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Plädoyer für das stehende Heer

In der Bundeswehr vollziehen sich tiefgreifende Veränderungen. Aus der Wehrpflichtarmee, wie sie in Preußen um 1808 eingeführt worden war (Krümpersystem genannt), als Reaktion auf die schlagkräftigeren Volksheere der französischen Revolution, deren Taktik von Napoleon verfeinert wurde, soll wieder eine Berufsarmee werden, wenn man so altmodisch sagen will: ein stehendes Heer, eine Armee aus langdienenden, in hohem Maße professionalisierten Soldaten. Stehende Heere bildeten sich in der Nachfolgezeit des Dreißigjährigen Krieges heraus, und waren eine Machtstütze der aufkommenden absolutistischen Herrschaft. Davor wurden die Kriege mit Söldnern bestritten, die allerdings nur bei der Stange blieben, solange man sie gut bezahlen konnte. Die Disziplin von Söldnerheeren ließ daher zu wünschen übrig und stellte die Geduld der Zivilbevölkerung auf die Probe. Zur Veranschaulichung sei die Lektüre des Simplicissimus empfohlen. Söldner waren freie Gesellen, die sich ihren Teil zu nehmen wußten. Weniger frei waren die Soldaten der stehenden Heere. Oftmals im besoffenen Zustand haben sie sich bzw. wurden sie für viele Jahre (zum Teil bis zu zwanzig) dienstverpflichtet (siehe die Methoden der Preußischen Werber einerseits und das Kantonsystem der Einziehung andererseits) und einem strengen disziplinarischen Regiment unterworfen. Ich würde jetzt am liebsten auf diese Art weiterreferieren, schließlich habe ich meine gesamte Kindheit und Jugend als ein vor allem Schiß habender Junge, der ich war, der Militärgeschichte gewidmet, möchte jetzt aber zackig auf den Punkt kommen. Die Bundeswehr könnte, um ihre Reihen voll zu kriegen, durchaus den Geringqualifizierten und Migranten die Hand reichen. Dieser Plan stößt auf Kritik. Man fürchtet eine Unterschichtenarmee. Die Kritiker scheinen jedoch zu übersehen, das seit jeher, die von gesellschaftlicher Exklusion, sprich von Nichtteilhabe betroffenen Personen, sich für den Beruf des Soldaten, Piraten oder Verbrechers entschieden haben. Es ist daher nur folgerichtig, wenn Migranten, Schulversager und Hartz-IV-empfänger (vormals „Geringe“ genannt) für die Truppe zur Verfügung stehen, das heißt, sich die Rübe wegschießen lassen. Dafür muß man blöd oder arm sein.

Auch im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik ließen sich zwei Spatzen mit einer Kanone treffen. Auf Lampedusa sollte die Bundeswehr ein Rekrutierungsbüro eröffnen. Anstatt Asylanten am Hals hätte man gleich das erste tausend Mann starke Tunesierbataillon. Übrigens alle gut ausgebildet. Für den normalen Bundeswehrlohn, selbst ohne Auslandsaufschlag, würden die den Hindukusch erobern. In Nordafrika stirbt man normalerweise unterbezahlt. Die Armee als Garant für den Aufstieg (siehe Himmelfahrtskommando). Warum die eigenen Söhne und Töchter aufs Spiel setzen, wenn man den Vaterlandsdienst outsourcen kann? Die französische Fremdenlegion steht hierfür Modell. Wo wäre der deutsche Fußball ohne Legionäre. Anwerbung im Ausland war schon bei den Preußen beliebt. Wir geben das Geld und die andern ihr Leben. Berlin könnte eine türkische Division stellen, das Ruhrgebiet gleich zwei. Lauter kräftige, junge Männer, gettokampferprobt und parallelgesellschaftsgewitzt. Die Deutschen sollten lieber in der Etappe bleiben.  

Aber auch deutsche Männer mit unterdurchschnittlicher Bildung können in der Bundeswehr Verwendung finden, beispielsweise in der ersten Angriffswelle. In ein möglicherweise von Taliban besetztes Dorf wird eine Kompanie Hartz-IV-Empfänger geschickt (vorher eine runde Mordhäuser Doppelkorn ausgeschenkt), um die Sache abzuklären. Ich sage nur fordern und befördern. Kommt ein Hartzer dreimal seinen Verpflichtungen nicht nach, wird er nach Afghanistan zwangsrekrutiert. Das gute alte  Strafbataillon fände im Hartz-IV-bataillon seine würdige Entsprechung. Bei einer Mortalitätsrate von 80% dürfte es den Anreiz, eine Arbeit anzunehmen, signifikant erhöhen. Hauptsache Arbeit als tot.  

Schauen wir noch mal zurück. Als die Bundeswehr noch kein stehendes Berufsheer war, sondern eine abhängende Wehrpflichttruppe, wie ich sie aus meiner Soldatenzeit kenne, ich sag nur: immer schön Eierschaukeln, denn niemand soll meinen, ich hätte von Tuten und Blasen, einschließlich Schießen, Saufen und Pornofilmgucken keine Ahnung, ich habe gedient, und zwar bis zum Abgewöhnen, dafür haben die ersten drei Monate Grundausbildung schon gereicht – also, als die Bundeswehr noch keine Berufarmee war, war sie auch nur eingeschränkt verteidigungsfähig, am Wochenende überhaupt nicht. Da haben wir uns von Mutti bekochen lassen. Letzten Endes, ich erwähnte es schon, sind wir Deutschen inzwischen für einen Krieg viel zu verzärtelt. Ohne die Schützenhilfe unserer ausländischen Mitbürger könnten wir nicht mal mehr Polen überfallen. Das kann nur eine Berufsarmee ändern. Keine Waschlappen in Uniform, sondern Profis, die zu töten verstehen, braucht das Land. Hartzer, wollt ihr ewig leben. Wir sind schließlich im Krieg!

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