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Louise Straus • * 2.12.1893 Köln • † 1944 Auschwitz

Angst und Maske

Menschen tragen fast immer Masken. Sogar in der Liebe. Denn gerade da will sich doch Jeder möglichst liebenswert, also meistens anders, als er wirklich ist, zeigen. Allerdings gibt es in der Liebe einen Moment, wo die Maske fällt. Geschieht das bei beiden gleichzeitig, dann geht dieser Moment sozusagen gedanklich unbemerkt, nur als gemeinsamer Gefühlshöhepunkt, vorüber. Behält aber einer von beiden die Maske und damit die klare Überlegung, dann hat der andere einen Vorteil eingebüßt, sich gewissermaßen eine Blöße gegeben.

(…)

Hände sind schwer zu maskieren. Darum sind mir bei Menschen, die ich kennen lerne, die Hände wichtiger als das Gesicht. Natürlich gibt es solche, die wenigstens versuchen, selbst ihre Hände zu verstellen. Das sind die Misstrauischen, die anstatt ihre Hand freimütig zu reichen, sie nur wie einen nassen Lappen an der Hand des Begegnenden vorüberstreichen lassen.  – Und die Gehemmten, mit sich selbst Geizigen, die ihre Hand krümmen, so dass nur die Kanten die Hand des Begegnenden berühren. Aber gerade dadurch verraten sie sich.

Ich denke hier nur an die Form der Hand und ihren Ausdruck. Über die Linien der Handfläche zu urteilen, verstehe ich nicht.

Louise Straus-Ernst in ihren Erinnerungen »Nomadengut«. Die spätere Journalistin und Kunsthistorikerin wurde am 2.12.1893 in Köln geboren; früh lernte sie den Brühler Künstler Max Ernst kennen, heiratete ihn trotz der Bedenken ihrer Eltern während des Ersten Weltkriegs. Als Armada von Duldgedalzen unterhielt sie mit u.a. Max Ernst und Hans Arp einen der ersten Dada-Salons, promovierte in Kunstgeschichte und war Interims-Direktorin des Wallraf-Richartz-Museums. Nach der Trennung von Max Ernst und mit Aufkommen des Nationalsozialismus ging Louise Straus nach Paris, arbeitete dort als Journalistin und veröffentlichte Kurzgeschichten (»Eine Frau blickt sich an«). Eindrucksvoll ihre Erinnerungen: Mithilfe einzelner Gegenstände, etwa »Koffer«, oder Begriffe und Namen, fängt sie ihr eigenes Leben ein, das 1944 von den Nationalsozialisten brutal in Auschwitz beendet wird.

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