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Dichtertotenbriefe

Briefe an K wie Kaschnitz

Marcus Roloff schreibt an Marie Luise Kaschnitz

Liebe Frau Kaschnitz,

mich treibt es um, dass Sie nicht mehr sind und ich noch nicht nicht bin, dass Sie gewesen sind und ich es noch vor mir habe, „gewesen sein“ zu sein. Natürlich geht es mir nicht um Leben und Tod, und auch nicht um Sie, sondern darum, ob ich was aufschreiben kann, ob ich das hinkriege bis zum Schluss. Wie war das eigentlich bei Ihnen? Haben Sie auch mit Tagebuchschreiben angefangen? Haben Sie es einfach strömen lassen, herabregnen aus sich? Ich lese fast nichts mehr, also nicht mehr am Stück, das heißt, ich grase ständig ein paar Gedichte an der Oberfläche ab. Aber ich habe mal am Stück gelesen, dies, das, die Klassiker. Davon ernähre ich mich in Zeiten des Gedichteschreibens, das wie ein Echo ist, fern und hohl, und irgendwo weit draußen stattfindet. Das ist es: draußen. Ja da kommt einem Rilke in den Sinn. Ach Gott, immer dieselben. Immer dasselbe. Hiersein ist spärlich. Ein anderes Bild: Die triefende Eisentreppe an einem verregneten eisigen Abend vor Weihnachten. Edgar Wiebeau, Holden Caulfield, Josef K. In dieser Reihenfolge. Ich wüsste zu gern, wie das geht, einen Text in die Luft zu hängen wie Wäsche, wie etwas Nützliches, das der Welt etwas gibt. Es gibt ein paar, die jedes Detail ihres Innenlebens ausbreiten und nebenher mitteilen wollen, wie Sehen geht. Und natürlich tun sie das mit der Sprache, ja-doch, Sprache, womit sonst. Ein Gerät wie ein Seismograf, dessen Ausschläge man notiert. Jeden kleinen Schnipsel festhalten und alles in Schrift ertränken. Was das Gedicht heute kann, steht geschrieben, aber was mein Gedicht kann, ist die Frage.

Was hinter mir liegt, ist spiegelglatte See, in der zum Beispiel auch Sie verschwunden sind. Das, was vor mir liegt, ist ein Steinbruch, ein wüstes Gelände, ähnlich der zerstörten Hoffnung von C. D. Friedrich. Jenes ineinander verschränkte und geschobene zugefrorene Meer, dieser Fingerzeig darauf, dass sich die Zeit in den Raum wirft und ihn zerbricht, aufschichtet, über den Haufen wirft. Oder umgekehrt. Jedenfalls diese Teilstücke, dieses Stückwerk Zukunft, das dreieckig und blässlich gelb Richtung Himmel ragt als riefe es jemanden darüber Lehnenden an. Wie gefaltet, als hätte es Hände, als könnte es Demutsgeste sein und nicht vielmehr andauernd steinaltes, eiskaltes Abwehrschild.

Als würde sie Fliegen verscheuchen, wehrt die Zukunft mich ab, wenn ich versuche, mehr über sie herauszufinden. Ich kehre mich in mich selbst, knie mich hinein in etwas dunkel Scheinendes, das mir ununterbrochen zumurmelt, da sei etwas, das sich Biografie nennt. Also das, was mit dem Rücken zur Zukunft sitzt und nach hinten starrt, dorthin wo es herkommt. Wie soll ich das verstehen? Das also bin ich. Das Ich sitzt im Ich wie in einem Walbauch und spielt mit einem Feuerzeug. Ich nehme an, Ihnen ging es auch so? Ich nehme mir also vor, etwas in der Hand zu halten. Tastatur oder Kugelschreiber. An mir nagt ja zuweilen das ungute Gefühl, mit dem was ich schreibe und gedruckt sehen will, geradewegs an den Ansprüchen der Kenner, der Redaktionen und Entscheider vorbei zu schrammen. Die so genannte Absage ist etwas, woran jedes Mal neu gekaut werden muss. Trifft einmal das Gegenteil ein, ist alles in Ordnung, Absagen hat es nie gegeben. So einmal, als ich ums Jahr zweitausend herum einen Brief bekam, der ganz zeitnah zu meiner unaufgeforderten Einsendung ein einziges Argument für die Nichtberücksichtigung enthielt: die Stapel von Eingesendetem, auf denen das meine nun ruhe. Es war ein Vertrösten, kein Absagen. Halbwegs jung, einigermaßen unbedarft, ohne vorhergehende Kontaktaufnahme, aber mit scheelem Blick empor in die dünne Luft dieser als traditionsreich geltenden Zeitschrift, hatte ich Gedichte geschickt, die eben erst fertig wurden. Es ging darin um mich und mein Verhältnis zum ganzen Rest. In einem bemühte ich einen griechischen Mythos, mit dem ich versuchte, mir die Zeit aus der Hand zu schlagen. Ich sah hinaus in meinen Berliner Hinterhof und las Eichs Maulwürfe. Ja. Und ich war auf der Suche nach einem Stil, einem, der sich zugleich einreiht und die Zelte abbricht.

Ist es nicht so, dass wir alle – Sie auch – ein gestörtes Verhältnis zur Tradition haben? Sagen Sie doch mal. Auf der einen Seite beten wir drei, vier Autoren lebenslang an, auf der anderen mögen wir das Sonett nicht besonders. (Weil es ein perfekt gehämmertes, im Museum stehendes Ding ist.) So komme ich nicht weiter, dachte ich damals. Die Zeit, die ich mir da aus der Hand schlug, war die, die mir bevorstand, die kommende. Also ich meinte das ernst, wenn ich die Zeit zum Stillstand bringen wollte, wenn ich schrieb „keine jahre mehr / kein stern / und kein pfad“. Heute ist mir klar, dass es immer weitergeht, dass nichts aufhört, bloß weil es deklamatorisch herausposaunt am Ende eines Gedichtes steht. Damals wunderte mich noch nicht, dass ausgerechnet ein rhetorisch die Zukunft abbrechendes Gedicht am Anfang einer Art Zukunft in dieser Zeitschrift stand, bis sie nach vier Jahren eingestellt wurde.

Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie mir verraten, wie es weitergeht, was Sie machen, in welchem unwahrscheinlichen Zustand Sie sich befinden. Denn das ist es alles wohl: unwahrscheinlich.

 

Mit besten Grüßen aus Frankfurt
Marcus Roloff

 

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