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Dichtertotenbriefe

Briefe an K wie Kafka

Hundert Gedichte des Mannes, der Shakespeare erfand

Lieber Franz,

ich will Dir nicht zu nahe treten. Aber einige Deiner Intimitäten lassen mir keine Ruhe, deshalb dieser Brief. Mit einer Antwort rechne ich nicht. Aber ich hoffe auf wohlwollende Kenntnisnahme.

Was mich immer irritiert in Deinen Texten, ist die Unerreichbarkeit des Ziels („Gibs auf!“, „Vor dem Gesetz“), verbunden mit den ins Leere laufenden, beunruhigenden oder rhetorischen, weil todesbewussten Fragen („Der Steuermann“, „Der Nachbar“, „Der Schlag ans Hoftor“, „Der Geier“, „Die Brücke“).

Was mich verstört, ist die Umkehr der Erwartungen, der Normalität. Der Orientierungsverlust. Die hilflose Passivität. Oft handeln Deine Personen nicht, sie werden behandelt. Was mich beunruhigt, sind die Unterwerfungsrituale und die ständige Überwachung und grausame Beobachtung Deiner gequälten Figuren durch mächtige Andere.

Deine Hauptfiguren, seien es Menschen oder Tiere, haben keine Chance. Meist werden sie zerstört, vernichtet. Sie gehen verloren oder werden weggeworfen wie Abfall. Sie werden hingerichtet oder richten sich selbst. Es gibt keinen Freispruch, keine Erlösung, keine Möglichkeit der Sühne. Kein schützendes Recht, keine fürsorgliche Autorität, keine sichernde Herrschaft. Und immer trifft es Unschuldige.

Wo beginnt das? In Deinem Körper? Vielleicht schon in der Kindheit?

Du hast Dich in Deinem Körper nicht wohl gefühlt. Nach gängigen antisemitischen Vorurteilen war dieser Körper verweichlicht und krank. Bei dem misogynen Otto Weininger, der sich aus Selbsthass umbrachte, hast Du gelesen, dass Dein Körper aufgrund Deiner Herkunft feminin sein musste und dass Du nicht nur biologisch, sondern auch psychisch an Deiner sexuellen Identität zu zweifeln und zu verzweifeln hattest. Mit harten Körperprogrammen versuchtest Du die Verweiblichung und Verweichlichung zu bekämpfen. Aus dem schwächlichen Diasporajuden aber einen „Muskeljuden“ zu machen, wie es Max Nordau vorschwebte, gelang Dir nicht. In einem Brief an Milena bekennst Du einmal, dass es besser wäre, Dich und Deinesgleichen auszulöschen und zu ersticken. Du sprichst von der Scham, als Jude unter dem Schutz vor Pogromen leben zu müssen, in einem Ghetto unterschwelliger Angst: „Die widerliche Schande, immerfort unter Schutz zu leben.“ „Das Heldentum, das darin besteht, doch zu bleiben, ist das der Schaben, die auch nicht aus dem Badezimmer auszurotten sind.“.

Deutest Du damit schon das Ungeziefer an, das zu vernichtende unreine Tier? Das hasserfüllte Vokabular der Rassenfanatiker? Kann man in Deinen Verfremdungen (Käfer, Affe, Hund, Dachs, Maulwurf, Maus) Hinweise auf Dein Judentum sehen, wie mehrfach behauptet wurde? Mag ja sein, dass „Schakale und Araber“ und „Ein Bericht für eine Akademie“, die in Martin Bubers Zeitschrift veröffentlicht wurden, explizit an eine jüdische Leserschaft adressiert waren. Aber ist der Affe Rotpeter, der die erlittenen Quälereien verständnisvoll kommentiert, nicht weitaus mehr als eine Anprangerung des Antisemitismus?

Der Gedanke an Körperverletzungen verließ Dich nie. Verstümmelungen und Verwundungen waren ja Inhalte Deines Berufs. In der Arbeiter-Unfall-Versicherung hattest Du sicher ständig damit zu tun. Es wundert mich übrigens auch nicht, dass Du Kriegsanleihen gekauft hast. Eine peinliche Sache, im doppelten Wortsinn.

Glück war Dir mit Deinem Körper keines beschieden. Schon bald hatten sich Dein Kopf und Deine Lunge hinter Deinem Rücken verabredet. Eine tödliche Komplizenschaft. Du hast diese böse Bruderschaft in Szene gesetzt, personalisiert. Ich muss hierbei an Deine Zeichnung zur Schlusssequenz vom „Prozess“ denken, wo sie Dich unterhaken und mitführen zu Deiner Hinrichtungsstätte, dem Steinbruch. Weniger ein Polizeigriff, eher eine vertrauliche Geschlossenheit. Und dann: „Wange an Wange aneinandergelehnt“, beobachteten sie Dein Sterben. „Es war, als sollte die Scham“ Dich „überleben“. Sie hat Dich überlebt.

War es für Dich ein Verbrechen, zu leben? Eine Sünde, am Leben zu bleiben? Einem Leben, in dem ständig die Schuld, die Angst, die Scham triumphierten?

Dein Tod hat Dich nicht erlöst, zumindest nicht Deine Protagonisten. Aber er war eine Genugtuung. Zum letzten Satz von „Das Urteil“ hast Du vermerkt, dass er „eine starke Ejakulation“ bedeutet.

Da will ich einhaken. Ich meine die Attacken von „G.“ (womit Du Dein „Geschlechtsteil“ im Tagebuch abkürztest. Max Brod hat diese Stellen wohlweislich zensiert). Freiheit und Hoffnung waren keine Sehnsuchtsmodelle, zumindest nicht im Herrschaftsgebiet von G. Im Gegenteil: Die bewusst hilflose Auslieferung an die Zerstörung war das angesteuerte Ziel, der sexuelle Reiz.

Dass Du dein Geheimnis so lange verbergen konntest, verdient Respekt.

Ich erinnere mich daran, dass Du Freunden aus einem Deiner Bücher vorgelesen hast. Du konntest es kaum vor Lachen, musstest immer wieder unterbrechen. Das befreiende Lachen des Beichtenden, der die Zuhörer mit seiner Besessenheit konfrontiert? Schade nur, dass die Zuhörer nicht lachen konnten. Lachen konnte nur, wer den Geheimtext verstand. Die „Verwandlung“ nanntest Du ein „äußerst wollüstiges Geschäft“, über das Du „viel gelacht“ hast.

In dem „Käfer“ Gregor Samsa hat man vielerlei vermutet. Hatte nicht der Gregorius des Hartmann von Aue mit seiner Schwester Inzest begangen und verwandelt (!) Sühne leisten müssen? Oder war der Name des „Käfers“ eine Anlehnung an den Gregor Samassa in einer Erzählung Jakob Wassermanns? Oder gibt es eine Parallele zum „Doppelgänger“ von Dostojewski, wo der Held im ersten Satz erwacht und sich krank fühlt (und worin auch das Käfermotiv vorgebildet ist)?

Dass „Samsa“ ein Kryptogramm von „Kafka“ ist, kann man an der Position der Vokale leicht erkennen. Ich sehe in „Samsa“ allerdings einen mehr als deutlichen Hinweis auf Deinen Sadomasochismus. Schließlich ist SM das Kürzel dafür. Und in „Samsa“ klingt auch „Wanda“ an, Sacher-Masochs Domina, deren Bild Du als Dame im Pelz in Deinem Zimmer hängen hattest und auf das der „Käfer“ seinen heißen Bauch presste. Und hieß der Protagonist in Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ nicht Gregor? Wie Gregor Samsa?

Aber es sind wohl nicht die dominanten Frauen, die Dich faszinierten. Auch wenn der „Käfer“ von einer riesigen knochigen Bedienerin, die lächelnd seinen Tod meldet, beiseitegeschafft wird und wenn Grete Samsa durch das ausdrücklich gewünschte Vernichten ihres Bruders (den sie abwertend nur noch als „es“ bezeichnet) aufblüht und „ihren jungen Körper dehnte“ (womit die Geschichte endet).

Was bedeuteten Dir überhaupt Frauen? Deine Interpreten bedienen alle Klischees, von der Hure bis zur Heiligen. Vom ödipalen Konflikt bis zum Inzest mit der Lieblingsschwester.

Den Frauen konntest Du Dich bei Bordellbesuchen unbefangen nähern, die geliebten Frauen hingegen machten Dir Angst. Oft stießen sie Dich ab oder zerstörten Deine sexuellen Gelüste. Dass Du den „Coitus als Bestrafung“ empfandest, verhinderte letztlich jede ernsthafte Eheschließungsabsicht. Zwar lockte Dich „der Körper jedes zweiten Mädchens“, aber lieben konntest Du nur das, was Du „so hoch“  über Dich stellen konntest, dass es Dir „unerreichbar“ wurde.

Schon in Deiner frühen Geschichte „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ stellst Du Dir vor, wie schön es wäre, wenn Du einen Doppelgänger zu Deiner Verlobten schicken könntest und selber im Bett bleiben dürftest, um dort, in einen Käfer verwandelt, einen geruhsamen Winterschlaf zu halten. Frauen führen, so hast Du es empfunden, auf Abwege, sind eine gefährliche Bedrohung. Schon der bloße Gedanke an eine heterosexuelle Ehe löst Angst aus, macht Dich so klein, dass Du Dich am liebsten verkriechen möchtest.

Dem Maler Ernst Ascher solltest Du nackt zu einem heiligen Sebastian Modell stehen. Im Juli 1912 hattest Du als Nacktmodell ein „exhibitionistisches Erlebnis“, vermerkt Dein Tagebuch.

Deine Homophilie hast Du wohl nie ausgelebt. Auch gegenüber Robert Klopstock bliebst Du beim distanzierenden  „Sie“, bis zuletzt, als er Dich in Kierling in den Armen hielt und Du ihm befohlen hast: „Töten Sie mich, oder Sie sind ein Mörder!“

Dein Sadomasochismus, der offenbar homophiler Natur war, ist in Deinen veröffentlichten Texten kaum übersehbar. Und in den privaten geradezu beängstigend.

In einem Deiner späten Briefe an Milena gibst Du es zu: „Ja, das Foltern ist mir äußerst wichtig, ich beschäftige mich mit nichts anderem als mit Gefoltert-werden und Foltern“. Deine Todesphantasie: „Immerfort die Vorstellung eines breiten Selchermessers, das eiligst und mit mechanischer Regelmäßigkeit von der Seite her in mich hineinfährt und ganz dünne Querschnitte losschneidet, die bei der schnellen Arbeit fast eingerollt davonfliegen“ – wie Deine Textseiten, die Querschnitte Deiner Qual, die zahlreichen Selbstopfer und die Botschaften von Vereinbarungen und Absprachen zwischen Henker und Opfer. An Milena sandtest Du auch die Zeichnung eines Folterapparates, der den Delinquenten in der Mitte auseinander reißt.

Bleiben die Phantasien aus, macht sich beunruhigende Leere breit. Kommen sie wieder, bist Du wie erlöst. Am 2. November 1911 notierst Du: „Heute früh zum erstenmal seit langer Zeit wieder die Freude an der Vorstellung eines in meinem Herzen gedrehten Messers.“

Die Vollstrecker des Urteils sind Männer, keine Frauen. „Dieser Mann tut mir leid“, sagt einer zu Dir. Dem kann ich mich nur anschließen.

Ob ich Dich jemals verstehen werde, weiß ich nicht. Ich fürchte, ich bin Deinem Fall nicht gewachsen. Vielleicht amüsieren Dich die Bemühungen Deiner zahllosen Interpreten, denen Du hilflos (das dürfte Dir ja gefallen!) zusehen musst. Letztlich aber bist Du uns allen überlegen, als Regisseur Deines geheimnisvollen theatralischen Lebens, und das weißt Du auch. Denn nicht von ungefähr hast Du das „Verbergen“ als Deinen „Lebensberuf“ bezeichnet.

Deine Offenbarungen machen die Finsternis ringsum nur noch deutlicher.

Kompliment!

Manfred Ach

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