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Dichtertotenbriefe

Briefe an N wie Nietzsche

Hedy Sadoc schreibt an Friedrich Nietzsche

London, im August 2013

Lieber Friedrich,

wie lange kenne ich dich jetzt schon? Ganz genau weiß ich es nicht, aber es ist dennoch so, dass ich mit dir eine neue Zeitrechnung angefangen habe, ganz so wie es einem mit der Liebe geht (darüber hat übrigens neulich Alain Badiou, einer dieser Esprit-Franzosen, die du so geschätzt hast, sehr schön geschrieben).

Nun, das hast du vorausgesehen. Auch, dass du mir für manche anderen Bücher den Geschmack „verdorben“ hast.

„Ich bin kein Mensch. Ich bin Dynamit“ hast du gesagt. Ja, Dynamit, Heiliger, Hanswurst, Schicksal, freier Geist, Psychologe, Antiesel und welthistorisches Untier „auf griechisch, und nicht nur auf griechisch, Antichrist“, Rattenfänger, der aber alle in die Freiheit schickt, Denker, der eigentlich Dichter ist, Dichter, der eigentlich Musiker sein wollte, ein von glühender Liebe und Großzügigkeit erfüllter Mensch, der aber alles zerschlägt, ein Philosoph, der verbannt ist von der Wahrheit, Possenreißer, Gaukler, Narr...? Und wenn du am Ende hast sehen müssen, dass die Wahrheit dir immer davonrennt und du doch „nur“ Dichter gewesen wärest, wer wollte denn bedauern, dass jemand, dem die Metaphern nur so entgegenzupurzeln scheinen, dessen satte Bilder uns in wenigen Sätzen nach Arkadien verführen und der uns die Höhe der Seele eines Zarathustra hingezaubert hat, ein Dichter war?

Doch ich bleibe zunächst mal bei Dynamit! Wie sollte einem einer, der über schier alles neu nachdenkt und Jahrtausende Altes aus den Angeln hebt, nicht den Boden unter den Füßen wegblasen, schlaflose Nächte und erregte Tage voller Unruhe bereiten?

Wenn ich sage, du schreibst über Ariadne, Beethoven, Carmen, Dumpfheit, Eitelkeit, Geist, Heilige, Indolenz, Jesus, Kunst, Leben, Menschenlos, Natur, Opfer, Platon, Richard (Wagner), Sinnlichkeit, Treue, Überzeugungen, Virtuosentum, Wahrheit, Xantippe und Zuckerbrot, dann könnte ich genauso die Reihe wieder von vorne anfangen mit Askese, Butterbrot, Einsamkeit, Gebet, und über Ketten, Verdüsterung, Wille, enden mit Zarathustra. Und hundertmal neu. Hast du dir – nebenbei bemerkt – auch mal Gedanken darüber gemacht, warum es im Deutschen so wenige Wörter gibt, die mit Q anfangen, und mit X und Y? Vielleicht kommt das noch.

Also, wo anfangen, wo es nirgends endet?

So etwas kann ja nicht gut gehen! Mit einem reinsten, unschuldigsten Wissens- und Wahrhaftigkeitsdrang ausgestattet zu sein und gleichzeitig einem allerfeinsten Sinneninstrumentarium – na ja, sagen wir, vor allem einer ausgezeichneten Nase („mein Genie ist in meinen Nüstern...“ „lichte, leichte Luft“ willst du und „jedes Wort hat seinen Geruch“, findest du), einem feinen Gaumen (hat wohl je einer sonst von „körniger Gedrängtheit“ bei einem Autor gesprochen, oder bedacht, ob „einsalzen“ oder „einkochen“ wohl für die Haltbarkeit eines Werks die bessere Lösung ist?) – von den höchst empfindlichen Ohren ganz zu schweigen. Die Augen haben ja schon früh nicht so recht gewollt. So was wie „Mitunter genügt schon eine stärkere Brille, um den Verliebten zu heilen“ rührt wohl daher. Gib’s zu! „So so!“, habe ich mir an den Rand geschrieben (überhaupt solltest du die Ränder – seitlich, oben und unten um deine Texte herum mal sehen!)  „ganz schön frech!“, aber so kennen wir dich ja, und lieben dich darum, nein, nicht alle natürlich. Und natürlich nicht allein um deiner messerscharfen schalkhaften Zunge wegen! (Doch, ich leugne es nicht, über den guten Jean Paul zum Beispiel folgendes lesen und laut lachen zu dürfen „ein bequemer guter Mensch, und doch ein Verhängniss, – ein Verhängniss im Schlafrock.“ tut absolut gut, wirft einen scharf konturierten Lichtstrahl in einen graumelierten Londoner Novembermorgen. Aber natürlich auch dein tiefer Ernst, deine Zucht und Direktheit – „ein Ja ein Nein, eine gerade Linie ein Ziel“ reißen aus der Alterslethargie heraus, und lassen mich dann doch wieder die Nase in den Tag recken und schnuppern, was denn wohl drin und mit ihm anzufangen ist, auch wenn alles sich schon zu dem Gefühl zusammengebraut hatte, dass das Leben eigentlich vorbei und nicht mehr viel zu erwarten sei, wie bei Martin Walsers Basil Schlupp.

Eine gute Freundin, der ich sagte, ich wollte dir schreiben, übrigens auch eine, die man auf’s Gymnasium geschickt, und die trotzdem Kinder und Kunst auf die Welt gebracht hat (ein bisschen was hat sich bei den deutschen Bildungsanstalten auch schon gebessert, aber bei den Frauen noch viel mehr, darf ich dir sagen  – besten Dank übrigens, dass du uns diese Möglichkeit eingeräumt hast!) hat mir das voll bestätigt. „Ja, mach das“ sagte sie, „ein paar Zeilen Nietzsche am Morgen und schon fliegt die Depression zum Fenster hinaus! Und bestell auch schöne Grüße von mir!“ Klar! Wie auch nicht, wenn man laut lachend liest: “Wie quälen den Autor jene braven Leser mit den dicklichten ungeschickten Seelen, welche immer, wenn sie woran anstossen, auch umfallen und sich jedesmal dabei wehe thun.“ Oder mit einer Frage wie “Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich sich drehen?“ auf deine Höhenflüge mitgenommen wird?

Nebenbei bemerkt, deine „manchmal negativen Äußerungen über Frauen“ hier und da hat sie dir auch verziehen – du hättest manches wohl aus Frust  gesagt, meinte sie. Ich schließe mich da mal an und sage dir, dass es mir wirklich leid tut, dass du es so schwer hattest mit uns Frauen...das Kindheitsdrama – lebenslänglich. Auch davon hast du schon gewusst.

Viel hast du gewusst, denn du hast viel nachgedacht. Schockierend neu an deinem Denken war – eigentlich verwunderlich wenn man es recht bedenkt – dass du soviel über „Leben“ nachgedacht hast, wo es doch das ist, was wir alle tagtäglich tun! Vom Tod mit seinem Drum und Dran hatte man aber schon viel zu viel und mehr als lange genug gesprochen, fandest du. Ich stimme dir da kräftig bei. Endlich einer, der das Leben feiert und es hochhält – trotz und alledem! „Der Schmerz spricht nicht gegen das Leben“, aber dass „der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige  Gefängniswärter der Herr ist, der den Punct bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll“ findest du die reinste Unvernunft, wobei dir bewusst ist, dass dieser Gedanke zu deiner Zeit „ganz unfassbar“ war. Viele, das darf ich dir berichten, arbeiten aber jetzt schon daran.

 „Durch die sichere Aussicht auf den Tod könnte jedem Leben ein köstlicher, wohlriechender Tropfen von Leichtsinn beigemischt sein – und nun habt ihr wunderlichen Apotheker-Seelen aus ihm einen übelschmeckenden Gift-Tropfen gemacht, durch den das ganze Leben widerlich wird!“ – auch ein fabelhafter Gedanke von dir, aber im Gegensatz zum obigen, noch sehr wenig im Schwange. Leichter Sinn ist überhaupt nicht gerade das Markenzeichen unserer Zeit.

Auch über jenen anderen „Sonderfall“ des Lebens, der ja nicht umsonst oft mit dem Tod in einem Atemzug genannt wird, die Liebe (nicht die „große Liebe“, die Liebe zur Welt, zum Leben, zum Geist – über die hast du ja ganz viel gesprochen -  die „kleine“ Liebe meine ich,  die romantische), hast du vergleichsweise wenig gesagt, aber dieses Wenige ist tief und behutsam und ungewöhnlich, und mir über alles kostbar:

Dass man tapfer auf seinen beiden Beinen stehen muss, um überhaupt lieben zu können, dass es ein Irrtum ist, zu glauben, die Liebe könne alles heilen (ich habe das auch mal geglaubt), und dass wir Frauen immer mehr lieben sollen als wir geliebt werden... hiermit liegst du sicher nicht im Trend, aber vielleicht sollten wir es uns einmal überlegen.. und dies hier, bitterer Balsam für jedes gebrochene Herz... „Die Forderung, geliebt zu werden, ist die grösste der Anmaassungen.“ Doch, hat jemand je etwas Schöneres und Großzügigeres gesagt als: „Wenn ich dich liebe, was geht es dich an?“

Ich wollte dir sagen, um was alles wir dich lieben, ich und die kleine unsichtbar wachsende Gemeinde deiner Freunde.

Da ist dein froher, fester Blick, der nicht Angst hat, genau hinzusehen – bei aller Anstrengung, die es dich gekostet hat, in jeder Hinsicht; das unerschrockene Nachdenken, das Wittern, das Schmecken der Luft, die eine Sache umgibt; schließlich der dir nur zu bewusste, riskante Sprung in die Sprache (in die Wörter hinein, die immer auch ein Verrat sind); und dies alles trotz aller Einsamkeit, die es dir eingebracht hat, bis zum Schluss, als du auf dem Platz in Turin standst und das geschundene Pferd umarmtest.

Neulich meinte  jemand zu mir, dass einer, der das  getan hat, ‘doch nicht ganz schlecht sein könne’. Nicht ganz schlecht! Vielleicht hat er gedacht, du hättest, vergleichbar mit Richard Wagner, dein „Gott ist tot“ im letzten Moment noch mit diesem Akt christlicher Nächstenliebe wieder gut machen wollen! Du wärest ziemlich entsetzt gewesen, so etwas zu hören, genau so wie du es warst, als man deine Schriften als „zeitgemäß“ missdeutete. Dann doch schon lieber gar nicht gehört werden, als so missverstanden. Welche Anmaßung und Verkennung – auch heute leider noch nicht ganz selten, und besonders bei solchen, die natürlich kein Wort von dir gelesen haben! Aber es hat dich schon damals nicht besonders angefochten und jetzt ficht es dich noch weniger an.

Ja, und dann wurdest du auch noch von der Wirtin gesehen, wie du nackt im Zimmer umher tanztest, im katholischen Turin, am Ende des 19. Jahrhunderts!

Der nackte Tanz. Alles abwerfen und leicht werden, „Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“ – wörtlich geworden, irdisch geworden. Die schwindelnde Höhe, die Absolutheit, die Radikalität, die vollkommene Leidenschaftlichkeit und Hingabe – sie  haben ihren Preis. Strawinskys „Frühlingsopfer“, Andersens „Rote Schuhe“, der Tanz bis in den Tod – diese Art absoluter Ernst ist selten, selbst in der Kunst. Wovon wir mehr haben, ist Ironie, Satire, Kabarett – Launisches, das amüsiert, entspannt, und – alles beim Alten lässt. Das alles ist ja wenigstens manchmal ganz hübsch, aber wir haben auch viele „traurige Autoren“ unter uns, die „zu Papier bringen, was sie leiden“ und uns noch trauriger machen, im Wettstreit mit denen, die nach eigener Aussage „nichts zu sagen haben und es trotzdem sagen“ – etwas, das eine moderne Technologie, genannt „Internet“ möglich macht, das erkläre ich dir nachher.

Du wolltest aber niemanden gerne traurig sehen. Zu einem noch späteren Zeitpunkt, so wird uns berichtet, sagtest du einmal zu deiner Schwester, als sie um dich weinte, lange bevor sie ihren schlimmen Verrat an dir verüben würde: „Warum weinst du denn, meine Schwester? Wir haben es doch gut!“

Ein langer, dornenvoller, glorreicher Weg in nur wenigen Jahren! Wie sich alles gedrängt und gestaut haben muss, und dann immer wieder befreit im Schreiben! Ich blicke auf dein Leben wie auf das eines Sohnes, der aber längst vor mir da war. Ich schreibe dir aus einem Lebensalter heraus, das du nie erlebt hast – alles, was du gesagt hast, hast du als  j u n g e r  Mann gesagt, wenn du es auch damals nicht so gesehen hast. Eigenartige, interessante Verschiebungen und Perspektiven ergeben sich da, so wie ich weiß, dass du mir nicht antworten wirst. Du hast mir ja schon geantwortet, bevor ich angefangen habe, Dir zu schreiben.

Ich schreibe dir aus der Zukunft. Aus der Zukunft, für die du so viel Hoffnung, soviel Großzügigkeit hattest! Bei allem, was du für uns wolltest und voraussahst – „Ich schreibe für die Kommenden, für Alle und Keinen“, vielleicht hundert, vielleicht zweihundert Jahre würde es dauern, bis man dich verstehen würde, meintest du – nicht ein einziges Wort des Bedauerns, dass du es nicht selber sehen würdest! So bereit, dich in den Fluss des Geschehens zu stellen! Das Entstehen und Vergehen anzunehmen und willkommen zu heißen! Du konntest wohl nicht anders.  So warst du eben.

Du hast einmal gesagt, nicht jeder könne von jedem Lehrer lernen. Ich glaube das auch, aber ich hoffe, dass ich von dir lernen kann. Ja, ich denke einfach mal, du hast für mich geschrieben. Verwegen? Mit Sicherheit! Vermessen? Vielleicht.  Sei’s drum!

Warum du mir so nahe bist? (D a s s  du mir nahe bist, siehst du schon daran, dass ich einfach „du“ sage. Wir haben im Deutschen immer noch den Plural für Abstand, aber ein „Sie“ konnte ich nun wahrlich nicht über mich bringen.)

Warum du mich, vom ersten Moment meiner ‘Ära Nietzsche’ an, so gepackt hast und nicht mehr los lässt? (Was es übrigens, entgegen meiner anfänglichen Annahme, trotzdem nicht leichter macht, dir zu schreiben, zu vieles drängt alles gleichzeitig heran und stürzt übereinander – dein ganzes Leben, mein ganzes Leben – und außerdem ist es eben etwas völlig anderes, eine Welt in sich zu haben  und sie – besonders in Worten – nach außen zu setzen, jede Verwirklichung eine kritisierbare Verkürzung des Möglichen, ich glaube fast, Tanzen ist besser...)

Natürlich, zum einen, weil du mich mit deiner verflixten Wortzauberei in eine faszinierende Welt hineinschauen lässt, deine Welt, deine ungewöhnlichen, revolutionären, begeisternden Gedanken, deine bezaubernden Bilder, deinen erstaunlichen Verstand und dein tiefes Gefühl, aber besonders auch deswegen, weil du mich, nachdem du mich in all das hineinlockst, wieder e n t l ä s s t! Mich wieder zu mir selber zurück schickst und immer wieder sagst „Nun du! Nun denke du! Nun handle du!“

Aber auch weil du, bei aller Fremdheit dessen, was du zu sagen hast, gerne einmal v e r s t a n d e n  werden möchtest. „Helligkeit als Schatten wirkend“, zum Beispiel, mitten in einem feinstens entwickelten Gedankengang zu Richard Wagners genialer Gefährlichkeit steht da fast flehend die kleine Frage „Versteht ihr das?“ Weil du, bei aller Größe und Außerordentlichkeit auch menschlich-allzu-menschlich bist. Weil du dir Leser wünschst, die tief leiden, hoffen und sich freuen wie du, die den Mittag und den Süden lieben , wie du, und ihren eigenen Weg suchen und gehen, wie du. Weil du gearbeitet hast, woran ich und viele von uns heute arbeiten.

Weil du nicht nur eine religiöse Kindheit überwunden hast, sondern auch eine im Sekundären verhaftete Karriere, Krankheit, schwerstes Leiden an Leib und Seele, Missachtung und tiefste Einsamkeit. Weil du es trotz allem und durch das alles hindurch geschafft hast, nicht nur  für dich zu f i n d e n, wie es ist, wie es jeweils ist, wie es dir, für d i c h, ist, sondern, zu unser aller Glück, so begnadet warst, es auch s a g e n  zu können. Weil du, trotz aller deiner Skepsis der Sprache gegenüber – „Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit. - Jedes Wort ist ein Vorurteil“– es gewagt und geschafft hast, mit Worten ein Feuer anzuzünden, uns Gedanken und Mittel an die Hand zu geben, wie wir beginnen könnten, den Körper wieder zu finden, die Erde wieder zu gewinnen, das Nächste, das Gesichertste, uns selber.

Deine Gedanken sind so aktuell – und doch auch immer noch weit, weit davon entfernt, Allgemeingut zu werden – wie deine Sprache frisch und staubfrei ist, ohne allen Plüsch und Plunder des 19. Jahrhunderts. Heute, etwa 150 Jahre nachdem du sie niederschriebst – du hast also ziemlich gut geschätzt – gibt es kleine Versuche, hier und da. Manche sprechen schon voreilig vom Tod der Ideologie, wie du vom Tod Gottes gesprochen hast, doch es ist noch längst nicht soweit. Hier in Europa, auf das du so große Stücke gehalten und von dem du dir so viel erhofft hast, sind wir wohl heute auch tatsächlich am weitesten damit. Wir brauchen nicht mehr so viel zu heucheln (zumindest wenn man kein Politiker ist), wir können zu unseren Meinungen, unserer Sexualität, unserer Weltanschauung stehen ohne Gefahr – ganz im Gegensatz zu anderen Teilen der Erde, wo immer noch dafür gestorben wird, eine „Meinung haben und ändern“ zu dürfen. Doch jetzt übernehmen ganz andere Kräfte, von denen du mit deinem Nachdenken über die Maschinenwelt schon ein wenig zu ahnen begannst, hier die Macht. Statt in der Sonntagsmesse muss man sich jetzt in Designermode sehen lassen, und die Wirklichkeit entgleitet uns zunehmend in die Virtualität.

Das muss ich kurz ein bisschen näher erklären.

Im Jahre 1882 legtest du dir ja, wegen deiner schlechten Augen, eine damals relativ neue Erfindung, die „Schreibkugel“ der dänischen Firma Malling Hansen zu, auch sicher als Schachzug gegen die Langsamkeit und Schwerfälligkeit, die beiden so häufig von dir beklagten deutschen Eigenschaften, gedacht. Leicht transportabel war sie zwar, wie du es wolltest, doch leider unterwegs beschädigt und keiner konnte sie so richtig reparieren.

Nun ja, das waren die bescheidenen Anfänge einer Entwicklung, deren Tempo immer rasanter wurde und uns jetzt oft den Atem und, wenn man nicht aufpasst, auch leicht unsere sauer verdienten Euros raubt. (Ja, bis zu einer einheitlichen Währung hat es das einige Europa – oder Teile davon – schon gebracht! All das würde dich sicher interessieren, aber vielleicht ein andermal.)

Ich weiß, du bist ein vehementer Verfechter der Wissenschaft, des begründeten Wissens, entgegen den vorschnellen kühnen Fantasieschlüssen einer älteren Menschheit. Für das langsame geduldige Forschen der wissenschaftlichen Methode, die in deinen Tagen ihre Anfänge sah. Nun, hier haben wir inzwischen weitergemacht! Und wie! Es braucht etwas nur mit den Worten „Wissenschaftler haben herausgefunden“ zu beginnen, und sofort wird es Volksgut. Finden Wissenschaftler zehn Jahre später das Gegenteil heraus, wird es wiederum Volkswissen. Ich scherze und mach mir hier nur mal kurz Luft. Ich will die säuberliche Arbeit der Wissenschaftler keineswegs schmälern, es steht ja jedem frei, mit ihren Ergebnissen anders umzugehen. Also kurz und gut, hier sind Riesenfortschritte gemacht worden, die uns dann – vermittelt durch die eifrigen Technologen – in der Folge der Schreibmaschine die elektrische Schreibmaschine, die Kugelkopfmaschine von IBM und schließlich – dank einer cleveren Nutzung der O und der I, den sogenannten „Rechner“ oder – moderner, da Englisch – „Computer“, gebracht hat, auf dem wir heute nicht nur schreiben, sondern mit dem wir inzwischen leben und sterben. Auch davon vielleicht einmal später. Hier nur kurz gesagt, es gibt beinahe nichts mehr, das wir ohne Computer bestreiten, und wenn die Computer-Netzwerke zusammenbrechen, bricht die Welt zusammen. So ungefähr. Der Computer nun ist es, der uns das Internet, das ich oben erwähnte, ermöglicht, ein weltweites, jederzeit waches Kommunikationsnetz, auf dem jeder jedem jeden Unsinn mitteilen kann, mit dessen Hilfe aber auch Revolutionen gemacht werden. Es ist eine Art Welt, die immer nur vorhanden ist, wenn wir den Computer anschalten. Das meinte ich, als ich sagte, dass uns Erde und Körper, kaum errungen, nun auch schon wieder verloren gehen.

Doch auch aus unserem gegenwärtigen „Realitätsverlust“ kannst du uns immer wieder erretten, mit deiner radikalen Feier des Lebens – weg vom „Sein“, vom Abstrakten, Imaginären, hin zum „Werden“, zum Historischen, Perspektivischen, Lebendigen. Der Wert der Welt, sagst du, liegt in unserer Interpretation und jede Erhöhung des Menschen bringt die Überwindung engerer Interpretationen.

Unsere Macht erweitert sich. Wir dringen ins Atom und in den Weltraum. Wir reisen rasend. Wir kommunizieren verzögerungsfrei, mündlich und schriftlich.

E-mailen ist bereits das geworden, was „die Alten machen“, da es immer noch ein wenig wie ein richtiger Brief aussehen kann. Medizinisch werden Wunderwerke an Prävention und Reparatur vollbracht. (Gegen die Migräne, die dir das Leben so oft zur Hölle machte, hat man allerdings, soweit ich weiß, bis jetzt immer noch nur Palliativa), doch immer noch ist der Mensch „der Affe Gottes, der Komödiant der Welt“, dessen größte Eitelkeit, größer als jede individuelle (von der du, weiß Gott, auch oft genug und zu Recht redest), „darin besteht, dass er sich in der Natur und Welt als ‚Mensch’ fühlt“.

Letzteres beginnen wir, zumindest was unsere Mitgeschöpfe angeht, allmählich zu begreifen, doch dass „Wir“ ein „Versuch“ wären, etwas, an dem auch „viel Unwissen und Irrtum, auch der Wahnsinn von Jahrtausenden, Leib geworden ist“, dass „Wir“ also das wären „was überwunden werden muss“! Für jeden, der unsere heutige Welt anschaut, liegt es auf der Hand. Und dennoch, d a s ist zu radikal, zu unmöglich, zu undenkbar. Davon sprechen die allerwenigsten.

Doch davon sprichst du! Diese nächste Stufe denkst du!

An die Erweiterung der Interpretation durch die Erhöhung des Menschen glaubst du. Wo Veränderung möglich ist, da ist auch Veränderung zum Besseren immerhin möglich. Eine begründete Hoffnung! Nicht nur in Dekadenz, Delinquenz und Fantasterei, oder in sportlichen Höchstleistungen (für die Meisten nur zum Zuschauen) liegt Glanz und Ausweg aus dem geist- und seelentötenden Alltag, sondern in einem – selbstverständlich nicht moralisch gemeinten – „Gut-Sein und Immer-besser-Werden“, das einem J e d e n offen steht. Ein Ansporn zur Arbeit, zum Mutigsein, zum Ja-Sagen... „Yes, we can!“

Wenn allerdings ständig alles im Fluss ist und die Dinge immer wieder neu angesehen werden sollen und müssen, wenn sie anders erscheinen am Vormittag als am Abend, anders im sonnenhellen Süden als im nebelkalten Norden, anders wenn man krank als wenn man gesund ist, wenn man hungrig ist oder satt („Wenn der Mensch eben ... ein Wenig gegessen hat, so ist er am mildtätigsten“), wenn man also immer wieder vom Nächsten und Konkretesten ausgehen muss um zum Weiträumigsten und Universellsten zu kommen, dann sind selbstverständlich alle diejenigen mit ihrem Latein am Ende, die eine b e s t i m m t e Zukunft sehen und für alle erzwingen wollen. Und auch kein Wunder, dass sich die Systematiker und Harmonisierer die Zähne an dir ausbeißen!

Man hat dir nachgesagt, man könne bei dir alles finden, und von allem das Gegenteil. Es ist leicht und billig, dich gegen dich selbst zu zitieren. Klar, du sagst es selber: „Mein Heute widerlegt mein Gestern“. Das letzte Wort ist nie gesprochen, es gibt keine endgültigen Lösungen. „Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat. Ich bin, wir sind. Das ist genug. Nun haben wir zu beginnen.“ Klingt dir das angenehm? Ich denke schon! Das ist Ernst Bloch, einer, der dir gefallen würde.

„Eine kanonische Wiedergabe ist sehr schwierig“, meint einmal ein biederer Kommentator deiner Werke. Ich sehe, wie du dich freust und dir im Stillen die Hände reibst. Und wie findest du Folgendes: „...ein Denksystem [sic!], an dessen Anfang der Tod Gottes steht, in dessen Mitte der resultierende Nihilismus und an dessen Ende die Selbstüberschreitung des Nihilismus in ewiger Wiederkehr.“ Peng! So zu lesen bei Karl Löwith, der uns immer noch empfohlen wird, um dich zu verstehen. Findest du dich da verstanden? Ich weiß nicht, ich lese lieber dich, da weiß ich, wo ich dran bin, nämlich, dass ich nie weiß, wo ich dran bin und total immer wieder frisch und von neuem anfangen muss – und vor allem – will.

Trotzdem (das ist überhaupt  d a s  Wort, wenn es  e i n e s  gibt, das „dich“ vielleicht zusammenfassen kann. Ein anderes wäre wohl „Redlichkeit“, diese „jüngste der Tugenden“) – trotzdem also, bei aller Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Entwicklung, ist da etwas Durchgängiges, etwas, dass dich erkennbar macht. Ich kann nicht sagen, dass ich weiß, was es ist, eher spüre ich es, höre ich es, ja, rieche und schmecke ich es.

1861, du bist kein Kind mehr, freust dich aber wie ein Kind auf Weihnachten, und schreibst der Schwester deine Geschenkwünsche – einmal, dann ein zweites Mal, und dann nochmals wieder geändert. Schon hier, diese rührende Ernsthaftigkeit, Sorgfalt, Bestimmtheit, gepaart mit einer feinfühligen Rücksicht und Liebe.

Zwei Jahre später schreibst du an deine Freunde Gustav Krug und Wilhelm Pinder: „Denn die leichten Schaumwellen eines freien Lebens löschen leicht die alten Bilder von der Tafel der Seele ab. Verzeiht mir wenn ich einen solchen Gedanken ausgesprochen habe. Aber gedacht habe ich ihn.“ Wieder diese Zurückhaltung und Rücksicht, die mit dem Drang zur Wahrheit im Kampf liegt.

1876 fährst du zum ersten Mal nach Italien und kommst mit einer jungen Dame ins Gespräch, Isabelle von der Pahlen, die für immer von diesem Zwiegespräch, das die ganze Nacht währte, als dem „eigenartigsten Erlebnis ihres Lebens“ berauscht und dankbar erfüllt blieb.

In der zweiten Hälfte des Wintersemesters 1888/89 wirst du in Jena als Patient in den Hörsaal geführt. Sascha Simchowitz, ein älterer Mediziner, berichtet darüber in der Frankfurter Zeitung vom 7.8.1890. „So hatte ich noch nie einen Menschen sprechen hören“ und er spricht von deinem sanften Ton, deiner sympathischen Stimme, der vornehmen Mimik und Gestik. „Später, als ich Nietzsche las“, so fährt er fort, „wurde mir klar, was mich so stutzig gemacht hatte. Ich hatte soeben zum ersten Mal die Zauberwirkung des Nietzsche’schen  Stils verspürt.“

Etwas Leuchtendes, Kindliches, Klares, Reines und Echtes, aber auch Angreifbares, Verletzliches, etwas überaus Anrührendes und sehr Zartes zieht sich durch all dies hindurch, auch noch, wo du „mit dem Hammer“ philosophierst. „Candide“ kommt mir in den Sinn, das englische „candid“. „Ich gehöre zu den Maschinen, welche zerspringen können“ sagtest du einmal, um die Zeit herum, als dich dein Zarathustra überfiel. Wie gut du dich gekannt hast!

O je, da lese ich gerade etwas! „Der Brief“ sagst du da, „ist ein unangemeldeter Besuch, der Briefbote der Vermittler unhöflicher Ueberfälle. Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen haben und darnach ein Bad nehmen.“

 O je! Und ich dachte schon, da ich wirklich nicht noch mehr in diesen ersten Brief an dich hineinpacken konnte, ich schreibe dir vielleicht jetzt immer mal hin und wieder, Zwischenmeldungen sozusagen, über unsere heutigen Versuche, womöglich den Übermenschen durch Schönheitsoperationen und Datenbrillen herbeizuzaubern, oder welche Blüten dank permanenter Kommunikation unsere Eitelkeit, und dank Postmoderne unsere Dekadenz treibt; darüber dass wir leider immer noch das „Gewissen eines arbeitsamen Zeitalters“ haben und wie Kultur etwas ist, das wir uns „leisten“ und bei der wir nicht gerne aber dennoch leider oft „Kürzungen“ vornehmen müssen; dass leider der hohe Mittag deines Zarathustra nicht in Sicht ist (unsere Ziele sind weiterhin bescheiden, eher Schadensminimierung), aber auch darüber, dass wir doch schon ein wenig mehr lernen, das Leben zu feiern (die jungen Londoner Schaufenstergestalter und die Modefotografen haben dich, glaube ich, verstanden), dass Weisheit nicht mehr so hoch im Kurs ist wie Wachheit, dass einige von uns schon versuchen, die Lebenslust und Neugier unserer Kinder zu erhalten und uns daran zu erfreuen.  Über Richard Wagner, von dem wir natürlich in diesem Jahr besonders viel hören. Über vieles, was hier und jetzt so los ist, und wie ich oft lachen muss, wenn du „jetzt“ sagst, und dir dann in den Rand schreibe „Wenn du erst mal sähst, wie es ‚jetzt’ ist!“ Dann mache ich das alles für’s Erste mal wieder nur für mich, wie bisher, und lass dich mit Briefen in Ruhe.

Allerdings, da fällt mir ein, ich schicke dir diesen Brief natürlich per Email, da kommt kein Briefträger und du kannst ihn dann öffnen oder nicht, ganz wie und wann du willst.

Mit dem festen Vorsatz, erstens nie zu lange krank zu sein, oder zumindest aber  „die Zuschauer nicht über Gebühr durch die Verpflichtung zum Mitleiden anzustrengen“, und zweitens aus meiner zweiten Lebenshälfte – wenigstens nicht nur – „einen schlechten Reim auf meine erste“ zu machen,

dankbar,

Deine Hedy Sadoc

PS: Gerade habe ich zu Ende geschrieben, da könnte ich schon wieder neu anfangen... so ist es immer!

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