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Dichtertotenbriefe

Briefe an P wie Eckart Peterich

Rainald Simon schreibt an Eckart Peterich

Lieber Herr Peterich,

Es war das Jahr, in dem Sie, Herr Peterich,1 in Florenz starben, 1968, sie waren so alt geworden wie das Jahrhundert, 68 Jahre und ich war 17 Jahre und in der Unterprima UIe (vorletzte Klasse des Gymnasiums) in Marburg und „der Peterich“ lag auf dem großen runden Tisch in der antiquarischen Abteilung der altehrwürdigen Universitätsbuchhandlung (mit Verlag) N. G. Elwert in einem auf die Stadtmauer gebauten Fachwerkhaus in der malerischen Oberstadt Marburgs, Reitgasse 7. Sicher haben Hannah Arendt, Martin Heidegger, Hermann Cohen, Gottfried Benn und vielleicht auch Bettina von Arnim vor den Regalen gestanden und in Büchern geblättert, sie alle lebten wie viele andere Celebritäten eine Zeit lang in Marburg. Ein schönes kleines Bändchen, gerade noch zu bezahlen für den Unterprimaner, „Ach, „den Petermann“ möchten Sie“, sagte die Buchhändlerin und tütete das Bändchen ein. Die Buchhandlung ist längst an eine Kette verkauft und kaum jemand weiß wohl, dass einst auch eine Teilauflage des Hessischen Landboten in ihren Räumen gedruckt wurde.

Der Peterich“,– nun damit war Ihr 1943 mit Ihrem Vorwort versehenes Bändchen „Fragmente Frühgriechischer Lyrik“ gemeint, das vielleicht im gleichen Jahr, es fehlt die Angabe, im Verlag G.C. Sansoni in Florenz erschien. Gedruckt wurde es in der „Tip.(ografia) Giuntina S.(ocieta) A(nonima).-Firense Via del sol, 10.
Als Erstes übersetzen Sie ein Fragment von Sappho, das, wie Sie anmerken, „vor wenigen Jahren auf einem Ostrakon gefunden“ wurde.  Ein Mensch hatte es vor nahezu 2500 Jahren in die Tonscherbe gekratzt. Eine Frau? Ein Mann? Ein Rezensent? Ein verliebter Mensch? Wer weiß? Was für eine Form der Überlieferung, eine Art irdene Flaschenpost durch Jahrtausende! Welcher Dichterin wird Vergleichbares zuteil? Das Gedicht bestehend aus vier kompletten sapphischen Strophen und anderthalb Versen einer fünften (zu Anfang des Fragments) lautet:

ΣΑΠΦΟ

                ] ἐράνο-
    θεν κατίοι[σαι]

ϑεῦ᾿ ὔμ᾿ ἐσ ῥήτας π[α]ρ[..]ε ναῦoν
ἅγιον, ὄππ[αι δὴ] χαρίεν μὲν ἅlσος
μαλί[αν], βῶμοι δ᾿ ἔνι θυμιάμε-
    νοι λιβανώτω,

ἐν δ’ ὔδωρ ψῦχρον κελάδει δι’ ὔσδων
μαλίνων, βρόδοισι δὲ παῖς ὁ χῶρoς
ἐσκίστ’, αἰθυσσομένων δὲ φύλλων
    κῶμα κατέρρει.

ἐν δὲ λείμων ἰππόβοτος τέθαλε
ἠρίνοισιν ἅνθεσιν, αἰ δ᾿ ᾄνητοι
μέλλιχα πνέοισιν [.....]
    [.....]

ἔνθα δὴ σὺ δός μεδέοισα Κύπρι
χρυσίαισιν ἐν κυλίκεσσιν ᾄβραισ’
ἐμμεμείχμενον θαλίαισι νέκταρ
    οἰνοχόεισα

 

SAPPHO

Kommt doch zum Mahle in euren
den Mädchen heiligen Tempel:
  wo der Hain am holdesten steht
und von den Altären der Weihrauch weht.

Kühles Wasser rauscht
unter dem Apfelgeäst;
Rosenbüsche beschatten den Ort;
unter zitternden Blättern
ist es so still wie im tiefsten Schlaf.
Und auf der Wiese, der rossebeweideten,
blühn Frühlingsblumen;
milde duftet der wilde Dill.

Denn da schenkt euch die Göttin der Liebe,
die herrliche Herrin des Hains,
in goldene Becher
aus der Fülle der Freude
den hellen, den himmlischen Wein.

Das Besondere, Herr Peterich, ist, dass Sie das über zweieinhalb Jahrtausende alte Gedicht einer Frau in dem von Deutschen entfachten Weltenbrand um sie herum in Venedig übersetzten, ich kann es gut verstehen, Sie hatten von 1905, als Sie gerade fünf Jahre alt waren, bis 1914, also 9 Jahre lang in Forte dei Marmi bei Carrara gelebt, vermutlich weil ihr Vater als Bildhauer nahe an den berühmten Marmorbrüchen von Carrara arbeiten wollte. Sicher haben Sie dort die Grundschule besucht. Italien wird für Sie Heimat oder zweite Heimat gewesen sein, so lag Ihnen wohl der teutonische Wahn recht fern. Jedenfalls spürt man in Ihrem schönen, kleinen Buch nicht die geringste Kontamination durch das Gift der schrecklichen Zeit; es war also möglich, sich der Abtrift in zunächst geistige, dann real ausgeführte Barbarei zu entziehen, bei sich zu bleiben und weder ethische Grundsätze noch die Schönheit oder sagen wir es ein wenig abgedroschen, das Wahre, Schöne, Gute zu verraten. Wissen Sie, Herr Peterich, in Deutschland und anderswo in Europa, auch jenseits des Atlantik und besonders auch in Ihrem geliebten Italien ist wieder etwas ins Rutschen geraten: In Italien verweigert die Regierung über das Mittelmeer Geflohenen Zuflucht, in Deutschland sind Hetze und Hass auf das angeblich Fremde so stark geworden, dass wieder Fememorde ausgeführt wurden, Wahn greift wieder um sich, aber zurück zu Sappho:

Sappho schreibt den von ihr entwickelten Vers mit elf Silben und fünf Hebungen (Sapphischer Elfsilber):
l
áng, kurz, láng, lang — láng   kurz, kurz, láng — kurz, láng, kurz

Auf drei Elfsilber folgt die Strophe abschließend ein fünsilbiger Versus Adoneus mit zwei Hebungen:
láng, kurz, kurz, láng, kurz.

Sie haben, und das ist das Neue, Vorbildliche, nicht versucht, das komplexe Versmaß im Deutschen nachzuahmen:

Auf die Nachbildung der antiken Versmasse (sic!) verzichtete ich völlig; sie gelingt stets nur scheinbar, weil die griechische Metrik mit unserer härter betonenden nicht in Einklang zu bringen ist, hindert uns aber fast immer,. (S. 4, Hervorhebung RS)

Es trifft, den anderen Gegebenheiten angepasst, auch auf andere Sprachen zu, so auf das Chinesische. Ich danke Ihnen für die so schönen, klaren Übersetzungen, ich habe von ihrer Methodik gelernt. Dem Texte treu zu sein, heißt, einer Kultur treu zu sein, nichts zu verfälschen, nichts zu schönen, nichts heimzuholen ins Reich.

Und weiter weisen Sie die Handwerker in den Reimschmieden unübertrefflich zurecht:

Die Bilder, Vergleiche, Gedanken, aus denen diese Gedichte bestehen, sind von einer Einfachheit, die auch wir Heutigen wieder suchen. Ein wacher, erbarmungslos klarer Verstand hat aber stets von Neuem danach gefragt, ob und wie diese Einfachheit gerechtfertigt ist. Das kann uns eine Lehre werden: schweben wir doch in der Gefahr, in der Wahrheit wie in der Dichtung dem Verstande seine königlichen Rechte zu beschneiden.

Sie wenden sich entschieden gegen den Unverstand,

in der Poesie das Gewöhnliche durch Reim- und Redegewandtheit zu vermummen.

Die Qualität Ihrer Fassung wird deutlich, wenn man sie mit der Übersetzung von Max Treu2

(nach zwei leicht diversen früher gefundenen Fragmenten) vergleicht.

                                   Vom Himmel
            steige hernieder,

komm hierher, zum heiligen Tempel Kretas (?),
wo von Apfelbäumen ein schöner Hain sich
rings erstreckt, darinnen Altäre stehen,
            schwelend von Weihrauch.

Kühles Wasser rauscht an den Apfelzweigen
leis vorbei, im Schatten der Rosensträucher
liegt der Hang, von wiegenden Blättern senkt sich
            Schlummer hernieder.

Eine Wiese liegt da, den Pferden Weide,
prangt sie bunt im Schmucke der Frühlingsblumen,
süßen Duft verströmt das Aniskraut, ..
            …..

Komm denn, Kypris, schmücke dein Haupt mit Kränzen;
um in goldnen Schalen als reiche Gabe
den zu frohem Feste bereiten Nektar
            uns zu kredenzen!

Ein Brand schwelt, aber Weihrauch glimmt bestenfalls. Das Verb „schwelen“ ist negativ konnotiert. Der Duktus der Fassung wirkt erhaben und sehr ernst, fast sakral. Nahezu zur gleichen Zeit wie Max Treus Fassung aus dem Jahre 1954 entstand 1955 die Übersetzung des Romanisten Emil Staiger3, die im Verlag Arche in der Schweiz zweisprachig mit schönen Zeichnungen von Henri Matisse erschien:

…………………………
nieder vom Himmel

komm zu mir aus Kreta zu diesem heilgen
Tempel, wo ein lieblicher Hain von Apfel-
bäumen liegt und über Altären quillen
Wolken von Weihrauch,

durch der Apfelbäume Gezweige die kühle
Feuchte rauscht und Rosen beschatten rings die
Stätte und von zitternden Blättern nieder
rieselt der Schlummer,

und auf pferdenährender Wiese blühn die
Frühlingsblumen; aber es wehn die Lüfte
honigsüß…………………………
……………..

Nimm also hier die Gebinde, Aphro-
dite, und in goldenen Bechern spende
uns mit überschwenglicher Lust gemischten
Nektar in Fülle.

Ich vermute, die Version wäre Ihnen zu klassizistisch, nicht zu reden von einigen merkwürdigen Formulierungen wie z. b. „die kühle Feuchte rauscht“ oder „von (…) Blättern (…) rieselt der Schlummer“.

Ein wenig früher versuchte sich Manfred Hausmann4 an einer „Übersetzung“.

Komm hierher … zum weihevollen
Heiligtum! Da blüht ein Gehölz von leichten
Apfelbäumen, und auf Altären quillen
Wolken des Weihrauchs.

Kühle Wasser gehen gesangreich durch die
Apfelzweige, Rosen beschatten alle
Hänge, traumlos rieselt der Schlaf von ihren
Bebenden Blättern.

Überblüht von Blumen der Frühlingstage
Sinkt die Trifft ins Feuchte hinab, den Pferden
Nahrung gebend. Leise veratmet seinen
Ruch das Aniskraut.

Komm doch, Kypris, waltend an dieser Stätte!
Und im Gold der Krüge vermisch den Nektar
Mit dem zarten Duften der Festesfreude!
Gib uns zu trinken!

Als nicht geglückt und sehr konstruiert empfinde ich „Kühle Wasser gehen gesangreich durch die Apfelzweige“, das Verb „gehen“ ist blass, an dieser Stelle unpassend schon gar mit dem Adverb „gesangreich“. Was sind die Gesänge des Wassers im Apfelbaum? Belassen wir es dabei, Ihre Fassung gefällt mir am besten. Es gibt weitere, aber eine möchte ich Ihnen noch vorstellen, die in Ihrer Art an Sie anknüpft und mir auch sehr gut gefällt. Sie stammt von Eva Demski5 und würde Ihnen bestimmt auch zusagen:

Komm, steig vom Himmel herunter
Komm in den kretischen Tempel zu Schiff
Da wachsen Apfelbäume im schönen und heiligen
Hain. Die Altäre dampfen von Weihrauch

Das Wasser rinnt kühl
Unter den Apfelzweigen, der Hang
liegt im Schatten der Rosenbüsche
Von den zitternden Blättern herunter
Senkt sich tiefer der Schlaf.
Eine Wiese liegt dort, da weiden die Pferde
Frühlingsblumen blühen, es riecht süß
Nach Aniskraut

Komm, Kypris, setze dir Kränze aufs Haupt
Bring in goldenen Schalen den Nektar
Gieße uns Wein ein
Denn wir feiern ein Fest.

Eva Demski hat wie Sie, Herr Peterich, auch journalistisch gearbeitet, vielleicht kommt daher die klare, unverstellte Sprache, die Sie und Frau Demski verwenden. Wie Sie ist auch Eva Demski noch von dem seit den 1970er Jahren fast ganz dem Wandel der Zeiten anheimgefallenen humanistischen Gymnasium geprägt, in dem Schülerinnen und Schüler sieben Jahre Altgriechisch lernten, die ureuropäische Sprache. Frau Demski hatte wohl vor, Sappho auf Lesbos zu übersetzen, aber den dicken Gemoll[Fn]Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1965 (zuerst 1908). Das Wörterbuch wiegt genau 1,41 kg., schreibt sie, packte sie nicht ins Reisegepäck, zu schwer! Sie muss eine sehr gute Schülerin gewesen sein, dass sie erst einmal ohne Gemoll auskam. Frau Demski war zu einer Zeit auf Lesbos, als sich noch keiner das Elend in den Lagern für Geflüchtete dort vorstellen konnte und Sie, Herr Peterich, wie ihre Kolleginnen Sappho und Demski würden sicher alles tun, dass die Menschen auf das Festland reisen könnten und weiter in die Länder ihrer Wahl, um sich in die Lage versetzen zu können, in einer friedlichen Zukunft die schönen Gedichte der Sappho in Ruhe und ohne Sorgen zu lesen.
 

 

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