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Karl Jaspers • * 1883 Oldenburg • † 1969 Basel

Politisches Bewusstsein in unserer Zeit

»Die Welt ist im Ganzen und endgültig nicht richtig einzurichten. Aber in ihr ist ein für diesen Augenblick richtig Scheinendes möglich. Dies im partikularen, örtlichen und für jeden Einzelnen in seinem engsten Umkreis, auch noch in äußerster Krisensituation, zu ergreifen, ist die Aufgabe des Menschen, solange er lebt. Der Gang der Geschichte ist von niemandem im Ganzen vorauszusehen und zu planen. Der Einzelne kann so wenig wie die größte Gemeinschaft das allein Wahre wissen. Aber jeder kann dazu kommen, zu wissen, was er in der Welt will. Die Orientierung über die Tatsachen in der Welt genügt nicht; der Einzelne muss wissen, was er eigentlich will, wofür er leben und wofür er wirken wollte. Wir Menschen sind nicht gleicher Art; das Menschsein entfaltet sich in der Begegnung verschiedener Lebensweisen und Anschauungen durch einen geistigen Kampf, der, solange er von der Wahrheit beflügelt wird, ein liebender Kampf ist, im unabschließbaren Prozess.«

Karl Jaspers in »Die Atombombe oder die Zukunft des Menschen«, ein Buch über »Politisches Bewusstsein in unserer Zeit« (Piper, 1960). Der Psychiater und Philosoph wurde 1883 in Oldenburg geboren, eine chronische Bronchien-Erkrankung zwang ihn von klein auf zu einem disziplinierten, zurückgezogenen Leben, in seinen Worten: »Wie war es möglich, dass ein kranker Mann, der Monate, manchmal ein Jahr fast, nicht recht arbeiten konnte, der ausgeschlossen war von der normalen Geselligkeit und der normalen Öffentlichkeit, das überhaupt erreichen konnte?« Die Anzahl seiner publizierten Schriften und Briefwechsel ist hoch, darunter seine großartigen Einführungen in die Philosophie, Porträts der »großen Philosophen«, aber auch zeitlose Texte wie »Zur geistigen Situation unserer Zeit« oder »Die Atombombe und die Zukunft des Menschen«, letzteres mit dem eindrücklichen Zusatz »Politisches Bewusstsein in unserer Zeit«. Mit Hannah Arendt verband ihn eine lebenslange Freundschaft, ihre Arbeiten nehmen Einfluss auf seine späteren Werke, zur deutschen Ausgabe von »The Origins of Totalitarism« schreibt er das Vorwort. Heute vor 50 Jahren starb der große Philosoph, der u.a. ein wunderbares Plädoyer für die »Gegenwärtigkeit des Menschen« und einer damit impliziten Handlungsanleitung inmitten dieser sich stetig ändernden Welt hinterlassen hat.

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