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Dichtertotenbriefe

Briefe an P wie Pessoa

Alexander Graeff schreibt an Fernando Pessoa

Fernando Pessoa
Rua Coelho da Rocha, 16
1250-088 Lisboa

die ☉ Berlin

António, Alberto, Álvaro, Bernardo, Ricardo, Fernando,

Du hattest mich gebeten, Dir vom Leben zu berichten. Was soll ich sagen? Berichten kann ich Dir bloß von meinem Leben – Du brauchst ein eignes.

Fernando, warum wählst Du nur diesen Weg? Du ziehst Dich zurück, mimst den Einsiedler und sagst, ich sei ein Liebender! Du schreibst, dass Du überrascht warst über die Offenheit eines Gegenübers, überrascht über jene Direktheit, die in Deinen so klugen Gedanken zum Heidentum bedauerlicherweise nur beschrieben, nicht aber gewollt wurde. Erinnerst Du Dich nicht mehr an die Erlebnisse in Cascais? An den dicken Engländer? An das Engagement, das Du zeigtest, Dein großes Interesse an der Sache: Deine Begegnung mit Hanni Jaeger – damals? Wie nanntest Du sie? Eine „Überraschung des Seins“, nicht wahr? Ach, komm, Du hast ihr ein Gedicht gewidmet. Bestreite es nicht!

Übers Wollen führt der Weg ins Leben. Fühlen allein lässt einen immer nur herumflattern wie die Wäsche auf den Leinen über den Gassen. Verstehst Du, dass sich das von Dir studierte Gegenüber damals völlig offen zeigte, zeigen musste? Du nanntest es „Öffnung“. Als sei da ein Loch in jener Existenz, und eine Fehlbildung in Deinen Augen. Aber nur so, durch diese Öffnung, kannst Du Dein Gegenüber innerlich berühren. Alles andere sind bloß Fahnen und Banner, die das Selbst verstellen.

Du schreibst, obgleich Du leben solltest.

Du schreibst, obgleich Du leben solltest.

Was bringt es Dir, unentwegt Deine Truhen mit Nachlass zu befüllen? Was willst Du schreiben, wenn Du nicht lebst?

Ich stimme übrigens nicht mit Dir überein: Wenn ich schreibe, vergesse ich nicht (wie Du es gefordert hast), sondern erinnere. In diesem schreibenden Erinnern setze ich alles daran, das Leben nicht zu ignorieren (das Gegenteil war Deine Behauptung). Poesie simuliert nicht einfach nur. Sie konstruiert das Mögliche, zeigt das Wirkliche. Sie will die Balance –nicht zwischen der Freiheit des Fehlermachens und ihrer Korrektur, sondern zwischen Sinn und Gefühl. Die korrektiven Ebenen sind nur angelernte Muster des Sprechens, die zwar nicht völlig unbedeutend, aber eben gerade nicht wesentlich sind für die Poesie. Sinn impliziert hier auch nicht Verstehen oder Verständnis, sondern verweist auf eine innere Logik, die in der poetischen Kommunikation entsteht. Dieser Sinn ist immer inkonsistent, darin liegt sein literarisches Vermögen – schwaches Wort, seine literarische: Potenz. Verstehen ist für Menschen, die nicht vertrauen können. Ich weiß, eine steile These – reden wir über Poesie, würd' ich für sie kämpfen!

Es geht der Poesie also um die Fähigkeit zu Vertrauen bei Anwesenheit des Unmittelbaren, Unbestimmten, Inkonsistenten. Hier soll gerade nichts korrigiert werden, denn wenn das möglich wäre, würde es bedeuten, dass zuvor Fehler gemacht wurden, was nicht der Fall ist. Auf diese Weise bringt die Poesie auch die Menschen zusammen, ist Lesendem wie Schreibendem ein gefühlvolles und sinnvolles Gegenüber. Ich höre Dich sagen, dass mir dies doch selbst nicht immer gelingt. Mag sein, nicht immer ist Poesie da, wo ich bin; doch weiß letztlich nur die Poesie mich vorzuführen. Weder führt sie zurück, noch fort. Dem Wissenschaftler etwa vermag diese poetische Kommunikation jedes noch so klare Argument total über den Haufen zu werfen. Deshalb sind wir, Du und ich, auch keine Wissenschaftler, die Bestehendes erforschen, sondern Wissenschaftler, die Neues erzeugen. Eben sind es die poetischen Einbrüche, die oft für Verwirrung sorgen. Aber so betrachtet: Ein Hoch auf die Verwirrung! Du weißt, hier würde ich mit Dir streiten.

Entschuldige, ich falle mit der Tür ins Haus. Deine Bitte reizt mich, erregt mich. Als siedender Wind fährst Du wieder einmal durch meine Gedanken. Ich lese Deine Zeilen und sehe Dich, einsam, zurückgezogen. Bist „zu Hause“, wie Du es nennst. Trinkst Du immer noch den schlechten Kaffee?

Meine Fragen werden Dich überrumpeln, doch das ist nicht meine Absicht. Ich komme Deiner Bitte, Deinem Wunsch, ja nach, doch Du musst auch mir gestatten, meinen Teil zu dem hinzuzufügen, was ein Brief an sich zu geben imstande ist: Ich denke gerade an Sehnsucht. Wäre ich in Lissabon, ich würde Dir Beine machen! Nun also der Bericht. Du wirst verwundert sein, denn es ist geradeso wie Du es selbst geschrieben hast. Auch ich bin zwei Abgründe, ein Brunnen, der in den Himmel glotzt. Voilà:

Am Wochenende erhielt ich Besuch von den Zwillingen. Du kennst sie, ihr hattet euch letzten Sommer kennengelernt. Ich kann Dir sagen: Sie sind so fabelhaft! Wie ein Ausdruck der großen Welt, wie ein Reiz und dessen Verneinung. Ich wünschte, Du hättest gesehen, was ich gesehen. Erfahren, was ich erfahren.

Nach einem unerbittlich langen Winter haben wir nun endlich seit zwei Wochen ein paar Sonnentage. Auch das Wochenende war voller Licht, voller Wärme. Wir grillten auf unserer Veranda. Auberginen und Lamm. Du würdest sie übrigens nicht mehr wiedererkennen. Im letzten Herbst strich ich sie himmelblau. Es verlangte mich so sehr nach dieser Farbe. Andrea gefällt's nicht so gut, aber Dir würde das Blau unserer Veranda sicher zusagen.

Die Zwillinge brachten den Wein, einen sehr feinen Rosado. Wir aßen, tranken (zu viel), dann Kaffee – guter Kaffee! –, zuletzt Marihuana. Es war ein Fest! Wir sprachen übers Reisen. England, Portugal. Ich musste unweigerlich an Dich denken, an Deine Fahrten, Deine Reiseberichte. Wohin reist Du heute? (Eine müßige Frage, ich weiß. Und ich weiß auch wie Du sie beantworten würdest. Existenz ist Dir ja scheinbar Reise genug.)

Die Zwillinge waren beide so sinnlich für mich. Ich genoss unser Zusammensein; ja, und dann, Fernando, trank ich sie. Du wirst erzittern vor Freude: Beide, er und sie, waren mir Genuss. Wie sie sich bewegten, sprachen, atmeten.

Sie diskutierte, wollte mir die Sinnlosigkeit des Pessimismus – wie sie es nannte – bei Schopenhauer auseinandersetzen. Sie wusste mich zu überzeugen. Mit jedem Gedanken, bei ihr waren das regelrechte Handlungen, drehte sie sich vor mir, vor uns, und wurde jedes Mal vom Mädchen zur Frau. Und während dieser reizenden Verwandlungen versperrte ihr eine Strähne die Sicht.

Er dagegen lag lasziv im Liegestuhl, eine Decke über den Beinen, die in engen, modischen Hosen steckten. (Abends ist es noch recht frisch draußen.) Er ist ein fordernder Junge und im Gegensatz zu ihr nicht so sehr um Verwandlungen bemüht. Das Mannsein blitzte nur vereinzelt auf, doch was ich erst später sah: er ist schamlos, spielerisch und ein wenig arrogant. Er weiß sein Selbst zurückzuhalten, um ihm dann plötzlich unmissverständlich eine Bühne zu bereiten.

Es war eine Zwei-Seiten-Nacht, gekreuzt mit großen Worten. Ich bebe noch heute, so voller Leidenschaft war dieses Wochenende. Was tust Du nun mit meinen Zeilen? Habe ich eingehalten, wonach Du mich fragtest? Ich sehe Deine Mundwinkel vibrieren. Tun sie es? Vielleicht sende ich Dir so ein Lächeln nach Portugal? Fernando!, es war unbeschreiblich. Ich zumindest habe mich getraut. —

Wenn sich die Mythen überschlagen entsteht Bewegung, was zuvor Leben war, und wird sogleich zu: Poesie. Und die Zweifel verflüchtigen sich nicht, dass sie es je tun würden, sind bloß leere Versprechungen der Mystiker an die Mystischen. Du schmückst Deine Lebenslinie mit Worten, Worten, Worten. Nur so steht der Turm. Genuss mit ihr, Genuss mit ihm. Bin ich denn kein Gegenüber?

Wirf endlich Deine Bombe auf das Schicksal.

Bis bald, Dein Bruder

Alexander

Anm. der Redaktion: Tobias Roth fungiert als Herausgeber der Dichtertotenbriefe. Wir bedanken uns herzlich bei ihm.

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