Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Blanka Beirut / Tagebuchstaben #620

Notiz aus Karantänekwartier. 3. O-sternliches, Herkünftliches.

„Herkunft ist wieder in Mode.“ Michel Abdollahi

Blanka Beirut ist auf der Suche nach einem Antidot. Gegen herkünftliche Moden. Und gegen das scheißfarbene Virus. Das gedeiht nämlich in Seuchenzeiten herrlich.  „Davon hab ich gar nichts gewusst“, hört sie die Betonschallplatte Straße heraufhallen. Ganze Chöre aus Überraschungs- und Unschuldssilben singen temporäres Entsetzen.

Vielleicht hilft es, die Tulpensprache zu übersetzen,  nach Festtagen, denkt sie und grast in bechrigen Vokalen, schlückelnden Konsonaten und fedrigen Zwielauten. Doch das ergibt keinen Sinn. „Natürlich tut es das“, mosert der Nymphensitttich aus der Handtasche heraus. „Man kann doch nicht die Existenz eines Sinns von der eigenen Fähigkeit diesen zu verstehen abhängig machen.“  

Und zu allem Übel murrt Blankas Klopapierhamster nach Nachschub. Jetzt reicht es dem Nymphensittich und er verweist auf den ovalen Stern, der auch am Tag nach dem Fest noch zu sehen ist. Ah der fröhliche O-Stern! Blanka köpft vor Freude ganz ungestüm einen Schokoladenhasen. Und ohrt ihn gleich danach, ohne zu bemerken, dass sie bei diesen Schokoladentaten beobachtet wird.

Nebenan sitzt der gestreifte Nachbar im rechten Winkel und auf dem Balkon um den Frühstückvorgang zu bearbeiten. Langsam und Ton in Ton. Nicht ohne sie, Blanka, als einen potentiellen zweiten Morgenvorgang zu fixieren. Also beginnt Blanka die Sprache vom gestreiften Nachbarn zu übersetzen. Doch der ist ein Apokope. Aus Glaubensgründen verschluckt er immer die letzten Silben, die nur Gott verstehen muss. So jedenfalls ist Blankas Reim auf die vielen kryptischen endsilbenfreien Wörter, die aber scheinbar des Rätsels Lösung transportieren. 

„Ein blühender fruchtiger zwischenmenschlicher Garten könnte das Antidot sein“, überlegt Blanka Beirut inspiriert. „Gegen Höckerhetze und speckfarbene Stirnen und iglolodernde Augen.“ Und gegen diese neue alte Herkunftskleidung, die so eng und unbequem ist und aus hasslichen Stoffen. Doch so einen Garten muss man anlegen und pflegen, herzen und liebkosen. Nur wie geht das in Zeiten tödlicher Viren?  Warten bis das Abendlicht die Wangen apri-kost? Letzte Strahlen des O-sterns auffangen und konservieren? Ach was, die Poesie muss her,  nümpft Blankas Vogel. Gegengiftige Sprache, raus aus den Verstecken unter den Zungen der Welt.

Da kommt das erste verständliche Tulpenwort: Celle. Es weint und erzählt vom braunen Tod eines schwarzen Jungen. Nun gibt es kein Zurück mehr. Der gestreifte Nachbar kommt aus dem rechten Winkel und streift seine Herkunftshose ab. Dann pflanzt er Balkonsalat an.

Blanka und der Nymphensittich sammeln weitere Tulpenwörter und säen sie aus, in Erinnerungstöpfen. Unter den langsam verblassenden O-Stern.

 

 

 

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge