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Dichtertotenbriefe

Briefe an C wie Cervantes Saavedra

Gregor Szyndler schreibt an Miguel de Cervantes Saavedra

Lieber Miguel de Cervantes Saavedra,

Unbedingt muss ich Ihnen berichten von meiner Dienstreise. Man muss sich mich vorstellen, die Nase im Buch und den Teufel im Nacken: Von der Landschaft sah ich immer nur so viel, wie man während des Umblätterns einer Seite eher versehentlich erblickt als absichtlich erhascht. Campiert wurde an der frischen Luft, vor Sonnenuntergang hielten wir, damit das letzte Licht lesend genutzt werden konnte. Ein Zelt brauchte ich keines, mir genügte Ihr aufgeklapptes Buch über Augen und Nase, zum Schutz vor Elementen wie vor Langeweile. Manchmal schlief ich auch im Sattel ein, widerwillig die Lektüre unterbrechend, auf die Lanze gestützt.  Die Landschaft konnte mir gestohlen bleiben. Nur Ihre Worte, in diesen Raum gestellt, vermochten es, mich zu fesseln.

Es war letzten Sommer, der frühlingshaft-herbstlich-winterlicher nicht hätte sein können. Ich ritt auf meinem Klappergaul, den ich zwecks sichererer Unterscheidung von meinem Hornvieh Rossgenannte nannte, in die Innerschweizer Berge. Ich musste auf ein Wort in die Täler, nicht dass noch einer auf falsche Gedanken kam. Es war ein langer Weg von meinem gebürtigen Flachland ins Gebirge, weshalb ich Reiselektüre bei mir hatte. Eine handliche Ausgabe Ihres gesammelten Quijote (eineinhalb auf eine Elle bloss, bei kaum mehr als zwei Faust Dicke) war es, Tieckens Eindeutschung nebst Dorés Bildern, wenn auch in Kopien von dubioser Qualität: Daneben hatte mir der Buchhändler, findig wie er war und weil er mich zögern sah, auch noch den neuesten nordischen Schmöker von Saxo Grammaticus, die Gesta danorum, zur Quijote-Kopie mit hinein genäht. Das Buch hatte Eisenbeschläge, Spangen sowie Deckel aus Furnier, wog trotz des hochwertigen Pergaments jedoch kaum mehr als drei, vier, fünf, vielleicht sieben Kilo. Wie man früher, als man schon froh sein musste, wenn ein Buch nicht in Stein gemeisselt war und durch eine Türe passte, solche Dienstreisen überlebte, war mir schon immer unerklärlich. Da es ein wertvolles Buch war, ihr Quijote in Susanne Langes Verdeutschung, hatte es einen Gurt, den ich mir um die Hüfte band. So stellte ich sicher, dass mir ihr stets so sehr auf genügend Auslauf bedachter Don Quijote nicht Reissaus nahm.

Erwähnte ich bereits, dass es mir das Leben rettete, Ihr Buch, Don Saavedra, indem es einen auf mich abgeschossenen Bolzen aufhielt? Irgend so ein Waldschrat hatte sich vom Weissen Buch von Sarnen sowie von Schillersfritzens Bearbeitung desselben gegen mich aufhetzen lassen, und er wollte den Worten Taten folgen lassen. Mein Buch, Ihr Quijote, rettete mich: tief stak der Bolzen in den Seiten. Sie sehen, die Qualität des Buches war passabel, wenn auch der Text in brauner statt schwarzer Farbe fixiert war: Was will man – eine Raubkopie! Diese Farbe führte zu unerfreulichen Wechselwirkungen zwischen Lichtverhältnissen und Lesegeschwindigkeit. Wenige Atemzüge nach Sonnenuntergang pflegte mir das ganze Buch vor Augen zu verschwimmen. Immerhin wasserfest war die Tinte: Dies erlaubte es mir, auch bei Regen und Schnee und wenn mein Schweiss nur so rann, zu lesen, ohne dass die Schrift verschmierte.

Die Sache mit dem Bolzen kam übrigens so.

Nachdem der Tag in eine viel zu früh hereinbrechende Nacht gegeben hatte, hielten wir und errichteten ein Lager. Ich legte mich wortlos neben das Feuer und las weiter. Die Lektüre versetzte mich in Erstaunen, Don Saavedra, ich war anwesend-abwesend, ein Träumer, wenn auch mit offenen Augen. Ich schlang die Seiten nur so herunter. So kam es, dass ich einschlief und mit mir mein Begleiter, Sancho. Da pirschte aus dem Einerlei des Waldes eine Gestalt. Seit Tagen hatte er uns verfolgt und beobachtet. Der Fremde schnitt mir das Buch vom Bauch und kehrte damit heim auf sein Bödeli[1].

Seine Frau wusch ihm den Kopf und plärrte, er sei ein Knöterich und Knusti[2], ob er das Jagen vergessen habe und ob sie sich jetzt etwa von Büchern statt Fleisch ernähren sollten. Tell murmelte etwas von Haaren auf den Zähnen und rief nach seinem Sohn, dem Walti.

Dass er das vorlesen solle, befahl der Vater. Der Sohn nahm das Buch und musterte den Vater.

Ob er taub sei, brummte Tell nach einer Weile, als der Racker noch immer nicht vorlas. Da gab er dem Rotzlöffel einmal die Gelegenheit, ihm zu zeigen, was er so den lieben, langen Tag trieb, wenn er in der Schule war, und dann so etwas!

Ungeheuer!

Unsäglich!

Endlich liess Walti den Saxo sinken.

Hee, Däddi, frohlockte er, das sei imfall u huonnen guot[3]. Walti wedelte mit dem Spanisch-nordischen Kodex.

Nanu, warum so enthusiasmiert, was in ihn gefahren sei, wollte der Vater wissen.

U huonnen guot, wiederholte Walti, da schiesse einer dem eigenen Sohn einen Apfel vom Kopf, um sich von Tyrannei und Fremdherrschaft zu befreien.

Willi hob seine Pranke.

Ob er dem Rotzlöffel nicht schon tausend Mal gesagt habe, dass er sich gefälligst deutlicher ausdrücken solle, beim Kaiser, Tyrannei, Fremdherrschaft, was das heisse, er habe es ja schon immer gewusst, lesen und schreiben vertändele und verzärtele den Charakter.

Tyrannei und Fremdherrschaft, das sei, was das Orgouwische Königreich der Mittleren Lande anstrebe.

Ob er damit Habsburg meine, bellte Willitell.

Ja, antwortete Waltitell.

Darunter konnte Willi sich etwas vorstellen. Er begriff wie immer langsam, aber gründlich. Nicht lange und er hatte eine Armbrust in der Hand. Da wurde es Walti ungeheuer.

Ehm, Däddi, setzte der Junge an, gell, ehem, das sei nur eine Maere, gell, er wisse ja, eine Maere, es sei nicht so gemeint und Pergament sei imfall u huonnen geduldig.

Dädditell sah das naturgemäss anders.

Dieser Mordsschütz, donnerte er, so viel sei klar, sei er, sei Tell, von wegen Toko, hol’s der Wikinger, wenn er’s nur schon höre.

Willitells Entschluss stand fest.

Dass er nicht so zittern solle, er brauche ihm ja nicht auszumalen, was geschehen würde, wenn er das hier verzittere, brüllte Willi, als er dem sichtlich agitierten Sohn einen Kürbis auf die Rübe legte, Abstand nahm, anlegte, visierte und schoss.

Hedwig Tell erstarrte, als ihr sichtlich überdrehter Gemahl eines Abends mit der geladenen Armbrust in ihrer beiden trautes Gemach kam. Er verstaute die Armbrust brummelnd unterm Bett und legte sich neben sie. Sie wandte sich ab.

Warum bei allen Geissen und Kühen, warum bei allen Tälern und Matten, warum bei allen Bergen und allem Transitverkehr er denn auf einmal mit der geladenen Armbrust unterm Bett schlafen müsse, wollte Hedy wissen, was das solle, er habe doch im Bett nichts zu fürchten.

Wilhelm Tell schüttelte den Kopf und dachte an manche Nacht zurück, in der er sich eine solche Handhabe gewünscht hätte. Nicht, dass er nicht auch ohne sie nicht mit ihr zurechtgekommen wäre. Er wollte doch nur zu seinem Schuss kommen, der berühmteste Kunstschütze aller Zeiten werden, es diesem Lügner zeigen, diesem Nachmacher unter den Vorgeborenen, diesem Plagöri von Toko.

Sie werden sich angesichts von Alonso Fernández de Avellanedas Geseider nicht unähnlich gefühlt haben, Don Saavedra: Immerhin hatten Sie den Trost, es bei Avellaneda mit einem Zeitgenossen und Leser zu tun zu haben, was seiner Stümperei immerhin der Möglichkeit nach den Anstrich einer Hommage verlieh, verleihen konnte. Unser Tell aber hatte es, der arme Tropf, mit einem Vorgeborenen zu tun, was den Ideenklau umso gravierender machte – aber item.

Jedenfalls hatte Tell den ganzen Tag über auf Walti geballert – besser gesagt, auf Kürbisse und Fässer, die sich der Rotzlöffel auf den Kopf gestellt hatte.

Noch einmal wollte Hedy von Willi wissen, was es mit der Armbrust auf sich habe.

Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, hörte der verwegene Schütz sich sagen, er tue es wegen dieser fremden Fötzel[4], wegen diesen Aargauern und Mittellandlölis[5] und Habsburgern und sonstigen Gäloris[6] aus den Städten und befestigten Orten. Die wollten sich die Berge untertan machen, aber keine Sorge, Hedy solle sich nicht sorgen, ihr stehe kein Ungemach ins Haus, dafür ja auch die geladene Armbrust unterm Bett. Andauernde Alarmbereitschaft sei das Stichwort, wer diese Art von Rüstigkeit nicht verstehe, so dozierte er, könne sich ja gleich zu diesen Aargauer Tscholis[7] und Tschumpeln[8] legen!

Tell hatte sich in Rage geredet.

Ob er nicht wenigstens die geladene Armbrust vom Bolzen getrennt aufbewahren könne, wollte Hedwig Tell wissen.

Fassungslos starrte er sie an, klar, ja klar, er könne sich ja im Ernstfall, wenn die Wüstlinge, Steuerpäpste, Verwaltungsfanatiker und das ganze Gesindel von Bodenpersonal der himmlischen Ordnung, in ihr Heim eindringe, den Weg bis zum Bolzen mit der Armbrust frei prügeln oder die Eindringlinge gleich um Gnade bitten.

Eben, da seh’ er es ja, einfach miteinander reden, hörte Willitell Heditell versetzen. Er schwieg seufzend, verlor kein Wort darüber, was jetzt dann gleich geschähe, wenn sich beim Griff zwischen Hedis Schenkel keine Lockerung bemerkbar machen würde. Er musste es auch gar nicht extra erwähnen, die Armbrust befand sich geladen unterm Bett und er hatte Hedy lang und breit erklärt, dass sie nichts zu fürchten, ja, dass sein Griff unters Bett nichts zu bedeuten habe, nur für die Aargauer habe er es so eingerichtet. Und Hedwig Tell, apart, kommod, durch niemanden ersetzbar, war ein schlaues Kind, verstand die Drohung und öffnete ihre Schenkel.

Wie ich die Reise jetzt noch, ohne meinen in die Binsen gegangenen Spanisch-nordischen Schmöker, überstehen sollte, war mir schleierhaft. Und doch: Ich musste raus in diesen Nebel, der sich erstickend auf unser Lager gesenkt hatte, einerlei, wie sehr ich es verachtete, nun, da ich keine Lektüre mehr hatte. Dicht-in-Dicht legte es sich mir auf Geist und Körper. Mein Gaul, Rossgenannte, erschien mir mit einem Mal noch dürrer und matter. Nichts führte daran vorbei, allein zu gehen, ohne Ihren Don Quijote, Don Saavedra. Ich musste mich, ein gebrochener Mann, erheben von den durchnässten Böden flüchtigen Schlafes, hinausgehen musste ich, dorthin, wo nur noch Trümmer, Brände, Ruinen sind. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Nacht lang die Luft angehalten. Lustlos fügte ich mich ins Unvermeidliche, beschaute reglos die Landschaft. Ungeheuer verdichtet und gestapelt lag sie da, alles war ungeheuer jetzt und eins, und senkrecht war alles, eine aufgeschichtete Weite und Breite, mit keinem Gedanken zu erfassen, in geballter Präsenz dem Zugriff der Augen entzogen, Berg, Berg, Berge, mittig der Talboden, aus Bergen gewachsenes Chaos von Schroffheit, Wolken, Nebeln, Fallwind, Regen. Die lektürelose Weiterreise geriet bestialisch lang.

Dann endlich, irgendwann, immer noch irritiert vom nächtlichen Konsum meiner Spanisch-nordischen Schmöker, zusätzlich gereizt durch die Dienstreise und Saxos und Quijotes Abhandenkommen, trafen wir in Altdorf ein. Seit mein König die Knochen gestreckt hatte, musste ich auf der Hut sein, ein Gleichgewicht im Umgang mit den Eingeborenen finden: Mit Bauherren, die ohne Rücksicht auf warme und kalte Betten[9], Nutzungsziffern und Baugenehmigungen die Landschaft mit Gemäuern[10] zukleisterten, mit aufmuckenden Regionalräten ebenso wie mit Heerscharen hoch ansteckender, abgabenhinterziehender Schlaumeier. Da ich nun aber wusste, dass gerade in diesem Belang hier nichts zu holen war, und da ich mir den Zehnten innerlich eh längst ans Bein gestrichen hatte, hängte ich meinen Hut an eine Stange. Den sollten die Indigenen grüssen, das kostete nicht viel und liess allen ihr Gesicht. Andere Verweser hätten an meiner Statt Steuern eingetrieben, ich aber nicht, denn dafür ist ein Gessler zu schlau. So lange einer nämlich noch nicht dazu bereit ist, höchstselbst den auslaugenden Weg in die Alpen zu unternehmen, um dort in unbekömmlich dünner Luft jedem einzelnen spitzfindig hinterzogenen oder wundersam wegdiskutierten Foder Heu oder Klafter Holz nachzurennen, machte es nur wenig Sinn, hier unten an den Füssen der Berge solch ein kraftmeierisch’ Regime zu entfalten, solcherlei Regierung inszenierte sich nur mühsam, laugte bloss aus und zeitigte, kaum dass ich von dannen geritten wäre, bloss wieder nur die unfreiwillig spasshaftesten Nebeneffekte.

Darum meine Hutnummer.

Als Angebot zur Güte.

Die Leute grüssten die Kopfbedeckung, artig, genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte ... das kostete nichts und war schnell erledigt, sodass man sich um Wichtigeres kümmern konnte ... doch dann musste ja ums Verrecken, schon von Weitem hörte man den Buben schnattern und plappern, jener grimmige Tell hinzukommen ... der Sohn sah den Hut und erkannte das Gebot der Stunde, grüsste ... sein Vater jedoch, ob aus Unachtsamkeit oder Absicht, bleibe dahingestellt, künftige Generationen werden es entscheiden müssen, sie wissen’s, Don Saavedra, ging grusslos an dem Hut vorbei ... Ich sah dies und beschloss, es nicht gesehen zu haben … schlussamende lief jener den Gruss unterlassende Geselle hier mit geladener Armbrust herum, hier, auf einem so dicht bevölkerten Platz.

Rossgenannte liess sich nur langsam beruhigen; er knurrte den Fremdling an. Mehr als die Frechheit des unterbliebenen Grusses wurmte es mich, dass mein Spanisch-nordischer Schmöker weg war. Die von Saxo überlieferte Sage über Toko und König Blauzahn hatte längst Besitz von mir ergriffen.

Toko hatte sich damit gebrüstet, der beste aller Schützen zu sein. Toko war ein pathologisches Grossmaul, ein notorischer Weiberheld, weshalb seine Feinde und Neider diese Aufschneidereien subito dem König Blauzahn, so genannt seiner Zahnfäule wegen, überbrachten. Blauzahn stellte Toko zur Rede, denn Blauzahn sah sich selbst als besten Schützen weit und breit und durch alle Zeit. Toko widersprach. Da zwang Blauzahn Toko, zum Beweis eine Mango vom Kopf seines Sohnes Olaf zu schiessen. Toko reüssierte, das Chutney gelang. Nun wäre aber weder Toko Toko noch Blauzahn Blauzahn, wenn es sich damit bewendet hätte. Nämlich, Toko hatte sich auch noch zu der nassforschen Behauptung verstiegen, der beste aller Skifahrer zu sein. König Blauzahn jedoch hatte wahrlich das Herz eines Athleten, blaublütig und zu jeder Schandtat bereit, behielt er sich, nebst dem Titel des Bekuschüakuschü[11], auch noch jenen des Beskifaskifa[12] vor. Also befahl König Blauzahn dem Sportschützen, eine senkrecht ins Meer stürzende Klippe herunter zu donnern. Toko stapfte den Hang hinauf und raste in die Tiefe, wo er nach einem tollkühnen Sprung auf immer und ewig im Meer verschwand.

Jetzt applaudierte König Blauzahn.

Olaf weinte dem unsteten Herrn Pâpâ keine Träne nach. Er liess sich auf dem Fleck von König Blauzahn adoptieren.

Was keiner wissen konnte oder jedenfalls nicht wusste, war, dass Toko gar nicht hundsjämmerlich absoff, sondern dass er von Fischern gerettet wurde und seither auf Rache für Blauzahns Tyrannei und für den Sorgerechtsentzug geilte.

Bald genug bot sich ihm die Gelegenheit hierzu. König Blauzahns leiblicher Sohn fühlte sich herabgesetzt durch den Adoptivbruder Olaf und zog gegen seinen Vater ins Feld. Unter seinen Bogenschützen befand sich ein gewisser Toko. Eines Tages musste König Blauzahn schiffen und sprêchen[13] und schlug sich in den Busch. Er setzte sich in die Pampa, liess es plätschern und pflodern, und zwar so laut und urchig, dass selbst Toko es hörte. Und obgleich er zwanzig mal zwanzig mal zwanzig Schritt entfernt war, durchbohrte ihn Tokos Pfeil und Blauzahn starb inmitten der Transaktion.

Weiter war ich mit meiner Lektüre nicht gekommen. Das war es ja, was mir den Tag so verhagelte. Nicht zu wissen, wie es mit dem ambitionierten Siebensiech weitergegangen war, steigerte den Grad meiner Verstimmung bis weit über den materiellen Verlust des Spanisch-nordischen Schmökers hinaus. Dabei hatte ich schon so viele Tokos gelesen, sie kamen aus den Ländern der Angeln und Germanen, es waren indische, finnische, estnische Tokos, eine endlose Reihe. Ich hatte sie alle gelesen. Motive wiederholten sich, wurden variierend kopiert, glichen sich und glichen sich nicht. Da wurden Früchte, Nüsse, Brettspielsteine, Münzen von den Köpfen verängstigter Familienangehöriger geballert und nur Geschicklichkeit und Übung standen zwischen sportlichem Exploit und Kindsmord. Lauter Egils, Hemings, Anderss Pyrssinnens und Eindridis Breitfersens schrien den ganzen Nidungs, Haralds und Olav Tryggvasons ihr trotziges ‚Wetten, dass ...’ entgegen, worauf diese gelassen erwiderten: ‚Topp, die Wette gilt’.

Ich weiss jetzt nicht, Don Saavedra, sind Ihnen solche Überlieferungsreihen sowie der Reiz, vorgreiflich als auch nachtragend darin herumzufuhrwerken, bekannt?

Wie dem auch sei.

All das war einmal, ô holde Zeit der Lektüre, kaum vom Schreiben zu unterscheiden, Don Saavedra, denn der Spanisch-nordische Schmöker, meine maere, war verloren und gestohlen, und jetzt, hier in Altdorf, musste ausgerechnet dieser zänkische, bewaffnete Sturgrind mit der Rotznase an der Hand auftauchen und Lämpen machen.

Waltitell brach das betretene Schweigen, welches auf Willitells verschlampten Hutgruss gefolt war.

Aber, da brauche ja keiner mehr den Hut zu grüssen, wenn einer so achtlos daran vorbeigehen konnte. Hee, man müsse den Hut gar nicht grüssen, rief er triumphierend in die Menge der Umstehenden, heee, es sei imfall uhuonnen für die Katz.

Sogar meinem Klepper Rossgenannte fiel der Kiefer runter. Ich aber, noch immer kompromissbereit, zeigte unauffällig auf den Hut und bedeutete Tell, es jetzt zu tun, es tue nicht weh und dann seien alle froh.

Willi aber zeigte mir den Vogel und meinte, ja also nein, er hätte ja noch mir persönlich Grüezi gesagt, aber doch nicht meinem Hut, einem unbelebten Ding, es gehöre sich nicht, unbelebte Dinge zu grüssen und ob ich die Bibel – Götzendienst, goldenes Kalb! – kennen würde. Walti nickte und blinzelte mich herausfordernd an. Ich war baff. Da war dieser Umstürzler bereits so gut wie aus der verfahrenen Lage heraus, und dann ein solcher Affront … die Menge der Umstehenden jauchzte … jetzt kippte die Lage … Rossgenannte fauchte, zischte, sprühte Blitze und Funken … ich sah mich genötigt, andere Saiten aufzuziehen … aber auch nach mehrmaliger, mit steigendem Nachdruck vorgebrachten Aufforderungen liess sich der Renitente Tell zu nix bewegen. Weder hörte er auf, mich auszulachen, noch grüsste er wie gefordert meinen Hut. Sein Gesicht war eine einzige Kampfansage. Langsam nur las er den Ernst der Lage in meinen Zügen. Rossgenannte fletschte die Zähne.

Er sei ein Tellpatsch, hüstelte Willi, sein Vergehen ein Versehen.

Ich liess diesen Einwand nicht gelten und beharrte auf dem Hutgruss: Es sei ganz leicht. Jeder Trottel könne das.

Er nicht, eher würde er seinem Sohn, dem Walti, einen Kürbis, frei wählbar durch mich, vom Kopf armbrusten.

Topp, antwortete ich, topp, durchaus beklommen von dem Ernst, der aus Willi Tells Stimme drang, topp, die Wette galt, aber nicht mit einem Kürbis, der sei noch nicht entdeckt und schliesslich könne das auch jeder, nein – es müsse schon ein Apfel sein. Ich winkte eine Bauchladenhändlerin heran und wählte den kleinsten, schrumpeligsten, lederigsten, kurzum: den schillerigsten Apfel, den ich in ihrem Korb finden konnte.

Ha, so ging es noch nicht einmal in meinen Spanisch-nordischen Schmökern zu und her!

Walti schluckte leer. Tell legte ihm den Apfel auf den Kopf, stellte ihn mit abgewandten Augen an die Wand und haute ihm zur Beruhigung eins herunter, bevor er anlegte und schoss. Ich, auf beklemmende Weise an Saxo als auch an Ihren Quijote erinnert, zögerte. Ohne diesen redlichen Sportler zu beleidigen, konnte ich meiner Gemütslage keinerlei Abfuhr verschaffen. Ich kämpfte gegen die Mühlräder meiner Mundwinkel, obsiegte über Prusten und Grölen, schaffte es, Tränen der Schadenfreude und Belustigung wie Tränen entfernter Anteilnahme erscheinen zu lassen. Erst als das Geschoss nach einer geräumigen Weile ein jämmerlich muhend zusammensackendes Kalb traf, war es um meine Contenance geschehen und ich platzte, gackerte, wieherte drauf los. Mein Begleiter, Sancho, wusste nicht, wie er reagieren sollte und lachte zur Sicherheit so laut mit, dass er bei einem Haar erstickt wär. Rossgenannte wieherte prustend mit. Dieses Zaudern nutzte der Schütze zu seinen Gunsten. Der Plagöri sah seinen Fauxpas, und er entwand sich seinen Häschern, stemmte den Fuss in den Steigbügel der Armbrust, hakte den Spanngürtel ein, spannte die Sehne und arretierte sie, thaa, das wäre ja gelacht, jetzt fehlte nur noch der Bolzen.

Was er vorhabe, wollte ich wissen.

Konziliant zeigte ich auf seine Schiessapparatur.

Er habe Pfeile aufgespart, schluchzte der durch die Verfehlung in seinem Schützenstolz getroffene Tell, ihn gelüste es, mir einen Bolzen zwischen Nasenspitz und Oberkiefer zu setzen.

Da ging ein entsetztes Raunen durch die Menge der Umstehenden.

Ei, ei, was für ein Bild, spottete ich, während ich Tells Vorbereitungen des angekündigten Überraschungsschusses beobachtete. Auf mein Zeichen hin schlenderte Sancho dazwischen, nicht gerade aufreizend langsam, jedoch der Langwierigkeit von Tells Vorbereitungen angemessen. In einer Seelenruhe, um nur ja kein böses Blut zu machen bei dem Schützen, der uns Funktionsweise und Handhabung seiner Armbrust zeigte wie der somnambule, hirnamputierte Moderator einer x-beliebigen Dauerwerbesendung, nahm Sancho ihm den Bolzen ab, dieweil ich Tells Vitesse lobte: Der warf entnervt die Schiessapparatur auf den Boden. Waltitell zuckte bei diesem Anblick so fest zusammen, dass der Saavedra-Saxo, für den Fall der Fälle unter seiner Kutte verborgen, zu Boden fiel. Ich sprang vom Gaul und nahm das Buch an mich.

Ja also nein, Himmelgopfeidoria, donnerte ich, unerhört, unerträglich, er also hatte mir den Spanisch-nordischen Schmöker geklaut. Damit war dem Fass der Boden rausgeschlagen. Dass er den Fehlbaren fesseln solle, herrschte ich Sancho an, denn mir schien es das Beste, den Wirrkopf, Maulwurf, Kleptomanen, Bücherfeind einkerkern zu lassen.

So geschah es.

Nach verrichteter Arbeit ritten wir, den störrischen Bock auf einem Lastesel festgeschnürt, von dannen. Daran, bei diesem Sturm- und Huddelwetter die Fähre über den See zu nehmen, war nicht zu denken. Endlich konnte ich das Ende meiner Spanisch-nordischen Schmöker lesen. Beim Toko konnte ich mit dem Ende wenig anfangen, zu vorweggenommen und zu durchschaubar schien es mir. Besser schon sagte mir Quijotes Wandel vom Narren zum Weisen zu. Beide Bücher auf eines lesend, fiel mir etwas auf. Je länger ich aber mich darin festlas, desto weniger konnte ich mit dem nordischen Schmöker anfangen. Zu viel Sehnsucht nach Lückenfüllung und nach Täuschung, danach, einen Schuss in den Hinterkopf heldenhaft zu nennen, atmete und amtete darin. Zugleich sprach es aber auch eine ungestillte Sehnsucht an, eine Sehnsucht nach Raum und Ordnung, nach Heimat, Regungen, die ich so an mir nicht kannte. Der Tatbestand schrie nach Umdeutung; der Mord durfte kein Mord sein, nur so liess es sich schlafen.

Um wie viel desillusionierter und alerter war da schon Ihr Quijote, Don Saavedra. Ein grosses Buch, ein Lebensbuch, ein lebendes, zu lebendes Buch: Ein Buch, wie nur sie es schreiben konnten. Ich weiss nicht, ob Sie das kennen, Don Saavedra, doch bei allem, was ich von Ihrem Quijote weiss, nehme ich an, Sie kennen das: Das Befremden, in eine wortlose Landschaft geworfen zu sein, irren zu müssen zwischen handlungslosen Hügeln und Bergen, Täler und Furten zu queren, die keinerlei Witz haben geschweige denn Reiz. Es wohnt in jedem Zauber Vergessen oder Erinnerung; um nicht mehr dazwischen unterscheiden zu müssen, las ich, als ob davon vergiftet, Ihr Buch, Don Saavedra! Ihretwegen verpasste ich die Sturzflüge von Adlern, die sich sich windende Schlangen ergriffen, bunte Wochenmärkte entgingen mir und sogar die Flucht meines Gefangenen verpasste ich, das Buch vor der Nase und ihren Don Quijote im Nacken! Ich ritt mit der Lanze gegen Windmühlen, einen Löwentransport überfiel ich. Hammelherden habe ich angegriffen, dass die Wollknäuel nur so stoben. Ich habe Galeerensträflinge befreit und ein mit Schafskäse ausgepolstertes Haarwaschbecken als Helm verwendet. Noch im Schlaf habe ich gefochten, Ströme von Rotwein mit Strömen von Blut verwechselt. Drein gehauen habe ich; vermöbelt, verdroschen, durchgewalkt, über den Rücken gestrichen und zum Duell gefordert wurde ich. Schliesslich rettete mir Ihr Buch gar das Leben!

Sie sehen, Don Saavedra, Ihr Ritter hat es in das Herz eines noch nicht gegen alle Zumutungen der Realität verhärmten Publikums geschafft. Zusehends jedoch werde ich den Eindruck nicht los, man habe den Don Quijote in der falschen Schublade abgelegt. Weit davon entfernt, sich in der Illustration eines aussichtslosen Kampfes zu erschöpfen, steht er weit mehr für die Entschlossenheit, die Sinnesangebote dieser Welt, unter Hinnahme aller unangenehmen sich ergebenden Weiterungen, zu unterscheiden von ihrem Sinngehalt.

Er ist das so gerne unterschlagene pro captu lectoris vor dem habent sua fata libelli. Er lehrt das Handwerk der Täuschung ebenso wie ihren Rückbau, er betont Prozesse, wo Stillstand gepredigt wird. Er schärft den Sinn für Erinnerungslücken, Um-Erinnerungen, Erinnerungsunterlassungen, Korrumpierungen und Abschreibfehler der Überlieferung. Sein Realismus ist ein virulenter, ein den Keimen nach bestehender. Immunisieren kann Don Quijote, und das ist ja seine Wendung, gegen die Schüttelfröste der Realität ebenso wie gegen die Fieber der Täuschungen, gegen die Gutenachtlieder, gesungen für die Vernunft als auch gegen die Marschmusik überreizter Ernsthäftelei[14].

Mit ganz vielen Grüssen und ganz in diesem Sinn!

G.

 

 

[1] Ein Stück bergiges Kulturland samt Haus.

[2] Einer, der immer alles unendlich lange ausprobiert, wodurch er immer alles nur halb so gut macht wie einer, der doppelt so resolut und nur ein Drittel so skrupulös an die Sache herangeht.

[3] wahrhaftig bemerkenswert gut.

[4] fremde Leute, die einem Angst machen, weil man sie nicht kennt und nicht kennenlernen will, befürchtend, Vertrautes anzutreffen.

[5] Halbschlaue aus dem Mittelland

[6] Wichtigtuer

[7] Tollpatsch

[8] grosser Tollpatsch

[9] Anspielung auf die Zweitwohnungsinitiative, die sich verwahrte gegen zu viel ungenutzte Betten in den Schweizer Alpen.

[10] Anspielung auf den teils deplorablen Anblick längerer Strecken des heutigen Mittellandes, besonders, wenn man es von einem vorbeifahrenden Verkehrsmittel aus betrachtet.

[11] Bester Kunstschütze aller Kunstschützen

[12] Bester Skifahrer aller Skifahrer

[13] Alle Welt, alle Welt ist sprâche. Schön und gut. Warum dann aber hat mir keiner gesagt, was sprâchhus im Mittelalter hiess?

[14] einen Mythos so lange mit so viel Ingrimm demontieren, bis man dem Pathos der eigenen Gestik auf den Leim kriecht. Nicht zu erkennen, damit selbst neue Mythen zu tradieren.

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