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Ich sehe was

Ich bin mit einer Zwergin 1 zusammen. Sie hat immerhin große Ähnlichkeit mit meiner katholischen Freundin. Das hat mich wieder etwas beruhigt. Die Beunruhigung nahm jedoch wieder zu, als ich kurz auf dem Klo war. Ich sah an mir herunter und wurde meines Geschlechtsteils gewahr, das pygmäische Ausmaße angenommen hatte. Nun gut, dachte ich, schließlich willst du ja deine katholische Zwergin beim Kuscheln nicht zu schwer verletzen.

Dieser Gedanke war von beängstigender Folgerichtigkeit. Alle Dinge um mich herum waren gleichermaßen geschrumpft, so daß ich mich zu ihnen in ein Verhältnis setzen mußte, das nur einen Schluß zuließ: ich war es auch. Ein Blick in den Spiegel bestätigte meine Überlegung. So klein war mein Kopf nie gewesen. Diese schmalen zierlichen Schultern. Ein überaus schlanker, beinah magersüchtiger Mann schaute mich aus dem Spiegel an. Ich riß die Brille vom Kopf, die ich vorhin beim Optiker abgeholt hatte. Nach wenigen Sekunden normalisierte sich mein Weltbild wieder. Beinah sechs Jahre trug ich eine randlose Brille, um eine leichte Kurzsichtigkeit (R: -1 L: -0,75) auszugleichen. Im letzten Jahr habe ich gemerkt, daß meine leichte Kurzsichtigkeit wohl nicht mehr ganz so leicht war. Im Kino setzte ich mich weiter nach vorn. Auf dem Bahnsteig trat ich näher an die Anzeigentafel. Im Auto, das ich ab und zu ausgeliehen hatte, weil wir kein Auto besitzen, meine Freundin aber trotzdem unbedingt irgendwas aus IKEA haben wollte, reagierte ich unsicher gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern und jähzornig gegenüber der beifahrenden Freundin.

Da ich im Auto jedoch immer ganz der Vater, also unsicher und jähzornig, bin, haben wir das nicht mit der Verschlechterung meiner Sehkraft in Verbindung gebracht. Als mir kürzlich beim Biertrinken ein Brillenglas zu Bruch gegangen war, worüber ich nichts weiter sagen will, lief ich anderntags zum Optiker, wo man mir einen Sehtest aufschwatzte, worauf mir eine Verschlechterung der Sehkraft um fast zwei Dioptrien bescheinigt wurde. Anstatt einfach ein neues Glas zu kriegen, mußte ich mich gleich mit einer neuen Brille anfreunden. „Warum sind sie denn nicht etwas früher zu uns gekommen, um sich die Brillengläser angleichen zu lassen, ab 0,5 Dioptrien haben sie ein Anrecht auf neue Gläser?“, hatte mich die modisch bebrillte Fachfrau gefragt. Ja, warum nicht? Weil ich mit meiner Brille völlig zufrieden war und ich mit ihr in meinem näheren Umfeld (zwischen Schreibtisch und Lesesessel) alles sehr deutlich sehen konnte. Die Unschärfe außerhalb meiner Lebenswelt übte eine beruhigende Wirkung auf mich aus. Es war alles so weich und angenehm. Und frei nach Vogel Strauß: Was ich nicht sehe, sieht mich nicht. Auf diese Weise habe ich schon etliche Personen hilfreich übersehen können. Allein der Schreck, als mir die Fachfrau die neue Brille auf die Nase setzte. „Schauen sie mal hinter sich“, sagte sie, und ich sah durch den Laden, der ein äußerst langgestreckter Laden ist, sah durch die gläserne Ladentür hindurch bis hinüber auf die andere Straßenseite, und dort sah ich in den gegenüberliegenden Laden hinein, in das Gesicht einer mühsam zurechtgeschminkten Modeverkäuferin an der Kasse im hinteren Teil des Ladens. Verstört von diesem Anblick verließ ich das Optikergeschäft. Draußen wies der Schnee auf der Straße eine so schrundige komplexe Oberfläche auf, ein so präzises Chaos von ineinanderverschobenen Kristallen, daß mir ein eiskalter Schauer den Rücken hinunterlief. Ich hatte überdeutlich die Fratze der Dingwelt gesehen. Und mit der Menschenwelt war es nicht besser, die mir auf dem Weg nach Hause ständig entgegenkam. Ich hatte fast verdrängt, wie Menschen im Detail aussehen konnten. Was sich allein auf der Gesichtshaut alles entdecken ließ, würde den Rahmen dieser Ausführungen sprengen. Daß alle Dinge perspektivisch auch noch kleiner geworden waren, fiel mir erst zu Hause, im gewohnten Nahbereich auf. Alles war überscharf und ins Kleine verzerrt. Mir wurde schwindlig. Da ich mich aus Geiz für ein kostenloses Gestell dieser zu verschweigenden Optikerkette entschieden hatte, sah mich meine verzwergte Freundin auch sehr skeptisch an.

„Gefällt dir die Brille nicht“, fragte ich ängstlich.
„Das geht schon“, sagte sie. „Ein bißchen langweilig vielleicht, so versicherungsvertretermäßig“.
Na toll, dachte ich. Ich sehe aus wie Hallo-Herr-Kaiser und was ich sehe, hätte so genau gar nicht gesehen werden müssen. Dann verschwand ich mit einem traurigen Vertretergesicht in mein Zimmer. Nach einer Weile klopfte es und es schaute meine liebe Zwergin herein.
„Ich komme mit der Brille nicht zurecht“, jammerte ich.
„Das dauert ein Weilchen. Dein Gehirn muß sich erst an die neue Sehstärke gewöhnen“.
„Aber mein Gehirn will sich an nichts Neues gewöhnen. Es will die alte Brille zurück.“  
„Nach einer Woche merkst du nichts mehr“. Sie setzte sich zu mir aufs Bett.
„Mit Brille wird alles kleiner und schmaler, ohne Brille alles größer und üppiger“, sagte ich.

„Mach das Beste draus“, sagte meine katholische Zwergin, als wir uns hinlegten. „Bauch angucken mit Brille, Brüste angucken ohne Brille“, forderte sie mich auf, und dann wurde es dunkel.

  • 1. Manche würden den Ausdruck „Kleinwüchsige“ bevorzugen, was dem Satz allerdings seine archaische Kraft rauben würde. Man sagt ja auch nicht: Schneewittchen und die sieben Kleinwüchsigen.

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