Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Seitenwechsel [2] * Weihnachten 2019

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, in dieser Ausgabe der 24. Dezember 2019, machen sich fünf Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, essen, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt etc. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Dabei geht es um die Frage, ob es, seitdem die ganze Welt vor der Haustür zu liegen scheint, also: ob und wie es angesichts der uns abhandengekommenen Ferne und angesichts der Globalisierung möglich ist, zeitgleich an sehr verschiedenen Orten und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas entstehen zu lassen, das heimisch macht, jenseits länder- und gedankenbezogener Trennungslinien. Wie kann das aussehen? Es geht um die Suche nach einer Form, mit der sich die verlorene Distanz wiederentdecken lässt. Und es geht darum, ob und wie Nähe sich dadurch neu definieren lässt.

 

Düsseldorf, 24. Dezember 2019

Frühmorgens
Seit Tagen habe ich mich dagegen gewehrt. Bloß nicht krank werden am Heiligabend. Aber ein grippaler Infekt will offensichtlich Weihnachten bei mir verbringen. Mit Bronchitis und Schüttelfrost. Ich ergebe mich. Mache erst einmal eine Bestandsaufnahme.
Was ist heute möglich?

Ich werde bestimmt kein aufwendiges Rezept ausprobieren. Vielleicht einen ausgedehnten Spaziergang über meine Lebenslinien machen und ein paar Sternschnuppen für das neue Jahr schmieden. Das muss reichen als Vormittagsprogramm.

Ich ziehe vom Bett aufs Sofa um. Von hier aus habe ich den Blick auf den Weihnachtsbaum. Er biegt sich windschief über die geerbten Krippenfiguren, die manche Blessuren und zwei Kriege überstanden haben. Dem Christkind fehlen die Hände, dem Schaf ein Ohr, und auch sonst blitzt in Faltenwürfen und Gesichtern an manchen Stellen Gips auf, der einmal von Farbe bedeckt war.

Der Baum ist ein knorpeliger Magnolienzweig mit eingetrockneten pelzigen Knospen. Ich habe ihn vor ein paar Wochen aus einem Haufen Sperrmüll in der Nachbarschaft gezogen. Nun steht er im Christbaumständer, geschmückt mit alten versilberten Glasvögeln. Dazwischen aus Fotokarton ausgeschnittene Dinosaurier mit Glubschaugen aus Plastik.
Die Figuren haben Namen: Schnapper. Kralle und Scharfzahn. Karl, der 5-jährige Sohn der Nachbarn aus dem zweiten Stock und leidenschaftlicher Saurierliebhaber, hat sie vor ein paar Tagen für uns als Baumanhänger gebastelt.

Später Vormittag
Keine wirkliche Besserung in Sicht.
Zeit, etwas dagegen zu tun. Mein Liebster versorgt mich mit Medikamenten. Ich verordne mir zusätzlich Musik. Die hilft mir seit meiner Kindheit besonders in Krankheitsphasen.

Sobald ich bettlägerig wurde, entschied ich mich zwischen Vivaldi und Bach, drehte die Lautstärke des Plattenspielers so weit auf, dass das Rasseln und Pfeifen in meiner Lunge übertönt wurde, und überließ mich vertrauten musikalischen Rhythmen. Dadurch sortierte sich mein Atem und ich erholte ich mich leichter von Asthmaanfällen und anderen Dissonanzen.

Aber heute ist mir nicht nach Klassik zumute, sondern nach Bugge Wesseltofts CD it s snowing on my piano. Nichts überbrückt besser jeden Heiligabend-Blues als diese zartgliedrigen Lieder, aus denen so unendlich mühelos Stille tropft. Der Jazz klingt wie eine Tierspur im Schnee. Sie fängt da an, wo das Ende des Jahres sich im Nichts auflöst und hört auf, wo der Anfang des nachfolgenden Jahres noch aus Möglichkeiten besteht. Während die Töne auf mir und jedem Gegenstand im Raum versinken, schaue ich ins Kaminfeuer. Der Ofen: eine warm glimmende Stimmgabel.

Mittags
Zeit für Seenotrettung. Vor mir liegt ein unscharfes Schwarz-Weiß- Foto, das den Geburtstag einer Fabrikantentochter vor mehr als 50 Jahren zeigt. Meine damalige beste Freundin Lis und ich waren zusammen mit anderen zur Geburtstagsfeier eingeladen. Lis hat mir das Foto vor wenigen Tagen geschickt. Nach jahrzehntelanger Funkstille hat sie mich durchs Internet aufgespürt. Der völlig unerwartete Kontakt mit meiner allerersten Freundin tauchte wie ein Segel am Weihnachtsrummelhorizont auf. Unsere Freundschaft hatte Schiffbruch erlitten, als unsere Eltern uns trotz unseres vehementen Protestes auf verschiedene weiterführende Schulen geschickt hatten. Viele Jahre und Ortswechsel später rekonstruieren wir gerade unsere gemeinsamen Erfahrungen zwischen dem sechsten und neunten Lebensjahr.

Besonders der Scherbenhaufen des unfreiwilligen Abschieds voneinander ist mir lebhaft in Erinnerung. Inzwischen haben wir auch die beteiligten Personen des besagten Kindergeburtstagskaffeetischs identifiziert, samt zahmen Äffchen, ein Spielgefährte der Töchter des Hauses. Es sprang meist kreischend an einer Leine herum oder jagte über Gardinenstangen und Vorhänge. Niemand sonst in der Kleinstadt hatte solch ein exotisches Haustier. Grund genug, in den Fabrikantenhaushalt eingeladen werden zu wollen. Außerdem zog die Fabrik uns an, weil wir sie nie betreten durften. Eine Abdeckerei, in der Tierkadaver zu Fleischmehl und Seife verarbeitet wurden. Oft lag unerträglicher Gestank über dem Fabrikgelände. Alles, was im Inneren der Fabrik passierte, lag außerhalb unseres Vorstellungsvermögens und gab Anlass für nebulöse Spekulationen auf einer Skala zwischen Neugier und Ekel.

Das Foto zeigt uns vor Apfeltaschen und Goldrandgeschirr. In einem Wohnzimmer voller Nippes und ungelöster Fragen. Ich sehe auf dem Foto so aus, als wollte ich mich gleich in Kakao ertränken. Lis dagegen schaut aufmerksam in die Kamera und hält die Kuchengabel wie einen Speer, bereit für den nächsten Bissen am Rande des Abgrunds unserer streng katholisch reglementierten Kindheit. Damals waren wir einander das Stroh, das wir in der Adventszeit in die Krippe legen sollten, um das Jesuskind weicher zu betten. Jede „gute Tat“ war einen Strohhalm wert. Wer die meisten Strohhalme in die Krippe legen konnte, wurde von Gott am meisten geliebt.

Nachmittags
Lange genug gelegen. Lange genug in die Kindheit geschaut. Die Medikamente wirken. Ich ziehe mein rotes Samtkleid an. Mein Liebster ein weißes Hemd zum legeren blauen Anzug. Wir gehen drei Straßen weiter zu unseren Wahlverwandten. Zusammen sind wir eine frei erfundene Familie. Außer uns gehören Ismail, ein türkischstämmiger Deutscher, seine belgische Frau Kathleen und ihre gemeinsame Tochter Fleur dazu. Ismail flatterte als Kind wie ein aus dem Nest gefallener Vogel in unser Leben. Kathleen und Fleur sind selbst ernannte Patentöchter.

Und dann beginnt das Fest. Mit Kerzenlicht, Weihnachtsbaum, selbst gebackenen Plätzchen, Geschenken, ausgedehntem Abendessen, weißt du noch Anekdoten. Es gibt deutsches Roastbeef, türkischen Tee und belgische Mousse au Chocolat. Fleur umrundet mit ihrem neuen weißen Roller den Esstisch. Wir müssen nichts Schwerwiegendes entwirren. Keine Albträume von verpassten Zügen. Der Abend ist luftig wie das Dessert. Wenn es jetzt noch schneien würde ... Aber es schneit nicht. Und das macht auch nichts. Denn wir sind eine Familie, der es gerade leichtfällt, aufmerksam miteinander umzugehen. Wir sind schließlich nicht miteinander verwandt.

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