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Dichtertotenbriefe

Briefe an D wie von Droste-Hülshoff

Pega Mund schreibt an Annette von Droste-Hülshoff

Betreff: Re: Was denn nur ist es, das uns verbündt?
Datum: SAT, 03 Aug 2013 07:43:22 +0100 (CET)
Von: Pega
An: Annette

Liebste Annette, wie lange habe ich nun geschwiegen!

Dabei so oft so innig an Sie gedacht, jene Frage bewegt, die Sie mir leichthin zuspielten in Ihrem Junibrief; fand doch die Antwort nicht, ich musste mich quälen und warten, dass der unerbittliche Kairos mir ein Fenster öffne, damit etwas mich anflöge: eine Intuition, eine Inspiration, welche mich in die Lage versetzen würde, Ihnen mitzuteilen, was Sie zu wissen begehren; und nun aber, jetzt, eben in diesem Augenblick, Nette, ist mir als tue etwas sich auf - und ich packe, sehen Sie es mir nach, in einem Zustand übernächtigter Hypomanie gerade diese Gelegenheit (denn eine andere wird nicht sein!), um als Supplement für All das, was anders Ihnen zu geben ich nicht vermag, Worte, Worte in den Äther zu werfen.

Sehen Sie mich jetzt an, sehen Sie doch nur, liebe Nette, wie ich mich eifrig über mein Schreibgerät krümme, hier: in diesem grauesten, grausesten aller Arztzimmer, das, vom rosenfingrigen Morgenlicht für einige heilige Minuten geadelt, meiner erbärmlichen, coffeinvergifteten Übermüdung ein kurzes Asyl gewährt; in diesem Raum, in dieser allen Bemühungen der sanfthändigen Eos zum Trotz vor Vergeblichkeit stinkenden Zelle hacke ich, von ewiger Zeitnot getrieben, wie rasend Zeichen an Sie in den Äther, Fragmente, aus denen Sie Rückschlüsse auf meine Existenz ziehen mögen.

Seit mehr als 18 Stunden bin ich im Dienst. Die Nacht war unschön, eine hoffnungslose Dauerreanimation; in der Frühe verloren wir machtlosen Zauberer dann die Frau, das Fenster tat sich sekundenbruchteilweit auf, sie nutzte das Schlupfloch und flog mit dem Kairos davon; ihr langes dunkles Haar lag offen übers Kissen gebreitet; ich gab ihr einige Verse mit auf den Weg, vom Turme, Sie wissen schon, der Sturm, die Wellen, die spielenden Doggen am Strand: Das rief ich ihr nach. Sie wird es gewiss verstanden haben. Es gibt ja nichts zu entbergen: Die Oberfläche enthält alles. Gleich neben der je aktuellen flimmern unzählige andere Realitäten, quecksilbrig, sinnlich, kühn, verträumt, verrückt, welterzeugend; der Mangel, die Sehnsucht, die Verzweiflung, die Bewegung, das Wagnis, die Täuschung, die Erschütterung, das Scheitern, der Widerstand, das Wiedererkennen, das Innehalten, die Enttäuschung, der Tod.

Wir sind unterwegs: wie Schaum an der Küste, wie rauchige Schlieren im Ätherblau; immer allein; das ist das ganze Geheimnis, Nette.
Nicht wahr?

 

waren du ich unterwegs auf der autobahn hatten uns

festgeschnallt schaufensterpuppensteif
Es ist gewiß, du bist nicht Ich / Ein fremdes Daseyn
sieh nur da draußen walzert die landschaft sich
zeitgerafft platt in drei.de die natur
hat ihren reiz nicht
verloren unter der himme
swölbung gewittrig
wild hypomanisch ein phenolsee (sieh doch) bleiflüssig strahlend
sekunden später viel zellbunt musiges protein-
gespickt schliert grünbrei über land (achtung)
kollisionen mit materieresten nicht auszuschließen
(muttermoleküle nanoschaumblasen gottesteilchen
unsterblichkeitsaerosole) gegen die scheiben donnern
vereinzelte kühe die sonne
geht unter im landschaftlichen kein halt
der fahrer versteht unsere sprache nicht im programm
ist kein radwechsel vorgesehen auf dem display
kein zielvers fixiert
die nacht saust herauf
jetzt mit lichtern wie schwirr-
spiegelungen von wandelsternen ach du
schläfst ein ich aber wache Voll Kräfte die mir nicht
bewusst, / Voll fremden Leides, fremder Lust
Gnade mir Gott, wenn
in der Brust / Mir schlummernd deine Seele
ruhet so lange schon festgeschnallt du ich
unterwegs durch den spin
ohne passwort

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