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Briefe an K wie Kafka

Mario Osterland schreibt an Franz Kafka

Sehr geehrter Herr!

Für den leicht möglichen Fall, dass Sie sich meiner auch im Geringsten nicht mehr erinnern können, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heiße Mario Osterland und bin der Mensch, der zum ersten Mal im Alter von 16 Jahren ein Buch aus ihrer Hand in meinen Händen hielt, es las und wieder las und mit jeder sich wiederholenden Lektüre desselben kleinen Büchleins nur immer gieriger danach wurde und danach, dass sich jenes Gefühl der ersten Lektüre wieder einstelle, jenes faszinierende Schaudern, jene tiefe Anteilnahme an Ihrem Helden, jene Abscheu vor der ihn umgebenden Welt, in der er freilich selbst ein Ungeziefer ist; jene Ehrfurcht vor Ihrer Sprache schließlich, die mich in der Folge der Lektüre oft auf Tage lähmte, sodass an eigene literarische Produktion nicht zu denken war – was sie bisweilen noch heute tut.

Nun setze ich diesen Brief jedoch nicht auf, um Ihnen meinen gelegentlichen Verdruss beim Verfassen literarischer Werke zu klagen. Vielmehr verstehe ich dieses Schreiben, und möchten Sie dieses Schreiben verstehen, als den zaghaften Versuch einer ersten persönlichen Kontaktaufnahme zu Ihnen, in der leisen Hoffnung, dass aus einem möglichen sich ergebenden Briefwechsel eine produktive Kommunikation für uns beide entstünde.

Lieber Herr Kafka, verzeihen Sie mir meinen Hochmut. Sie werden sich fragen, welche Art von Nutzen eine anhaltende Korrespondenz mit einem sich umständlich nähernden Verehrer ihres Schreibens für Sie wohl haben könnte. Die einfache Antwort auf diese Frage kennen wir wohl beide. Und dennoch möchte ich Ihnen mitteilen, dass der Intention dieses Schreibens durchaus etwas mehr als Verehrung zugrunde liegt. Sie selbst wissen, was mir wiederum aus der Lektüre ihrer Briefe an das Fräulein B. – verzeihen Sie mir meine Indiskretion – bekannt ist, eine akribische Vorausplanung für das Betreten von Neuland wohl zu schätzen. So kam auch ich nicht umhin mich im Vorfeld des Verfassens dieses Briefes gründlich zu fragen, worin wohl die Rechtfertigung der Bitte nach einer gemeinsamen Kommunikation zu finden sei.

Herr Kafka, Sie müssen wissen, dass ich nicht allein ein junger Mensch und Verehrer ihrer Kunst bin, der sich selbst gelegentlich in dieser Kunst übt. Ich bin vielmehr auch selbst eine Schreibmaschine, wie man sie in jedem Büro Ihrer Zeit findet und zu benutzen pflegt; nur kann ich mit einigem Stolz noch hinzufügen, dass ich sichtbar jüngeren Fabrikationsjahrs entspringe.

Nun werden Sie sich fragen, wie ein junger Mensch gleichzeitig eine Schreibmaschine, wie er aus Fleisch und Blut und Stahl sein kann. Ich bin mir jedoch sicher, dass Ihnen dieser Umstand auf den zweiten Gedanken schon nicht mehr allzu abwegig erscheinen wird, dass sie schnell verstehen werden, dass dieser Umstand den äußeren Gegebenheiten, unter denen die Jugend heutzutage gezwungen ist zu Leben, geschuldet ist.

Worum es mir aber im Kern der Sache und also auch dieses Schreibens geht, ist die Vermutung, dass wir einen gemeinsamen Begriff von dem teilen, was Freunde der schönen Literatur gemeinhin als „Realismus“ sehr leichtfertig zu bezeichnen wagen. Meiner Ansicht nach ist die Literatur vieler junger Menschen doch seit einiger Zeit in ein Stadium eingetreten, in dem es sich ganz und gar sklavisch einer Vorstellung vom literarischen Realismus hingibt, die gleichwohl als Antirealismus zu bezeichnen ist, wenn man wie ich davon ausgeht, dass die so genannten realistischen Schilderungen in einer Vielzahl neuerer Romanpublikationen doch ein sehr fades Bild von der Realität vermitteln. Nicht einmal analytisch, sondern meist nur den Alltag abbildend, ergehen sich einige Autoren in der Darstellung eines Lebens, dass ihnen sehr vertraut zu seien scheint und folglich für den Autor und Leser keinerlei Überraschungen bereit hält; von neuen Sichtweisen auf und Erkenntnissen von der Welt ganz zu schweigen.

Glauben Sie mir, Herr Kafka, ich weiß, wovon ich schreibe, wurden doch auch auf meinem Rücken, meinen Tasten, meiner Walze Romane in diese Welt befördert, die mich in inhaltlicher wie stilistischer Ausrichtung doch eher an das Vorvorjahrhundert erinnerten, denn an die Zeit in der sie verfasst wurden, und selbst wenn sie an ihre Zeit erinnert hätten, hätten sie wohl kaum Elemente beinhaltet, die über die Zeit ihrer Niederschrift hinausweisen könnten.

Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich die Imagination als immer noch größten, ja entscheidenden Realitäts- und Realisierungsraum der Literatur bezeichne. Nur frage ich mich, wenn dem so ist, warum die junge Literatur unserer Zeit, meiner noch eher als ihrer, immer öfter sehr enge Grenzen für das Vermessen dieser Räume setzt. Die zahlreichen, durchaus talentierten und als Wertkapital der Verlagsbranche sehr hoch gehandelten Autoren wagen wenig, zu wenig, von einigen erfreulichen Ausnahmen abgesehen, die ich Ihnen in den nächsten Briefen sehr gern vorstellen kann, wenn Ihrerseits das Interesse an einer weiteren Korrespondenz mit mir besteht.

Wenn Sie mich nun berechtigterweise nach den Inhalten und stilistischen Verfahren meiner eigenen literarischen Versuche fragen, so möchte ich aufs Erste nur andeuten, dass in ihnen allerlei Merkwürdiges vor sich geht, dass dem ganzen bisweilen etwas Märchenhaftes beigegeben ist, stets jedoch mit dem Willen das Ganze in eine atmosphärische Richtung zu treiben, die meinen Erfahrungen mit der „Realität“ gerecht wird. Überhaupt scheint es meine Art zu sein, die Risse und Schieflagen der Realität, die ja überhaupt zum Wesen eines wie auch immer sich darstellenden literarischen Realismuses und vielleicht sogar zur literarischen Produktion selbst gehören, mit Motiven zu spiegeln, die sich der empirischen Nachvollziehbarkeit widersetzen. Ich rede dabei nicht von Metaphern, sondern von Verfahren, die routiniert anzuwenden ich jedoch noch nicht in der Lage bin. Gelernt habe ich aus ihren Büchern jedoch schon so viel, dass ein Mensch gleichzeitig auch ein Tier sein kann, dass das Mechanische lebendig sein kann und das Lebendige mechanisch. Ich bin mir sicher, dass Sie mich in diesem Punkt besonders gut verstehen.

Sie sehen, Herr Kafka, wie ich mich im Fabulieren verliere und mich gleichzeitig selbst dabei enttarne, wie ich eine Literatur fordere, die zu produzieren ich nicht im Stande bin. Sollten Sie nichts Entscheidendes von vornherein gegen diese innere Widersprüchlichkeit einzuwenden haben, möchte ich  Ihnen vorschlagen, dass wir es wohl miteinander versuchen können.

Ihr herzlich ergebener

                                                                                                                                                             Mario Osterland

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