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Kolumne

LITERATURschwerpunkt am 9. und 10. Oktober 2020 im Rahmen des Jubiläumsjahres 11 Jahre kunsT und impulS G.A.S-station Berlin

Über Literaturveranstaltungen habe ich schon oft berichtet, das hier ist aber mein erster Bericht über eine Veranstaltung, bei der ich gar nicht anwesend sein konnte. Schuld daran ist Corona und die damit einhergehenden Reisebeschränkungen. Eigentlich war der LITERATURschwerpunkt zum 11jährigen Jubiläum der G.A.S-station Berlin bereits für das Frühjahr geplant gewesen, musste damals aber wegen Corona abgesagt und in den Herbst verschoben werden. Vorgesehen gewesen wäre, dass in der G.A.S-station Berlin sowohl Schreibende aus Berlin als auch aus Wien lesen. Da es im Vorfeld aber schon absehbar war, dass sich Corona über den Sommer nicht so einfach in Luft auflösen und uns auch noch im Herbst beschäftigen würde, haben sich Elisa Asenbaum und Thomas Maximilian Stuck von der G.A.S-station einen Plan B überlegt, für den Fall der Fälle. Und das war auch gut so, da Wien bereits Wochen vor der Veranstaltung zum Risikogebiet erklärt worden war und eine Anreise für die in Wien lebenden Schreibenden damit nicht mehr so einfach möglich gewesen wäre. Daher trat Plan B in Kraft und die Veranstaltung am 9. und 10. Oktober fand hybrid statt: live in Berlin vor Publikum mit den in Berlin lebenden Schreibenden, während die in Wien lebenden Schreibenden mittels Videos virtuell anwesend waren. Die gesamte Berliner/Wiener/live/Video-Veranstaltung wurde dann in der G.A.S-station Berlin mitgefilmt, war per Livestream mitzuerleben und ist auch weiterhin auf Youtube  nachzusehen. Deswegen war es mir möglich, die Lesungen von Wien aus mitzuverfolgen und bei dieser hybriden Veranstaltung zwischen Raum und Zeit dabei zu sein.

Wer möchte, kann sich beide Lesungsabende ganz im Livestream ansehen, oder aber auch nach meiner Zusammenfassung je nach persönlichem Interesse quereinsteigen. Am 9.10. lasen Susanne Dobesch-Giese, Kurt F. Svatek, Helmuth Niederle und Sonia Solarte-Orejuela. Und am 10.10. Norbert Lange, Mariola Grzyb, Georg Leß, Astrid Nischkauer und Elisa Asenbaum.

Freitag 9. Oktober 2020

 

 

 

Eingang in die G.A.S-station Berlin, Fensterdichtung von Astrid Nischkauer

 

Rundgang durch die G.A.S-station Berlin

Gleich zu Beginn führen Elisa Asenbaum (Stimme aus Wien) und Thomas Maximilian Stuck (Kammeraführung in Berlin) gemeinsam in und durch die Räumlichkeiten der G.A.S-station. Wir beginnen auf der Straße, bleiben kurz vor dem Fenster stehen, in welchem derzeit eine poetische Installation: Fensterdichtung von mir, Astrid Nischkauer, zu sehen ist und treten dann durch die Türe, neben der das Programm aufgehängt ist, ein in die G.A.S-station, Tankstelle für Kunst und Impuls. In der G.A.S-station sind derzeit gleich mehrere Objekte zu sehen auf welchen alle in den vergangenen 11jahren gezeigten Künstler und Künstlerinnen präsentiert werden. Jedes der Objekte ist immer einem der Schwerpunkte gewidmet, also Bildende Kunst, Video, Literatur und Wissenschaft. Wir gehen durch alle Räume und Hinterräume der G.A.S-station, auch kurz hinunter ins Basement. Vor der an der Wand hängenden, über vier Meter langen Gedichtrolle zu „Writers in Prison“ verweilen wir etwas. Auf ihr sind Gedichte zu lesen, welche in Gefangenschaft verfasst wurden, und unterhalb der Gedichte erfahren wir von den jeweiligen Schicksalen der Dichter und Dichterinnen. Das Komitee „Writers in Prison“ von PEN-Austria setzt sich für die Freilassung inhaftierter Autoren und Autorinnen auf der ganzen Welt ein und versucht, auf sie und ihr Schicksal aufmerksam zu machen und vor allem auch ihre Gedichte zu publizieren. Jeden Tag zieht die Sonne ihre Bahn / aber wir sind nicht in der Lage / unsere Bahnen ziehen zu können. / Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet? In Zeiten von Corona, Lockdown und allzeit drohender Quarantäne haben wir vielleicht einen Ansatz von Ahnung bekommen, was Freiheitsentzug bedeutet, „Writers in Prison“ setzt sich aber gerade auch für jene Autoren und Autorinnen ein, die jahrelang inhaftiert und gefoltert werden. Oft ist sogar völlig ungewiss, wo sie festgehalten werden und ob sie überhaupt noch am Leben sind. All diese Menschen brauchen vor allem eines: Aufmerksamkeit. Denn die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit ist das einzige Druckmittel, das wir haben um diesen Menschen zu helfen. Deswegen ist die Arbeit von „Writers in Prison“ so notwendig und deswegen ist es auch so schön, dass „Writers in Prison“ von der G.A.S-station eingeladen wurde und die Gedichte Inhaftierter auf der von Elisa Asenbaum gestalteten Gedichtrolle präsent sind. Denn damit können auch diese Dichter und Dichterinnen irgendwie teilhaben am in jeder hinsicht hybriden LITERATURschwerpunkt zwischen Raum und Zeit.

Gegenüber der Gedichtrolle befindet sich „Die Wand“, welche nichts mit dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer zu tun hat, sondern die, wie „Das Fenster“, immer anderen Künstlern und Künstlerinnen zur freien Gestaltung überlassen wird. Das große Überthema dieses Jahres ist „Zwischen Freiheit und Diktatur I die Wand“ und momentan zu sehen ist die Arbeit Künst von Albert Markert. Die Arbeit reflektiert über die künstlerische Freiheit als Mythos und die Mechanismen des freien Kunstmarktes.

 

Wandinstallation Künst von Albert Markert in der G.A.S-station Berlin

 

Sprung nach Wien

Und nun springen wir nach Wien, ins Atelier von Elisa Asenbaum, wo die Wiener Autoren und Autorinnen ihre Lesungen aufgenommen haben. Doch bevor diese eintreffen, sehen wir erst noch ein künstlerisches Video von Elisa Asenbaum, die auch die wissenschaftlichen Beiträge in der G.A.S-station betreut. Es ist voller humoristischer Anspielungen auf die Exaktheit der Zeit, Virtualität und Raumzeitversetzungen wie Gravitationswellen, oder Einstein-Rosen-Brücken in Assotiation zur banalen Zeitverzögerung beim Live Streaming.

Intro von Elisa Asenbaum "Das ist keine Atomuhr..."

Nach dem Eintreffen der Lesenden spricht Elisa Asenbaum einleitende Worte und wir erfahren, dass G.A.S für Graphic Art and Sound steht. Besonders an der G.A.S-station ist, dass sie offen für alle Kunstsparten, Literatur sowie die Wissenschaft ist. Der Eröffnungstag des LITERATURschwerpunkts ist ganz dem Österreichischen PEN-Club gewidmet. Bevor Dr. A. Helmuth Niederle, Präsident des PEN-Clubs Austria über "Writers in Prison“ und "Literatur grenzenlos“ spricht, liest Elisa Asenbaum zwei Gedichte der bereits erwähnten Gedichtrolle vor. Schon die Anfangszeile des ersten Gedichts, Wenn die Sonne in einem Wolkenmeer ertrinkt, von Ahmed Fouad Negm, macht verständlich, warum Elisa Asenbaum als Hintergrundmotiv für die Gedichte ein von oben gesehenes Meer aus Wolken gewählt hat. Die Gedichte auf der Gedichtrolle sind in den beiden Anthologien Allahs gefangene Schüler. Kerkerpoesie aus islamischen Ländern (Hg. Aftab Husain, Sarita Jenamani und Helmuth A. Niederle, edition pen im Löcker Verlag, 2019) und Die Mauern des Schweigens überwinden. Anthologie verfolgter Autorinnen und Autoren, (Hg. Helmuth A. Niederle, Löcker Verlag, 2009) erschienen. Das zweite von Elisa Asenbaum gelesene Gedicht stammt von Rafael Marques:

[…]

Ich möchte das Flüstern des Bösen hören
das nach und nach
im Herzen des Feindes
verlischt

Ausschnitt aus der Gedichtrolle Writers in Prison, 90x450 cm, Fotomontage, Druck auf Karton, künstlerische Gestaltung Elisa Asenbaum

 

Helmuth Niederle spricht über PEN und „Writers in Prison“

PEN ist eine internationale Autorenvereinigung, die sich für die Freiheit des Wortes einsetzt. Helmuth Niederle spricht vom Verbindenden der Literatur: Literatur kennt keine Grenzen, weder im religiösen Bereich, noch im Genderbereich, noch in der Zeit, wir können einen Dialog über Jahrhunderte führen, aber genauso in der gleichen Zeitepoche. Der PEN wurde 1921 gegründet, der Österreichischen PEN 1923, was ihn zur ältesten Autorenvereinigung Österreichs macht. 1960 wurde das „Writers in Prison“-Komitee gegründet und man ging davon aus, dass die Arbeit dieses Teilbereichs des PEN in einigen Jahren getan wäre, doch dem war mitnichten so. Bei der ersten Konferenz wurden vier verfolgte Autoren genannt, heute sind weltweit 1000 verfolgte Personen auf der Liste und das Thema wird immer größer und größer. Helmuth Niederle bringt viele Beispiele, spricht über die Arbeit von „Writers in Prison“ und stellt aktuelle und zukünftige Anthologie-Projekte des PEN vor. Als letztes Beispiel nennt er Dawit Isaac, der seit 19 Jahren ohne Prozess in Eritrea inhaftiert ist. Dawit Isaac soll noch am Leben sein, aber wo er festgehalten wird ist unbekannt, nicht einmal seine Familie hat Kontakt zu ihm.

Susanne Dobesch-Giese

Susanne Dobesch-Giese ist Präsidentin des niederösterreichischen PEN und schreibt vorwiegend historische Romane, wobei das Thema Freiheit in ihrem Schreiben immer einer der Drehpunkte ist, wie Elisa Asenbaum in ihrer Einleitung sagt. Sie stellt zum einen die Anthologie Unser Europa. Kulturschaffende nehmen Stellung (Böhlau, 2019) vor. Der Band ist ein Kompendium von Ideen, was für jeden einzelnen Europa ist, oder sein könnte. Die Vielfalt der Menschen hat dabei die Vielfalt der Wünsche und der Kunst mit sich gebracht. Und zum anderen präsentiert Susanne Dobesch-Giese ihren Roman Francesca Scanagatta (INNSALZ, 2018), in dem es um die tatsächliche Geschichte einer Frau geht, die im 18. Jahrhundert als Mann ihren Militärdienst leistete und Offizier wurde, was zu dieser Zeit Frauen eigentlich absolut unmöglich war.

 

Susanne Dobesch-Giese

 

Kurt F. Svatek

Kurt F. Svatek, Vizepräsident des niederösterreichischen PEN, hat Gedichte, Aphorismen, Essays, Kurzgeschichten und Romane veröffentlicht. Er liest aus Die Nichtwiedergutmachung (Löcker, 2020). Das Buch enthält Berichte und beschäftigt sich viel mit den 40er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit all den schrecklichen Dingen die in dieser Zeit geschehen sind. Er liest aber einen Bericht, in dem es nicht um das ganze Unglück, sondern um die Insel Capri geht. Kurt F. Svatek wird später nochmals lesen, dann aber live in Berlin, da er als einziger allen Widrigkeiten zum Trotz eigens für die Veranstaltung nicht nur virtuell sondern auch persönlich aus Wien angereist ist. In Berlin liest er dann später ein Gedicht über die Sprache, das neue Wort für äußerst stur, das ist beratungsresistent. Sowie ein Berlin gewidmetes Gedicht, was auf den ersten Blick erstaunlich scheint ist, dass der Wiener die Berliner mag.

 

Kurt F. Svatek

 

Helmuth Niederle

Es folgt nochmals Helmuth Niederle, diesmal aber als Autor und Dichter. Er liest Gedichte, Prosa und Prosagedichte aus verschiedenen Werken. Seine Geschichten findet er quasi auf der Straße, da er mit seinem Schreiben gerne Augenblicke und Begegnungen, die ihm beim Spazierengehen zustoßen, einfängt. Es geht in seinen Texten um Menschen, einerseits um unbekannte Menschen, so erzählt ein Text von einem sich küssenden Paar auf der Straße, ein anderer von einem Mann, der angab, seiner Tante aus Versehen sämtliche Rippen gebrochen zu haben. Und dann geht es aber auch um bekannte Menschen, wie um das freundliche Ehepaar aus der Nachbarschaft, dem durch die schwere Krankheit der Frau der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Als Abschluss liest Helmuth Niederle sein Gedicht Narcissus, nach einem Text von Oscar Wilde.

 

Helmuth Niederle

 

Sonia Solarte-Orejuela

Live in Berlin singt und liest Sonia Solarte-Orejuela Lieder und Gedichte, die sie auf Spanisch schreibt. Sie beginnt mit einem Lied, das sie gleich nach der Geburt ihrer Tochter geschrieben hat, als diese in ihren Armen eingeschlafen war, während sie selbst ganz aufgeregt war. Sie hatte ganz darauf vergessen und dieses Gedicht erst viele Jahre später wiedergefunden. Nachdem sie das Lied gesungen hat, liest sie die deutsche Übersetzung, Gesang des Ursprungs: zusammen werden wir die kleinen Sterne des Himmels betrachten. Poesie, Sprache und Musik sind bei ihr eins, ein wirklich großartiger und wunderschöner Ausklang für den ersten Abend des LITERATURschwerpunkts der G.A.S-station! Am besten hört man selbst hinein, der Livestream bietet einen sehr schönen Einblick. Als letztes singt sie ein Liebeslied, denn es gab niemals für dich ein anderes Paradies, noch für mich mehr Erfüllung als in unserer Hingabe. Sonia Solarte-Orejuela schreibt auch die Melodien zu ihren Gedichten selbst und arbeitet eng mit einem Trio zusammen. Sie hat nicht nur Gedichtbände, sondern auch zwei CDs mit eigenen Liedgedichten herausgebracht. Am Ende ihres Auftritts spricht sie kurz die aktuelle Situation in ihrem Herkunftsland Kolumbien an, wo Menschenrechtsverletzungen inzwischen alltäglich geworden sind und jeder in Gefahr ist, der anders denkt und anders schreibt. Dass sich ein Land nach fünfzig Jahren Leid und Krieg in einer Volksabstimmung gegen den Frieden und für weiteren Krieg entscheidet, klingt unglaublich und scheint unverständlich, ist in Kolumbien aber tatsächlich so geschehen. Sonia Solarte-Orejuela sieht es als ihre Aufgabe, über die Zustände in Kolumbien zu erzählen und nutzt dafür gerade auch ihre Gedichte und Lieder.

 

Samstag 10. Oktober 2020

 

 

Der Samstag beginnt mit Livelesungen in Berlin und Thomas Maximilian Stuck, der die G.A.S-station Berlin seit 13 Jahren gemeinsam mit Elisa Asenbaum leitet, spricht die Eingangsworte.

Norbert Lange

Norbert Lange liest Unveröffentlichtes, darunter auch einen eigens für die Veranstaltung in der G.A.S-station geschriebenen Text. Zu Beginn entführt er uns gleich einmal in die Hölle und erzählt vom ersten Auftritt Orpheus in der Unterwelt:

Bei seinem ersten Auftritt in der Hölle
Spielte er mit einem Selbstvertrauen seine Hits,
Dass ihn selbst das Knistern der wabernden Flammen
Oder das heiße Yolo der Jukebox, in die Verdammte Münzen warfen,
nicht erschüttern konnten. […]

Es folgen Gedichte aus seinem Orangen-Zyklus, Kind-Poeten waren die Orangen eigentlich. Zwischen diesen Orangen-Gedichten schiebt er einen zeitkritischen, selbstironischen Text ein, der mit viel Humor sein leichtes Unbehagen gegenüber dem Virtuellen einer Livestreamlesung ausdrückt. Selbstreflexive Texte sind nichts Ungewöhnliches, selbstreflexive Lesungen aber sehr wohl und gerade das macht Norbert Langes Lesung in der G.A.S-station so besonders. Mit dem Beginn dieses Textes stellt er seine eigenen Orangen-Texte infrage - Wieso Orangen ... und wieso nicht? und in einem nächsten Schritt sich selbst in seiner Rolle als Autor, welche sich durch die Medien verändert hat. Hatte Roland Barthes 1967 noch den Tod des Autors postuliert, spricht Norbet Lange 2020 von der Auferstehung des Autors: Der Autor, der gestorben war, ist wieder auferstanden und nimmt, wie es ihm passt, die Form an, die ihm gefällt. er erscheint auf  einem Bildschirm. Strömt jemandem zu, das Licht einer Glasfaserleitung, und kommt sozusagen über einen wie der heilige Bimbam. Diese Lesung nicht nur einmal erleben, sondern nach Belieben öfter nachhören zu können, macht große Freude, da man viele der Feinheiten und Bezugnahmen der Gedichte aufeinander erst nach und nach entschlüsselt.

Mariola Grzyb

Mariola Grzyb liest unveröffentlichte Gedichte, Sounds betitelt. In den ersten Gedichten geht es um das Hören, sammel Geräusche und finde Lieder, sowie um den Körper. Treffen Klang und Körper aufeinander, können wir den Klang zum einen wahrnehmen und hören, zum anderen wird aber auch unser Körper durch Schwingungen zum Klangkörper, dosierter Klang, der sich die Lücken des Körpers zugute macht und in Sinfonien stimmtfür den Zuhörer ist das tatsächlich Glück. Nicht umsonst thematisiert sie zu Beginn horchen und hören, sind ihre Gedichte doch so präzise gearbeitet, dass es wirklich lohnt, ganz genau hinzuhorchen um hellhörig geworden zu bemerken, wie aus „verwundet“ im ersten Vers eines Gedichts im späteren Verlauf „verwundern“ wird, die Nacht räumt ein zu zweit zu sein und bodenlos alles zu verwundern. Ihre Gedichte zeichnen sich auch durch einen sehr feinen Humor aus, es empfiehlt sich / den Spielverlauf des Textes mitzubestimmen. Und egal, ob es nun um die Frage nach Interpunktionen, oder die Begegnung mit einem Ameisenbläuling geht, immer wird, was auch immer gesagt wird, mit einer ungeheuren Sprachsensibilität gesagt, die der Bewegung in der Sprache nachspürt und Sprache als Bewegung begreift, die dritte Träne schubst die zweite Träne schubst die erste im Kreis. In den Gedichten werden nicht viele Fragen gestellt, die jedoch alle sehr einprägsam sind, weil es ihnen wie der Nacht gelingt, zu verwundern: was prägt, ist Dauer. was prägt die Dauer?

Georg Leß

Georg Leß liest aus seinem Band die Hohlhandmusikalität (kookbooks, 2019). Er beginnt mit Wirbelgedichten, die sich entlang der menschlichen Wirbelsäule entwickeln. Diese Wirbelgedichte beinhalten meistens Unfälle – Haushaltsunfälle, Autounfälle, Weltuntergänge. Und dann gibt es Gegentexte, die sich meistens gegen abstrakte Dinge richten, ohne genau zu erklären, wie. Der erste Text im Band beschäftigt sich mit den Füßen und es geht dann von Gedicht zu Gedicht immer weiter aufwärts bis zum Genick. wenn du stolperst, dann / halt etwas Spitzes oder Heißes (oder beides) in der Hand / immer zum Auge hin. Für diese Gedichte dienten Georg Leß unter anderem Horrorfilmmotive und Bildende Kunst als Inspiration. sämtliche Zeilen sind drittens Beschreibungen / von leeren Seiten. Da die G.A.S-station ein Projektraum für Kunst und Impuls ist, hat er für seine Lesung auch einige Gedichte ausgewählt, die von konkreten Kunstwerken handeln. Das erste Gedicht davon bezieht sich auf das Lebenswerk one million der österreichischen Künstlerin Uli Aigner, die 2014 damit begonnen hat, selbst Porzellangefäße herzustellen und diese von 1 bis 1.000.000 durchzunummerieren. Eine Million ist dabei das Ziel, das sie vermutlich nie erreichen wird. Die Unikate kann man kaufen und es gibt auf ihrer Homepage auch eine Weltkarte, auf der zu sehen ist, wo überall Porzellangefäße von ihr gelandet sind. dachte ich grob über jemanden nach / fasste ich sie umso sorgsamer an. Auch über die Europablume in einem Kreisverkehr in Arnsberg im Sauerland hat Georg Leß ein Gedicht geschrieben. Es enthält Spuren von Schillers Ode an die Freude, und damit zugleich auch von Ludwig van Beethoven, der diese in seiner 9. Symphonie vertonte. alle Menschen werden Blüten. Zum Abschluss liest Georg Leß zwei neuere Gedichte aus der Reihe Irrtümer der Bildgebung. Und auch hier tauchen erneut Stichwaffen auf sich sacht abstechen über die Jahre / mal hiermit, mal damit.

Astrid Nischkauer

Es beschäftigt mich schon sehr lange und auch weiterhin, Gedichte über Kunstwerke zu schreiben. Die Einladung, ein Gedicht im „Fenster“ der G.A.S-station Berlin präsentieren zu dürfen, habe ich als Anlass genommen, auch für meine Lesung „Fensterdichtung“ aus meinen beiden Bänden Poesie passieren & passieren lassen und Satyr mit Thunfisch (parasitenpresse, 2016 und 2018), plus zwei unveröffentlichte Gedichte aus der Zeit des Corona-Lockdowns, auszuwählen.

 

Astrid Nischkauer

 

Elisa Asenbaum

Elisa Asenbaum wird von Thomas Ballhausen vorgestellt, sie liest ihren Text Der Rachen der Hexe aus der in Kürze im Czernin Verlag erscheinenden Anthologie Sagen RELOADED, herausgegeben von Thomas Ballhausen und Sophie Reyer. Die Anthologie versammelt rund vierzig zeitgenössische Positionen und gibt damit nicht nur einen Einblick in die österreichische Sagenwelt, sondern vor allem auch in die österreichische Gegenwartsliteratur. Bei dem Text von Elisa Asenbaum handelt es sich um eine Neuinterpretation der burgenländischen Sage Die Rache der Hexe, publiziert 1936. In der Sage geht es darum, wie ein junger Bursch stirbt, nachdem er einem mit einer Schürze verhüllten Mädchen das Tuch vom Kopf gerissen und sie, die Hexe, ihm daraufhin mit einem Eimer ins Gesicht geschlagen hatte. Elisa Asenbaum erzählt diese Begebenheit nach: Neugierig, wer dies sei, rief der Bursche: »He, Dirndl, nimm den Fetzen vom Birndl!«. Die Nacherzählung der Sage ist jedoch nur der Ausgangspunkt für ihre Neuinterpretation, in der aus „der Rache“ „der Rachen“ der Hexe wird. In der märchenhaften Erzählung lebt das Mädchen in einem Blockuniversum, wird blitzartig an verschiedene Ort und Zeitpunkte versetzt, ausgehend von dem ursprünglichen Erscheinungsdatum der Sage 1936. Unbeabsichtigt gerät das Mädchen immer wieder in Konflikt mit verschiedenen Vermummungsgeboten und –verboten unterschiedlicher Zeiten und Länder und selbst die Coronathematik aus jüngster Zeit wird in der Erzählung verhandelt.

Das Mädchen hatte ein unglaubliches Schicksal, denn sie war dazu verdammt, in einem Blockuniversum zu leben. Im Blockuniversum ist das Jetzt nicht ausgezeichnet, Vergangenheit und Zukunft sind gleichermaßen vorhanden, wie ein Weltfilm von allem, von Anfang bis Ende in einem, Block in Einem gefroren, ohne Anfang und Ende. So irrte das Mädchen mit dem Eimer durch die Zeit, ohne je anzukommen. Den Eimer hatte sie im Auftrag von Newton mit Wasser zu füllen, der davon besessen war, zu beweisen, dass es einen absoluten Raum gibt.

Der Kübel, auch Einer mit m – somit Eimer genannt, ist dabei ein Verweis auf die über Jahrhunderte geführte wissenschaftliche Debatte über die Beschaffenheit von Raum und Zeit. Darüber geben die Anmerkungen in der Anthologie Sagen RELOADED genauen Aufschluss. Bei ihrer performativen Lesung schlüpft Elisa Asenbaum gleichermaßen selbst in die Rolle des Mädchens und auch von ihr sieht man nur die Augen hervorblitzen.

Elisa Asenbaum

 

Als Abschluss des zweitägigen LITERATURschwerpunkts  zum 11jährigen Jubiläum der G.A.S-station Berlin sehen wir kurze Ausschnitte der literarischen Aufführung DER AUSGESCHLOSSENE DRITTE von Elisa Asenbaum, mit Matthias Neukirch zum internationalen Tag der Gewaltlosigkeit 2019 des PEN im Presseclub Concordia Wien.

 

Matthias Neukirch

 

 

***alle Fotos: Astrid Nischkauer

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