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Ingeborg Bachmann • * 25.6.1926 Klagenfurt • † 1973 Rom

   

Es gilt weiterzuschreiben

Wenn aber nun die Schreibenden den Mut hätten, sich für utopische Existenzen zu erklären, dann brauchten sie nicht mehr jenes Land, jenes zweifelhafte Utopia anzunehmen – etwas, das man Kultur, Nation und so weiter zu benennen pflegt, und in dem sie sich bisher ihren Platz erkämpften. Dies war der alte Zustand, und ich glaube, dass er schon für Hofmannsthal und Thomas Mann längst kein natürlicher mehr war, sondern nur noch verzweiflungsvoll zu wahren gewesen ist.

Aber war er je so natürlich? War nicht in diesem Utopia der Kultur zum Glück ein viel reineres Element von Utopia enthalten als Richtung, die einschlagbar bleiben wird, wenn unsere Kultur ihr Gesicht nicht einmal mehr an hohen Feiertagen wahren wird, wenn die Dichtung nicht mehr als »geistiger Raum der Nation« zu denken ist – heute im Grund schon eine Unmöglichkeit –, sondern aus dem Hier-und-Jetzt-Exil zurückwirken muss in den ungeistigen Raum unserer traurigen Länder. Denn dies bleibt doch: sich anstrengen müssen mit der schlechten Sprache, die wir vorfinden, auf diese eine Sprache hin, die noch nie regiert hat, die aber unsere Ahnung regiert und die wir nachahmen. Es gibt die schlechte Nachahmung, im üblichen Sinn, die meine ich nicht, und es gibt die Nachahmung, von der Jacob Burckhardt gesprochen hat, und von der heute, zufrieden oder tadelnd, die konservative Kritik profitiert, Nachahmung, Nachklang als Schicksal, und die meine ich auch nicht. Aber eine Nachahmung eben dieser von uns erahnten Sprache, die wir nicht ganz in unseren Besitz bringen können. Wir besitzen sie als Fragment in der Dichtung, konkretisiert in einer Zeile oder einer Szene, und begreifen uns aufatmend darin als zur Sprache gekommen.

Es gilt weiterzuschreiben.

 

Ingeborg Bachmann im letzten Kapitel ihrer Frankfurter Vorlesungen Probleme zeitgenössischer Dichtung, mit denen sie im Wintersemester 1959/1960 die traditionsreiche Reihe eröffnete: Literatur als Utopie so der Titel. Darin die Fragen, was sich hinter dem Begriff Literatur verbergen kann, wie wir neue Sichtweisen eröffnen und welche Rolle die Utopie fürs Schreiben spielt. Ingeborg Bachmann wurde am 25.6.1926 in Klagenfurt geboren, mit ihrem Gedichtband »Die gestundete Zeit« wurde sie schlagartig einer großen Öffentlichkeit bekannt. Mythen und Legenden wurden um sie gestrickt, von der Sphinx war die Rede, der gefallenen Lyrikerin (Marcel Reich-Ranicki) auch – mit der Folge, dass eine vertieft inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk oft in den Hintergrund trat. Ingeborg Bachmann hinterließ ein facettenreiches Werk: Neben Lyrik und Prosa u.a. eine Reihe von Hörspielen, Libretti zu den Werken des Komponisten Hans Werner Henze und nicht zuletzt theoretische Schriften, die die Literatur als Utopie ernst nehmen, ihr die Möglichkeit eines Handelns und gesellschaftlichen Veränderungen zu allen Zeiten einschreiben.

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