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Anonymus

In früheren Zeiten, als es noch Postkutschen, Schellackplatten und Pornoabteilungen in Videotheken gab, weil es Videotheken gab, standen dort immer verschwitzte und verhuschte Typen herum, die offenkundig noch bei ihrer Mutti wohnten. Sie hielten Videokassetten in der Hand und lasen angestrengt die Rückseite der Hülle, als wäre dort ein schwieriges Gedicht abgedruckt. Um sie im Blick zu behalten, schaute ich ebenfalls auf die Rückseite einer Videokassette, die ich zufällig in der Hand hielt, bis ich mit „Drei Mösen tanken Super“ extrem unauffällig zur Kasse gehen konnte, ein Kraftakt der Kontaktvermeidung, der ziemlich anstrengend war, so daß ich zu Hause von meiner Mutter gefragt wurde, warum ich so verschwitzt sei. Ich hüllte mich in das dickste Schweigen, was mir weitere Schweißperlen auf die Stirn treten ließ. Einzig der Videothekar wußte Bescheid, hatte aber ebenfalls zu schweigen, wie der Priester, Rechtsanwalt und Arzt. Seit es Internet gibt, hat sich das zum Glück anonymisiert, damit endete die Epoche der Videotheken.

Durch das Internet kann man nun viele Dinge erwerben, ohne sich einer sozialen Situation aussetzen zu müssen. Vormals wäre das ja nur mit sprachlichen Hilfskonstruktionen möglich gewesen: „Haben sie das Modell des Tigerpanzers im Maßstab 1:72, mein Neffe hat Geburtstag“; oder: „Nordhäuser Doppelkorn macht Lederschuhe geschmeidig“; oder „Unsere Katze hat Hämorrhoiden, hätten sie was, das, prophylaktisch betrachtet, auch Menschen hilft“.

Amazon ist für Sozialphobiker ein wahrer Segen geworden. Beispielsweise kann ich jetzt auch Klopapier über Amazon bestellen. Ab 29 Euro Warenwert bekommt man es ohne Versandkosten an die Tür geliefert. Man könnte es sogar als Geschenk einwickeln lassen. Denn mir schien es immer seltsam, und gibt es überhaupt jemanden, dem das nicht seltsam vorkommt, an der Kasse zu stehen, mit Wurst, Brot, Klopapier auf dem Laufband, die ganze Verwertungskette offenbarend. Noch schlimmer ist allerdings, mit nichts weiter als Klopapier der Verkäuferin gegenüberzutreten. Die Absichten sind unverkennbar.

Daß Amazon jetzt über mein Konsumverhalten Bescheid weiß, ist natürlich nicht schön. Es empfiehlt mir aufdringlich: Wer Klopapier gekauft hat, kaufte auch den Bestseller „Darm mit Charme“. Beides könne als Sammelbestellung aufgegeben werden. Amazon hat aber wenigstens keine langen Haare und sieht mich auch nicht mit großen Augen an.

Bei meiner Buchhändlerin um die Ecke - sie kennt mich schon eine Weile - erwerbe ich gern Klassiker. Goethe oder Proust. Oder philosophische Bücher von Hegel bis Adorno. Und sobald sie mir ein anspruchsvolles Buch ans Herz legt, erhalte ich nicht bloß ein Buch, sondern obendrein die Wertschätzung einer Frau, in deren Augen ich zweifelsohne ein gebildeter Mensch bin, selbst wenn ich es dann oft gar nicht gelesen habe. Triviale Lektüre bestelle ich deshalb lieber bei Amazon, aber doch nur, um sie nicht zu enttäuschen.

Ein Buchkauf ist für intellektuelle Menschen nämlich ebenso intim wie der Gang zum Urologen. Man läßt geistig die Hose runter und muß verschämt seinen Geschmack offenbaren, während man mit kritischem Blick gemustert wird. Und irgendwann, so befürchte ich, schaut mich meine Buchhändlerin ganz melancholisch an, als hätte ich ihr keinen Buchwunsch mitgeteilt, sondern die traurige Nachricht, daß gerade ein guter Kunde verstorben sei, ein Mensch mit Stil, der nun für immer abgetreten ist. In solchen Momenten geht es mir wohl wie den meisten. Ich kann zwar mit Kritik relativ gut umgehen, allerdings nur solange sie nicht meine Person betrifft.

Was also tun? Ich will ja weiterhin meine lokale Buchhändlerin unterstützen, aber wie erwerbe ich, jetzt mal rein hypothetisch gedacht, in ihrem Laden Regionalkrimis wie „Der Sichelmörder von Zerbst“, „Der Killer von Könnern“. Psychothriller der Haß und Blut Trilogie „Im schwarzen Herbst der Tränen“, „Die Rache des toten Mädchens“, Der kalte Duft von Schande, Furcht und Zorn“. Oder Erotikklassiker wie „Das willige Stiefmütterchen: Rangenommen an ihrem Geburtstag“ und „Mit strenger Hand“. Oder Genremischungen, in denen Sex mit Vampiren, Dämonen und Formwandlern geschildert werden.

Klar, wer lange genug in einer Beziehung lebt, sollte wissen, wie Sex mit jemandem ist, der seine Form gewandelt hat. Aber manchmal will man so was halt lesen.

Mein Vorschlag an die Buchhändler. Richten Sie eine Schmuddelecke im hinteren Teil ihres Ladens ein, mit separatem Eingang und Selbstbedienungskasse für den kontaktfreien Einkauf.

Oder man sucht sich ein Käuferdouble aus seinem Bekanntenkreis, das stellvertretend für einen selbst in den Buchladen geht und solche Bücher erwirbt. Eine Person, von der man eh keinen guten Geschmack erwartet und die auch keinen Ruf mehr verlieren kann, weil sie von anspruchsvoller Literatur noch nie eine Ahnung hatte. Ich, zum Beispiel, könnte meinen Kumpel Peter bitten. Einem guten Freund würde er diesen Gefallen bestimmt nicht verweigern.   

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