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Kolumne

Lyrik im März 2020

„Zusammen“ im November und im Netz

Organisation und Moderation: Ilse Kilic
Videoproduktion und technische Unterstützung: August Bisinger und Jörg Piringer

 

Die „Lyrik im März“ hat lange Tradition und ist inzwischen legendär. Dieser schier endlose Lyriklesungsmarathon der GAV findet (für gewöhnlich) jeweils einmal jährlich im März statt und es lesen dabei immer ganz viele Autoren und Autorinnen der Grazer Autorinnen Autorenversammlung hintereinander an einem Abend. Gelesen wurde in den letzten Jahren in der Regel immer in alphabetischer Reihenfolge für jeweils fünf Minuten, wobei die fünf Minuten von vielen nur als Richtwert angesehen wurden, der sehr gerne und voll Überzeugung überzogen wurde. Das gehörte einfach dazu. Ich kann mich an sehr viele sehr lange Lesungen zurückerinnern, letztes Jahr saß ich sogar die längste Zeit davon am Boden, weil der Andrang so groß gewesen war, dass mehr Menschen als Sitzplätze im Raum waren. Etwas, das inzwischen fast unvorstellbar erscheint. Denn natürlich ist mitlerweile vieles anders und so konnte auch die traditionell immer im März stattfindende „Lyrik im März“ heuer wegen Corona vorerst gar nicht abgehalten werden. Verschoben wurde sie vom März in den November und damit vom Regen in die Traufe, vom ersten Lock-Down in den zweiten Lock-Down. Davon ließ sich die Organisatorin Ilse Kilic aber keineswegs unterkriegen. Deswegen fand die „Lyrik im März“ 2020 im November und im Netz als Livestreamlesung statt. Was auch ein Gewinn ist, da die Lesung nun von überall mitverfolgt werden konnte und auch noch mitverfolgt werden kann, da der Link auch weiterhin auf der Seite der GAV zu finden ist.

Das Thema der diesjährigen „Lyrik im März“ im November und im Netz hätte mit „Zusammen“ kaum passender gewählt werden können, denn Zusammenhalt brauchen wir alle und besonders der Kulturbetrieb in Zeiten wie diesen mehr denn je. Dass die Lesung im Netz frei zu Verfügung steht ist ein riesiges Geschenk und ich möchte daher alle ganz herzlich dazu einladen, hineinzuschauen und hineinzuhören, ist es doch eine einmalige Gelegenheit einer großartigen Zusammenschau österreichischer Gegenwartsdichtung. Hier eine zusammenfassende Auflistung aller Lesenden:

August Bisinger filmt eine tief verschneite Landschaft, ein Friedhof ist zu sehen und gegen Ende ein im Schnee auf einem Tisch stehendes halbvolles Rotweinglas. Dazu hören wir die Stimme des 1999 verstorbenen Gerald Bisinger, der aus seinem Band „Ein alter Dichter“ liest, Wortmaterial … schreib auf nichts ohne Struktur in diesem Beisl am Brunnenmarktfrischen Knoblauch sah ich mit Freude … Wortmaterial, beweglich in meinem Bewusstsein am Wirtshaustisch

Susanne Ayoub liest aus dem unveröffentlichten Manuskript “Im Krieg”. Nacherzählt wird darin die Migration einer Familie, Schwein, Schwein, Schwein … seid froh, dass ihr zu essen habt, seid dankbar, sprach die Cousine … Schwein, Schwein, Schwein

Hans Augustin liest Lyrik aus der Quarantäne, den Dächern ist es egal, wie wir darunter zurechtkommen … einmal positiv und das soll auch negativ sein? ... es geht weiter,  nur wie weit ist es bis dorthin? … aber jetzt braucht es Träume, Hoffnung, Zuversicht und ein wenig Schokolade

Evelyn Holloway liest auf Englisch in den Räumlichkeiten der Alten Schmiede, I waited for Godot ... If this was a poem, I could just walk out of it.

Brigitta Falkner zeigt einen eigenen Film mit Zeichnungen, Musik und Stimme zu ihrem Thema, den Parasiten. So wie ihre Zeichnungen oft Schicht über Schicht, Detail in Detail übergehen, verliert sich ihre Stimme an einer Stelle auch beinahe im eigenen Echo, frei lebende Hausstaubmilben … die Zeilen noch lesend, halb träumend … Pseudoskorpione … Stinkwanzen …

Christian Futscher liest aus seinem Band „Das Pfeifen der Gräser“ (Czernin Verlag), Drohender Ausflug / Sie sagte: / „Lesewochenende.“ / da fiel ihm ein Stein vom Herzen.

Lisa Spalt liest einen Text über die Monstera deliciosa, das Fensterblatt, wie sieht die Erde aus, wenn du eine Pflanze bist?

Isabella Breier liest aus ihrem Band „mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen, dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle“ (fabrik.transit), nachts werden Schatten der Bäume zu Zugvögelnhinter der Weite sterben die Fliegen wie Menschen

Thomas Havlik liest vermutlich vor einer eigener Zeichnung im Hintergrund, genesender Pathos … das Antiserum explodiert, der Geier, dem du folgtest, verblüht … kraule das Rindvieh

Gerhard Jaschke nimmt Bezug auf das Thema „Zusammen“ der diesjährigen „Lyrik im März“ und beginnt mit dem Vierzeiler zusammen / weil getrennt / getrennt / weil zusammen und setzt dann mit einer zusammen-Litanei fort, zusammengerafft, zusammengerauft, zusammengerechnet, zusammengereimt

Julian Schutting bezieht sich wie vor ihm Gerhard Jaschke in seiner Lesung ebenfalls auf das Thema „Zusammen“, da müsst’ man sich zusammen setzen und ehrlich auseinandersetzen … Wer kann schon Inn und Donau am Zusammenstreben hindern? ... Aber dass nur Philemon und Baucis über den Tod hinaus beisammen bleiben dürfen?

Sabine Dengscherz zeigt einen sehr humorvollen Film zum Thema „Zusammen“ in dem viele Hühner, Schafe, Ziegen und auch sie selbst zu sehen sind, kurz gesagt, man hat uns kurz gesagt, wie wir zusammen Österreich sind, … man hat uns kurz gesagt, noch einmal kurz gesagt, und noch einmal, und noch einmal, bis es doch einmal selbstverständlich wird. Zum Abschluss liest sie dann aus ihrem bunten Lyrikheft „Die Welt ist ein Gedicht“ (das fröhliche Wohnzimmer), Manchmal denkst du dir, dass die Welt ist ein Haiku ist, doch immer nur kurz

Robert Schindel liest vor Kochbüchern im Regal hinter ihm mit Leuchtlupe, was mich sogleich an ein Gedicht von Christian Futscher erinnert – Leuchtlupen für alle! – Aber zurück zu Robert Schindel, meine Dachkammer, von der aus ich meine Wortsonne aufgehen sah bisweilen … wann erreiche ich die Gedankenleere? … oder wann leuchte ich die Dachkammer mit Lampionen aus?

Onophon, das Sprechkünstlerduo Werner Nowacek und Rainer Deutner lesen und zerlesen Sprachpartikel in rhythmischer Wiederholung, gleitender Amboss, leichter Schnitt … gleitenderam bosslei chterschnitt

Verena Dürr macht nicht nur Lyrik, sondern auch Musik dazu, Ich weiß genau, was die Welt kostet, ich hab sie mir gekauft und ist sie auch verrostet, ich bau sie wieder auf!

Petra Ganglbauer, war lange Zeit und bis zum letzten Jahr Organisatorin der „Lyrik im März“ gewesen, diesmal liest sie selbst, der Himmel, nur der Himmel fällt nicht … und dennoch sage ich nur nochmals: dunkelgrüne Bildwerdung

Marietta Böning, draußen fliegt eine Flocke vorbei … und hör auf zu denken, es ist alles ein Wortknick im Gedankenstrang … ein Griff in die Leere mit Halt in der Luft und alles verdichtet

Lydia Steinbacher, schnell ein paar Jahre nachholen, ich habe dir nie eine Rose geschenkt … Weitsichtigkeit ist unleistbar geworden … am Ende der Welt aus dem Fenster geschaut … es lagen junge Männer im Gras, tot oder träumend zurückgelassen

Birgit Schwaner, pflanz’ Sätze in die Luft, und Sprünge … so, so will, will ich dir nahe sein … das fünfte Einerseits, ein Witz … und überhaupt, die Wölfe heulen laut …. Ventilatoren an! … zuletzt ein Spatzenorakel

Melamar liest aus ihrem Band „Poetisiaka“ (edition farce vivendi), bei einem ihrer Gedichte bricht sie dabei beim Refrain in Gesang aus, I try not to cry … betende Hände töten aus Überzeugung … I try not to cry … Regen aus Wolken tief in mir drin … und gibt es ein Leben vor dem Tod? … I try not to cry Am Schluss liest sie dann noch ein Gedicht aus der druckfrischen Anthologie „Sammlung“ (das fröhliche Wohnzimmer), im land der explodierenden bäume / da herrscht ein grimmiges kind

Dietmar Füssel liest aus seinem Band „Mondgezeiten“ (MITGIFT Verlag), meine Seele ist ein Haus … die Fenster sind Bilder, Gemälde der Vorstellungskraft … das Echo der Stille ist Vogelgesang … weiter als meine Stimme ist mein Schweigen zu hören.

Gerald Jatzek entführt uns mit einem Film ins Weltall, Wie heißen die Farben, wenn Galaxien verschmelzen? Welche Form der Schönheit strahlen kollidierende Sonnen aus?

Rudolf Stueger bezieht sich mit seinem Beitrag auf das Thema „Zusammen“ und erdet uns mit seinem Film wieder, in dem unter anderem der Blick aus dem Fenster auf Häuserfronten gezeigt wird, wir fragen uns voll Zuversicht, hoffentlich, was es heißt, zusammen zu sein, weil es wichtig ist, weil sein und zusammen politisch ist

Daniel Wisser, der für gewöhnlich seine Prosatexte ganz auswendig vorträgt, scheint seine Lyrik abzulesen oder aber nur so zu tun, als lese er sie ab um seine Stammhörer und –hörerinnen zu irritieren, ich sitze hier im Parkhotel, der Abend, der verging sehr schnell … dann in der Stadt zwei kleine Bier … Frau Schmidt, Frau Schmidt, ich bin noch nicht besoffen, die Bar hat noch offen

Lydia Haider liest als letzte der diesjährigen „Lyrik im März“ im November im Netz bei Grabeslicht aus ihrem Band „Wort des lebendigen Rottens. Gesänge zum Austreiben“ (parasitenpresse), GESANG LXX / Kotze auf deinem Kragen, / Bröckerl auf der Krawatte. / Man sieht leider, dass du / nichts verträgst. / Solltest dich besser zuhaus / mit Hinterglasmalerei beschäftigen, / wie es typisch für dein Geschlecht ist.

***

Mit dem Friedhofssetting bei Lydia Haider schließt sich der Kreis, der mit August Bisingers Friedhofbesuch und dem Andenken an Gerald Bisinger begonnen hatte. Ilse Kilic dankt nochmals allen und schließt mit den Worten: …und Corona go away! Nächstes Jahr hoffentlich wieder live, bei der Lyrik im März, auf ein Wiedersehen! Dem ist nichts hinzuzufügen außer einem weiteren Danke von mir an alle Beteiligten und Mitwirkenden! Auf bald! Bleibt gesund und schreibt weiter!

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