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Eingekreist

Ghettooma

Neulich saß ich in der Regionalbahn von Stendal nach Magdeburg. Manchmal mache ich solche verrückten Sachen. Schräg gegenüber saß eine Familie. Vater, Mutter, Kind. Das Kind war ein Mädchen. Das erkannte man daran, daß es komplett in rosa gekleidet war. Circa von zwei bis acht lieben Mädchen rosa, einige von ihnen auch bis ins hohe Alter hinein. Dann spricht man von altrosa. Bei diesem Mädchen war noch nicht abzusehen, ob es so enden würde. Das Mädchen hatte die Füße auf den Sitz gestellt. Der Vater sagte, „Füße runner, sonst gibt’s was druff.“ Als das Mädchen nieste, sagte der Vater, „nimm ein Taschentuch“. Und als das Mädchen entgegnete, es brauche kein Taschentuch, sagte der Vater, „diskutier nich, wenn ich sage, Du brauchst’n Taschentuch, dann brauchst Du’n Taschentuch.“ Offenbar ein erfrischend altmodisches Exemplar von Vater, mit der Konsequenz von Erdogan.

Die Mutter versuchte nun beide so höflich, wie es ihr möglich war, darauf hinzuweisen, daß man nicht die einzigen im Zug sei und brüllte: „Halltet jefälligst ma Eure Klappen“. Vater und Tochter holten dann jeweils einen Tabletcomputer hervor und spielten damit. Soweit ich es mitbekam, mußte man in diesem Spiel Dinge einsammeln und Dinge zerstören. Habe ich früher auch gerne gespielt, nur ohne Computer, dafür mit Ameisen. Die Tablets waren miteinander verbunden, sodaß Vater und Tochter das Spiel gemeinsam jeder für sich spielen konnten. Immerhin war es möglich, sich gegenseitig auszuschalten, denn der Vater sagte plötzlich: „Mist, wegen Dir bin ich jetz tot“. Das Mädchen kicherte. Draußen zogen die Dörfer vorbei wie alleinstehende Männer, die sich lange nicht geduscht haben.

„In unserer Familie kann ich das Spiel am besten“, prahlte das Mädchen, die ihren Vater gerade wieder in den virtuellen Tod geschickt hatte. Darauf der Vater, „dann sach mir ma was Familie für Dich heißt, na los.“ Das Mädchen überlegte.

Ich hatte inzwischen meine Reiselektüre zur Seite gelegt und mein Notizbuch rausgezogen.

Mit Hilfe der Finger zählte sie auf: die Yvonne gehöre zur Familie. Der Vater unterbrach sie, „und was ist die Yvonne für dich?“

„Meine Tante“ sagte das Mädchen.

„Richtig“, lobte der Vater, „Und weiter.“

Das Mädchen mühte sich sichtlich. Als nächsten nannte sie ihren Cousin namens Justin Alexander. Dann kam Onkel Ronny. Und die anwesende Mutter natürlich und schließlich der Vater. Ich hatte schon etwas Angst, daß sie diesen Choleriker übergehen würde, doch richtig gelöst, war die Aufgabe trotzdem nicht.

„Du hast Deinen Bruder vergessen“, motzte er.

„Aber der gehört gar nicht wirklich zu unserer Familie“, schmollte das Mädchen.

„Die vergißt ihren Bruder“, sprach er in Richtung Frau, die erneut darum bat: „Biste ma ruhig jetze“. Inzwischen dürften alle Mitreisenden in die komplizierten Konstellationen dieser Familie eingeweiht worden sein.

„Und die Oma Erna“, schob das Mädchen noch nach.

„Nee, Oma Erna gehört nicht dazu“, sagte der Vater.

Seine Frau stieß ihm in die Seite.

„Warum gehört Oma Erna nicht zur Familie?“, fragte das Mädchen.

„Die will nüscht von uns wissen. Die hat ihre speziellen Leute, zu denen sie geht. Die soll ma schön in Buckau bleiben, in ihrem Ghetto. Das ist nämlich die Ghettooma“, sagte er. Seine Frau zischte ihn noch lauter an und zog damit die Aufmerksamkeit selbst derjenigen auf sich, die zumindest versucht hatten, wegzuhören. Draußen versank das Land in gnädiger Dunkelheit.

Ich hatte als Kind keine Ghettooma. Ich hatte eine Berlinoma, weil sie in Berlin wohnte und eine Westoma, die ich nach der Wende Bayernoma nannte. Und eine Oma zu Hause, die manchmal doofe Schwiegermutter hieß, wenn mein Vater sich mit ihr gestritten hatte.

Das Mädchen fragte, „was ist ein Ghetto?“

Die Mutter zischte wieder sehr laut.

„Das ist da, wo die Neger wohnen“, sagte der Vater und griente vor sich hin.

Jetzt mußte natürlich ein entschiedenes Wort dazu gesagt werden, und wenn er nicht doppelt so breit gewesen wäre wie ich, hätte ich das auch getan. Außerdem teilte uns die Durchsage im Zug mit, daß wir gleich Magdeburg erreichen, der Zug endet hier, alle Fahrgäste bitte aussteigen.

„Zieh Dich an“, sagte die Mutter und das Mädchen zog seinen rosafarbenen Anorak an. Der Vater eine hellgrüne Jack-Wolfskin-Jacke, womit er einem Laubfrosch ähnelte, der zuviel Kraftsport getrieben hat.

Dann stiegen wir alle aus.

Nach der obskuren Philosophie Rudolf Steiners suchen sich die Seelen der Kinder, die in einem Zwischenreich herumschweben, bevor sie geboren werden, ihre Eltern angeblich selber aus. Manche Entscheidungen lassen sich demnach nur durch ein mangelndes Angebot erklären. Wer bei Penny einen Wein kaufen will, kennt das Problem. Und bevor man zu ewigen Ladenhütern wie beispielsweise Graf Dracula und Erika Steinbach greift, sind diese beiden Magdeburger als Eltern eigentlich ganz okay. Daß ich allerdings immer noch kinderlos bin, könnte mir nun schon etwas zu denken geben.

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