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Ingeborg Bachmann • * 1926 Klagenfurt † 1973 Rom

 

Foto: Simone Scharbert, Möbelstück v. Ingeborg Bachmann, Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Denken aus vielen Gründen

»Unsere Existenz liegt heute im Schnittpunkt so vieler unverbundener Realitäten, die von den widersprüchlichsten Werten besetzt sind. Sie können in Ihren vier Wänden ein Familienglück patriarchalischen Stils pflegen oder die Libertinage oder was immer Sie wollen – draußen rotieren Sie in einer funktionellen Nützlichkeitswelt, die ihre eigenen Ideen über Ihre Existenz hat. Sie können abergläubisch sein und auf Holz klopfen, aber die Berichte über den Stand der Forschung und der Rüstung sind auch tröstlich im Hinblick auf die Erhaltung Ihrer Sicherheit und Freiheit. Sie können an die Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben und sich Ihren eigenen geistigen Befund ausstellen, aber draußen finden Sie einen anderen vor, dort entscheiden die Tests, die Behörden, das Geschäft, dort werden Sie krank und gesund geschrieben, eingestuft und ausgewertet. Sie können Gespenster sehen oder Werte, es sind jedenfalls eine Menge von beiden da, und Sie können sich allen gleichzeitig anvertrauen, wenn Sie sich nur drauf verstehen, in der Praxis alles säuberlich getrennt zu halten. Hie Innerlichkeit und Sinnbezüge, Gewissen und Traum – da Nützlichkeitsfunktion, Sinnlosigkeit, Phrase und sprachlose Gewalt. Denken sie nicht aus einem Grund, das ist gefährlich – denken Sie aus vielen Gründen.«

Aus Ingeborg Bachmanns Frankfurter Vorlesungen über »Probleme zeitgenössischer Dichtung« (Piper, München 2011), die sie 1959/60 als erste Poetik-Dozentin hielt und die ihr politisches Bewusstsein nach wie vor deutlich zum Ausdruck bringen. 1953 hatte die Dichterin den Preis der Gruppe 47 für ihren Lyrikband »Die gestundete Zeit« erhalten, weitere Lyrikbände und Prosa folgten in kurzen Abständen – eine produktive Zeit der Schriftstellerin. Mit ihrem Roman »Malina« schließlich wurden sie Anfang der 70er Jahre von manchen als neue Stimme weiblichen Schreibens gefeiert, von anderen wiederum als »gefallene Lyrikerin« degradiert. Geboren wurde Ingeborg Bachmann am 25.6.1926 in Klagenfurt, sie starb 1973 in Rom.

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