Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Seitenwechsel [3] * Weihnachten 2019

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, in dieser Ausgabe der 24. Dezember 2019, machen sich fünf Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, essen, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt etc. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Dabei geht es um die Frage, ob es, seitdem die ganze Welt vor der Haustür zu liegen scheint, also: ob und wie es angesichts der uns abhandengekommenen Ferne und angesichts der Globalisierung möglich ist, zeitgleich an sehr verschiedenen Orten und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas entstehen zu lassen, das heimisch macht, jenseits länder- und gedankenbezogener Trennungslinien. Wie kann das aussehen? Es geht um die Suche nach einer Form, mit der sich die verlorene Distanz wiederentdecken lässt. Und es geht darum, ob und wie Nähe sich dadurch neu definieren lässt.

 

Nicht ganz zu Hause zu Beinah-Weihnachten

Sommer 1979. Ich wickle mein T-Shirt um einen Backstein und zerschlage das Kellerfenster von Princeton Circle 1. Nächste Woche wird meine Familie in das Haus einziehen. Ich greife durch das zerbrochene Glas und mache das Fenster auf. Etwas Blut ist jetzt an meinem Handgelenk. „Komm“, sage ich zu meiner Freundin, und wir schlüpfen hinein. Wir schleichen die knarrende Treppe hinauf bis unters Dach, in die Mansarde. Ich rolle einen Teppich aus und drehe einen Joint. Wir streifen unsere T-Shirts ab & fummeln in der Augusthitze.

 Heiligabend 2019. 6 Uhr und ich sitze in demselben dunklen Zimmer und meditiere im Bett. Ich sitze auf meinem Kopfkissen, mein Körper ist kristallen, und der Buddha sitzt auf meinem Scheitel. Das Haus ist kalt, aber der Radiator glüht golden in dem Raum. Vor mir in der Dunkelheit schweben: Rob mit seinem Lymphom, Olivia, die ihre OP hatte, und mein Onkel John, der von seiner Zeit in Vietnam am Ende den Krebs bekam. Ich hülle sie alle in sanftes blaues Licht, das aus den Poren meiner Haut strahlt.

Die Bolivianerin schnarcht in einem Zimmer unten. Eines Nachts vollzog ein Priester in einem kleinen Holzboot auf dem Ganges eine Zeremonie unter dem schwangeren Mond. „Haben wir gerade geheiratet?“, frage ich die Bolivianerin. „Ein bisschen“, antwortet sie, und wir schicken zwei schwimmende Kerzen auf den Weg zum Meer. „Da treiben sie hin“, sage ich, und von dem Tag an ist mir die Bolivianerin nicht mehr von der Seite gewichen. Auch in ihrem Zimmer glüht ein Radiator, verströmt Gold von einer Metallspirale. Die Beine der Bolivianerin sind weit geöffnet, und von einem dunklen Blütenblatt fällt ein Tröpfchen Blut.

7 Uhr, und die alte Frau, die im Zimmer nebenan wohnt, die Frau, die die Luft kalt werden lässt, glaubt, ich hätte sie nicht bemerkt, als sie durch die Wand kam. Das ist ein Spielchen, das sie spielt, aber nach all den Jahren weiß ich, dass sie vollkommen harmlos ist. Rasch setze ich mich wieder im Bett auf. Im nächsten Moment bin ich eine Frau mit hellroter Haut und meinem tantrischen Guru in einer Lotosblüte auf meinem Scheitel. Ich kann nicht erklären, wie Buddhismus funktioniert, aber damit scheint es immer zu klappen. Die alte Frau verschwindet in ihr Zimmer und die Luft wird wieder warm. Draußen vor dem Fenster kratzen die Bäume Morgendämmerung von einem schwarzblauen Himmel. 

8 Uhr, und ich gehe zu Starbucks, Tee holen. Zwei heiße Chai Latte für 9 Dollar 65. „Medium“, sage ich in meinem persönlichen Bemühen, nicht den Starbuck-Sprech zu verwenden.

 8.45 Uhr, und ich versorge die Bolivianerin mit „nacktem Chai“. Nackter Chai ist eine Gewohnheit, die wir in Bangkok angenommen haben. Ich bringe Tee ans Bett, und die Bolivianerin wird gerade lange genug wach, um Sex zu haben. Heute hat sie ihre Tage. „Glückwunsch“, sage ich. Sie setzt sich rittlings auf mich, eine Anstrengung, die ein höheres Maß an Wachheit erfordert, als die Bolivianerin gewohnt ist, und als wir fertig sind, bin ich voller Blut. Danach schläft sie wieder ein, und ich schleiche die knarrende Treppe hinauf bis unters Dach, zurück in die Mansarde. Neben dem Bett brennt immer noch eine Kerze.

 10 Uhr. Meine Mutter ist tot, und so frühstücke ich mit meinem Vater, einem missmutigen Homosexuellen vom alten Schlag. Mein Vater funkelt zornig. Im Zimmer nebenan brüllt der Fernseher. Er schaffte es, meine Mutter zu schwängern, steht aber eigentlich auf Männer. Das ist etwas, das ich erst spät in meinem Leben entdeckte, aber es erklärte alles, was mein Therapeut nie erklären konnte. Eines Nachts, wir waren in New York City unterwegs, plauderte einer seiner betrunkenen Freunde alles aus. Die Nacht war feucht in dem Straßencafé, und die roten Rücklichter der Autos strömten wie ein Fluss die 7th Avenue hinunter.

 11 Uhr. Die Bolivianerin und ich werden heute ungefähr 5 Stunden unterwegs sein, um den Weihnachtstag mit meiner jüngeren Schwester in einem anderen Staat zu verbringen. Die Bolivianerin überreicht meinem Vater eine Karte mit einem Amazon-Geschenkgutschein drin. Mein Vater mag die Bolivianerin, weil sie sein Geheimnis nicht kennt und weil sie den Abwasch gut macht. Als sie ihm die Karte gibt, lächelt er. Doch als er innen drin meinen Namen geschrieben sieht, erstarrt sein Gesicht zu einer Maske. Ich umarme ihn, und er fühlt sich an wie ein trauriger alter Baum, der aus dem härtesten Holz der Welt besteht. „Frohe Weihnachten“, sage ich, aber bis wir gehen, kommt keine Antwort.

 Freie Strecke. Als wir über den Highway in Richtung offenes Meer brettern, werfe ich eine Handvoll Ringelblumen.

 13 Uhr, und wir kommen an dem Stadion vorbei, in dem ich mein erstes Rockkonzert erlebte. Holzverkleideter Kombi. Die Doobie Brothers. Marihuanarauch. Wenn ich jetzt diese Kassette spiele, wird der Hartriegel anfangen zu blühen.

 Ausfahrt Nr. 17, und wir halten an einer Marathon-Raststätte, um zu tanken und eine Flasche PureLeaf-Eistee, ungesüßt, zu 2 Dollar 69 zu kaufen. Die Frau an der Kasse heißt Rebekka, mit 2 k. Wenn es die Berge nicht gäbe, wäre die Straße schnurgerade und wir würden direkt in den Nachbarstaat durchfliegen.

 15 Uhr, und wir machen Halt bei meiner älteren Schwester, um „Frohe Weihnachten“ zu wünschen. Nach zwanzig Jahren des Misshandelt-Werdens ließ sich meine ältere Schwester endlich von ihrem alkoholsüchtigen, prügelnden Ehemann scheiden und wurde zum Messie. Wird man als Messie geboren? Ist der Wunsch, die Welt bis zur Decke in Altpapiertürme zu stapeln, schon da, bevor man die Zeitung abonniert hat?

 Ausfahrt Nr. 40, und wir halten an einer Marathon-Raststätte, um zu tanken und PureLeaf-Eistee, ungesüßt, zu 1 Dollar 99 zu kaufen. Die Frau an der Kasse heißt Rayonne, mit 2 n. Die Bäume am Straßenrand erinnern sich an nichts und sind trotzdem Beobachter.

 17 Uhr. Die Bolivianerin schläft mit aufgesetzten Kopfhörern, träumt auf dem Beifahrersitz. Der Schimmer ihrer dunklen Haut fängt das Licht ein. Ihre großen schwarzen Augen wandern hin und her, bauen Städte unter ihren Lidern.

 Ausfahrt Nr. 101, und wir halten an einer Marathon-Raststätte, um zu tanken und noch mehr PureLeaf-Eistee, ungesüßt, zu 1 Dollar 89 zu kaufen. Die Frau an der Kasse heißt Theresa. Die Sonne geht unter, als wäre die Welt in Blut und Feuer getaucht. Die Bäume sind jetzt Skelette.

 19 Uhr, und wir kommen bei meiner jüngeren Schwester an, die neben einem Golfplatz im Herzen einer der „Top 10 Lebenswertesten Städte der USA“ wohnt. Der Christbaum funkelt silbern, und überall gibt es ehrlich gemeinte Umarmungen. Echte Stechpalmen- & Mistelzweige. Echtes Zimtgewürz. Bing Crosby schmachtet auf Spotify, und vielleicht fällt sogar noch Schnee.

 20 Uhr. Es ist Heiligabend und die Presbyterianische Kirche ist bereit, die ganze Welt zu lieben. Der Kirchendiener gibt mir eine reinweiße Kerze in einem Plastikhalter. Unsere kleine Familie quetscht sich in die Bank. „Oh Come“, und „Hark“ und „To Us is Born …“ Bald ist die Bolivianerin an meiner Schulter eingeschlafen, während ihre weichen Lippen sich zu den Liedern bewegen. Die Musik schwillt an. Gibt es Weisheit ohne Feuer? Die Kinder singen. Gibt es Erlösung ohne den Speer? Die Mädchen hinter mir sind betrunken. Der Kirchendiener kommt mit einem metallenen Anzünder, und jetzt wird Licht von einem Leben zum nächsten weitergegeben, bis jeder eine Flamme hat. Dann geht die Kirchenbeleuchtung aus, und sogar die Bolivianerin ist wach. Gibt es Rettung ohne Blut? Die Sterne kommen heraus und wir halten sie in Händen. Das ist die Geburt von etwas, das sogar ich verstehen kann.

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