der Hanser-Verlag hat in der deutschen Ausgabe jegliche Gattungsbezeichnung weggelassen.

Sieht man sich überhaupt unter literarischen Erscheinungen der letzten Jahre um, die sich in irgendeiner Weise mit Erinnerung beschäftigen, so fällt zweierlei auf: Zum einen scheint mir der überwiegende Teil der Texte, die sich vielschichtig mit Fragen des Erinnerns – auch des transgenerationellen Erinnerns – befassen, von Autorinnen zu stammen. Zum anderen fällt auf, dass mit zunehmender Häufigkeit dafür nicht mehr die Form des Romans gewählt wird. Zwar steht oft noch „Roman“ drauf, drin ist aber immer öfter keiner, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Dass der Essay etwa eine im höchsten Maß poetische (politische ohnehin) Form sein kann, die es erlaubt, mit verschiedenen Erzählfäden und -Strängen zu spielen, beispielsweise auch erinnernden, scheint hier erst jetzt, und auch nur sehr allmählich, anzukommen: Erste Anzeichen dafür waren einige Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Französischen der letzten Jahre (Anne Carson, Maggie Nelson, Chris Kraus, Didier Eribon, Edouard Louis, Annie Ernaux etc.), Enis Macis Essays Eiscafé Europa (2018), Isabelle Lehns autofiktionales, mit essayhaften Elementen durchzogenes Buch Frühlingserwachen (2019) oder auch Esther Kinskys 2018 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter „Geländeroman“ Hain, der Italienreisen mit Trauer- und Erinnerungsmotiven verknüpft und wiederum im Amerikanischen vielleicht eher „memoir“ hieße, oder „essay/literature“, oder „essay/poetry“ oder „memoir/poetry“.

Dass das formsucherisch (unter anderem auch) erinnernde Erzählen, das zum Beispiel in Amerika eine reichaltige, lebendige und lange Tradition hat, endlich auch hierzulande im größeren Stil angekommen zu sein scheint, ist eine sehr gute Nachricht. Gleichzeitig fällt aber auf, dass das Deutsche angesichts solchen Erzählens offenbar bislang sprachlos ist. Es gibt keinen Namen dafür, dieses Erzählen passt nicht in die Kisten, die der Betrieb bereithält: Roman, Gedichte, Sachbuch, Memoiren. Ist es nicht vielsagend, dass die einzige Genre-Bezeichnung, die das Deutsche für erinnerndes Erzählen, für das Erzählen vom Erinnern parat hat, die Memoiren sind, bei denen vielleicht nicht nur ich automatisch an ein Cover mit einem milde herablächelnden Ulrich Wickert denke? Also jedenfalls an etwas, das man ganz sicher nicht lesen will?

Bei bereits bekannten Autor*innen scheinen sich Verlage zu trauen, Gattungsbezeichnungen im Zweifel einfach wegzulassen, so zuletzt beispielsweise bei Sasa Stanisic’ Herkunft, bei Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste, bei Annie Ernaux Die Jahre oder, ganz frisch, bei Mely Kiyaks Frausein. Bei noch nicht so bekannten Autor*innen traut man sich das jedoch offenbar nicht: Auf Olivia Wenzels 1000 Serpentinen Angst prangt „Roman“, ebenso wie auf Deniz Ohdes Streulicht, obwohl beide mit einem klassischen Roman eher wenig zu tun haben. Möglich, dass die Autorinnen selbst das so wollten, das soll gar nicht in Abrede gestellt werden und daran wäre auch nichts falsch. (Nebenbei, falls sich das nicht von selbst versteht: Natürlich kann auch das memoir von Fiktion durchdrungen sein, falls man nicht ohnehin davon ausgeht, dass jede Form von Literatur immer auch etwas Fiktives hat.) Auffällig ist und bleibt aber insgesamt, dass es hierzulande offenbar für literarische Texte in Buchlänge nur zwei Möglichkeiten der Bezeichnung gibt: Roman – oder gar nichts. Was das „gar nichts“ betrifft, könnte man sagen: Ist doch sympathisch, keine Schublade, keine Kiste. Man könnte aber auch sagen: Kein Empowerment ohne Name, Namen verbinden, schaffen Loyalitäten, Gemeinschaften, Formen, Formmöglichkeiten, Erzählmöglichkeiten, Verbindungsmöglichkeiten. Gebt diesem Erzählen einen Namen! Gebt dem Erzählen überhaupt viel mehr Namen! Schreibt sie auf die Rückseiten, klein, schreibt manchmal vielleicht sogar mehrere Namen hintereinander: Poesie/Essay, Memoir/Poesie, Memoir/Literatur, Fiktion/Memoir,  …. Die Kombinationsmöglichkeiten sind nahezu unendlich, wenn man endlich die bizarre Idee aufgibt, es gebe so etwas wie genau eine Erzähltradition mit genau einer möglichen Gattungsbezeichnung.

Mely Kiyak beschreibt an einer Stelle in ihrem gerade erschienenen Memoir Frausein, wie sie Anfang der 2000er Jahre im Bewerbungsgespräch am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (das nicht namentlich genannt wird) saß und von den drei freundlichen älteren Professoren-Herren gefragt wurde:

„Was können Sie einem Publikum, das literarisch in einer anderen Erzähltradition steht, geben?“

und:

„Gibt es einen Markt für Ihre Geschichten?“ (S. 93)

In Olivia Wenzels 1000 Serpentinen Angst heißt es:

„Meine Freundinnen als Kapitel in einem Geschichtsbuch, das zugeschlagen wird, emotionslos, sachlich, weil das alles schon so lange her ist. Meine toten Freunde als etwas, das heute niemanden mehr betrifft. Meine toten Freundinnen als eine Erinnerung, als Denkmal auf Papier, über das man sagen wird:
Sei doch nicht so empfindlich, das war der Zeitgeist damals.“ (S. 21)

Und nochmal Mely Kiyak, später, das Studium hat begonnen, kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 im Seminar:

„Sie sprachen … nicht explizit über die Terroristen, sie sprachen über Menschen wie mich. Der Professor sagte, man komme an diese Welt und diese Leute nicht heran, wisse nicht, was sie bewege, und dass das sehr schade sei. Die Gemeinschaft, in der ich dort in der Villa saß, tat also so, als gäbe es die Erzählungen nicht, die Bücher, die Literaturen, als wären sie von den Bibliotheken, den Zeitungen, von dem ganz normalen Leben in Deutschland und der übrigen Welt abgeschnittene Analphabeten. … Sie schauten mich beim Reden nicht einmal an. Ich war gar nicht da für sie. Ich war unsichtbar.“ (S. 102)

Dass Frauen sich an sich selbst erinnern, damit sie nicht bloß erinnert werden – also in eine Erzähltradition ein- und/oder aus ihr ausgeschlossen werden, die einzigen zwei Plätze, die die deutsche klassische Erzähltradition ihnen bereit hält – ist der eine Teil des Themas; der andere ist, ob und wie man ihnen dabei zuhört. Ist es nicht interessant, dass der Moment, in dem man den Frauen zuzuhören beginnt, derselbe Moment zu sein scheint, in dem erinnerndes Erzählen überhaupt einen Boom erfährt, derselbe Moment, in dem man auch anderen als immer-schon-deutsch-weiß-identifizierten Herkünften zuzuhören beginnt, derselbe Moment, in dem man literarisch andere Formen zu würdigen beginnt? Eines jedenfalls haben diese Formen gemein: Weltmeister wollen sie ganz sicher nicht sein. Sie wollen kein Haus bauen, um darin ein anderes Sprechen einzuschließen oder ein anderes Sprechen daraus auszuschließen. Sie selbst sind dieses „andere Sprechen“, sie wollen erzählen – und sie fangen gerade erst an.

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