Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Seefahrt tut Tod!

Wer bewacht die Kornhausbrücke in Hamburg?

Die heutige Brücke wurde als Stahlkonstruktion auf Granitträgern 1887 erbaut. An beiden Brückenköpfen standen auf den ersten Granitstützen vier Seefahrer: Cook und Magellan auf einer Seite und gegenüber Christoph Columbus und…? Die beiden zuerst genannten Seefahrer haben abgeheuert und sind verschwunden. Übrig geblieben sind Christoph Columbus und…?

Jorge Luis Borges erzählt irgendwo, er habe seinen Vater öfter in die argentinische Nationalbibliothek begleiten müssen, deren Direktor er später werden sollte, was er natürlich als Junge nicht ahnte. Da der Junge Jorge Luis sehr schüchtern gewesen sei und die angelegentlichen Blicke und Fragen der Bibliothekarinnen fürchtete, habe er sich gleich einen Band der frei zugänglichen Encyclopedia Britannica gegriffen, um darin zu lesen, bis sein Vater mit einer Aktentasche voller Bücher zurückkehrte. So oder so ähnlich habe ich es gelesen. ___STEADY_PAYWALL___Arno Schmidt hielt große Stücke auf den Großen Meyer von 19?? Und zog sicher viele seiner Zettelchen aus dem Lexikon. Auch das kann man irgendwo lesen.

Mädchen und Jungen sollten, sobald sie die entsprechende Lesefähigkeit entwickelt haben, sagen wir so mit 14 Jahren, beginnen, in der gedruckten Encyclopedia Britannica zu lesen und erst recht als Erwachsene. Man kann da sein blaues Wunder erleben. Ich weiß nicht mehr genau, was mich veranlasste, in Band 7 der Macropedia der Encyclopedia Britannica, genauer in der 15. Edition der 1768 gegründeten Enzyklopädie von 1978 den Eintrag Gama, Vasco da S. 860 ff. zu lesen. Dieser Mann in Bronze hat als Erster 1497-1499 den Seeweg von Europa um das Kap der guten Hoffnung nach Calicut / Kozhikode an der indischen Küste im Staat Kerala erschlossen. König Manuel I belohnte ihn dafür mit dem Titel dom, der dem englischen sir entspricht und einer vermutlich ansehnlichen Jahrespension von 1000 cruzados. (Eine wunderschöne Goldmünze, die auf einer Seite das christliche Kreuzzeichen trägt, man sollte es sich für das Folgende merken. Für eine dieser Goldmünzen erhielt man 325 Liter Weizen!)

Und er darf in der Hansestadt Hamburg, auch das eine Ehre, eine Brücke bewachen als Bronzestatue hoch über den Passanten. Ich meine eher, der Rat der Stadt sollte auch ihm nahelegen, wie seine Brückenkollegen abzuheuern, wenn er sich auch Ärger mit dem portugiesischen Konsul einhandeln würde. Warum aber?

Eine zweite Expedition unter Álvares Cabral sollte das Erreichte in Calicut erweitern, aber Hindus, aufgestachelt von Muslimen (so die Enzyklopedie), die wohl den arabisch-indischen Handel gefährdet sahen, töteten die von Cabral zurückgelassenen Portugiesen. Um die Untat zu rächen, stellte man in Lissabon eine weitere Flotte zusammen, die von dem zum Admiral ernannten Vasco da Gama geführt wurde. Er hatte zehn Schiffe unter seinem Kommando, die von zwei Flotillen zu je fünf Schiffen begleitet wurden, jede Flotille wurde von einem Verwandten Vasco da Gamas kommandiert. Unterwegs lief die Flotte natürlich mehrere Häfen an, darunter Kilwa im heutigen Tansania. Der Emir Ibrāhīm von Kilwa hatte Cabral unfreundlich behandelt. Admiral da Gama drohte ihm, Kilwa niederzubrennen, wenn er sich nicht den Portugiesen unterwürfe und König Manuel I. Loyalität zuschwöre. Der Emir passte sich an.

Der nächste Hafen war dann Goa, was später Zentrum des portugiesischen Machtbereichs in Indien wurde. Danach lief die Flotte Cannanore, einen Hafen im Südwestens Indiens nördlich von Calcutta an und wartete dort auf arabische Kauffahrer. Nach einigen Tagen lief eine Dau mit Waren und zwischen 200 und 400 Passagieren ein, darunter Frauen und Kinder. Nachdem Vasco da Gama die Waren an sich genommen hatte, ließ er die Passagiere an Bord des gekaperten Schiffes einschließen, setzte es in Brand und ermordete so alle an Bord befindlichen Menschen, „the crueltest act of his career“, vermerkt Eila M. J. Campbell, als Professorin für Geographie des Birkbeck College der Universität London und Autorin des Eintrags.

Die Bronzefigur zeigt das Blut an den Händen dom Admirals Vasco da Gama nicht. Deshalb sollte man ihn von Bord der Brücke schicken, wohin auch immer. Er wird mit den 1000 cruzados Königs Manuel I. schon einen Ort finden.

Die Lehre der kurzen Lektüre in der Encyclopedia Britannica: Misstrauen wir jedem heroischen Denkmal, sei es aus Bronze, Stein, Papier oder allem, was Papier heute ersetzt. Mit Gegendenkmälern hat die Hansestadt Vorbilder erschaffen lassen: Alfred Hrdlickas Hamburger Feuersturm und Fluchtgruppe Cap Arcona.

Sehr schön wäre auch die (nicht nur) hanseatische Übereinkunft, nur noch für Poetinnen (z. B. für Sarah Kirsch) & Poeten, (z. B. für den gefühlten Hamburger Peter Rühmkorf) Zauberinnen, Krankenschwestern, vollkommen gewaltlose Anarchisten, Bewohnerinnen der diversen Elfenbeintürme, Radfahrer, Imkern, Rettungsschwimmerinnen, Schimmelreiterinnen, Geflohenen, Gladiolenzwiebelverkäuferinnen und anderen nicht so ganz normalen aber auch nicht besonders unnormalen Menschen Denkmäler aufzustellen, jedenfalls keine mehr für Schänder in jedem (in Worten j e d e m) Falle kostbarer Menschenleben.

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge