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Dichtertotenbriefe

Briefe an G wie Glik

Lothar Quinkenstein schreibt an Hirsch Glik

Lieber Hirsch Glik,                                                                          Berlin, Juli 2013

wenn ich mich erinnere, wie nahe mir Ihre Verse gewesen sind, ohne dass ich Ihren Namen gekannt, geschweige denn etwas über Ihr Leben, Ihren Tod gewusst hätte –

Die Welt, in der ich Ihre Worte zum ersten Mal hörte, ließe sich leicht als inniges Bild gestalten, Motive gäbe es zuhauf, und Kindheit wäre die kräftigste Farbe darin.

Die Schallplatte hieß Soldatenlieder, und sie gehörte, wie andere Schallplatten von Hein & Oss, wie selbstverständlich zu dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Schulweg und Hausaufgaben, Nachmittage auf endlosen Wiesen, am Waldrand, am Bach, und an Wochenenden, wenn die Abende länger werden durften, klangen die Gitarren.

„Vom Exerzieren weg geht´s wieder auf die Wacht, kein Teufel tut nicht fragen, ob man gefressen hat ... und ich gebe meinem Ross die Sporen, zu dem Tor reit ich hinaus ... ich bin nicht alleine bei einem Glas Weine, mein Mädchen dabei ... beim Leibregiment, beim Leibregiment, das sich nach König Gustav nennt ... und so jagten wir das Pack zum Teufel, General und Ataman ... Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus ...“

Diese Lieder hörte ich, bevor ich lesen konnte. Wovon sie sprachen, woher sie stammten, aus welchen Jahren, welchen Gegenden der Welt – das war nicht zu entziffern, ihr Inhalt blieb Empfindung, sie wiederholte sich mit jedem Hören, ich wartete auf jenes Wort, auf jene Zeile, auf einen Akkord, eine melodische Verzierung, wenn die Reime sich gefunden hatten, war alles an seinem Platz, und die Musik ging auf in der Freude darüber, ihr zuhören zu dürfen, bis mir die Augen zufielen auf dem Sofa.

Zwei Lieder gab es, deren Texte sich gänzlich verschlossen, Adelante, Katjuscha, und die Sprache des nächsten klang eigentümlich fremd-bekannt, einzelne Worte – „Nacht“, „Frost“ „Schnee“ –, die wieder versanken zwischen rätselhaften Silben, und wirklich verstehen konnte ich nur eine Zeile: „Gezielt, geschossen und getroffen.“

Ich mochte Oh König von Preußen, dessen Bitternis, wie vage auch immer begriffen, mich berührte, mochte die Amur-Partisanen, dessen schwungvolle Begleitung mir als Gänsehaut über den Rücken strich. Und ich mochte diese getragene Melodie in der tiefen Stimmlage, die filigrane Begleitung, die ein Geheimnis umspann, den Moment der Gefahr – „gezielt, geschossen und getroffen“ –, zu dem ich alles Mögliche mir denken konnte.

Ich mochte das Lied, weil es traurig stimmte (in Hein & Oss Kröhers Buch Das sind unsere Lieder ist es in d-Moll notiert). So wie Wandern mag ich für mein Leben traurig stimmte, wenn der „arme Lump“ sein glückliches Unglück besang; so wie Es liegt etwas auf den Straßen traurig stimmte, wenn die Drossel „der Sehnsucht süßesten Reim“ verriet. Und war das nicht das Schönste, was einem Lied gelingen konnte: dass es traurig stimmte?

Und wie mir die Soldatenlieder von Dingen zu erzählen schienen aus Zeiten, die so längst vergangen waren wie die altmodischen Kanonen auf der Plattenhülle, glaubte ich auch lange, jener Freiherr von Münchhausen, der von der Newa und von Thule geschrieben hatte, von der Drossel und der Sehnsucht, müsse irgendwie verwandt sein mit dem Lügenbaron.

Sommer für Sommer liefen wir über die endlose Prärie der Wiesen, spielten am Silbersee, und die Großväter werkelten im Schuppen hinter den Hasenställen, zimmerten und schweißten dies und jenes, und wenn ein Wetterwechsel bevorstand, machte sich ein Splitter bemerkbar. Im Bein, im Rücken.

In den Krieg gegangen. Aus dem Krieg gekommen. Lange schien das her. Wenn ich mich heute erinnere – vor dreißig, fünfunddreißig Jahren ... So nah also war damals dieser „Krieg“ gewesen. So nah alle Verbrechen, die mit diesem Wort verschleiert wurden.

In den Wohnzimmern standen Tische, deren Höhe sich mit einer kleinen Kurbel verstellen ließ, an Regentagen spielten wir daran herum, bis der Mechanismus defekt war, die Kurbel sich im Leeren drehte, auf diesen Tischen lagen die Fernsehzeitschriften, eine der beliebtesten Sendungen damals hieß Dalli Dalli. Ihr Autor, Hans Rosenthal, hatte in Berliner Schrebergärten überlebt. Als er sich nach der Kapitulation aus seinem Versteck wagte, hielt ihn ein Rotarmist an; erst mit den Anfangsworten des Schma Israel konnte Hans Rosenthal ihn überzeugen, dass er kein untergetauchter SS-Mann war.

Lieber Hirsch Glik, ich schweife ab, denn diese Gedanken sind für mich heute nur als Abschweifung zu denken. Erst wenn ich abschweife von allem, was mir die Erinnerung so innig einflüstern will, finde ich Ihre Verse wieder, kann ich sie aus den falschen Empfindungen lösen, in die mein Nichtwissen sie verstrickt hat.

Sie waren zweiundzwanzig, als sie im Juli 1944 aus dem deutschen KZ in die estnischen Wälder flohen. Über Ihren Tod existieren nur Vermutungen. Es heißt, Sie seien im August gefangen genommen und erschossen worden. An anderer Stelle ist von einem Feuergefecht mit deutschen Soldaten die Rede. „1944 fiel er mit der Waffe in der Hand“ – so steht es bei Arno Lustiger.

Im Jahr meiner Geburt wären Sie so alt gewesen wie ich heute.

Als ich zweiundzwanzig war, fuhr ich ins Tessin, um das Ziegenmelken zu erlernen, mit einem zerlesenen Exemplar von Henry David Thoreaus Walden im Rucksack. Von einem „Jerusalem des Nordens“ hatte ich damals noch nichts gehört, umso mehr dafür von Sein und Bewusstsein und der Unmöglichkeit richtigen Lebens im falschen.

Manche Nacht verbrachten wir mit fieberhaften Gesprächen, Studierende der Germanistik, und nicht wenig stolz, von der Wahrheit zitieren zu können, die dem Menschen zumutbar sei angeblich, und einmal saßen wir, bei reichlich Wein und reichlich Schubert, über Else Lasker-Schülers Gedicht Abschied und zerbrachen uns den Kopf, warum ihr Herz „nun an jedem Türpfosten“ hängt. Was uns zu diesem Bild an Phantastischem einfiel in unserem romantisch beduselten Höhenflug, weiß ich nicht mehr. Orpheus, Kaspar Hauser – sie waren uns geläufig („ihm aber folgte Busch und Tier...“), woher der Schriftbezug des Abendlandes stammte, hatten wir vor lauter progressiver Poesie-Besoffenheit vergessen zu fragen.

Lieber Hirsch Glik, was ich erkläre, sollte keiner Erklärung bedürfen. Und zu erklären habe ich es allein mir selbst. Weil ich heute, nach siebzehn Jahren, die ich in Polen verbracht habe, erschrecke vor meiner Unbedarftheit von damals, erschrecke vor der Dorfidylle meiner Kindheit. Weil ich heute, wenn ich Ihre Verse höre, an die Notizen von Kazimierz Sakowicz denke. An den Wald von Ponary, in dem dem Wanderer Eichendorffs das Singen vergeht. An die Erinnerungen von Rachel Margolis, an ihre Beschreibung der Begegnung mit Ihnen – jenen Moment, als Ihr Gedicht Sog nit kejnmol seine Melodie fand und zur Partisanenhymne wurde. An das Foto der jüdischen Partisaninnen und Partisanen im bereits befreiten Wilna, im Juli 1944 – auf dem Umschlag von Arno Lustigers Buch vom Widerstand der Juden. In der Mitte ist Abba Kowner zu sehen, am rechten Bildrand steht Witka Kempner, seine spätere Frau; sie starb 2012, im Alter von 92 Jahren, im Kibbuz Ein HaHoresch. – „A moyd, a peltsl un a beret … a moyd mit a sametenem ponim ... Getsilt, geshosn un getrofn/ hot ir kleyninker pistoyl,/ an oto, a fulinkn mit vofn,/ farhaltn hot zi mit eyn koyl ...“

Und dass ich, geboren im westlichen Frieden, mitten in jenen Jahren, die als Kalter Krieg in die Geschichtsbücher eingingen, heute über meine früheren Gedanken nachdenke, weil meine Landsleute Sie verfolgt haben mit ihrem Hass, ihrem Mord, den sie zur Vaterlandspflicht erhoben, Angehörige der Generation jener Großväter, die mit ihrem Gewerkel im Garten, im Schuppen, bei den Hasenställen, mit ihrem Klappmetermaß und dem kalten Zigarrenstummel im Mund so selbstverständlich passen wollten zu einer Kindheit auf dem Land – das lässt sich nicht fassen in diesen Sätzen, die ich schreibe, weil ich sie Ihnen nicht mehr schreiben kann.

Später, in der nächsten Schule, lernten wir die Daten und Zahlen dieser Geschichte. Was wir nicht lernten, waren die Namen der ermordeten Familien, die in den Häusern gewohnt hatten, in denen wir Lesebücher kauften und Wasserfarben, Turnschuhe und Hefeschnecken.

Alles hätten wir erfahren können, nichts war verboten oder zensiert. Freiheit von etwas – Freiheit zu etwas. Wir folgten der ersten Variante, ohne von der zweiten zu wissen. 

Als wir dann doch einmal glaubten, aufbegehren zu müssen, weil Wälder und Robben in Gefahr und auch die Welt als solche uns ungemütlich schien, und unsere westliche Freiheit insbesondere, schillerte das Wort Widerstand in allerlei Farben. Der Kopf war rund, damit das Denken seine Richtung ändern konnte, doch ein Foto von Ihnen, von Rachel Margolis, Różka Korczak, Witka Kempner oder Abba Kowner hing in keinem der Zimmer, in denen wir so viel zu sagen hatten über richtiges und falsches Leben. Niemand von uns, die wir behaupteten, unsere Lektion gelernt zu haben, hatte von der FPO gehört. Unser an der jüngsten deutschen Geschichte geschärftes Gerechtigkeitsgefühl galt exotischen Fernen. Zum Beispiel den Indianern Nordamerikas. Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses – in dieser Sehnsucht waren wir sicher vor den eigenen Großvätern. Über jeden Zweifel erhaben. Auf der richtigen Seite für alle Zeit.

Den fatalen Irrtum, dass es eine Tugend sei, sich universalpoetisch aus der Wirklichkeit in die vermeintlich freie Natur zu stehlen, haben die deutschen Dichter und Denker ihren Romantikern zu verdanken. Und dieser Geist ist keineswegs verflogen. So manchen Enkelinnen und Enkeln gilt Mutter Erde nach wie vor als verlässliche Trösterin, und vor wenigen Jahren erst schrieb ein namhafter deutscher Kritiker und Kulturredakteur, die Literatur setze „ein grundsätzlich etwas melancholisches Wesen voraus, eines, das sich an nichts beteiligt, doch alles weiß ...“  

Nach dieser Definition hätten Ihre Verse eine Grundvoraussetzung der Literatur nicht erfüllt. Denn Sie haben sich beteiligt – an einer Wirklichkeit, die Ihnen aufgezwungen wurde mit aller Brutalität.

Für den Kulturredakteur vermutlich ein schnödes Detail, und sicher nicht wesentlich. Denn wesentlich sei nur das Wesen selbst. Der Literatur. Der Melancholie. Zumal der deutschen. So kam denn auch, zwei Jahre nach dem Ende des Krieges, zwei Jahre nach den deutschen Verbrechen, Thomas Mann zu dem Schluss, dass Deutschland der Gnade bedürfe:

„In seiner Weltscheu war immer soviel Weltverlangen, auf dem Grunde der Einsamkeit, die es böse machte, ist, wer wüsste es nicht! der Wunsch, zu lieben, der Wunsch, geliebt zu sein.“

Das ist die Rabulistik der Innerlichkeit, die sich nicht mehr belasten muss mit Wirklichem in ihrem Größenwahn von Geist und Seele und Gemüt.

Ich lege Thomas Mann beiseite, blättere in Lutz van Dijks Der Partisan, betrachte das Bild von Ihnen, das einzige, das erhalten blieb. Dort sind sie zu sehen im Kreis von Schriftstellern und Künstlern der Wilnaer Gruppe „Jung-Vilne“. Das Nachwort zu diesem Buch schrieb Esther Bejarano. Sie wurde in Saarlouis geboren. Von dort aus ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, in eineinhalb Stunden mit dem Fahrrad zu erreichen.

Lieber Hirsch Glik, ich schreibe Ihnen, weil es nicht möglich ist, mit Geschriebenem Geschehenes ungeschehen zu machen. Schreibe Ihnen, weil ich mich erinnern will. An Ihre Verse. Die ich befreien muss aus den Empfindungen meiner Kindheit. Die ich dort begreifen will, wo sie entstanden sind. Ohne den „Tiefsinn des Herzens“, ohne „unweltliche Versponnenheit“. In der Verteidigung Ihres Lebens, der Verteidigung Ihrer Würde. In der Revolte gegen die deutsche Barbarei.

Shtil, di nacht iz oysgeshternt,/ un der frost – er hot gebrent;/ tsi gedenkstu vi ich hob dich gelernt/ haltn a shpayer in die hent? ...

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