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Susan Sontag • * 1933 New York • † 2004 New York

Über Fotografie

»Fotografieren heißt sich das fotografierte Objekt aneignen. Es heißt sich selbst in eine bestimmte Beziehung zur Welt setzen, die wie Erkenntnis – und deshalb wie Macht – anmutet. Jener bereits notorisch erste Sturz in die Entfremdung, der den Menschen daran gewöhnt hat, die Welt im gedruckten Wort zu abstrahieren, hat ihm vermutlich das Mehr an faustischer Energie und psychischer Schädigung eingebracht, das erforderlich war, um moderne, unorganische Gesellschaftsstrukturen zu schaffen. Aber das gedruckte Wort scheint ein weniger trügerisches Mittel zu sein, um die Welt auszulaugen, als das fotografische Bild, das heute den größten Teil der Kenntnisse vermittelt, die der Mensch vom Erscheinungsbild der Vergangenheit und von der Spannweite der Gegenwart besitzt.

(…)

Die Allgegenwart der Kamera legt den Schluss nahe, dass Zeit aus interessanten Ereignissen, fotografierenswerten Ereignissen besteht. Und daraus leitet sich nur zu leicht die Auffassung ab, dass jedes Ereignis, sobald es einmal ins Rollen gekommen ist, sich ungeachtet seiner moralischen Qualität vollenden dürfe – so dass etwas anderes, nämlich das Foto, in die Welt gesetzt werden kann. Nach Ablauf des Ereignisses wird noch immer das Bild existieren und ihm eine Art Unsterblichkeit (und Bedeutsamkeit) verleihen, die es andernfalls niemals hätte beanspruchen können. Während Menschen aus Fleisch und Blut drauf und dran sind, sich selbst oder andere umzubringen, steht der Fotograf hinter seiner Kamera und erschafft ein winziges Element einer anderen Welt: Der Bilder-Welt, die sich anheischig macht, uns alle zu überdauern.«

Susan Sontag in »Über Fotografie« (Fischer Taschenbuch, 2013), jener zeitlosen Essaysammlung (auch und gerade in Zeiten der Smartphone-Kameras), die die Geschichte der Fotografie hellsichtig und konzise mit der Frage nach der Verortung des eigenen Selbst verbindet. Wann sind wir Objekt, wann Subjekt, welcher Blickwinkel herrscht vor, wer rückt wen in den Fokus und welche Rolle spielt Gesellschaft dabei? Nicht zuletzt: Wie bilden wir Geschichte fotografisch ab, wer hat diese Entwicklung zu unterschiedlichen Zeiten dominiert? Susan Sontag erzählt und reflektiert die Anfänge des Abbildens, jener Tätigkeit, die ihr zufolge noch kein Interpretieren impliziert, sondern auf Unmittelbarkeit, auf das vermeintlich Einfrieren eines Moments setzt:

»Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (und Dinge)

Heute vor 15 Jahren starb die große Essayistin und Kritikerin in New York.

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