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Mascha Kaléko • * 1907 Chrzanów † 1975 Zürich

 

Emigranten-Monolog

Ich hatte einst ein schönes Vaterland –
So sang schon der Flüchtling Heine.
Das seine stand am Rheine,
Das meine auf märkischen Sand.

Wir alle hatten einst ein (siehe oben!)
Das fraß die Pest, das ist im Sturm zerstoben.
O, Röslein auf der Heide,
Dich brach die Kraftdurchfreude.

Die Nachtigallen wurden stumm,
Sahn sich nach sicherm Wohnsitz um,
Und nur die Geier schreien
Hoch über Gräberreihen.

Das wird nie wieder, wie es war,
Wenn es auch anders wird.
Auch, wenn das liebe Glöcklein tönt,
Auch wenn kein Schwert mehr klirrt.

Mit ist zuweilen so, als ob
Das Herz in mir zerbrach.
Ich habe manchmal Heimweh.
Ich weiß nur nicht, wonach …

Mascha Kalékos »Emigranten-Monolog« (aus: Verse für Zeitgenossen. Rowohlt, 1958), der erstmals 1945 in den USA publiziert wurde. Etliche Stationen des Exils hatte die Lyrikerin zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich: 1907 in Galizien als Golda Malka Aufen in einer jüdischen Familie geboren, wuchs sie zunächst in Frankfurt, Marburg und Berlin auf; in den 20er Jahren publizierte sie erste Gedichte. Mit ihrem »Lyrischen Stenogrammheft« etablierte sie 1933 die sogenannte Großstadtlyrik, den aufkommenden Erfolg wussten die Nationalsozialisten durch Publikationsverbot in den kommenden Jahren zu verhindern. Es folgten Emigration in die USA 1938, die amerikanische Staatsbürgerschaft Mitte der 40er Jahre und herbe familiäre Verluste; später verschlug es die Lyrikerin nach Jerusalem, mit ihren »Versen für Zeitgenossen« schaffte sie es jEnde der 50er Jahre wieder auf die deutschen Bestsellerlisten. Nach wie vor sind Mascha Kalékos Gedichte und Miniaturen von zeitlosem Charakter und verhandeln u.a., bisweilen mit satirischem Unterton, existenzielle Fragen zu u.a. Exil, Heimat und Liebe, aber auch zur kulturpolitischen Stellung der Frau. Am 21.1.1975 starb die wunderbare Lyrikerin in Zürich.

 

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