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Gustav Landauer • * 1870 Karlsruhe • † 1919 Stadelheim

Auch die Vergangenheit ist Zukunft

»Ich behaupte sogar, dass unser geschichtliches Gedächtnis viel weniger von den Zufällen der äußeren Überlieferung und Erhaltung abhängt als von unserem Interesse. Wir wissen von der Vergangenheit nur unsere Vergangenheit; wir verstehen von dem Gewesenen nur, was uns heute angeht. Wir verstehen das Gewesene nur so, wie wir sind; wir verstehen es als unseren Weg.

Anders ausgedrückt heißt das, dass die Vergangenheit nicht etwas Fertiges ist, sondern etwas Werdendes. Es gibt für uns nur Weg, nur Zukunft; auch die Vergangenheit ist Zukunft, die mit unserm Weiterschreiten wird, sich verändert, anders gewesen ist.

Damit ist nicht bloß gemeint, dass wir sie je nach unserm Weiterschreiten anders betrachten. Das wäre zu wenig gesagt. Ich behaupte vielmehr aller Paradoxie zum Trotz ganz wörtlich, dass die Vergangenheit sich verändert. Indem nämlich in der Kette der Kausalität nicht eine starre Ursache eine feste Wirkung hervorbringt, diese wieder zur Ursache wird, die wieder ein Ei legt usw. So ist es nicht. Nach dieser Vorstellung wäre die Kausalität eine Kette hintereinander folgender Posten, die alle außer dem Letzten still und angewurzelt feststünden. Nur der Letzte geht einen Schritt vorwärts, aus ihm entspringt dann ein Neuer, der wieder weiter vorgeht und so fort. Ich sage dagegen, dass es die ganze Kette ist, die vorwärts geht, nicht bloß das äußerste Glied. Die sogenannten Ursachen verändern sich mit jeder neuen Wirkung.

Die Vergangenheit ist das, wofür wir sie nehmen, und wirkt dementsprechend sich aus; wir nehmen sie aber nach tausenden von Jahren als ganz etwas anderes als heute, wir nehmen sie oder sie nimmt uns mit fort auf den Weg.«

Gustav Landauer in »Die Revolution«, erschienen 1907; die politische Idee des »revolvere«, der Umdrehung also, übersetzt er in seinem Essay in den steten Wechsel von »Topien« und »Utopien«. Gleichsam eine Reise durch die Geschichte der europäischen Revolutionen und damit verbundenen Gesellschaftsveränderungen. Nicht zuletzt in diesen seltsam-schwierigen Tagen eine zeitlos wichtige Lektüre, über die Frage, wie wir unser Menschsein, unser Miteinander verstehen und wie wir uns in der Vergangenheit und Zukunft verorten wollen.

Vor 150 Jahren wurde Gustav Landauer in Karlsruhe geboren, am 2.5.1919 wurde er nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik in Stadelheim brutal ermordet.

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