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Für Simone de Beauvoir * 9. Januar 1908 in Paris; † 14. April 1986 in Paris

Foto: Simone Scharbert

Was ist eine Frau?

»Die Formulierung der Frage legt mir sofort eine erste Antwort nahe: Bezeichnend ist schon, dass ich sie stelle. Ein Mann käme gar nicht auf den Gedanken, ein Buch über die besondere Lage zu schreiben, in der sich innerhalb der Menschheit die Männer befinden. Wenn ich mich aber äußern will, so muss ich zunächst einmal klarstellen: ›Ich bin eine Frau‹; diese Feststellung liefert den Hintergrund, von dem jede weitere Behauptung sich abhebt. ›Das Weib ist Weib durch das Fehlen gewisser Eigenschaften‹, sagt Aristoteles, ›wir müssen das Wesen der Frauen als etwas betrachten, was an einer natürlichen Unvollkommenheit leidet.‹ Und der HL. THOMAS wandelt auf seinen Spuren, wenn er dekretiert, dass die Frau ein ›verfehlter Mann‹, ein ›zufälliges‹ Wesen sei. Das wird auch durch die Erzählung der Genesis symbolisiert, in der Eva aus einem Knochen Adams entstanden erscheint. Der Mann definiert die Frau nicht ›an sich‹, sondern in Beziehung auf sich. ›Die Frau, das relative Wesen …‹ schreibt MICHELET. Der Mann denkt sich ohne die Frau. Sie denkt sich nicht ohne den Mann. So spricht man auch von ihr als vom ›anderen Geschlecht‹.«

Simone de Beauvoir in »Das andere Geschlecht«, das 1949 in Frankreich unter dem Titel »Le Deuxième Sexe« erschien und binnen kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Werke der sich damals neu formierenden Frauenbewegung avancierte. Auf rund 700 Seiten analysiert und reflektiert die Philosophin biologische, psychoanalytische und historische Sichtweisen der Frau, um schlussendlich eine hellsichtige und vor allem gut lesbare Argumentation ihrer eigenen These zu liefern, dass man als Frau nicht geboren, sondern dazu gemacht werde. Geboren wurde die engagierte Schriftstellerin und Feministin 1908 in Paris, wo sie am 14.4.1986 starb. Zeit ihres Lebens zog sie es vor, in Hotels und Kaffeehäusern wie u.a. dem Café de Flore zu leben und zu arbeiten.

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