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Kolumne

Schamrock-Festival der Dichterinnen

23.-25. Oktober 2020

Heuer findet das internationale Schamrock-Festival der Dichterinnen als ein Mix aus Lesungen, Lesungsvideos und Livestreamings vom 23. bis 25. Oktober in der whiteBOX in München statt. Einzig der in Wien geplante Festivalauftakt wurde verschoben und wird 2021 nachgeholt. Alle Lesungen/Videos/Livestreams kann man online live mitverfolgen und sie bleiben online verfügbar, können also bei Interesse auch später noch nachgesehen werden. Das „Dichterinnen-Oktoberfest“ (Zitat Ruth Klüger) wird alle zwei Jahre abgehalten und steht heuer unter dem Motto „Einmischen - oder Poetry for Future“. Augusta Laar, die Festivalleiterin, sagte 2018 im Interview von Sabine Reithmaier für die Süddeutsche Zeitung über ihre Konzipierung des Festivals: „Das Festival soll wie eine große Welle sein. […] Ich feile so lange am Programm, bis es fast wie eine begehbare Skulptur wirkt.“ 2012 wurde das erste Schamrock-Festival veranstaltet und ___STEADY_PAYWALL___es geht dabei um viel mehr als um ein dreitägiges Lyrikfest der Dichterinnen:

Warum Schamrock? Aus kreativer Wut! Literatinnen werden seltener zu Lesungen und Literaturfestivals eingeladen und haben weniger Möglichkeiten aufzutreten und zu veröffentlichen. […] Diese Wut hat ein großes kreatives Potenzial. Wir arbeiten gegen ungerechte gesellschaftliche Strukturen – auch gemeinsam mit den Männern. Wir vernetzen nicht nur Lyrikerinnen untereinander und mit ihren Leserinnen und Lesern. Wir ermutigen Frauen, zusammenzuarbeiten, neue Wege zu gehen, zu kooperieren und zu teilen.

Die angestrebte Vernetzung ist eine über Kunstsparten, Generationen, Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Es werden nicht nur klassische Lesungen geboten, sondern auch Musik und Performances jeglicher Art. Zusätzlich gibt es auch zwei Workshops, von Anja Utler unter dem Titel „Ansprechend ansprechbar?“ und von Swantje Lichtenstein zu „Silencing & Sexing. Performative Writing“. Auf der Homepage des Schamrock-Festivals werden alle Dichterinnen kurz mit Foto, Biografie und einigen Gedichten vorgestellt, alleine das ist schon ungemein spannend, daher möchte ich anhand einiger ausgewählter Dichterinnen einen kleinen Einblick in die ungeheure Vielfalt des Festivals geben, um im besten Fall neugierig auf mehr zu machen.

Eine Münchner Lokalmatadorin ist Karin Fellner, deren wunderschönes, Mut machendes Gedicht, Setz dich, Angst, ich als erstes zitieren möchte. Denn es führt uns die magische Kraft der Sprache und Phantasie vor Augen, die Unmögliches möglich machen und die Angst einfach zusammenklappen kann:

Setz dich, Angst, an den Eckstein
setz dich, ich schau dir zu,
[…]
Du bist eine Szene, schau, ich klapp dich zusammen –
samt Eck, Recht, Knöchel, Zahn – ins
Zweidimensionale.
Jetzt nehmen Sie bitte die Fläche und wenden sie
seitlich,
so wird sie ein Strich,
den drehen Sie so lange, bis
nur ein Punkt bleibt, der Punkt
aber hat, wie wir wissen, null Radius,
null –

Das Schamrock-Festival versammelt aber eben nicht allein deutschsprachige Dichterinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern ist offen für Dichterinnen aus der ganzen Welt, so lesen beispielsweise Indrė Valantinaitė aus Litauen, Jessie Kleemann aus Grönland, oder auch Nancy Campbell aus Schottland und viele mehr. Und dann gibt es auch eigene Länderschwerpunkte, dieses Jahr sind das Äthiopien, Eritrea und Katalonien.

Schwerpunkt Äthiopien

Das Schamrock-Festival präsentiert sechs Dichterinnen aus Äthiopien: Christine Yohannes, Mihret Kebede, Misrak Terefe, Edom Baheru, Meleti Kiros, und Yordanos Karim, sowie die aus vier Musikerinnen bestehende Band Adey Zema. Christine Yohannes liest gleich am ersten Festivaltag, die anderen folgen dann am Sonntag. Hier der Beginn ihres Gedichtes Dear Africa:

Dear Africa,
I am addressing you this letter because I am worried
Your children are dying and your resources are slowly
being emptied
You are still young and beautiful but you’re being

wrinkled in distress You bear the King of the Jungle
yet you are standing defenseless
Against the corruption in your belly eating you up like

mices
You are standing whole but everybody wants a slice

Schwerpunkt Eritrea

Eritrea ist ein Land, mit welchem vor allem schreckliche Menschenrechtsverletzungen verbunden werden. Das Schamrock-Festival präsentiert mit Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Saba Kidane, und Kokob Tesfaldet drei Dichterinnen aus Eritrea, die inzwischen alle im Exil in Deutschland, Frankreich und Schweden leben. Kuratiert wird der Schwerpunkt zu Eritrea von Yirgalem Fisseha Mebrahtu. Als Dichterin, Journalistin und Programmdirektorin eines Radiosenders wurde sie 2009 in Eritrea für sechs Jahre ohne Anklage und Gerichtsverfahren inhaftiert, die ersten beiden Jahre davon in Isolationshaft und mit Folter. 2015 wurde sie entlassen und nach zweimaligem Versuch gelang ihr die Flucht ins Ausland. Derzeit lebt sie als Stipendiatin des Writers-in-Exile-Stipendiums des PEN-Zentrum Deutschland in München.

Die Gefängniszelle passt zu meinen Körpermaßen
Der Lehmfußboden ersetzt mein Bett.

Ich ersticke fast, jeder Sonnenstrahl, jeder Lufthauch
ist Medizin
Die Zelle eine Hölle, ihre Tür ein Schlangenmaul

Ich halt‘ es nicht mehr aus
Selbst wenn der Teufel fragt "kommst Du mit"?

Ich würde folgen egal wohin

Aus: I am Here, Sweden: Emkulu Publishers, 2019
Übersetzung ins Deutsche: Kalle Aldis Laar

Schwerpunkt Katalonien

Aus Katalonien werden mit Mireia Calafell, Laia Martínez López und Maria Cabrera drei Dichterinnen vorgestellt, Laia Martínez Lopez ist zusätzlich auch mit Jaume Reus als Duo Jansky zu erleben, mit welchem sie elektronische Musik mit urbaner Poesie verbindet: Eine Außerirdische ist auf deinem Balkon gelandet / mit all ihren Raumschiffen.

Hochpolitisch ist das Schamrock-Festival in vielerlei Hinsicht, beispielsweise auch wenn Tang Siu Wa aus Hongkong oder Volja Hapeyeva aus Minsk auftreten. Tang Siu Wa setzt sich für die Freiheit und Sicherheit der Menschen in Hongkong ein. Es ist ihr ein großes Anliegen, eigens zum Festival aus Hongkong anzureisen, da die Menschen in Hongkong in jeder Hinsicht internationale Unterstützung und Aufmerksamkeit nötig haben. Sie schreibt auf Kantonesisch, dem in Hongkong gesprochenen Dialekt, der sehr schwer zu erlernen ist. Alleine schon die Verwendung von Kantonesisch ist ein politischer Akt, weil die Sprache zu verteidigen bedeutet, die Identität Hongkongs zu verteidigen. Tang Siu Wa ist zweimal am Schamrock-Festival zu erleben, bei ihrer Lesung sowie im Podiumsgespräch mit Anja Utler. Ihr Gedicht Assumption endet mit den folgenden Worten (übersetzt von Canaan Morse):

Lose language again in language’s sandy current
get hacked to pieces by a brand-new silence
The corpse of youth is growing fervently
this is not something we can penetrate
or avoid
anymore

Die aus Minsk stammende Dichterin Volja Hapeyeva wiederum hat keine so weite Anreise auf sich zu nehmen, da sie die aktuelle Stipendiatin der Stadt München in der Villa Waldberta ist. Sie liest als Abschluss des dreitägigen Festivals. die gegenwart fällt mir schwer / die vergangenheit kann ich besser / deshalb lebe ich dort. Antje Weber schrieb im September einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Volja Hapeyeva:

Wie es sich anfühlt, "als frei denkende Person" im eigenen Land nicht sicher zu sein, weiß Hapeyeva genau. Als Übersetzerin für die OECD geriet sie selbst in den Fokus des Geheimdienstes; sie wurde bereits zu einem Gespräch geladen, bei dem man ihr androhte, nächstes Mal nicht mehr so freundlich zu sein. Wenn sie davon erzählt, wie "schockierend" das für sie war, wirkt sie immer noch aufgewühlt. Dabei hat sie nur offen kritische Meinungen geäußert, und: "Ich schreibe auf Belarussisch." Wer auf Belarussisch statt Russisch schreibe, gelte sofort als Opposition.

So weit Minsk und Hongkong auch voneinander entfernt sein mögen, haben doch beide Dichterinnen ähnliche Erfahrungen gemacht, da in beiden Fällen versucht wurde, die Verwendung der eigenen Sprache zu unterbinden. In Weißrussland wird es als politischer Protest verstanden, wenn man auf Belarussisch statt auf Russisch schreibt und in Hongkong, wenn man auf Kantonesisch statt auf Chinesisch schreibt. Daran sieht man einmal mehr, dass der Kampf für die Freiheit der Sprache und des Wortes immer auch einer für die Freiheit der Menschen ist. Beim Schamrock-Festival in München treffen Volja Hapeyeva und Tang Siu Wa aufeinander und können beide live erlebt werden.

Es gäbe noch viel mehr zu sagen, doch am besten macht man sich selbst ein Bild davon. Weiterführende Informationen zu allen auftretenden Künstlerinnen sowie das komplette Programm sind auf der Homepage des Schamrock-Festivals zu finden.

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