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Dichtertotenbriefe

Briefe an P wie Plath

Stéphanie Heib schreibt an Sylvia Plath

Liebe Sylvia,

das ist nun der erste Morgen ohne Bienen.
Nach langer Trockenheit fällt Regen, mein kleinster Sohn freut sich über Füchse, die im Wald endlich wieder Pfannkuchen backen. (Füchse, tatsächlich).
Die Bienen bleiben dafür in ihren Kästen, wenn auch nicht alle, ein paar Arbeiterinnen werden doch raus geschickt, es muss ja weiter gehen, so Anfang Mai.

Wie war das, Sylvia, als du damals, im Herbst 1962, durch den Garten von Court Green zu den Kästen gingst, um zu sehen, ob mit den Bienen alles in Ordnung war? Du hattest am Morgen bis zum Frühstück schon zwei Gedichte skizziert, eines überarbeitet, Unterlagen sortiert, die erste Tablette geschluckt.

Als die Kinder wach wurden, stand das Frühstück für sie, neben den Astern aus dem Garten, schon auf dem Tisch. Ihr Lachen hielt dich noch am Leben, aber was war schon immer zum Lachen? Wenn Frieda wieder stur war, Nick maulte oder beide gar in Streit gerieten, überkam dich Wut - oder Verzweiflung, weil gerade niemand da war, der dich unterstützte. Am wenigsten Ted.

Jetzt war es, wie du es lange befürchtet hattest: Die besten Gedichte, die wahren, notwendigen, gelangen fast wie von selbst, im Überfluss eines Gefühls. Dass Glück und Liebe ihren Überfluss auch ins Gedicht stürzen lassen wollten, war ein Phänomen, das dir bekannt war – meist bei anderen. Du kanntest dich wohl aus mit Liebe und Glück, aber da war dieser Riss, ein Schatten, der unter dem strahlenden Lächeln tobte, und den die lässigen Vertreter der Londoner Dichterzirkel nicht bemerkten, wenn sie dich amerikanisch propper und exaltiert fanden.

Am Freitag, den 20. März 1959 schriebst du in dein Tagebuch:

„Weigere mich zu schreiben. Bin einfach unsicher. Abgesehen von diesen paar Gedichten, die flüssig und rasch nacheinander entstanden. Die richtige Gemütsverfassung schwebt mir vor wie ein Zauberland. So eine ganz alltägliche, fröhliche Begeisterung. Oh weh, oh weh.“

Es dämmerte längst: Das Leben war am Ende nicht die schillernde Verheißung.

It is a heart, / This holocaust I walk in, / O golden child the world will kill and eat

Deine Gedichte tun etwas, das sich heute nicht mehr so recht ziemen will: Sie lassen das Ich ins Gedicht, mit einer Vehemenz, die unter vielen Umständen als distanzlos durchfallen würde – in der Erwartung, dass die Dichterin sich von ihrem Stoff zu distanzieren habe und  im Interesse des allgemeinen Diskurses Farbe zu bekennen. Der Erregungszustand, den du in den Morgenstunden in Devonshire erlebtest, scheint eine Form des Erlebens zu bezeugen, die sich einer intellektuellen Distanzierung versagt – gewissermaßen als Legitimation ihrer selbst.

Bekenntnislyrik, na und?

Schmerz ist nicht verhandelbar.

Wer will, kann deine Gedichte mit deiner Biografie abgleichen. Es gibt sogar jemanden, der Bilder ins Netz gestellt hat von Orten, an denen du dich aufgehalten hast, als liege hier ein Schlüssel, der Zugang zu deinem Werk verschafft.

Aber darum geht es nicht. Du scheutest dich zwar nicht, in deinen Gedichten immer wieder „Ich“ zu sagen und Erlebtes preiszugeben, aber die Welt war bei der Entstehung deiner Gedichte schon längst in dir zerfallen und umgewandelt , sodass die Realien, nach denen man in deinen Gedichten mit den Händen meint greifen zu können, nichts anderes sind als Metapher oder Allegorie.

Bücher & Babys & Boeuf Bourguignon. An dieser dreifachen Berufung zu scheitern, ist auch heute noch keine Schwierigkeit. Wir schreiben das Jahr 2014, und du musst wissen: Du wärst mit deinen Gefühlen der permanenten Unzulänglichkeit – je nachdem, wer gerade an dir Maß nähme – in für dich vielleicht überraschend großer Gesellschaft.

Du gehörtest zur ersten Generation von Frauen, die wählen konnten. Du wolltest alles. Weil es möglich war. Ich glaube aber nur bedingt, dass es eine Überforderung durch Rollenklischees war, die dich erdrückt hat. Deine Last war diese allem vorausgehende ich-bezogene, angelegt in der kindlichen Prägung  (wer war er nur, dieser deutsche Vater?), die unabhängig von der Welt existierte, in die du hinein musstest. Die dunkle Herbstkrankheit, deine dunkle Begleiterin, tat ihr Übriges.  Vielleicht hättest du ohne sie einen Weg gefunden, allen drei Seelen in deiner Brust ausreichend Platz zu bieten.

… the black man who

Bit my pretty red heart in two.
I was ten when they buried you.
At twenty I tried to die
And get back, back, back to you.
I thought even the bones would do.

But they pulled me out of the sack,
And they stuck me together with glue.
And then I knew what to do.
I made a model of you,
A man in black with a Meinkampf look... 

Dieses verzweifelte und doch erhabene Ich ist es, das uns in Ariel so unverstellt begegnet, hier konntest du es rauswürgen, dich erleichtern – vorübergehend.

Und es ist nicht die Frage, ob Ted hätte standhalten können oder sollen. Wenn sein Umfallen bei einem Hauch von Chanel dir endgültig den Boden unter den Füßen weggerissen hatte, so sollst du wissen, dass die Liebe sich bereit machte, ihm gleichfalls ihre hässliche Fratze entgegenzuhalten. Das meint nicht Genugtuung; es gab da eine dunkle Verstrickung, die über euch hinausreichte und der Ted allenfalls mit Not entkam. Nick gelang es nicht.

Wahrscheinlich warst du in diesen Tagen des frühmorgendlichen Arbeitens an Ariel euphorisch, du wusstest, was dir hier gelang. Aber es war das letzte Aufglühen vor dem großen Schwarzen, das dich haben wollte. Der Umzug mit den Kindern nach London sollte helfen, dich auffangen, dich zerstreuen, dich heilen. Aber nichts konnte dich halten, auch nicht die kleinen Hände deiner Kinder, die nurmehr die Milchgläser fanden an jenem Morgen, neben ihrem Bett.

Der Winter war teuflisch kalt.

Dieses Frühjahr ist zu warm. Jemand sollte ein Gedicht über Füchse schreiben. Es dir widmen.

Es grüßt dich sehr herzlich
Stephanie

 

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