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Zum Int. Tag der Menschenrechte | Eduard Claudius 1911 - 1976

"Ich stand mitten auf der Grenze! Dort ein Polizist, hier ein Polizist, dort ein Bauer, hier ein Arbeiter, alles Menschen, und ich, ich stand auf der Grenze, auch ein Mensch. Und ich setzte mich, mitten auf die Grenze. Müde! Meine Augen, meine Ohren, meine Arme, meine Beine, mein Herz! Und ich sah einen dünnen schwarzen Strich, nun, da es Abend wurde. Die Grenze! Und der Strich zog sich um die Länder. Und ich saß auf der Grenze, während der Tag in einem goldenen Abgrund hinter dem Horizont versank. Und Dämmerung wurde. Mit war, als sähe ich die Polizisten weggehen, aber dann waren sie alle beide bei mir. Und die Grenze wurde schwärzer, begann mich zu schmerzen. Sie hatte einen Gürtel von Stacheldraht, und die spitzen metallenen Stacheln bohrten sich in meinem Leib, bis in die Eingeweide hinein. Einer der Polizisten packte mich am linken Arm und am linken Fuß, und der andere packte mich auf der anderen Seite, und jeder schrie: "Hier kannst du nicht bleiben!" Sie zogen mich ein Stück weiter, über den Stacheldrahtgürtel. Er zerriß mir die Eingeweide, nicht darum, weil sie mich über die Grenze zerrten, sondern weil ich nirgendwo bleiben konnte."

Aus: Eduard Claudius: Der Mensch auf der Grenze. In: Literarische Revue: Schriftsteller und Diktatur, 3. Jahrgang, Heft 8; seit 1948 ist der 10. Dezember der Internationale Tag der Menschenrechte.

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