Kolumne

Blanka Beirut / Tagebuchstaben #420

Notiz aus Karantänekwartier. Glöckliches.

allein in der Küche /bin ich gern ohne blicke/ notizen neben minze
Eva Brunner

Kän ya makän. Es war, oh, es war nicht. Anfangswörter vieler arabischer Märchen. Blanka Beiruts Tag ist. Oh, und ist nicht. Kein Märchen. Er heißt Verstummungen. Und Verschluckungen. Das Virus hat Blankas Wörter verschluckt. Obwohl es nicht einmal in ihrer Nähe ist. Solche Macht soll eine Bazille haben? Immer wenn Blanka etwas sagen oder schreiben will, schafft Bazille eine Lähmung in Zunge und Schreibhand. Blanka fährt deshalb in einem unsichtbaren minzduftenden A-Taxi durch die Wohnung. Immer von Notizstuhl zu Eingangstür. Auf der Suche nach Poesie. Hup-hup. Bis der gestreifte Nachbar klingelt und Blanka im verordneten Zweimeterabstand von der Treppe aus zurechtweist. Dieser Krach müsse doch wohl nicht sein. Selbst in coroniertem Ausnahmezustand müssen Recht und Ordnung gepflegt werden wie die Blumen auf dem Balkon. Und dann Türenknallen. Schlüsselfallen. Sicherheitsschlossrumor. Blanka fährt weiter. Zungenschwer.

Der Sittich nümpft unterdessen in der Handtasche herum. Glöckliche Klangcluster entweichen. Blanka öffnet die Handtasche und sieht, wie der Nymphensittich Tränenkugeln ganz aus Gold weint; jetzt wo niemand Stimme und Wörter kaufen kann.

Fotomontage: Andrea Karimé

Aber dann springt eines der vielen Wolkenrollos auf. Der Nachrichtendienst spielt nämlich Aufgewacht-Sein. Er tönt Rechts beobachten zu wollen. Und immerbraune Parlament-Zungen zu belauschen, von denen unentwegt Ungutes springt.  Völkische Witze mit Aufforderungscharakter zu Lynchereien zum Beispiel. Dies soll nun ein Ende haben. Hurra! „Kän ya makän, Blanka, Blanka. Wenn Rechte von rechts beobachtet werden“, jammert der Nymphensittich. Gibt’s stinkende Märchen, denkt Blanka.

Da hilft nur noch ein halb erlaubter Gang ins triumphierende Grün des Stadtparks. Der Nymphensittich funkt augenblicklich fröhlich mit schwarzhalsigen, rückwärts lachenden Gänsedamen; ein weißer Federnkegel schwimmt auf dem Wasser, entpuppt sich als Schwanenpo, der den metallisch schimpfenden Notruf eines Blesshuhns auslöst. Auf den Wiesen Sonnenechos aus Scharbockskrautblüte und endlich glöcklich gelber Narzissenklang.

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