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Wir reden über Literatur
Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS #9 Über Produktionsbedingungen, über Distributionsbedingungen. Oder: Wenn heilige Gefäße, ähm, auslaufen

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Natur und so, Frauenkörper, Frauenrolle, Frauensprache, Mutter Natur, Mutter Erde, etc. etc., ja, gähn, hilft aber nichts, wir müssen da schon wieder ran. Kinder gebären, Texte gebären, PRODUKTIONSBEDINGUNGEN. TEXTBEDINGUNGEN. TECHNIK! Abartigkeiten! Halbwesen! Retortenbabys! Abscheu! Horror! raunt es aus dem Off, wir erinnern uns an Lewitscharoffs Rede damals, wir erinnern uns auch: Die „Natürlichkeit“ von Frauen und Mädchen, die „Natürlichkeit“ der Bestimmung von Frauen und Mädchen, diese vollkommen ungeschminkte „Natürlichkeit“, war eine der Großerzählungen des Nationalsozialismus, wir rufen uns kurz die elenden Debatten um den §218a in Erinnerung, wir googeln kurz und finden in einem Artikel auf der Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Thema Abtreibung dreizehnmal den Wortteil „straf-“, wir schlagen kurz (ganz kurz nur) ein Buch mit Briefen eines nicht nur zur Nazizeit mit seinen ritzenden Buchstaben sehr sehr erfolgreichen alten weißen deutschen Mannes auf, der seine Frau als das „heiligste Gefäß“ beschrieb, in dem er „versinke“, um „von den weitesten u. abstraktesten Höhen“ zu ihr „zurückzukommen“: „Du weißt: die stillen Wege Deines Wirkens in unserer Ehe, Deine frauliche Existenz in meiner unmittelbarsten Schaffenswirklichkeit, Deine mütterliche Mission in unserer metaphysischen Bestimmung…“ Musste hier zuschlagen und abbrechen, sorry (Heidegger, Briefe an sein Seelchen, S. 40, nein, er bekommt hier von mir keinen eigenen Zitatabsatz).

Neulich saß ich mit einer israelisch-amerikanischen Freundin am See, ich erzählte ihr, dass eine Freundin von mir sich jetzt einen Termin habe geben lassen zur Eizellentnahme, sie war begeistert und sagte, wenn diese Freundin Angst habe, sich die Hormonspritzen selbst zu setzen, solle sie sich bei ihr melden, sie sei darin geübt, alle ihre Freundinnen hätten es getan, sie selbst natürlich auch, und ich sagte, hier ist das nicht sonderlich verbreitet, was hier verbreitet ist, ist Technikverdacht, Frauenkörperverdacht, Frauenkörperselbst-bestimmungsverdacht, Mutterkörperselbstbestimmungsverdacht, Mutter-körperselbsterzählungsverdacht, FRAU WENDET TECHNIK AUF SICH SELBST AN, das steht hier grundsätzlich unter Verdacht, und sie sagte, sie habe sich kürzlich mit einer ebenfalls hier lebenden Freundin genau darüber unterhalten, wie zutiefst konservativ Deutschland eigentlich sei (auch wenn es an der Oberfläche nicht so aussehe). Ich nickte, was sonst, und erzählte ihr auch von anderen tollen deutschen Erfindungen, wie etwa dem Ehegattensplitting.

Und was hat das jetzt mit Literatur zu tun? Na, alles! Heidegger verteufelte die Schreibmaschine, weil sie ihm wie ein technischer Eingriff in den natürlichen Besamungsvorgang des Schreibenden schien (logisch, dass er das nicht so formuliert hätte), ein Eingriff von außen, ein Gerät, eine Technik, das/die sich unnatürlicherweise zwischen seinen Stift und das „heiligste Gefäß“ schiebt. Sobald etwas dazwischen ist, wird das „heiligste Gefäß“ wahrscheinlich irgendwie unkontrollierbar, unheimlich, irgendsowas in der Art. Oder andersrum, oder gleichzeitig: Mithilfe von Technik wird sein Samen kontrollierbar! Mithilfe von Technik kann das „heiligste Gefäß“ sich selbst kontrollieren! Wo kommen wir da hin! Kontrolliert dann am Ende noch das „heiligste Gefäß“ selbst, wann und wie ein Stift in ihm versinkt (oder auch nicht)? Schreibt am Ende gar das „heiligste Gefäß“ (von sich) selbst? Macht es sich dabei, noch schlimmer, Techniken zunutze? Mamma Mia!

Da sind wir jetzt, endlich, jedenfalls aspektweise, jedenfalls in literarischer Hinsicht, aber wir sind erst ganz am Anfang. Bis sozusagen heute früh galt ja alles, was das „heiligste Gefäß“ über sich selbst schrieb, als unzulänglich, unlesbar, unliterarisch, insbesondere dann, wenn, was es über sich selbst schrieb, nicht der „Natürlichkeit“ des „Fraulichen“ oder „Mütterlichen“ entsprach. Wobei, wenn es doch irgendeiner "Natürlichkeit" entsprach, man ja genau das zu Abwertungszwecken nutzte: Kein Ausweg, kein Auslauf nirgends. Man muss es nochmal in aller Deutlichkeit sagen: Auch wenn die Assoziation von Frau=Mutter=Natur uralt ist – ihre deutsche Verfestigung hat sie in der Nazi-Zeit erfahren, und weder die Nazi-Zeit ist Geschichte in dem Sinn, dass man sagen könnte: ja, das war damals, das ist jetzt nicht mehr, noch sind es die am Grund ihrer Ideologie liegenden Bilder. Auf diese Ideologie, auf diese Bilder gibt es nur eine Antwort: TECHNIK! SCHREIBEN! SCHREIBEN! SCHREIBEN! Ja. Aber Technik und Schreiben allein bewirken noch nichts, es gibt Bedingungen, die es möglich oder unmöglich machen, das eine sind Produktionsbedingungen, also der Zugriff auf Ressourcen wie Zeit und Geld; das andere sind Distributionsbedingungen, also etwa Fragen wie: Was wird überhaupt gedruckt? Welche Arten von Literatur, welche Themen, welche Arten, Themen zu verhandeln, halten Verlage und der Literaturbetrieb allgemein für vertretbar, für verbreitenswert, was will (in der Vermutung der Distributoren) „der Markt“?

Ekkehard Knörer hat vor 2 Jahren mal einen langen, aufschlussreichen Essay geschrieben über Anke Stelling und ihre Schwierigkeit, einen Verlag zu finden für einen unklischeehaften (oder eher: jegliche Klischees zerschlagenden) Roman über Mutterschaft. Anke Stelling war zu diesem Zeitpunkt bereits eine renommierte Autorin. Aber lange fand sich kein Verlag, der den Roman drucken wollte. Wir erinnern uns: Es ist gerade 20 Jahre her, dass junge Autorinnen wie Judith Hermann oder Karen Duve zum „Fräuleinwunder“ erklärt und als „fotogene Jungautorinnen“ verniedlicht wurden, die „oft wichtiger erscheinen als ihre Literatur“. Wir erinnern uns: Es ist ähnlich kurz her, dass Marcel Reich-Ranicki einem dieser „Fräuleinwunder“, nämlich Judith Hermann, erklärte, wenn sie jetzt ein Kind bekomme, könne sie das mit der Literatur vergessen, das würde sie dann nicht mehr interessieren. Wir kommentieren: Aha, wir kommentieren weiter: Geehrter Herr MRR, das mit dem Interesse ist sehr anders, als Sie denken, es ist nämlich vielmehr so: SIE interessieren sich für „Fräuleinwunder“ nicht mehr, sobald diese ihren eigenen Körper literarisch verhandeln! Und warum genau? Können Sie das bitte einmal erklären? Ahja, aber Sie haben es uns schon erklärt, wir erinnern uns: „Muss ich Bücher lesen, die auf hunderten von Seiten die Banalität des Lebens darstellen?“. Und weiter: „Die Menstruation ist nicht ein Werk der männlich dominierten Gesellschaft.“  (MRR  im Literarischen Quartett über den ersten Roman von Marlene Streeruwitz, Verführungen, erschienen 1991).

Wir stellen fest: Anke Stelling fand für ihren Roman Bodentiefe Fenster schließlich doch noch einen Verlag (Verbrecher), und man kann rückblickend sagen, dass dessen Veröffentlichung 2015 hierzulande wie eine Art Initialzündung wirkte, mögliche oder wirkliche Mutterschaft wird seither ebenso wie andere weibliche Körperthematiken in allen Facetten und gerade auch im Zusammenhang mit Autorinnenschaft verhandelt und vor allem auch endlich angemessen besprochen und diskutiert, unmöglich, hier alles aufzuzählen, was seither erschienen ist, auch in Übersetzung. Dazu gehören natürlich Rachel Cusks Lebenswerk (in England bereits 2001 erschienen, in deutscher Übersetzung erst 2019), dazu gehört Antonia Baums Stillleben (Piper, 2018), dazu gehört Isabelle Lehns Frühlingserwachen (Fischer, 2019), dazu gehören Ulrike Draesners Happy Aging (Hörbuch, Supposé, 2016) und Eine Frau wird älter (Penguin 2018), dazu gehört, ganz aktuell, der im August in deutscher Übersetzung bei DuMomont erschienene Roman von Mieko Kawakami Brüste und Eier, der gleich eine ganze Reihe weiblicher Körperthemen verhandelt, die nicht nur in Japan aktuell sind: Asexualität (bzw.: kein Begehren nach Sex mit Männern, die den weiblichen Körper ohnehin nicht wahrnehmen können oder wollen), Kinderwunsch, Körperoptimierungswahn, Pubertäts-Sprachlosigkeit, künstliche Befruchtung, Autorinsein, Autorinsein mit Kinderwunsch, asexuelle-Autorin-sein-mit-Kinderwunsch-in-durchhierarchisiert-patriarchalischer-Gesellschaft. Strecken-weise etwas langatmig, ein großteils aber sehr unterhaltsamer und manchmal auch sehr komischer Roman, der keinen Körperaspekt auslässt und auch über die Frage nachdenkt, was es auf der anderen Seite heißt, Kind eines nicht kontaktierbaren Spenders zu sein.

Wir stellen fest: Wenn Frauen selbst ihr Autorinsein in Zusammenhang mit Mutterschaft denken, klingt das zum Beispiel so:

„Die Ankunft eines Kindes hat mein Erleben von Literatur und Kultur im Allgemeinen zutiefst verändert in dem Sinn, dass ich das Konzept des künstlerischen Ausdrucks plötzlich verbindlicher und notwendiger fand als je zu vor, viel menschlicher in seinem Bestreben, zu erschaffen und zu gestalten.“ (Rachel Cusk, Lebenswerk, übers. v. Eva Bonné, Suhrkamp Verlag 2019, S. 18)

Dass die literarische Verhandlung von Thematiken, die den weiblichen Körper  und die Ideologien betreffen, mit denen dieser Körper immerzu überzogen wurde, endlich ernst genommen und gedruckt wird, ist das eine. Das andere sind die Bedingungen, unter denen Literatur geschrieben wird. Über das groteske Selbstverständnis der Autoren-Herren, deren Texte in den Nachkriegsjahrzehnten bei Suhrkamp verlegt wurden, gab es vor einigen Jahren mal ein ausführliches Interview im SZ-Magazin mit dem im April diesen Jahres verstorbenen Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger, das betitelt wurde mit: „Welcher Schrifsteller ist kein Kotzbrocken?“ Im Artikel geht es ausschließlich um männliche Autoren, ich habe nicht gezählt, wie viele auftauchen, gefühlte 25-30. Das Interview liest sich, als habe es bei Suhrkamp überhaupt keine Autorinnen gegeben, oder wenigstens keine wichtigen Autorinnen, oder einfach keine, die Fellinger lektoriert hat, oder, und das wenigstens ist wohl so gut wie sicher, keine, die Kotzbrocken waren. Und deshalb wohl auch keine „richtigen Schriftsteller“? Denn ja, Gegenfrage: Welche Schriftstellerin könnte sich je erlauben, oder hätte sich in denselben Jahrzehnten je erlauben können, Kotzbrocken zu sein? In Anke Stellings rasantem Roman Schäfchen im Trockenen gibt es neben vielen anderen tollen Sätzen auch diesen unmissverständlichen Satz:

„Es tut mir leid, dass hier alles so zerrissen scheint. Doch ich bin, wer ich bin, und ich werde nicht mehr so tun, als hätte ich dieselben Voraussetzungen wie, sagen wir mal, Martin Walser.“

Apropos Voraussetzungen. Bekanntermaßen haben sich die Produktionsbedingungen von Literatur (und allgemein Gedrucktem) in den letzten Jahrzehnten dramatisch verschlechtert. Eine Zeitlang gehörte es im Feuilleton fast zum guten Ton, sich über sogenannte „Schreibschul“- und „Stipendiaten“-Literatur zu mokieren. Georg Diez etwa schrieb vor 2,5 Jahren in einer seiner inzwischen nicht mehr existenten SPON-Kolumnen zum Tod Ursula K. le Guins: „Denn in der literarischen Provinz, die dieses Deutschland ist, bevölkert von lauter Stipendienzwergen, kennt sie natürlich kaum jemand.“ Ein inzwischen glücklicherweise leise gewordener, noch vor kurzem aber beliebter (und ziemlich dümmlicher) Diskurstrick, ausgerechnet nach den Leuten zu treten, die Texte schreiben, und dabei geflissentlich zu übersehen, wer und was so alles zwischen dem steht, was geschrieben wird, und dem, was gedruckt und publiziert und verbreitet wird – und was also überhaupt im größeren Stil wahrnehmbar ist: Nämlich ein riesiger, machtvoller Betrieb, der großteils nach wirklichen oder vermuteten Marktkriterien geht und nicht danach, was Georg Diez welthaltig genug findet. An anderer Stelle schrieb Diez einmal über seine Freundschaft mit Maxim Biller, und da konnte man dann schon ein wenig ahnen, woher der Geist kam: Biller erhielt in den 1980er Jahren 4.000 DM monatlich für eine Kolumne, die ihn, nach eigenem Bekunden, eine Woche Arbeit kostete. Solche astronomischen Honorare bekommt heute wohl auch ein Maxim Biller nicht mehr, aber die finanziellen Produktionsbedingungen seiner Literatur dürften, allein, weil er in den 1980er Jahren zu publizieren begann, allein, weil er in den 1980er Jahren als männlicher Autor zu publizieren begann und deswegen überhaupt wenigstens damals solche Honorare erhielt, auch heute weit besser sein als die von, sagen wir, Anke Stelling. Jedenfalls kann er es sich vermutlich leisten, auf Förderungen gleich welcher Art großmütig zu verzichten. Dass auch die alten Autoren-Herren dieser Auffassung waren oder gewesen wären, dürfte daher kaum überraschen; Thomas Bernhard etwa wiederholte ja gern, dass seiner Ansicht nach (sinngemäß) das, was sich nicht selbst trage, auch nicht wert sei, in der Welt zu sein. Man kennt all die Legenden um die Suhrkamp-Autoren der Nachkriegsjahrzehnte, die Vorschüsse um Vorschüsse verlangten und bekamen, teils ohne dass sie je Manuskripte ablieferten. Soviel zum "sich-selbst-Tragen".

Autorinnen verdienen, nach Auskunft der KSK, nach wie vor etwa 20-30 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Jahreseinkommen im Bereich Einkommen Belletristik belaufen sich laut KSK bei männl. Versicherten auf 22.221 €, bei weibl. Versicherten auf 19.419 €. Geht ja noch, könnte man sagen, das ist ja "nur" ein Unterschied von ca. 13 %. Abgesehen davon, dass auch 13 % zuviel sind, muss man aber berücksichtigen, dass viele Autor*innen nicht allein vom Bücherschreiben leben, sondern zusätzlich zum Beispiel journalistisch tätig sind oder Radioarbeiten machen. Bühnenautor*innen sind in der KSK-Statistik im selben Topf wie Autor*innen für Film, Funk, Fernsehen. In diesem Bereich sind die Zahlen 29.029 € versus 21.479 €, also ein Unterschied von fast 30 %. Im Bereich Journalismus sind die Zahlen ähnlich. Zusätzlich zu diesen Einkommensmissverhältnissen kann man davon ausgehen, dass es im Literaturbetrieb nicht anders ist als gesamtgesellschaftlich auch, dass nämlich auch hier Frauen einen Großteil an care-Arbeit übernehmen. Stipendien könnten unterstützen oder auffüllen, was Autorinnen im Schnitt generell weniger verdienen, und was zudem seit den 1980er Jahren kontinuierlich an Honorarselbstverständlichkeit weggebrochen ist (die es für Autorinnen aber so vielleicht ohnehin nie gegeben hat). Nur: Der Großteil aller verfügbaren Stipendien sind Aufenthaltsstipendien. Der Großteil der Aufenthaltsstipendien wiederum schließt einen nicht unerheblichen Teil von Autor*innen von vornherein aus: nämlich solche, die Kinder haben und von diesen entweder nicht weg können, oder nicht weg wollen, oder nur für ein paar Tage am Stück weg könnten und entsprechen pendeln müssten (sofern der Stipendienort halbwegs in der Nähe ist), sodass die in der Regel ohnehin eher mickrigen Stipendiengelder für Fahrtkosten draufgehen. Oder solche, die andere Arten von care-Arbeit machen, zum Beispiel Angehörige pflegen.

Die allermeisten Anwesenheitsstipendien – die Anwesenheit vor Ort in der Regel auch per Vertrag verpflichtend machen – verlangen, dass man allein kommt, um sich, wie gern beworben wird, „endlich“ mal für 2 oder 3 Monate „ganz ohne finanzielle Sorgen“ oder „ganz ohne Alltagsstress“ für 1.200 € im Monat der Textarbeit widmen zu können. Achja, dieser Genie-Autor, der ganz allein in der Welt ist, und den man beliebig von Ort zu Ort verpflanzen kann, erst recht im Laptop-Zeitalter, er ist ja prinzipiell ungebunden und ortslos! Es gibt sie, die Orte, an die man Partner*innen oder Familie mitbringen kann, aber es sind viel zu wenige. Eine (unvollständige) Liste findet sich hier: https://other-writers.de/stipendien/. Weitaus länger die Liste von Orten, an denen Kinder und/oder Partner*innen unerwünscht sind. Unter den Auslands-Stipendien ist, soweit ich weiß, die Villa Massimo bisher praktisch der einzige Ort, an den man Familie und/oder Partner*in ausdrücklich mitbringen kann. In der Casa Baldi würden sie zwar irgendwie geduldet, ließ ich mir berichten, aber es gebe keine Infrastruktur, die Wände seien dünn, am Ende seien alle genervt. Ab nächstem Jahr immerhin gibt es einen weiteren Ort: Die Villa Kamogawa in Kyoto will eine ihrer vier Wohnungen grundsätzlich frei halten, damit auch Künstler*innen mit Kind(ern) oder Familien kommen können. Es tut sich also was, aber zu wenig, zu langsam. Denn auch die andere Seite des „Natürlichkeits“-Narrativs scheint der deutschen Psyche tief in den Knochen zu sitzen, nämlich die traditionell männliche Seite: die des produktiven Genies, das Alltagssorgen an seine natürliche Hälfte outsourced, um sich selbst den intellektuellen Höhen seines Kulturschaffens zu widmen. Die Lektüren aktueller Erscheinungen wie etwa Lebenswerk von Rachel Cusk könnten einen auf die Idee bringen, dass Autorinnen grundsätzlich ein anderes Verhältnis zu diesem „Outsourcen“ haben, dass sie sich selbst weder in dieser Weise abspalten können, noch vielleicht auch wollen, selbst wenn und wo sie Partner*innen haben, die gleiche Teile übernehmen. In der neuesten Edit (Nr. 81) gibt es einen vielstimmigen Text von einem Autorinnen-Kollektiv namens writing with care / writing with rage; darin steht zum Beispiel:

„Jenes Zimmer, das mir das ungestörte Sein erlauben soll, erscheint mir als ein sehr männlich gedachter Raum, ein Raum, der den Körper als Ort des Schreibenden vergisst. Montaigne in seiner kreisrunden, fensterlosen Bibliothek ist das archetypische Bild des Schrifstellers. Doch ist Schreiben nicht allein ein geistiger, sondern ein sinnlicher Vorgang, der Auge, Hand, und alle anderen Sinne beteiligt. (…)“ (Writing With Care / Writing With Rage, Fragment Eins, Edit Nr. 81, S. 71)

Keine Frage, es wäre in vielerlei Hinsicht das Beste, Autor*innen hätten heute Verdienstmöglichkeiten auch nur entfernt in der Nähe jener Honorare, die in den 1980er Jahren gezahlt wurden und ihre Arbeit trüge sich „von selbst“. Solange das nicht so ist, so lange werden sie auch auf Förderstrukturen angewiesen sein. Es ist an der Zeit, dass sich diese den geänderten Bedingungen, und auch den sich verändernden Bedürfnissen der Schreibenden selbst, anpassen. Höre ich da schon wieder irgendwen raunen: Horror! Retortenschriftsteller! Abartigkeiten! Halbwesen! Stipendienzwerge! Da wird was künstlich erzeugt, was sich nicht selbst tragen könnte! ? Keine Ahnung, schon möglich. Kommt wahrscheinlich von dem Gartenzwerg da hinten links. Was ich viel lauter höre, weil es wirkliche Dringlichkeit hat, sind Sätze wie diese:

„Ich rief beim deutschen Literaturfonds an und fragte: Warum. WARUM, fragte ich laut ins Telefon. Es gäbe doch genügend Stipendien, unterbrach mich der Mann, nicht für eine wie mich hielt ich dagegen. Was ich denn für eine sei? Eine mit Kindern. (…) Ich wäre gerne nicht wütend oder lieber wegen anderer Dinge wütend. (…) Bisschen RAGE kaufen bei ebay. Geht das?“ (Ebd.)

Bisschen RAGE kaufen bei ebay geht für’s erste nicht, glaube ich, aber bisschen RAGE teilen ist ja vielleicht auch schon was.

 

 

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