Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Seitenwechsel * Tagebuchnotizen 27. Mai 2020

Wortschau Ausgabe 36: Glück

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, in dieser Ausgabe der 27. Mai 2020, machen sich fünf Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, essen, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt etc. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Dabei geht es um die Frage, ob es, seitdem die ganze Welt vor der Haustür zu liegen scheint, also: ob und wie es angesichts der uns abhandengekommenen Ferne und angesichts der Globalisierung möglich ist, zeitgleich an sehr verschiedenen Orten und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas entstehen zu lassen, das heimisch macht, jenseits länder- und gedankenbezogener Trennungslinien. Wie kann das aussehen? Es geht um die Suche nach einer Form, mit der sich die verlorene Distanz wiederentdecken lässt. Und es geht darum, ob und wie Nähe sich dadurch neu definieren lässt.

(c) Robinson Tilly nach einem Schriftbild von Johanna Hansen

 

David Eisermann
Mittwoch, 27. Mai 2020

3.27 Uhr
Als ich kurz aufwache, lese ich etwas und schaffe es dann, wieder zu schlafen.

8.35 Uhr
Termin bei meinem Steuerberater. In dem Stadtteil, wo ich mit meinen Eltern als Kind gelebt habe. Nahe beim Sterbehaus von Robert Schumann, vormals die Privatklinik Richarz, wo er aus Düsseldorf mit der Diagnose „Melancholie und Wahn“ eingeliefert wurde. Online veröffentliche ich unterwegs Texte mit Fotos, die nach 23 Stunden wieder verschwinden. Jetzt bin ich damit hier angekommen – zur Zeit von Robert und Clara Schumann ein ländlicher Ort, von dem aus der Komponist auf die Silhouette der nahen Stadt blickte. Nur wenige Hausnummern entfernt mache ich mein Bild: das Straßenschild „Mordkapellenpfad“. Endenich hat diese sehr alte Tradition der „Mordkapelle“, die an römische Soldaten erinnert, die angeblich wegen ihres christlichen Bekenntnisses hingerichtet wurden. Und zwar hier. Die Kapelle ist Teil eines ehemaligen Klosters, beschlagnahmt als Sammellager für Bonner Juden. Als einer der bedeutendsten Gelehrten der Universität, der Mathematiker Felix Hausdorff, mit seiner Frau dort einbestellt wurde, nahmen die beiden sich das Leben. Hausdorff wußte, was ihn erwartete: „Endenich ist noch das Ende nicht.“ Zur Zeit meiner Endenicher Kindheit hatten viele meiner Spielkameraden und Mitschüler Eltern, die an der Universität beschäftigt waren – von Felix Hausdorff, seiner Frau und ihrem Schicksal gut zwanzig Jahre zuvor damals aber kein Wort.

14.12 Uhr
Eigentlich sollte heute im Verein Literaturhaus Bonn Vorstandssitzung sein. Dann ist aber wegen der Frage, welches Verfahren für die notwendige Video-Konferenz verwendet werden sollte, alles verschoben worden. Stattdessen fahre ich zu meiner Mutter. Sie lebt mit einer Pflegerin zu Hause.

Zurück in der Nordstadt, schreibe ich meinen Studentinnen und Studenten: Für morgen, 28. Mai, lade ich Sie zu einem Zoom-Meeting ein. Unser Thema: „What if We Stopped Pretending?“ Der amerikanische Romanautor Jonathan Franzen (Jahrgang 1959) als politischer Kommentator und Kritiker. Signatur: mein Name mit dem Zusatz „Lehrbeauftragter im Optionalbereich“, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität.

18.55 Uhr
Die kurze Michaelstraße entlang, mit sorgfältig instandgesetzten und restaurierten Fassaden aus der Zeit um 1900. Zeit für unseren jour fixe, auf den wir während des Lockdowns wochenlang verzichten mußten. Das Lokal ist ein niedriger Bau aus der Zwischenkriegszeit. An einer vielbefahrenen Straßenecke, wo die Durchgangsstraße die mehrspurige Ringstraße kreuzt. Tonnenschwere, mit Werbung bunt bemalte Züge der Straßenbahn fahren hier um die Kurve. Die Gleise verlaufen im Asphalt der Straße. Man meint förmlich, bei der Fahrt das ganze Gewicht des Zugs zu spüren, so teilt es sich im Boden mit.

Nach 19 Uhr
Draußen am Tisch vor dem Restaurant tragen wir keinen Mundschutz. Ruth und mich trage ich auf der Liste ein, die uns der Wirt vorlegt. Damit der Infektionsweg und mögliche Kontakte zurückverfolgt werden können, falls jemand unter uns positiv getestet werden sollte. Ruth trägt ihr Haar offen. Venetian blond. Spätes Licht aus dem Westen. Ein paar Minuten von hier ist das Museum mit dem Atelier von August Macke. Totgeschossen mit 26. Er hat dieses Licht gemalt. Wir sind zu viert. Unser Freund sieht heute mit seinem grauen Bart besonders philosophisch aus. Ich habe ihn noch gekannt, da sah er aus wie der junge John Malkovich. Über Hegel zu reden und wieweit er sich schon ganz von dem zu seiner Zeit in der akademischen Philosophie noch allgegenwärtigen Gottesbezug gelöst hatte (oder eben nicht: Ruth hat da eine Textstelle mitgebracht), enthebt uns sofort aller Tagesaktualität. Echt deutsch war Georg Wilhelm Friedrich Hegel ja nicht einfach Philosoph. Sondern Philosophieprofessor. In Berlin. Als Schwabe. Ruth lächelt mich fröhlich an. Strange as it may sound, Hegel has become our default mechanism. This kind of conversation relaxes us. Lots of smiles and wry asides. The Hegel Comedy Hour. I’m your host tonight, and it’s going to be phenomenal!

In den Gläsern Rosé. Auf dem Teller angerichtet weißer Spargel mit gekochtem Schinken, Röschen aus Karotten, Eichblattsalat, glasierte, angebratene Kartoffeln, bestreut mit Petersilie. „Wir sitzen draußen und trinken Wein“, schreibe ich Johanna, der Herausgeberin der WORTSCHAU. „Es ist noch ganz hell.“

23.20 Uhr
Zu Hause lege ich mich schlafen. Im Traum fahre ich wieder zur Morgensendung. Das Funkhaus muß durch die Tiefgarage betreten werden – eine Corona-Schutzbestimmung. Alles sieht nicht so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Ich bin nur mit einem Handtuch bekleidet und laufe so durch ein Foyer, in dem überall Teilnehmer einer Tagung sitzen und sich besprechen. Ich bin auf der Suche nach einem Studiogast und will telefonieren. In Wirklichkeit gibt es gar keine Tiefgarage unter dem Funkhaus. Dann bin ich mit einer Hörerin im Hotel. Nach der Mittagskonferenz. Im Zimmer ein Monitor, der gelbe Fische in einem beleuchteten Aquarium zeigt, in Endlosschleife. Hinterher hat sie mir erlaubt, ihre Füße zu fotografieren. Sehr blaß, sehr wohlgeformt. Schutzlos zwischen den Laken. Sie ist auf einem Bauernhof groß geworden. Sie erzählt aus ihrer Kindheit, ihre beste Freundin und sie hätten oft im Stall gespielt, der im Sommer nicht genutzt wurde. Die Kühe waren draußen auf der Weide. Sie hätten immer Katzen gehabt. Manche Katze geriet unter ein Auto. So gab es immer wieder Bedarf für neue Kätzchen. Gelegentlich hätten sie sie auch verschenkt. Kater fühlten sich längst nicht so an Haus und Hof gebunden wie Katzen. Sie streifen umher auf dem Lande. Und bleiben nicht selten irgendwann ganz weg.

 

***

Johanna Hansen
Düsseldorf, 27. Mai 2020

6.00
Seit Beginn der Pandemie ist mein Schlaf dünner geworden. Ich stehe früher auf als sonst. Die Tage vergehen in der Monotonie der omnipräsenten Gebrauchsanweisungen: Distanz halten. Händewaschen. Ich harre aus in der Stille des Ateliers. In einer Luftblase aus Herzklopfen und Dankbarkeit. Dankbar, weil dringende Einkäufe von hilfsbereiten Nachbarn aus der Hausgemeinschaft erledigt werden. Herzklopfen, sobald ich die aufgeregten Gesichter in den Fernsehdiskussionen und den Warteschlangen vor den Supermärkten sehe. Manchmal überkommt mich eine eigenartige, ungewohnte Ruhe. Gerade so, als könnte mich das Virus nicht ernsthaft gefährden. Ich habe kaum Angst vor ihm, weil mir existentielle Bedrohung seit meiner Kindheit durch heftige Krankheitsphasen vertraut ist. Jetzt erlebe ich die Furcht der Menschen um mich herum als Spiegelbild meiner eigenen Erfahrungen mit Atemnot und deren Folgen.

In den Regionen stoffüberzogener Münder zwischen Abstandsregeln und Weltbeschreibungen Platz zu lassen für Nähe, ist nicht leicht. Aber genau an dem Punkt, wo ich Signale aussende oder die von Fremden erwidere, ein Kopfnicken, einen aufmunternden Blick, eine Nachfrage, kann aus einer Freundlichkeit eine Geste der Verbundenheit werden.

10 Uhr
Spaziergang durch Hamm, vier Straßenbahnhaltestellen von Zuhause entfernt. Das ehemalige Fischerdorf am Stadtrand mit kopfsteingepflastertem Marktplatz, Kirche, Bäckerei, Apotheke, ringsherum Linden, liegt zwischen einem Neubaugebiet und Gemüsefeldern, direkt an der Grenze zum Medienhafen. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Am Hafen die Skyline aus Glas und hoch aufgetürmten Lofts. Hier Einfamilienhausidyllen in meist handtuchgroßen Gärten. Über allem das Parfüm der Linden. Die Mauersegler sind da.

In Sichtweite der schwer bewachte Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses. Auf den Feldern direkt daneben werden Kohl, in Gewächshäusern Tomaten angebaut. Klatschmohn und wildes Getreide wachsen an den Ackerrändern. Die Erde ist viel zu trocken und kein Regen in Sicht. Stärker als der wochenlange Lockdown beschäftigt mich, dass Europa als Folge der Erderwärmung versteppen könnte. Ein weiteres Detail in der täglichen Flut der Katastrophennachrichten. Auch deshalb hüte ich meine Leidenschaften, vor allem Literatur und Kunst, wie vom Untergang bedrohte Halligen. Flagge Schönheit, wo es mir möglich ist. Halte dem schockierenden Szenario meine Gedichte und Bilder entgegen. Für mich ein Akt der Resilienz, auch wenn ich weiß, dass ich damit nichts ausrichten kann.

In Hamm ist heute kaum jemand unterwegs. Am Himmel taucht ein Zeppelin auf. Ein Feldweg führt auf den Damm. Dahinter das Rheinufer. Über der niedrigen Eingangstür eines ehemaligen Fischerhauses das steinerne Relief eines Lachses. Auf dem Fluss Frachtkähne, beladen mit Containern. Auf einem lese ich statt eines Namens: Vita somnium breve. Das Leben, ein kurzer Traum.

Als Kind lief ich durch die Felder, darauf achtend, nichts Lebendiges zu zertreten, um die Kornmuhme nicht zu beleidigen. Eine Art Mutter Erde, die von mir respektvollen Umgang mit der Natur verlangte. Zusammen mit den Mädchen und Frauen meines Heimatortes sammelte ich in ihrem Hoheitsgebiet Blüten, um zu Fronleichnam damit Blumenteppiche am Prozessionsweg anzulegen. Sie verströmten den Duft von Kamille, Kornblumen und Buschwindrosen und lösten in mir intensive Bilder von Schönheit aus. Ich träumte davon, in den Mantel der Gottesmutter gehüllt zu werden, ins Blau der Ferne. Im Alltag reichte ein Holundergebüsch aus als Zufluchtsort. Es wucherte überall. Ich hockte mich darunter, legte einen Zettel auf den Boden und notierte einzelne Wörter: Gras, Pferd, Pappel, Himmel, Fluss.

Sich schützen vor den Zumutungen des Lebens. Sich selbst vergessen. Hinschauen. Verstehen. Linien ziehen. Schreiben. Meine Strategie, Gefahren zu begegnen und der

Unauffindbarkeit des Glücks die Stirn zu bieten. Komme, was will.

15 Uhr
James schickt das Foto eines Regenbogens aus Kathmandu. Er sei in dem Moment aufgetaucht, als er eine Mail an mich formulierte. Ich leite das Foto an alle Teilnehmer des Projekts Seitenwechsel weiter. Was immer uns aus der Bahn wirft. Umtreibt. Wir schreiben heute für einen Moment im selben Farbwind.

Kathrin meldet sich aus Barcelona. Sie hat sich am Virus angesteckt und nach heftigen Symptomen die Krankheit fast überstanden. Ich bin sehr erleichtert, dass es ihr bessergeht.

Kathrin macht mich auf das Lexikon der schönen Wörter aufmerksam. Ein Projekt des Literaturhauses Stuttgart als literarisches Gegenmittel zur Corona-Krise. Man kann Beiträge dazu einreichen. Ich entscheide mich für die Wörter Mondhase und Mondfisch.

Während der Mondhase in der asiatischen Mythologie unentwegt Kräuter in einem Mörser zerstößt, um für die Mondgöttin ein Unsterblichkeitselixier zuzubereiten, schwimmt der Mondfisch, der als der schwerste Knochenfisch der Welt gilt, am liebsten durch warme Gewässer. Seine äußere Form und seine schuppenlose weiße Haut ähneln einem Vollmond. Die beiden gehören zu unvereinbaren Welten. Werden mir beim Malen zu Chiffren für das Thema Nähe und Distanz.

Es interessiert mich umso mehr, seit sich in den Medien und in Gesprächen mit Freunden fast alles nur noch um Ansteckungsgefahr, Desinfektion und Schutzmaskenausläufer dreht.

Wochenlang habe ich meine Mutter nicht mehr gesehen. Erst machte die Quarantäne einen Strich durch die Rechnung. Dann wurde in Aussicht gestellt, hinter einer Glasscheibe und mit Mundschutz in einem extra dafür hergerichteten Raum miteinander sprechen zu können. Meine Mutter ist 94 Jahre alt und lehnt solche Bedingungen für sich ab. Ich habe den Eindruck, dass sie hinter verschlossenen Türen ein kleines Stück heimlicher Emanzipation erlebt. Da Familienbesuche nicht erlaubt sind, hat sie andere Kontakte gesucht und unter den Heimbewohnern eine neue Freundin gefunden. Schickt mir Fotos, sagt sie am Telefon, damit ich eure Gesichter nicht vergesse.

19 Uhr
Facebook
Seitdem ich mich im Februar dort registrierte, habe ich nicht nur längst aus den Augen verlorene Jugendfreunde wiedergefunden, sondern auch Austausch mit Menschen, die ich persönlich bisher nicht kannte. Gleich in den ersten Tagen tauchte David Eisermann unter den Namen auf, die Facebook mir als „Freund“ vorschlug. Als langjährige Hörerin des Morgenmagazins im WDR 3, war mir Davids Stimme sehr vertraut. David moderierte dort Kultursendungen. Die einzigen, für die ich das Radio anschaltete. 2018 verschwand seine Stimme aus dem Programm. Ich vermisste seine klugen Fragen und Kommentare. Bei Facebook begegnete ich David an völlig unerwarteter Stelle wieder. Ich musste ihn nicht lange überzeugen, mitzuschreiben am Seitenwechsel-Projekt.
Es gibt ihn also doch hin und wieder, den glücklichen Moment.

 20 Uhr
Mein Gedichtband „Zugluft der Stille“ ist fertig. Ein anderer Autor der Edition offenes Feld hat ihn bei Facebook gepostet. Vor lauter Aufregung laufe ich zum Rhein, ein Stück über die Uferpromenade und dann noch um den nächsten Block. Ich laufe so weit, bis mein Blutdruck sich wieder einigermaßen normalisiert hat. Schlafen kann ich nachts trotzdem kaum. Ein inneres Bild hält mich wach: das von Leuchttürmen, die endlose Steilküsten säumen. Jeder ein Außenposten, weit voneinander entfernt in der Brandungszone. Und doch blinken sie sich mit Positionslampen in der Dunkelheit übers Meer unentwegt zu.

 

***

 

James Hopkins
Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller

Mit der einäugigen gehörlosen Kellnerin im Lockdown in Kathmandu
Beim Einschlafen denke: „Möge ich wach bleiben. Beim Aufwachen denke: „Möge ich mich erinnern, dass ich nur träume.“ - Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche

Morgengrauen
5:17 Uhr. In eine Decke gehüllt, schlafe ich auf dem Fußboden eines Meditationsraums, der auf die Stadt Kathmandu hinausgeht. Vor dem ersten Gedanken stoße ich wie ein Fisch in die Luft durch den Horizont zwischen Schlafen und Wachen. Die Arme ausgestreckt, die Hände über dem Kopf. Ich bestehe aus Licht, mit hellroter Haut – rot wie das Feuer am Ende des
Äons – und dem Guru auf dem Scheitel.

Morgen
8:10 Uhr. Beim Frühstück spricht sie nicht, was für eine gehörlose Frau nicht ungewöhnlich ist, und dennoch weiß ich nach 15 Jahren, die wir jetzt zusammen sind, dass irgendetwas in der Luft liegt. Also frage ich sie: „Was ist los?, aber sie dreht den Kopf zur Seite – zu der Seite, wo das Auge sein Licht verloren hat, durchstochen von einer Sense an einem grasgrünen Tag. Und sie weigert sich immer noch zu sprechen.

In einem schwarzen Philips-Mixer mache ich gerade einen Smoothie. Anderthalb Bananen, eine Mango, eine Kiwi und ein paar hellgrüne Spirulina vom Samstagsmarkt. Sie liebt Kiwis, deshalb tue ich noch eine extra hinein und frage sie: „Hast du heute Nacht geträumt?

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass sich in dem Baum vor dem Küchenfenster Papageien versteckten. Manchmal zwei und manchmal nur einer. Wenn die beiden zusammen sind, küssen sie sich & spielen & putzen sich gegenseitig das Gefieder. Sie stupsen sich an, ohne ein Wort zu sagen. Nur grüne Blätter und Morgen und etwas, das man Liebe im richtigen Licht nennen könnte.

Schließlich sagt sie: „Heute Nacht habe ich deine Mutter gesehen, und mir ist klar, dass sie damit meint, sie hat von meiner Mutter geträumt, und dass ich wieder Ärger kriege. „Ach, wirklich, sage ich lächelnd, „was hat sie denn gesagt?“ - „Sie hat getanzt, sagt sie. „Meine Mutter tanzt nie, sage ich. „Mit mir tanzt sie immer, erwidert sie, „und heute Nacht hat sie im Wohnzimmer mit ihren Freundinnen getanzt.

Ich freue mich immer über diese Botschaften von Mom, und ich freue mich, dass sie jetzt auch Freundinnen hat. „Sie hat mir erzählt, sie sei glücklich, und sie hat mir gesagt, dass wir heiraten sollten, sagt sie und wendet mir ihr gutes Auge zu. Das eine Auge, das der Tod noch nicht heimgesucht hat. Das klare Auge, das an den Hügeln & dem Himalaya vorbei & direkt hinauf in den Himmel blickt, und ich biete ihr den Smoothie im Glas an.

Der Smoothie ist süß mit grünen Kiwis und Mangos und etwas, das auf der Zungenspitze tanzt. Jetzt blickt sie mich, auf Antwort wartend, direkt an. Ich setze mich auf den Holzstuhl neben ihrem, und in dem Baum mögen Papageien sein oder auch nicht. Und jetzt lege ich meine Arme um sie, einfach so, denn ich weiß genau, dass es genug sein wird.

Nachmittag
15:30 Uhr. Die Hitze des Tages kriecht jetzt von allen Seiten in die Wohnung, und sogar die Vögel sind verstummt. Nebenan schlafen die indischen Teppichwäscher im Gras. Ich bin oben und arbeite an meinem Schreibtisch. Sie kommt die lange, geschwungene Treppe herauf, bedenkt mich mit einem bollywoodhaften Hände-in-den-Hüften-Blick, der so viel bedeutet wie: „Was immer du da tust, ist falsch, und stolziert ins Gästezimmer.

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass letzte Nacht im Garten, vier Stockwerke weiter unten, der Nachtjasmin blühte. Ein Viertelmond war in dem Meditationsraum, in dem ich schlief, und der Duft waberte in meinen Traum, in dem sie mit der Stimme sang, die ich nie gehört habe. Sie bewegte sich wie der Nachtwind, und es gab Kochbananenbäume und wieder kleine grüne Frösche im Gras. Weil es Frühjahr war und Zeit für sie anzufangen.

Sie kommt als Mann angezogen wieder heraus – bekleidet mit einem meiner alten Anzüge aus Wall-Street-Tagen, einer hellroten Krawatte & einem weißen Leinenhemd, das ich in einem Modegeschäft in New York gekauft habe. Sie wirft den Kopf zurück und sagt: „Hast du einen Hut?“ - „Wow, sage ich, „du bist ein Mann!“ - „Ja, stimmt, sagt sie. Aus dem tibetischen Kloster nebenan ertönen Hörner, das Signal für die Ankunft des Lamas.

Ein paar Minuten später ist sie mit einem Kohleschnurrbart & einem samtschwarzen Topi aus Bhaktapur wieder da und fängt an, den Tanz des Mannes, der auf ein Mädchen in einer Bar scharf ist, zu tanzen. Er sagt zu ihr: „Komm her und setz dich auf mein Knie, Baby.“ - „Wow, sage ich erneut, „du bist ein Mann in einer Bar, der versucht, sich an ein hübsches Mädchen ranzumachen.“ - Ja!, sagt sie, und ihr eines Auge zwinkert in dem Wissen, dass ich verstanden habe. Für den Rest des Nachmittags regnet es.

Abend
18:30 Uhr. Seit Monaten ist die Stadt im Lockdown, und alle bleiben zu Hause. Kurz vor Sonnenuntergang steigen wir die Treppen zum Flachdach hinauf. Dort sehen wir alle unsere Nachbarn, und wir winken: den chinesischen Ropeskippern, den Badmintonspielern, dem Mönch, der am Rand eines vier Stockwerke tiefen Abgrunds meditiert, der alten Tibeterin mit Feuer in den Händen, die jeden Tag aufs Dach steigt, um Buddha zu opfern. Der einsamen Amerikanerin von gegenüber, die verdient, es zu sein.

Der Regen hat nachgelassen, es gibt eine Wolkenlücke, und die Vögel sind wieder am Himmel. Krähen und Tauben und die Beos aus der Dachtraufe, aber die Papageien sind nirgendwo zu sehen. Die Sonne schlüpft unter ein schwarzes Wolkenband am westlichen Rand des Himmels. Dann fängt es wieder an zu regnen, und jetzt ergießt sich goldenes Licht über den Talboden und taucht alles in Sonne & Regen. „Da schlägt der Teufel wieder seine Frau, sage ich.

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass in der dichten Baumgruppe beim Hyatt Regency die Krähen ihre Stadt gegründet haben. Die dunklen Dinger, die sich in den Winkeln des Tages verstecken, die Gegend nach Mäusen absuchen & deren Knochen oben auf den Telefonmasten sauber picken. Die Eierräuber und Marodeure, die Wächter und Vorboten, sie alle brauchen eine Bleibe. Jetzt kommen sie im Sturzflug wieder zurück und lassen sich für die Nacht nieder, und die Bäume scheinen sich geräuschvoll zu wiegen.

„Warum die Frau schlagen?, fragt sie. „Das sagen wir so in Amerika, wenn es gleichzeitig Regen und Sonnenschein gibt, antworte ich. Oberhalb der Baumgrenze fangen die Blumen an zu blühen. Und vor kurzem hat jemand geschworen, er habe oben in den Bergen einen Tiger gesehen. Sie sagt: „Hier in Nepal heißt es, der Fuchs wird bald das Hochzeitslied singen, und sie möchte noch einen Tanz tanzen. Sie beginnt sich zu wiegen, ihre Handgelenke bewegen sich geschmeidig, und ihre Hände erzählen die Geschichte des Tages. Als sie fertig ist, klatsche ich und sie verneigt sich. Wir gehen hinunter zum Abendessen.

Nacht
23:45 Uhr. Nachts schlafe ich auf dem Fußboden des Meditationsraums ein und träume von einem Mann an einem Schreibtisch in einem schwarzen Glasturm in New York City. In meinem Traum ist es auch Nacht, und der Mann trägt eine rote Krawatte & teure Lederschuhe. Er blickt von seinem Schreibtisch auf und sagt zu niemandem: „Eines Tages gehe ich nach Kathmandu.“ Draußen gibt es Sterne, und das Nachtreinigungsteam aus Indien saugt die dicken Teppiche auf den Fluren. Die Stadt ist ruhig, das Handy ist still, und am Nachthimmel pulsieren Sterne wie ein Herzschlag, der gerade so außer Reichweite liegt.

„Hark“ und „To Us is Born …“ Bald ist die Bolivianerin an meiner Schulter eingeschlafen, während ihre weichen Lippen sich zu den Liedern bewegen. Die Musik schwillt an. Gibt es Weisheit ohne Feuer? Die Kinder singen. Gibt es Erlösung ohne den Speer? Die Mädchen hinter mir sind betrunken. Der Kirchendiener kommt mit einem metallenen Anzünder, und jetzt wird Licht von einem Leben zum nächsten weitergegeben, bis jeder eine Flamme hat. Dann geht die Kirchenbeleuchtung aus, und sogar die Bolivianerin ist wach. Gibt es Rettung ohne Blut? Die Sterne kommen heraus und wir halten sie in Händen. Das ist die Geburt von etwas, das sogar ich verstehen kann.

 

***

 

David Oates
Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller

Im Vorraum der Apokalypse
Es ist nur ein weiterer Seuchentag, was nicht so schlimm ist, wie es klingt.

In unserer angenehmen Stadt im Westen sind wir nicht, wie die Geiseln von New York oder London, in winzigen Apartments eingepfercht. Wir können jeden Tag Spaziergänge durch unser städtisches Wohnviertel machen, wo die Häuser Vorgärten haben und die Jahrzehnte sich ansprechend mischen: riesige Holzhäuser aus den 1910er   Jahren mit Dachgauben und geräumigen Veranden neben kleinen Nachkriegsbungalows. Ein paar viktorianische Häuser, mit verschnörkelten Holzelementen verziert. Die Gehwege liegen im Schatten von üppig belaubten Ahornbäumen und von Hartriegeln, die weiße Blüten verlieren oder sie tapfer festhalten. Alles im ersten frischen Grün. Hohe Nadelbäume natürlich, Douglasien und Hemlocktannen. Riesige Ulmen, die wir vor dem großen Aussterben in Nordamerika gerettet haben.

Jetzt retten wir uns selbst vor dem Aussterben, hoffen wir jedenfalls. Es ist ruhig hier, unsere Gouverneurin ist vernünftig, und die meisten Portlander sind realitätsorientiert und willig: Masken. Großzügiger Abstand. Wenn man um eine Ecke biegt und jemand kommt einem entgegen, tritt einer von beiden auf die Straße und man geht mit einem Lächeln in den Augen oder einem kleinen Handzeichen rücksichtsvoll aneinander vorbei. Wohnstraßen sind leer, autofrei. Pärchen gehen manchmal mitten auf der Straße. Warum nicht.

Wir befinden uns im Vorraum der Apokalypse, erwarten ruhig die zweite Welle.

Ich ziehe meine Maske hoch und betrete ein Lebensmittelgeschäft, verlasse es mit ein paar Sachen für unser Abendessen. Zu Hause kommt der Einkauf in Quarantäne, bis einer von uns mit einer milden Bleichlösung alle Oberflächen abwischt, während der andere mit warmem Wasser und Spülmittel Obst und Gemüse wäscht.

Uns ist klar, dass wir nicht mit einem Schlauch im Hals auf einer Trage im Krankenhaus liegen wollen.

Ich nehme den langen Weg nach Hause, so habe ich noch eine oder zwei Meilen mehr. Eine gute Distanz, um über diesen Essay nachzudenken – wie soll ich diesen Tag, diese Zeit der Merkwürdigkeit vermitteln? Die Ängste. Die Freuden.

Eigentlich hat sich mein Leben kaum verändert. Ich bin Schriftsteller – was tue ich anderes, als früh aufzustehen, um allein in meinem Arbeitszimmer zu sitzen? … Dann einen Spaziergang und ein Nickerchen zu machen und anschließend wieder zu sitzen, um zu lesen, Marginalien anzubringen, noch einmal zu überdenken und zu redigieren und ein bisschen weiter zu lesen? Staunend höre ich von den Kämpfen derer, die das Alleinsein befremdlich und verstörend finden – oder die nicht mit guter Gesellschaft gesegnet sind, so wie ich mit meinem Partner, der als Künstler zufrieden seine eigene Version eines kreativen Einsiedlertags lebt.  

Was ich wirklich vermisse, sind Livemusik und Essen mit Freunden. Ich vermisse es, nachmittags zum Lesen und Schreiben ein Café aufzusuchen. Seine unaufdringliche Geselligkeit auf Distanz. Abgesehen davon … bin ich seltsam unbeschadet. Mein Privileg scheint keine Grenzen zu kennen. Ruhe im Vorraum der Apokalypse.

Wann musste ich wirklich einmal auf die bange Art warten? Vermutlich in der Graduate School, diesem Übungsgelände für Belohnungsaufschub. Aber die Langstrecke bin ich ja gewohnt: als Distanzläufer, nicht nur von der Physis, auch vom Naturell her. Gutes liegt hinter einem fernen Horizont, immer. Ziele sind gesetzt. Das Alltagsgeschäft ist eine Sache von Beharrlichkeit und Disziplin.

Jetzt, wo meine Knie zu kaputt sind für Langstreckenläufe … wie sehr vermisse ich die!

Im Großen und Ganzen lebe ich, Knie hin oder her, jedoch noch immer so. Ein Gedicht beenden, es für Tage oder Wochen liegenlassen, wieder anschauen. Ein Buch fertig schreiben, manchmal ein jahrelanger Prozess. All die Tage und Wochen und Monate, die so strukturiert sind. Einfach immer weiter.     

Ich habe nie ungeduldig vor einem Kreißsaal gesessen. Oder gar in einem! Noch habe ich gelitten, während ein mir Nahestehender am Rande eines letzten Atemzugs erschauert. Die Alten in unserer Familie leben lange und sterben bis heute völlig angemessen. Das ist nur ein bittersüßes Warten. Wie gesagt: ein seltsam privilegiertes Leben.

Ich harrte auf Gott, als ich ihn noch hatte. Bald aber lernte ich, die tiefen Wälder und hohen Berge dafür zu nehmen, und sie haben mich nie enttäuscht. Die Meeresküste oder ein genügend breiter Fluss tun es auch. Ich harre nicht mehr auf den Herrn, aber ich harre auf etwas. Sonnenuntergänge und sternklare Nächte, natürlich. All das Gewaltige und Merkwürdige, so weit weg! Und doch … inwiefern unterscheidet es sich von dem Merkwürdigen in unmittelbarer Nähe? Wir alle bewegen uns im selben Universum. In diesem Sinne ist es bereits hier. Und wir sind es.

Gewiss haben wir alle uns von diesen Momenten, diesen Unwägbarkeiten beherrschen lassen. Wir alle! Über Tausende von Generationen hinweg. Dieselben Freuden, dieselben Ängste, dieselben Horizonte. Unsere Vorfahren. Und genauso deren Vorfahren, die mit der etwas weiter vorstehenden Schnauze. Was glauben wir, was sie dachten? Die Nachthimmel sprachen bestimmt auch zu ihnen. Und die Frühlingstage.

Für hiesige Verhältnisse ist es heute warm, die heiße Nachmittagssonne lässt ihre Strahlen schräg einfallen. Ich biege um eine Ecke, wo ein Bergflieder sich hinauslehnt und den Gehweg mit der Unschuld verwilderter Äste und Zweige voll blau-violetter Blüten überwuchert. Die winzigen Blümchen sind zu weichen duftenden Ähren gebündelt, die kleinen dicken Blätter graugrün, bestimmt für heißes Buschland wie das, in dem ich aufgewachsen bin, weit unten im Süden, in Los Angeles.

Dieser moschusartige, staubige Geruch gleicht einer Leinwand, auf die das Gefühl von Vergangenheit projiziert wird. So viele Trainingsläufe auf Feuerschneisenpisten in den heißen Bergen des Chaparral rund um L. A.! Meine Schnauze kräuselt sich, ein Wiedererkennen.

Ohne es zu merken, bin ich stehen geblieben. In dem lilafarbenen Busch wimmelt es nur so von Wildbienen, Honigbienen und liebenswerten halbgroßen Hummeln, ein ständiges Kommen und Gehen in der Luft um mich herum. An den Blumenstängeln summen und purzeln und plündern sie. Und hüpfen weiter auf die benachbarten Ähren, die unter ihrem Gewicht zu wippen und zu wanken beginnen; ein Violett, das durch Pollen und Sonnenlicht vergoldete Bienen trägt, als wären sie eine Bilderhandschrift, an die man nicht so recht glaubt.

Und doch tue ich es.

 

***

 

Kathrin Schadt
Barcelona, Mittwoch 27. Mai 2020

Tag 76 im Lockdown zu Hause. Seit Freitag, dem 13.März.

"This morning,
with her,
having coffee.
"
Johnny Cash, when asked for his description of paradise

 

Diese Nacht,
seine Brust,
meine Gedanken tragend.
***
Diesen Morgen,
in dieser Wohnung,
zu Hause sein.
***
Diesen Morgen,
genügend Kraft,
zum Aufstehen.
***
Im Morgengrauen,
alleine,
schreiben.
***
Am Morgen,
er dampfend,
aus der Dusche kommend.
***
Morgens,
alleine,
Lebensmittel kaufen.
***
Häufig auf der Straße,
Menschen,
wortlos ein gemeinsames Gefühl teilend.
***
Beim Betreten des Hauses,
die Maske,
abnehmen.
***
Mittags,
von Freunden,
Post aufmachen.
***
Diesen Nachmittag,
der Papagei,
im Hundenapf badend.
***
Den ganzen Tag,
die Tauben gurrend,
durch die offene Tür trotzdem vom Frühling erzählend.
***
Nachmittags,
Schüler,
unterrichten können.
***
Am Monatsende,
Rechnungen,
bezahlen können.
***
Einmal am Tag eine Stunde,
die Tante,
das Kind anrufend.
***
Die letzten 76 Tage,
mit unserer Technik,
gesegnet sein.
***
In diesen Monaten,
40 dichtenden Kindern,
in einem nicht berührbaren Raum trotzdem begegnen.
***
Weiterhin,
gemeinsam,
lachen.
***
Nach so vielen Tagen wieder draußen,
zum Beispiel Sport,
machen.
***
Manchmal,
trotz allem,
die alten Träume wagen.
***
Am Abend,
von ihm,
bekocht werden.
***
Nachts,
ihr kleiner Körper,
unter die Decke schlüpfend.
***
Eine Nacht,
durchschlafen.

 

***

 

Gundega Repše
Aus dem Lettischen von Nicole Nau
27. Mai 2020

5:00
Im Traum war ich dem Tod nahe. Ich lag in einem andalusischen Dorf neben einem Zaun. Ein Allwissendes Wesen aus einem Paralleluniversum verkündete: Dein Körper will sterben, doch dein Geist will leben. Die Frage der Seele wurde nicht berührt.
 
7:00
Aktive Korrespondenz mit Kollegen. Nach den langen Wochen des Ausnahmezustands haben wir uns vorgestern getroffen. 25 Menschen kamen zusammen, um das Erscheinen des ersten Romans des neuen Projekts ES ESMU … (ICH BIN …) zu feiern. In dem Projekt geht es im Wesentlichen um Empathie, um Identifikation. 13 Schriftsteller schreiben jeweils einen Roman über einen klassischen lettischen Autor, während 13 Literaturwissenschaftler Monographien über dieselben Personen verfassen. Damit erhalten wir 26 Bücher, die miteinander darüber streiten können, was Literatur ist und was Literaturgeschichte, denn in Lettland sind diese Fragen zu einem so dicken Brei verkocht, dass jeder neue Film oder Roman (wie in unserem vorigen Großprojekt MĒS. LATVIJA. XX gadsimts – WIR. LETTLAND. 20. Jahrhundert –, in dem 12 Schriftsteller Romane über jeweils einen Zeitabschnitt schrieben, wobei sie Stil und Inhalt frei wählen konnten) von Historikern angegriffen wird. Kunst, Archivdokumente und persönliche Erinnerungen prallen aufeinander, widersprechen sich. Ich denke immer noch, dass Krieg nicht die beste Lebensart ist. Zusammenarbeit ist eine andere Sache.

Ich kann mich an keine Zusammenkunft von Literaten erinnern, die so lebensfroh und freundschaftlich gewesen wäre wie diese. Wir waren menschlich ausgehungert nach unvermitteltem Leben.

Trotzdem sagten die meisten, sie würden den Verstand verlieren, dennoch schreiben. Bei mir ist es umgekehrt – ich verliere nicht den Verstand und kann nicht schreiben.

Ende April erklärte ein Psychiater im Fernsehen, wie der Mensch auf Schock oder Krise in Phasen reagiert. Die erste ist die heroische Phase: Menschen stehen einander aktiv bei, ermutigen, trösten, handeln.

So war es auch. Die Leute kauften Buchweizen, Toilettenpapier, Desinfektionsmittel, ließen sich Lebensmittel liefern usw. Ich spritzte drei Mal täglich Spiritus auf alle Oberflächen und schrubbte drei Mal täglich den Fußboden – mit Salzwasser, mit Chemie, mit Terpentin. Energie wie ein mittelgroßes Wasserkraftwerk, ein abscheuliches Gefühl rachsüchtiger Genugtuung – da hast du es, die Menschheit hätte schon längst zur Besinnung kommen müssen, raffen, verbrauchen, kaufen, verbrauchen, verdienen und verbrauchen, stehlen und verbrauchen! Das ging vorbei.

In der zweiten Phase geht es laut dem Psychiater abwärts, denn man begreift, dass es nicht so einfach ist. Es gibt Routinen, Unsicherheit, Nichtwissen; Menschen sterben, Zukunftsillusionen schwinden, man verliert seine Arbeit, die Kontrolle über sein Leben usw. Immer häufiger will man statt Desinfektionsmittel Wein kaufen. Erhöhter Gebrauch von Betäubungsmitteln.

Ich rauche mindestens ein Drittel mehr als vor der Pandemie. Noch dazu völlig sinnlos, denn ich schreibe ja nicht. Das heißt, irgendetwas schreibe ich schon – Briefe, Dokumente, ab und zu ein paar Albernheiten in sozialen Netzwerken. Flüchte mich vor der Realität ins Seriengucken. Untypisch für mich: ich höre überhaupt keine Musik. Lese verlangsamt, denn die ganze Zeit stören Hinterkopfgedanken über die großen Perturbationen, über die Natur, über Zeichen, über die Arroganz der Menschheit, darüber, wie ich nützlich sein kann und gleichzeitig nicht verpanzern.

14:00
Spaziergang mit dem Hund. Die Babuschkas stehen unter den Traubenkirschen, den Mund-Nase-Schutz über den Mund gezogen, die Nase frei. Ich gehe nur durch den Hof, denn auch unsere Hundekommune im Wald darf sich nicht versammeln.

17:00
Etwas fehlt schrecklich. Da ist eine Traurigkeit, weit wie die Wüste. Über all jene, die sich wegen der Pandemie nicht begegnen und nicht verlieben können. Weder zum ersten noch zum letzten Mal im Leben.
Riga ist ohne Menschen überirdisch schön. Endlich spricht die Architektur, ihre Schichten und Details, die Epochen und das Elend des 20. Jahrhunderts. Wenn Autos auch verboten wären, wäre es noch zauberhafter.

19:00
Der erwähnte Psychiater sagte, die dritte Phase trete ein, wenn der Mensch sich vom untersten Punkt wieder nach oben bewegen würde, um erneut in die heroische Phase zu gelangen, doch derzeit fehle dazu die Motivation. Es fehle das Ziel. Denn nichts ist vorhersehbar.

Dasselbe sagen Schauspieler, Musiker, alle, für die Applaus, Publikum, Anerkennung so wichtig sind.
Ich danke dem Kosmos, dass ich es gewohnt bin, für mich allein zu sein (mit periodischen sozialen Anfällen), nicht von der Anerkennung der Masse abhängig bin, und dass mein Arbeitsalltag mich für einsame Tätigkeit gestählt hat. Trotzdem fühle ich mich beängstigend still und bedrückt. Irgendwann wird das natürlich vorbei sein. Und irgendwann werden alle Geheimnisse ans Licht kommen. Und wir werden uns umarmen. Wie viele, die so denken wie ich, habe ich die meiste Angst davor, dass sich nichts ändern wird. Wenn man von solchen Nebenschauplätzen wie den Technologien absieht.

 

 

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