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Hannah Arendt • * 1906 Hannover • † 4.12.1975 New York

 

Die Welt liegt zwischen den Menschen

»Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dies Zwischen – viel mehr als, wie man häufig meint, die Menschen oder gar der Mensch – ist heute der Gegenstand der größten Sorge und der offenbarsten Erschütterung in nahezu allen Ländern der Erde. Selbst wo die Welt noch halbwegs in Ordnung ist oder halbwegs in Ordnung gehalten wird, hat die Öffentlichkeit doch die Leuchtkraft verloren, die ursprünglich zu ihrem eigensten Wesen gehört. Mehr und mehr Menschen in den Ländern der westlichen Welt, die seit dem Untergang der Antike die Freiheit von Politik als eine der Grundfreiheiten begreift, machen von dieser Freiheit Gebrauch und haben sich von der Welt und den Verpflichtungen in ihr zurückgezogen. Dieser Rückzug aus der Welt braucht den Menschen nicht zu schaden, er kann sogar große Begabungen bis ins Genialische steigern und so auf Umwegen wieder der Welt zugute kommen. Nur tritt mit einem jeden solchen Rückzug ein beinahe nachweisbarer Weltverlust ein; was verlorengeht, ist der spezifische und meist unersetzliche Zwischenraum, der sich gerade zwischen diesem Menschen und seinen Mitmenschen gebildet hat.«

Hannah Arendt in »Menschen in finsteren Zeiten«, eine so lesenswerte Vortragsreihe, die unter dem Titel »Men in Dark Times« 1968 veröffentlicht wurde. Die Denkerin »ohne Geländer« unternimmt in den einzelnen Essays Annäherungen an Menschen, die dem Öffentlichen, dem Gesellschaftspolitischen gerade in schwierigen Zeiten »verpflichtet« geblieben sind: Rosa Luxemburg, Karl Jaspers oder etwa Lessing, mit dem die Reihe beginnt. Literaten wie W.H. Auden, Nathalie Sarraute und Bert Brecht, auf den der Titel unmittelbar anspielt. Die Möglichkeiten, die Literatur und Kunst haben, ihre Notwendigkeit für Gesellschaft, für ein gutes Miteinander auch. »Menschen in finsteren Zeiten« gleichsam ein Appell, ein Rückblick, eine zeitlose Vergegenwärtigung von Menschlichkeit. Heute vor 45 Jahren starb Hannah Arendt in New York.

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