Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Seitenwechsel [5] * Weihnachten 2019

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, in dieser Ausgabe der 24. Dezember 2019, machen sich fünf Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, essen, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt etc. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Dabei geht es um die Frage, ob es, seitdem die ganze Welt vor der Haustür zu liegen scheint, also: ob und wie es angesichts der uns abhandengekommenen Ferne und angesichts der Globalisierung möglich ist, zeitgleich an sehr verschiedenen Orten und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas entstehen zu lassen, das heimisch macht, jenseits länder- und gedankenbezogener Trennungslinien. Wie kann das aussehen? Es geht um die Suche nach einer Form, mit der sich die verlorene Distanz wiederentdecken lässt. Und es geht darum, ob und wie Nähe sich dadurch neu definieren lässt.

 

 

Dienstag, 24. Dezember 2019*

Stuttgart – Barcelona

Mein Glaube an Glück ist mittlerweile ein fremdgewordener Ton, eingeschlossen in einem schalldichten Raum. Scharlachrot, keine Fenster, keine Türen. Um von innen nach außen oder außen nach innen zu wechseln. Wie die Zeit an den Feiertagen. Jahreswechsel. Von einem alten Leben in ein neues. Geht das von einem Tag auf den anderen? Ein neues Kapitel aufschlagen. Oder sind wir zu jeder Zeit all unsere Kapitel gleichzeitig, die alten, die neuen. In manchen Religionen heißt es, dass Zeiten der Krise, Zeiten der möglichen Erkenntnis sind. Oder wie Goethe schrieb: „Alles geben die Götter, die unendlichen/Ihren Lieblingen ganz/Alle Freuden, die unendlichen/Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz“. Ich bin müde der Schmerzen, aber auch der Freuden. Und müde der Erkenntnisse. Schlafen möchte ich, durch alles hindurch. Ich erwarte kein Licht mehr auf der anderen Seite. Ich erwarte keine andere Seite mehr. Und das Licht der Kerzen dieses Weihnachten wärmt mich nicht, sind es doch nur die vergangenen Tage, die in die Gegenwart hinüber scheinen. Das Fest der Liebe ist auch das Fest des Erinnerns. Und für diejenigen, die etwas zu erinnern haben, kann es zur Qual werden. Mir steht heute nur diese Seite zur Verfügung, tiefschwarz und leer. Vielleicht ist das die Rückkehr zum Ausgangspunkt? Tage des Abschieds. Erst kürzlich habe ich mich endgültig von meiner Einzimmerwohnung in Berlin verabschiedet. Auch eine Rückkehr zum Ausgangspunkt. Es war ein langer Prozess, über Jahre klammerte ich mich an diese Idee, dass ich hierhin immer zurückkehren kann. Hier habe ich zum ersten Mal direkt neben einem Friedhof gelebt. Das war schön. Ich habe hier zum ersten Mal eine Dusche in der Küche gehabt, auf halber Treppe, von oben konnte ich aus der Dusche in den Hof sehen. Grünende Bäume, die Sonne durch die Äste, fallende Blätter im nassen Hof, Schnee auf den gegenüberliegenden Gräbern. Hier war ich zum ersten Mal verliebt, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Und dann herzgebrochen, wie es sich gehört. Hier habe ich meine erste Tochter geboren und später auf den Friedhof getragen. Und zum ersten Mal erlebt, wie die Jahreszeiten die Trauer nach und nach verwandeln. Von oben herab, aus der Dusche heraus. Das Fest der Liebe wurde zum ersten Mal das Fest des Erinnerns. Unser Kultursalon Madame Schoscha ist hier entstanden. Und wenn ich dabei an die zahlreich durchquatschten Nächte mit Christian denke, werde ich rührselig. Hier habe ich auch meinen ersten Roman geschrieben. Und zum ersten und einzigen Mal eine Silvester Party im eigenen Haus, und die war schön. Es schneite dicke Flocken vom schwarzen Himmel und ich glaube, wir alle waren glücklich in dieser Nacht. Die Party ging dann noch zwei Tage lang. Hier habe ich gelebt. Und dann zog mein Bruder ein, und er hat hier gelebt. Beide natürlich illegal, versteht sich. Und jetzt sind wir beide nach elf Jahren weg. Und die gedoppelte Holztür, „das magische Portal in eine andere Welt“, wird jetzt anderen Leuten ihre Geschichten bescheren, neue Kapitel eröffnen. Ich habe mich von den Wänden verabschiedet, die Hände aufgelegt, und ich weine noch manchmal, wenn ich daran denke. „Mach ein Kreuz auf dem Boden, hier war ich glücklich“, schrieb Hilde Domin. Nun sitze ich im himmelblauen Barcelona, begleitet vom „Heimweh nach dem Himmel eines Schneetages im November“, schrieb wiederum Heißenbüttel. Erst vor ein paar Jahren, auch über die Weihnachtstage durfte ich Barcelonas Himmel einmal ganz nah kommen. Beinahe hätten wir uns an diesem Tag versöhnt, Barcelona und ich. Eine Freundin lud mich auf eine Kirchendachführung der Santa Maria Del Mar ein. Ein katalan-gotischer Koloss, durch dessen Fenstermosaike am späten Nachmittag letztes Tageslicht blauschimmernd fällt. Über verschlungene Wendeltreppen stiegen wir in vollkommener Dunkelheit, unsere Finger zur Orientierung über die kühlen Steinwände streifend, Stufe um Stufe, immer weiter nach oben. Durch eine letzte Tür gelangten wir auf das Dach. Das Besondere an dieser Kirche ist, dass sie nicht wie sonst auf einem ausladenden Platz erbaut wurde, sondern inmitten des Wohnviertels. Die Nachbarhäuser lehnen sich vertrauensvoll an das Gotteshaus, kaum getrennt von schmalen Gassen, über die hinweg wir die Menschen in ihren Wohnungen beobachten konnten. Der Blick über die Flachdächer, die ineinandergreifenden, zusammengewürfelten Terrassen, die Wäsche auf den Leinen, über die vereinzelt Möwen kreisten. Das Bauchaos der dicht besiedelten Viertel ließ die Stadt mit einem Mal in einem anderen Licht erscheinen. „Barcelona ist eine Stadt im permanenten Aufbruch. Ständig wird ausgebaut, abgerissen, wiederaufgebaut“, schreibt Ulrike Fokken in ihren literarischen Streifzügen durch „Barcelona“. Und eben dieser permanente Wechsel offenbarte sich mir in diesem Moment in einer bislang nicht erlebten Verletzlichkeit. Diese sich in beständiger Selbstsuche, in ewigem Wandel befindliche Stadt. Weihnachten vor sechs Jahren, als Wandel etwas Positives, Lebendiges war. Weihnachten heute, wenn die Kraft zum Weiterwandeln fehlt. Hinter dem Tibidabo ging damals die Sonne unter und tauchte alles in zuckerwattefarbenes Licht. Die fernen Mapfre-Hochhäuser strahlten wie zwei urbane Leuchttürme aus der Stadt. Am Horizont das schwarze Meer, das sich hinter Barcelona erhob, als versinke die Stadt im Vordergrund darin. Ein barcelonesisches Atlantis, das ich, wie einst Mascha Kaléko Berlin, heute immer noch suche. Wie passend für uns aufgelegt, wehte damals aus einer der gegenüberliegenden Wohnungen „Ao Longe O Mar“, der Portugiesen Madredeus, und begleitete uns die Treppen wieder hinab. Nach der Führung schlenderten wir noch über den Weihnachtsmarkt Santa Llúcia direkt um die Ecke, wo mir unverhofft zum ersten Mal der caganer begegnete. Eine kleine Figur, die in der katalanischen Weihnachtskultur in jeder Krippe zu finden ist. Da sind Maria und Josef, dort liegt das Jesuskind im Stroh. Und neben dran hockt ein traditionell gekleideter, katalanischer Bauer mit heruntergelassener Hose. Sein lackierter Hintern glänzt unter der Marktstandbirne und aus dem Moos heraus kann ein kunstvoll drapierter Haufen ausgemacht werden. Die Interpretationen reichen über den caganer als Symbol für einen gesunden und ausgeglichenen Körper bis hin zu einem Glücksbringer. Der Hirte führt auf eigenwillige Art den Einklang des Menschen mit der Natur vor Augen. Für den Kreislauf des Lebens, für seinen immerwährenden Wandel. Und, wie der Volksmund hofft, mit einer kräftigen Portion Glück dabei. Dieses Jahr schenke ich allen Familienmitgliedern einen caganer. Und ich stelle mir selbst einen in mein Krippenbild. In meinen scharlachroten, schalldichten Raum. Wenn ich Glück habe, befindet sich dieser in einer neuen Wohnung, die ich hoffentlich im März beziehen darf. Vielleicht finde ich dann eines Tages auch wieder Zugang zu ihm.

*Teile des Textes sind auf der literarischen Internetplattform Fixpoetry erschienen

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