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Kolumne

Blanka Beirut / Tagebuchstaben #120

Tubercula oder Schreiben statt Kotzen

Sagtest du Ferkel oder Schnörkel?, fragte die Katze.  (Alice im Wunderland)

Morgens schneidet ein ungemütlicher Wolkenwinkel durch Blanka Beiruts Himmel. Ein aschgrauer Imperativ, denkt sie und sichtet ihre Handtasche. Wörter und Sätze. Und der Nymphensittich. Der gruselt sich heute. Aber nicht vor den Gespenstern des Karnevals. Nein, viel mehr vor den Gestalten, die in scheißfarbenen Socken durch die Zeit schleichen. Riecht denn niemand diese Exkremente, hass- und brand- und morddurchmischt?  Blanka sagt: „Braun ist auch nur eine Farbe!“ Und schon kuschelt sie mit der Sagenichtsmasse. In der Braun so schön gedeihen kann. Von schleichen kann nämlich keine Rede sein, denkt sie trotzig. „Die haben kleine Sensen unter ihren Schuhen“, schreit der Nymphensittich, der Gedanken lesen kann. „Jeder Schritt ein Riss in den Asphalt der Demokratie!“

Blanka Beirut will von nichts was wissen und schraubt Beirut von ihrem Namen ab. Weil auf Listen Libanon steht. Dann häkelt sie einen Kamelhöcker in Sittichgröße zum Trost. Für Karneval. Doch jetzt bricht erst recht Panik in der Handtasche aus. „Ich sagte Höcker, nicht Höcke!“, mahnt Blanka und steckt Beirut und Kamelkostüm in ihre Handtasche. Doch vergebens, der Nymphensittich besteht auf eine weniger stinkende Verkleidung.

Jetzt reichts! Dann eben Kamelle. Gegen das Gezeter des Taschenfederviehs bringt sie die Handtasche zum gestreiften Nachbarn. Und zieht los. Mit Plastiktüte. Doch vor der Tür malt giftiges Sonnengelb ins Graulicht. Sie tritt auf einen verlorenen Schnuller und seltsame Percussion fällt vom Baum. Specht versehrt, denkt Blanka und hört den Nymphensittich aus dem Haus quietschen wie eine Luftballontrompete. Von Kamelle nix zu sehen. Da lässt ein Sturm Tetra Pak mit der Aufschrift „Glücklicher Apfel“ über die Straße wabern. Glücklich genug um Scheißhaufen auszuweichen, doch nicht stark genug um sich gegen den Wind zu wehren. Blanka steckt den Quader in ihre Tüte bevor auch der glückliche Apfel mit dem Wind will. Jetzt merkt sie, dass Braun stinkt und ein Wahlergebnis auch. Und ihr wird übelst übel.

Zuhause holt Blanka Handtasche, Stift und Papier. Schreiben statt Kotzen, denkt sie und schüttet sich aus in Schrift. Aha. In den Schnörkeln singt ein kleines fröhliches Ferkel und – oh Fortuna- die Antwort: Tubercula. Der neue Name vom Häkelhöcker. Ab mit dem in die Handtasche und Beirut schnell wieder an seinen Platz. Endlich zieht der Nymphensittich sein duftig getauftes Häkelkostüm über. Alaaf, kräht er in Papageientonart. Tuberkula Minor. Minus Höck.

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