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Milena Jensenská · * 1896 Prag/ Österreich-Ungarn · † 1944 KZ Ravensbrück

Foto: Simone Scharbert

Vor dem Fenster liegt die Welt

»Haben Sie schon einmal hinter Gefängnisgittern das Gesicht eines Gefangenen gesehen? Ein Gesicht, durch das Gitterkreuz zerschnitten? Dann würden Sie begreifen, dass das Fenster, keineswegs die Tür, das Tor zur Freiheit ist. Vor dem Fenster liegt die Welt. Ein Gesicht hinter einem vergitterten Fenster ist schrecklicher als ein Mensch hinter einer verschlossenen Tür. Denn im Fenster liegt alle Hoffnung auf Licht, auf den Sonnenaufgang, auf den Horizont; im Fenster liegen Sehnsüchte und Wünsche. Hinter der Tür befindet sich allein die Wirklichkeit. Ich liebe die Fenster von Trambahnen, Omnibussen, an denen der Straßenlärm vorbeigleitet. Ich liebe stundenlange Fahrten durch die Stadt hinter einer Glasscheibe. Etwas durch ein Fenster zu sehen, kommt mir viel reizvoller, amüsanter, fesselnder vor, als etwas unmittelbar zu sehen. Wer etwas durchs Fenster sieht, gehört nicht dazu. Ist abgesondert. Bewart sich ein Stück begrenzter, selbständiger Sehnsucht nach dem, was er sieht, beherrscht es nicht völlig wie einen Raum, in dem er sich direkt befindet. Landschaften durchs Fenster zu sehen, heißt sie zweimal kennenzulernen: mit den Augen und mit den Wünschen.«

Aus Milena Jesenskás Feuilleton »Fenster« (in: »Alles ist Leben«, Verlag Neue Kritik 2008), der Text erschien am 27.9.1921 in der tschechischen Tageszeitung »Národny Listy«. Zu Unrecht ist die umtriebige Schriftstellerin all zu oft auf ihre Beziehung zu Franz Kafka und die daraus resultierenden Briefwechsel reduziert worden. Zahlreiche Essays und Reportagen hat sie scharfzüngig verfasst, die im Laufe der 30er Jahre zusehends politischer wurden – eine Einstellung, an der Milena Jensenská trotz zunehmender Repressalien nichts änderte, ihre Arbeit im Widerstand gegen die aufkommenden Regime verstärkte. 1896 wurd Milena Jensenská in Prag geboren, am 17.5.1944 starb sie nach mehrjähriger Haft im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück.

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