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Kolumne

Blanka Beirut / Tagebuchstaben #320

Schaf-Gedicht oder Was ist Gewissen?

Husch husch der schönste Vokal entleert sich. Meret Oppenheim

Jusitia ist weitergereist. Deshalb packt auch Blanka Beirut ihren zedernen Koffer und reist dahin wo possierliche blütenweiße Frühblüher sie anbeeten, und Häuser einladend ausschauen, mit vertrauenserweckenden Wimpernschlägen aus Häkelborte. Nämlich in die Antiqua Marchia, die Wiege Preußens. Ein schwarzköpfiges Weißschaf blökt zur Begrüßung und in der Ferne: hellstes Birkenwirken. Und herrlich virenfrei ists hier. Nicht ein einziger glühender Corona-Ball findet sich hier. Das gewisse braune Etwas mit der charakteristischen olfaktorischen Ausdünstung muss man einfach hinnehmen. Preußen will Blankas Herz in Sicherheit wiegen. Und sie will es auch.

Fotomontage: Andrea Karimé

Und doch bemerkt sie am nächsten Morgen einen Tremor in den Straßenpfützen wie nervöses Augenzucken und schlimmste Wörter der Tage stehen auf einmal Schlange vor der Herztür: Moria, Evros; sie fordern Bleiberecht. Das Wort Gewissen will auch und Blanka schreibt Tagebuchstaben im Wettrennen mit der Hoteluhr. Nu. Nu. Laut und präzise pocht der Zeiger auf die Sekunden. Der Kaffee ist schwach und die Plastikpolster knutschen feucht den Po. Ausgerechnet jetzt lässt ein unbekannter Furor die Tasse umfallen und will wissen was Gewissen ist? Gewiss sein!, schreibt Blanka, ein Verb ergo, Ruhekissen haben. Na dann ist ja alles gut, und sie fliedert in den Regen hinaus, der ein Lied in den Kopf bringt, O Fortuna velut luna, vom Glück des blütenweißen Europa-Kleidchens, in der Wiege, ja!

„Blanka, Blanka, das passt dir doch nicht“, mahnt der Nymphensittich, „denk doch mal an deinen zedernen Koffer!“ Übervoll ist der mit charufon = das Schaf und anderen bikulturellen Buchstaben.  Der Nymphensittich will lieber sein Gewissen in alle Sprachen übersetzen; vielleicht bringt das Gewissheit. „Moria“ heißt es, und „Evros“.  Eigentlich Synonyme für „Schleichender Tod an Grenzen“ und „hoffnungslose vergessene Kinder“ und „Unmenschlichkeit“. Wie passt das zusammen? Vor lauter irritierter Übelkeit entleert sich der exzentrische Vokal im Namen des Nymphensittichs und verbleibt als ü, auf türkische Verwandtschaft bestehend. Unter dem linken grünen Nümphenfittich friert ein kleines Schaf-Gedicht und bietet sich als Übersetzung an.

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