Fixpoetry

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Dichtertotenbriefe

Briefe an G wie Goethe

Jan Decker schreibt an Goethe

Hochzuverehrender Herr Geheimer Rat.

Seit Sie unser Weimar so fluchtartig über Karlsbad und den Brenner verlassen haben, hat der liebe Gott nicht geruht. Eine Welt hat er von Menschenhand aufbauen und von derselben wieder einreißen lassen. Nur literarisch ist nicht viel geschehen. Seit nunmehr 50 Jahren leben wir in einer Epoche, die nicht näher bezeichnet werden kann. Manche nennen sie modern, andere postmodern. Aber das sind rein äußerliche Kleider, und was drinnen steckt, kann noch keiner absehen.

Behelfsweise diese Epoche nachklassisch zu nennen, führte nicht weit genug in dieses unwegsame Gelände. Haben wir es doch mit einer gänzlich verschiedenen Art des Producierens von Literatur zu tun. Heute gibt es einen so großen Überhang an frisch gedruckten Büchern zu vermelden, dass der geneigte Leser dem neuesten Geschmack nur hinterherhinken kann. Da sein Geschmack gleichzeitig der feinste Motor einer Epoche ist, kömmt es einem vor, als würde man tagtäglich mit großen Kanonen auf den Leser einschießen. Ein allgemeines Zurückweichen von der Literatur bleibt nicht aus, die vor allem sich dadurch kennzeichnet, dass jeder wissen will, was einen Autor ausmacht. Die Unkundigsten fühlen sich noch zu einem Urteile berufen.

Und was sie flüstern, ist abgeschmackt. Der Autor soll Erfolg beim Publicum haben, nichts anderes. Nur so zeichne sich sein geistiges Vorreiterthum aus. Auf die Bücher selbst wird gar nicht mehr geblicket, sie sind nur unnötiger Tand, ein Vehikel zum großen Erfolg. Doch der Zweifel an der Aufrichtigkeit eines gedruckten Buchs, einmal gesät, breitet sich über die ganze Epoche aus. Nichts zwischen zwei Buchdeckeln kann auffallen oder glänzen. So befindet sich der Leser in einer seltsamen Geschmacksreserve. Auch er kann nichts mehr schätzen. Und seine fehlende Begeisterung wird dem Autor angelastet, der ein ätherisch schwaches Construct in diesen Tagen ist.

Sein Programm ist schnell umrissen. Gleich einem Automaten soll er Bücher hervorbringen, die Erfolg haben und derart sämtliche Zweifel an der Epoche austreiben. Solcher Wunschpunsch ist nicht zu brauen, weshalb ich diese Epoche der deutschen Literatur auch tragikomische Epoche nenne. Alles wird von der Production her gedacht, als hätte der liebe Gott seine Kindlein am ersten Menschheitstag schon in die Kleider für alle Ewigkeit gegossen. Einen ästhetischen Fortschritt gibt es recht eigentlich nicht, weil dem Leser ein Prüfstein für solchen Fortschritt fehlt.

Genug der unverhohlenen Klage, begeben wir uns in eine Chiffre. Ich wähle das Bild eines schwankenden Schiffs, auf dem unsere Autoren zugleich beruhigt und beklemmt Platz genommen haben. Ganz so, wie Sie uns die Rückfahrt von Sizilien nach Capri schildern, als Ihr Schiff fast gegen einen lockenden Fels geschellt wäre, stellt sich uns das literarische Geschehen dar. Der Fels der Epoche ist nicht zu erkennen, trotzdem schaukelt das Schiff gehörig. Verleger und Drucker haben es sich im stillen Kämmerlein gemütlich gemacht, wohl wissend, dass ihr Schiff ruhig den Hafen erreichen wird. Jener Wissensvorsprung ist das Tragikomische in diesem ungleichen Handel.

Und weil es democratisch hergeht, darf der Leser das ungleiche Paar beim Übersetzen auch noch begleiten. Stellen Sie sich vor, er nähme auf dem Schiff neben den Autoren Platz. Er würde zu neugierig sein, wie sich deren nervöse Befindlichkeit auf ihre Bücher auswirke. Denn so anders kann es jenen nicht ergehen, wo sie doch im selben Schiff fahren. Das erklärt uns, weshalb die Psyche und die Motivation der Figuren das Hauptsportfeld der Betrachtung geworden sind. Beides in einem gibt es aber nur auf einem schwankenden Schiff. Ein jeder möchte eben wissen, ob er bang davonkömmt. Die Antwort erklingt wie ein Echo. Du schaffst es nur, wenn du nichts wagest.

Ein falsches Schielen auf das Publicum hat längst eingesetzt, und man trifft sich über gut oder schlecht motivierten Figuren. Man glaubt, seinen Leser zu kennen. Dabei sieht man zuvörderst seinen schwankenden Glauben. Unter den Autoren sind nun solche die raffiniertesten, welche die schwankende Motivation der Figuren wiederum in eine motivische Frage verlegen. Das heißt übersetzt, man dichtet alles Mögliche vom möglichen Dichten, ohne zu dichten. Weshalb man mancher Ort schon behauptet, es handele sich um die poetologische Epoche. Aber bleiben Sie nur weiter im Bild des schwankenden Schiffs, und Sie haben eigentlich den ganzen Widerspruch. Es ist eine Poetologie ohne die Rast zum Poetisieren, ein Schwanken ohne festen Grund. Probieren steht hoch im Kurs, das Studieren überlässt man den Stubenhockern und Pharisäern. Dieser eilfertige Schein liegt über jeder geschriebenen Zeile.

Sie würden staunen, wie abgeschmackt sich so ein deutsches Autorenleben heute anlässt. Man jagt die armen Hirsche mit Preisen, die sie erringen müssen. Halböffentlich, an den schwankenden Kurs der Welt gekoppelt, schaffen sie Autoren nach ihrem Abbild. Das Bekannte und Bewährte bestätigt sich, und keiner hat Lust, tiefer zu schürfen. Eine Tradition ohne Tradition bildet sich, die ihre nächsten Vorfahren nicht kennt, sondern leugnet. Um diesen Pyrrhussieg ist ein gar heftiger Wettkampf unter Autoren entbrannt, so dass man gelegentlich beobachtet, dass die Preisrichter sich verflüchtigen oder sonst wie ihrer lästigen Arbeit entledigen.

Auch dem Leser bleibt dieses Schauspiel nicht verborgen, zumal es seinen schwankenden Kurs im Bürgerleben auf das Geeignetste reflektiert. Und er hält den armen Hirschen daher klugerweise auch kein Nachleben mehr in Aussicht. Jene strampeln sich Buch für Buch ab, und bemühen sich redlich. Sie treten das Wasser breit, das allein sie retten könnte. Ein Quark aus Luft entsteht, moderner Stil genannt. Nur wenige machen den Sprung ins kühlende Meer der Urpoesie. Hier ist vor allem Grünbein zu nennen, der freilich gar tief in den Wellen taucht und manchen dionysischen Krill und schlechte Aromen ans Tageslicht befördert. Auch Hacks war in diesen Tiefen zu Hause, ohne sich seinen Kurs durch wachsende Entfremdung vom Publicum abspenstig machen zu lassen.

Die meisten Autoren halten sich im Sprühnebel bedeckt, weshalb die lachende Erkenntnis eines Brecht auf keine Vorliebe trifft. Ja, das Schiff schwanket und schwanket, und keiner will es recht sehen. Was ein Autor aus sich macht, muss heute augenblicklich dem populären Geschmack verfügbar sein. So begaben sich Koeppen, Schmidt und Weiss rasch in den Vorwurf einer leserfeindlichen Haltung, weil sie die Welt nicht einfacher schilderten, als sie erscheint.

Wenn der Autor aber nicht mehr an Widersprüchen rühren darf, wer bestellt für ihn das tragische Feld? Müller erkannte das, fand aber nur Brocken von Pechstein, aus denen wir uns neu aufbauen sollten. Es sind vor allem die Journale, die sich an diesem Narrenschiff ergötzen. Dichtung und Wahrheit sind ungeschieden, und in dieser Nebelbank treibt unsere deutsche Literatur seit 50 Jahren vor sich hin. Das Populäre ist dem Verleger und dem Drucker ansonsten immer recht, wie uns Ihr Vorspiel auf dem Theater eindrücklich lehrt. Warum auch nicht? Im stillen Kämmerlein lebt sich’s wohl. Den Unterdruck der Ansprüche spüren die Autoren nur, wenn sie in alte Zeiten blicken. Draußen streben derweil aus den Fluten neue mediokre Geister und strecken nach dem Griff ins rettende Schiff aus. Ein Schiff in der Nebelbank soll retten? Wie, werden Sie fragen. Es ist diese Epoche von einer allgemeinen Sucht zum Höherstehen gekennzeichnet, man nennt sie feinsinnig den Willen zur Distinction. Allein das Distinguierende ist so gleichgültig wie die Wahl der Jacke zum Sterben. Aus dem Parnass ist ein bloßes Takelwerk zum Höherstehen geworden. Oben am Segelstoff klammert die größtmöglich verkaufte Production. Man nennt diese Bestseller, wobei ihre Stellung nicht im Wind, sondern an der Höhe auf dem Maste gemessen wird.

Eben darum wissen die Leser nicht, ob das Schiff überhaupt noch fährt. Es macht immer mächtig Wind, doch kann es eben auch gar nicht abgetakelt werden. Der Kompass folgt dem Wind, nicht umgekehrt. Nur einmal muss doch ein Fels in Sicht geraten, und dann nehme man sich ein Beispiel an Ihrer Engelsgeduld, mit der Sie das Schicksal vor Capri erwarteten. Das Hauen und Stechen wäre aber groß. Im Beiboote kann nicht jeder sitzen. Wen der Leser auf seine Reise mitnehmen will, weiß er selbst nicht mehr. Und da er vom Autor keine Stärkung erwartet, wird er ein schönes Weib immer vorziehen. So betrachtet ist die moderne Ästhetik für den Hausgebrauch bestimmt, nur auf hoher See entworfen.

Wenig falscher Tand und Schmuck wird immerhin producieret, die Schnörkel Ihrer Jugendepoche sind gerade gelegt worden. Es geht immer direct auf den Kunstsinn des Lesers, sofern seine Motivation folgen kann. Hier haben Sie das eigentliche Siegel unserer nullen Epoche. Was der Leser nicht kennt, macht ihn fürchten. Die Erziehung zur schönen Literatur ist als tändelnde Romantik verbrämt. Es geht wie auf dem Dorfball zu. Eine Braut wird nicht umworben, sondern kurzerhand hinter den nächsten Baum geschleppt. So eng schnüren uns die individuellen Bedürfnisse ein, dass wir den Mangel des Genusses immer in den Büchern, aber nie bei uns selbst suchen.

In der Ecke sitzt eine stille Dame, die lässt sich das Ballgeschehen sauer werden. Es ist die Muse, von der heutigen Production fast gänzlich verschmäht. Niemand will ein tastender Liebhaber sein, niemand betreibt sein Geschäft im stillen Kämmerlein. So verlässt sie den Saal und beginnt wie Ophelia, nah am Wasser zu tanzen. Ihre Lieblingsrede ist wie einst schon das Gedicht. Doch hat sie uns so viel zu sagen, das in so kurzer Zeit, dass man fast von einer Verstopfung sprechen muss. Die Lyrik nach Huchel kennt daher die Verkomplicierung als Mittel der Wahl, und keiner kann dieser Rede mehr folgen. Allein das Publicum hat sich auf diese Konvention verständigt. Ein Gedicht heißt heute eine Verstopfung, der Roman ist das Abführmittel und das Theaterstück ist ein blankes Nichts, das der Apprehensionszunahme gilt. So merkwürdig geriert sich die Epoche, dass uns die herkömmlichste Hausapotheke als eine gültige Chiffre für die Literatur dienen kann.

Gänzlich fatal ist die Situation bei unserem literarischen Nachwuchs. Zarte Triebe werden rasch hoch gezüchtet, freie Ableger umgetopft.  Es ist das reinste Gärtnerwesen, das betrieben wird. Der Bock ist zum Gärtner geworden, und bescheißt die Natur mit sich selbst. Anstatt den Nachwuchs wie jede Mutter irgendwann zu entlassen, hält man ihn sich ewiglich für ein Blumenkind. So ergrauen manche, bevor sie sich beweisen durften. Producieren können sie früh, aber nach dem Gesetze der curiosen Gärtnerei. Sie sorgen für das nötige Epigonentum, das mit ihrer Jugendfrische belebt wird. Sie gelten so als eine Nachzucht, die zum guten Teil für den Misthaufen bestimmt ist.

Wo solche Verschwendung herrscht, gilt eine eigene Öconomie. Jeder calculiert unter den jungen Autoren noch genauer den Effect, und es ist die weltanschauliche Unschuld, die sich in dieser Treibhausluft auf das Beste erhält. Was Ihnen in Rom die Arkadier sind, in deren Reihen Sie ruhmvoll aufgenommen wurden, die gute Tradition erhaltend, nennen wir in deutschen Landen heute Workshops. Hier muss der Nachwuchs durchpassieren, wie das Kamel durchs Nadelöhr. Keiner kömmt ohne Blessuren davon, und das Empfinden der jungen Autoren ist dadurch a priori merklich gedämpft. Kürzlich wusste Kehlmann mit einem Erfolg beim Publicum zu glänzen, indem er Wilhelm von Humboldt als eine Shakespearesche Figur zeichnete und gegen den Typus eines Pharisäers antreten ließ. Nun soll er ewiglich solches schreiben, als habe ihm der böse Geist von Hamlet sein Talent verkauft. Wo Sie am Weimarer Hof auf junge Männer setzen, gibt man unsere literarischen Anwärter nicht frei.

Man würde in einem solchen Workshop nun hören, Werther solle mit der Welt seinen Frieden machen, oder aber eine amtliche Zahl von Menschen in den Tod mitnehmen. Da haben Sie wieder das Elend der heutigen Epoche. Alles muss sichtbar sein, muss zugespitzt sein. Unter einem solchen Drucke erschlafft die Phantasie als schwächstes Glied im menschlichen Haushalte, wird zu einem Schrumpforgan und endlich abgestoßen. Das dunkle Ahnen in Werthers Busen, seine corrumpierte Weltharmonie, sind einer abgeschmackten Confection gewichen. Jeder der jungen Autoren träumt von einem Roman, allein niemand will ihn leben. Anstatt Felsen in der Brandung sind sie rund gewaschene Kieselsteine. Die deutschen Arkadier, sie treiben im nordischen Flussbett, und keiner weiß, wohin.

Hochachtungsvoll verharre ich

Euer Hochwohlgeboren

gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer

                                                                    J. Decker

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