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Kolumne

Offener Brief an den Kiepenheuer & Witsch-Verlag bzgl. der Reaktion auf die Kritik an Till Lindemanns Gedicht „Wenn du schläfst“

Sehr geehrter Kiepenheuer & Witsch-Verlag,

Sie schreiben in ihrer Stellungnahme zu dem Till Lindemann-Gedicht (RDN,abgerufen 04.04.2020 15.44 Uhr) dass sich die Empörung über den Text dieses Gedichts aus einer Verwechslung des lyrischen Ichs mit dem Autor speise. Mit Verlaub, nein, das ist nicht der Fall. Wäre das der Fall, dann wäre nicht Empörung angebracht, sondern eine Anzeige.

Es ist den meisten Kritiker*innen, da bin ich mir sicher, bewusst, dass Lindemann hier wohl nichts beschreibt, was er selbst getan hat oder zu tun vorhat (wenn dem doch so ist, und dieser Gefahr setzen sie sich trotz aller Unwahrscheinlichkeit aus, dann … nun ja).

Die Empörung hat vielmehr damit zu tun, dass die Wahl eines Sujets nun mal nicht ohne Folgen bleibt, wenn kein erkennbarer ästhetischer Wert vorliegt und es außerdem noch moralisch fragwürdig ist (um es im klassisch-euphemistischen Sprech zu formulieren). Sie tun so, als wären die Empörung, die Kritik, die Bedenken etwas, das man mit einem kurzen Verweis nichtig machen könnte und winden sich damit aus einer Debatte, der sie sich zumindest anstandshalber stellen sollten: warum Sie Gedichte wie dieses drucken – was für ein Wert liegt für Leser*innen darin, so etwas vorgesetzt zu bekommen? Wie stellen Sie sich die Leser*innen vor, die dieses "Gedicht" mit Gewinn lesen? Was ist der ästhetische Aspekt eines solchen Textes?

Ich weiß natürlich (wie viele andere), warum Sie die Gedichte von Lindemann drucken – weil sie sich gut verkaufen. Sollten Sie aus anderen Gründen von Ihnen überzeugt sein, wäre ich sehr gespannt, diese zu hören, wobei ich mir leider ziemlich sicher bin, dass Sie nicht überzeugend wären (aber versuchen Sie es gern). Ich habe selbst damals „In stillen Nächten“ gelesen und (muss ich gestehen) es relativ neutral besprochen, weil ich damals am Anfang meiner Rezensenten-Karriere stand und mich mit Verlagen gutstellen wollte (und eh in mancherlei Hinsicht noch etwas unbedarft war); ich will hier also kein hohes Ross besteigen, aber auch nicht Sie auf einem solchen davonreiten lassen.

Also mal ganz ehrlich: außer ein bisschen schummrigen Pathos und ein bisschen Schauerromantik ist an den Gedichten nicht viel dran; sie lesen sich meist wie schnell dahingereimt. Und das ist ja, neben der „moralischen“ Komponente, das zweite Problem: es gibt so viele tolle deutschsprachige Lyriker*innen und Sie könnten vermutlich einige von ihnen verlegen, aber stattdessen publizieren Sie die Gedichte des Sängers einer Rock-Band, der schon öfter mit unnötigen Provokationen aufgefallen ist und dessen Lyrik von zweifelhafter Qualität ist (auch abseits des "Moralischen").

Es tut mir leid, aber Ihre Stellungnahme ist doch eine verdammte Heuchelei. Stehen Sie doch einfach dazu, dass Sie Lindemann wegen des Geldes verlegen und geben Sie zu, dass Sie auch keine Ahnung haben, was der ästhetische Wert eines Gedichtes sein soll, in dem einfach nur jemand eine Vergewaltigungsphantasie abspult, ohne Bruch, ohne einen Hauch Reflexion, etc.

Es geht mir hier wohlgemerkt nicht darum, irgendeine Form von Kunst aufgrund von moralischen Bedenken zu verbieten. Aber man darf schon fragen, ob etwas überhaupt Kunst ist – und sich dann fragen, ob es, wenn es keine ist, nicht verboten gehört, weil es schlicht eine sexistische, misogyne oder sonst wie problematische Aussage transportiert, die als Kunst verkauft wird. Nur weil man eine solch problematische Aussage (die auf jeder Facebook-Wall, in jeder Kommentarspalte, in jeder Nachricht, aufgrund der oben genannten Vorwürfe gelöscht werden und vielleicht sogar zu einer Anzeige führen würde) reimt und zwischen zwei Buchdeckel packt, wird sie nicht auf magische Weise zu einem Kunstwerk mit vielschichtigen Aspekten. So funktioniert Kunst, so funktioniert Lyrik nicht! Insofern finde ich Ihre Verweise auf Miller und Easton Ellis auch ziemlich daneben, denn deren Werke (was man auch sonst von ihnen halten mag; streckenweise kann man sicher auch über sie diskutieren) haben Ebenen, die Lindemanns "Gedicht" nicht mal im Ansatz erreicht. Sie im selben Atemzug zu nennen wertet Lindemann nicht auf und rechtfertigt nicht seinen Text.

Ich erwarte mehr von einem Verlag, der, wie der Ihrige, viele tolle Autor*innen verlegt hat. Lassen Sie Lindemann seine Gedichte doch auf einem Blog publizieren oder wo auch sonst – aber geben Sie ihm für so offensichtlichen Dreck keine Plattform, auch wenn Sie damit viel Geld verdienen. Verlegen Sie was Gescheites!

Mit besten Grüßen

Timo Brandt

 

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