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Dichtertotenbriefe

Briefe an B wie Werner Bergengruen

Rainald Simon schreibt an Werner Bergengruen

Sehr geehrter Herr Bergengruen,

es geht mir in diesem Brief um das zweite Gedicht in Ihrem 1946 noch vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland erschienenen Band „Dies irae“. Er erschien im Zinnen-Verlag Kurt Desch-München.1 Ich stieß auf Ihr Gedicht in dem 1945 verfassten Bericht von Eugen Kogon „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“.

Eugen Kogon war von 1938 bis 1945 zuerst im Gestapo-Gefängnis Wien und darauf im KZ Buchenwald gefangen, da er gegen das Naziregime Widerstand leistete. In meiner Taschenbuch-Ausgabe von 1947, herausgegeben vom Verlag der Frankfurter Hefte,2 leitet Ihr Gedicht das letzte Kapitel „Das deutsche Volk und die Konzentrationslager“ auf S. 359 ein.

Ich hatte dies Land in mein Herz genommen.
Ich habe ihm Boten um Boten gesandt.
In vielen Gestalten bin ich gekommen.
Ihr aber habt mich in keiner erkannt.

Ich klopfte bei Nacht, ein bleicher Hebräer,
ein Flüchtling, gejagt, mit zerrissenen Schuhn.
Ihr riefet dem Schergen , ihr winktet dem Späher
und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.

Ich kam als zitternde geistgeschwächte
Greisin mit stummen Angstgeschrei.
Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte
und nur meine Asche gabt ihr frei.

Verwaister Knabe auf östlichen Flächen,
ich fiel euch zu Füßen und flehte um Brot.
Ihr aber scheutet ein künftiges Rächen,
ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.

Ich kam als Gefangener, als Tagelöhner,
verschleppt und verkauft, von der Peitsche zerfetzt.
Ihr wandtet den Blick von dem struppigen Fröner.
Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?3

Eugen Kogon gilt als Linkskatholik und Sie, Herr Bergengruen, haben sich 1936 für die katholische Konfession entschieden, Sie waren mit Reinhold Schneider befreundet, dessen „Las Casas vor Karl V.“ in die Bibliothek Suhrkamp (Nr. 622) aufgenommen wurde, was man wohl als Wertschätzung der konfessionell begründeten, widerständigen Haltung gegen das Nazi-Regime deuten kann. Sie zählen, bei aller Problematik des Begriffs, mit Reinhold Schneider zur „Inneren Emigration“, 1937 wurden sie von der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen, einige Publikationen wurden verboten, andere konnten weiterhin erscheinen. Ich halte Ihre folgende Aussage (zitiert nach der digitalen Enzyklopädie Wikipedia unter Ihrem Namen) für bemerkenswert:

„Niemand darf sagen, er habe von den Greueln nichts gewußt. (…) Was in den Konzentrationslagern geschah, das wußte jeder, wenn er nicht Gehör und Gesicht gewaltsam verschloß.“

Warum mir Ihr Gedicht wichtig ist? Unsere Republik darf nicht vergessen, woher sie kommt, jede neue Generation sollte sich mit der historischen Ausgangslage vertraut machen. Es gilt auch für jeden Literaten, jede Lyrikerin und jeden Lyriker. Aus diesem Grund stünde Ihr Gedicht an einer der ersten Positionen in meiner gedachten Anthologie bedeutender lyrischer Texte der Republik (einschließlich der „Zwischenzeit zwischen 1945 bis zur Gründung der Republik 1949). Ihr Text ist meines Wissens die erste lyrische Auseinandersetzung mit dem quasi industriell organisierten Töten jüdischer Menschen, der größten Minorität unter den zahlreichen politisch, ethnisch, religiös, sozial und sexuell definierten Marginalisierten und mit dem Tod Bedrohten. Die großartige „Todesfuge“ von Paul Celan erschien erst am 10.06.1952 in Deutschland.

Sie wenden tradierte lyrische Mittel an: Fünf Strophen à vier Versen, Kreuzreim und ein daktylisches Schema mit vier Hebungen je Vers. In der folgenden Generation mit Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger wird sich in der Wahl der Formen ein großer Bruch ergeben. Sie lassen Gott (Jesus) in der ersten Person sprechen, das wird so rasch nicht mehr vorkommen. Ihre Bilder sind klar und leicht verständlich. Ich kann der Kritik von Karl Heinz Gradl nicht folgen:

Der unverbindliche, die monströsen Verbrechen der NS-Zeit immer noch in einen göttlichen Sinnzusammenhang einzubinden bemühte Tonfall dieser Lyrik wirkt heute befremdend, aber gerade darauf beruhte wohl ihr Erfolg in der Nachkriegszeit (…).4

Immerhin handelt es sich doch um die Feststellung der kollektiven Schuld. Sie selbst gaben im Spiegel Nr. 42, 1948, Auskunft über den Impuls Ihres lyrischen Schaffens:

Der Dichter soll, das ist meine Grundmeinung, diese ewigen Ordnungen nicht lehren wollen; er soll nicht predigen, ja, vielleicht soll er nicht einmal verkündigen. Er soll trachten, diese ewigen Ordnungen sichtbar zu machen.5

Wende ich Ihre Aussage auf Ihr Gedicht an, dann verstehen Sie wohl als „ewige Ordnung“ die Existenz des auch richtenden Gottes, womit sofort die Frage aufgerufen ist: Wie kann Ihr Gott eine jedes Maß übersteigende Barbarei oder verkürzt: die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau zulassen? Für mich ist Ihr Glaube an eine transzendente Ordnungsmacht obsolet.

Vergleicht man Ihren Text mit einem Sonett aus „Venezianisches Credo“ von Rudolf Hagelstande, entstanden fast zur gleichen Zeit wie Ihr Gedicht, nämlich im Juni / Juli 1944 in Venedig, erkennt man aber sofort die kritische Schärfe Ihrer Rede im Vergleich zur selbstbezogenen Larmoyanz Ihres Kollegen:

Ich habe lange, lange wie ein Stein geschwiegen
und mehr noch als ein Stein, in dessen Schweigen
Vergangnes fortlebt wie an kahlen Zweigen,
die noch berührt sind von der Vögel Wiegen.

Denn noch ist Krieg und Blut wird ausgegossen.
Wie aus der Wolke stürzt es aus Leibern
und wird nicht aufgefangen von den Weibern,
für die es süßer wallend einst geflossen.

Vergessen schießt wie Unkraut um die Kinder,
und Sorge wuchert üppig in den Seelen,
und die Zerstörung maßt sich an, Gericht

zu sein, und Urteil spricht der Überwinder.
Wie kann man singen, wenn aus allen Kehlen
der Angstschrei und die Klage bricht?6

Vor allem die Bildlichkeit der zweiten Strophe mit der Verbindung von Blut und Sexualität ist unsäglich. Hier ist der Begriff Unverbindlichkeit zutreffend, immerhin betrieben die Schergen 1944 noch die Gaskammern und Krematorien in Auschwitz- Birkenau. Doch wäre Rudolf Hagelstange sicher der Verfolgung des Regimes anheimgefallen, wenn sein Text vor 1945 dem Regime in die Hände geraten wäre.

Auch der von Heinrich Detering als „grandios“7 bezeichnete Text „Monolog“ von 1941 kommt Ihrer Haltung nicht gleich. Gottfried Benn drückt seine Verachtung der Träger des Regimes aus, ohne ein Wort über die Opfer der Barbarei zu verlieren, sie scheinen den Oberstabsarzt, der im Bendlerblock zu Berlin freiwillig am Aufbau und Erhalt der medizinischen Infrastruktur der Eroberungsfeldzüge (und folgenden Rückzüge) arbeitete, überhaupt nicht zu tangieren.

Monolog
Den Darm mit Rotz genährt, das Hirn mit Lügen -
erwählte Völker Narren eines Clowns,
(…)
Klumpfüße sehn die Stadien zerstört,
Stinktiere treten die Lupinenfelder,
weil sie der Duft am eigenen irremacht:
nur Stoff vom After! – Fette
verfolgen die Gazelle,
die windeseilige, das schöne Tier!
(…)
Sterben heißt, dies alles ungelöst verlassen,
(…)
doch Handeln heißt, die Niedrigkeit bedienen;
der Schande Hilfe leihn, die Einsamkeit
die große Lösung der Gesichte,
das Traumverlangen hinterhältig fällen
für Vorteil, Schmuck, Beförderungen, Nachruf,
indes das Ende, taumelnd wie ein Falter;
gleichgültig wie ein Sprengstück nahe ist
und anderen Sinn verkündet -
(…)8

Sollte der Offizier der Wehrmacht Benn, dem eine mindestens zeitweise Nähe zur antidemokratischen Konservativen Revolution der Weimarer Zeit zugeschrieben wird, nichts von den Vernichtungslagern gewusst haben? Sie sprächen ihm eine solche Ausflucht sicher ab, auch wenn seine Kritik des persönlichen Opportunismus wiederum für ihn einnimmt. Doch auch bei Gottfried Benn scheint in seinem Text, den man heute als hate speach auf die Herrschenden bezeichnen würde, Larmoyanz auf, Mitleiden ist ihm eine unbekannte Dimension. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass, wie Heinrich Detering schrieb, der Text seinen Autor „leicht den Kopf hätte kosten können“, nur sagt dieser Umstand nichts über die lyrische Kraft des Gedichts aus.

Heute, Herr Bergengruen, ist das politische Klima in unserer Republik leider geprägt von Hetzreden im Reichstag (Berlin ist wieder Hauptstadt und Deutschland ist wieder ein Staat, allerdings mit einer gewissen mentalen Ost-West-Spaltung) über zu uns Geflohene als lebensgefährlichen „Messermännern“, von der öffentlich behaupteten Notwendigkeit, die Gedenkkultur, die selbstverständlich Ihre im Gedicht formulierte Gegnerschaft gegen das barbarische NS-Regime in sich birgt, um 180⁰ zu drehen, von der schamlosen Charakterisierung des NS-Regimes als „ein Vogelschiss“ und von dem eingeforderten „Stolz auf die Soldaten der Wehrmacht“, die doch Europa in Schutt und Asche legten.9

Von Hass und Rassismus erfüllte Haltungen führen wieder zu barbarischen Morden. Deshalb ist Ihr Gedicht, das aus einer christlichen und herb alttestamentarischen Sicht formuliert ist, wieder wichtig, nicht zuletzt auch deshalb, weil Sie eher als nationalkonservativ beschrieben werden. Vieles Ihrer Biographie ist mir ganz fremd, z. B. Ihre Teilnahme am I. Weltkrieg als Stoßtruppführer des Deutschen Heeres im Baltikum und später Ihr Kampf in der Baltischen Landeswehr gegen die Rote Armee, auch wenn ich nachfühlen kann, wie betroffen Sie gewesen sein mögen, dass Verwandte den Bolschewiki zum Opfer fielen.

Die Ultrarechte in der Republik versucht heute an den Nationalkonservativismus vor 1933 anzuknüpfen, vielleicht gar an ein Wahnbild vom Geheimen Deutschland und ähnlichen, längst historisch verworfenen, antidemokratischen Haltungen, da sie sich als zutiefst destruktiv herausgestellt hatten.

Wenn wir Gutes von der Westausrichtung über den Atlantik hinaus übernommen haben, deren Anfänge Sie noch erlebt haben, dann ist es die schrittweise Demokratisierung der westdeutschen Gesellschaft, kulminierend in dem Aufbruch zu neuen Ufern im studentischen Aufbegehren 1968. Bei aller Kritik an den barbarischen z. T. mit einer seltsamen Domino-Theorie scheinhaft legitimierten Kriegen unserer Vor- und Schutzmacht USA in Korea, Vietnam, im Irak und in Afghanistan haben wir doch von dem demokratischen Teil unserer Vormacht seit Gründung der Republik gelernt, nicht zuletzt in der Literatur von Jack Kerouac, von Carlos William Carlos, von Ernest Hemingway und William Faulkner, um nur einige zu nennen. In der Malerei beispielsweise von Jasper Johns, in der Musik von John Cage und dem amerikanischen Jazz, kurz, unsere Kultur ist von einer intellektuellen Lässigkeit und Offenheit geprägt, die auf den Einfluss der Pax americana zurückgeht. Wir tragen alle gern Jeans, die mir von einem in der Hitlerjugend sozialisierten Lehrer 1967 in dem fürchterlichen Gymnasium Philippinum in Marburg, das auch Sie von 1906 bis 1908 besuchten, verboten wurden, ebenso wie bis in den Nacken reichende Haare. Ich wünsche keiner und keinem, dass solche Haltungen wiederaufleben.

Ich nehme an, es hat Sie mit ernster Freude erfüllt, als Sie erfuhren, dass Sie auch für Ihren Band „Dies irae“ 1948 nicht nur den Wilhelm Rabe-Preis erhielten, sondern dass man in Israel Ihr Gedicht (vermutlich) 1961 ins Hebräische übersetzte und am Ende des Prozesses, in dem man Adolf Eichmann zur Rechenschaft zog, vortrug. Es ist auch damit zu einem historisch bedeutsamen Text geworden, wenn auch aus sehr ernstem und traurigem Anlass. Trotz vieler unvereinbarer Positionen bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre so klare Haltung in Ihrem Gedicht, ich kenne kein besseres aus jener dunklen Zeit.

Mit vielen Grüßen

Rainald Simon

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