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Eingekreist

Tapewondo

Als ich acht war, schenkte mir mein Vater einen Metallbaukasten. Ich glaube, er wollte mir damit etwas sagen. Vielleicht: „Mein Sohn, das ist nicht nur ein Spielzeug, sondern du erweiterst Deine Fertigkeiten und lernst nebenbei etwas fürs Leben“. Mir wurde jedenfalls klar, dieses Geschenk hätte er sich schenken können, bis mir auffiel, daß man die Schrauben auch als Schrapnellgeschosse für meine von Oma aus dem Westen eingeschmuggelte Playmobilkanone verwenden konnte. Interessanter Nebeneffekt waren die Schmerzensschreie meines Vaters, wenn er auf eine herumliegende Schraube trat. Da bekam das Kriegsspiel gleich einen realistischen Touch.

Diese rührende Anekdote aus meiner Kindheit bezeugt: Wenn ich schon ein weißer, heterosexueller Mann bin, der obendrein aus Ostdeutschland kommt, so habe ich doch zwei linke Hände vorzuweisen. Das macht mich in diesem Landstrich, wo handwerkliches Geschick so typisch ist wie ein gepflegter Alltagsrassismus, immerhin ein bißchen queer. Zumindest die Regale, die ich anbringe.

Es ist aber nicht so, daß ich gar nichts auf die Reihe kriege, wie mein Vater immer behauptet. Wenn bei uns ein Möbel seltsam wackelt, schiebe ich mit großem Geschick ein Buch drunter, und das Ganze steht wie eine Eins. Und die Bücher von Kollegen, die man aus Gründen der Höflichkeit erworben hat, dienen dann auch noch einem guten Zweck.

Hinter dieser Improvisationsleistung steht meine Reflektion über zwei der Ökonomie entlehnter Handlungsprinzipien.

1. Das Maximalprinzip empfiehlt, mit größtmöglichem Aufwand sehr viel zu erreichen. Ein mich eher befremdendes Konzept.

2. Das Minimalprinzip wiederum besagt, daß man mit sehr geringem Aufwand durchaus etwas erreicht. Selbst wenn es nicht viel ist. Auf diese Weise ist mein Roman über die Jahre hinweg nicht fertig geworden, ich habe mich aber auch nicht sehr anstrengen müssen dafür.

Nun fällt im Haushalt immer mal eine Reparatur an, und dann ist man als Mann, Emanzipation hin oder her, wieder in der Pflicht. Doch sobald meine Freundin der Auffassung ist, etwas sei kaputt, nur weil dieser Gegenstand in Würde gealtert ist – und sollte sie nicht inzwischen Verständnis für einen solchen Gegenstand aufbringen können? – müssen wir dank des konsequent angewendeten Minimalprinzips gar nicht lange diskutieren. Ich sage, „Babe! ich nehme Tape“. Und sie antwortet, „da bin ich aber froh, Du mein Großmeister des Tapewondo“.

Nein, das sagt sie nicht. Auch wenn ich mich hier um lyrische Überhöhung bemühe, haben ihre Antworten eher was mit Erniedrigung zu tun. Trotzdem hält das Schutzblech an ihrem Fahrrad das nächste halbe Jahr wieder. Und der Blumenkübel mit dem durchgehenden Sprung? Einfach Tape drum herum. Damit komme ich auch dem Trend zur Nachhaltigkeit und dem Gedanken des Umweltschutzes entgegen, selbst wenn mir die Umwelt in diesem Zusammenhang eigentlich scheißegal ist.

Und dann passierte es. In unserem PVC-Fußboden im Bad war ein kleines Loch, obwohl ich rechtzeitig gewarnt hatte, ihn nicht zu oft zu wischen, das beschädige ihn doch bloß. Aber anstatt daß meine Freundin nun dankbar gewesen wäre, daß ich mir um den Erhaltungszustand des Badfußbodens Gedanken mache, warf sie mir vor, daß ich seit Monaten nicht mehr das Bad gewischt habe. Und nicht nur das, sie sagte auch einen schlimmen Satz zu mir, den ich nur widerstrebend wiederhole, nämlich: „Der PVC-Belag muß ausgetauscht werden“. Was soll man darauf antworten? Ich verwies auf das Tape. Und sie sagte eiskalt, „dann mach ichs eben alleine“. Trotz dieser Meinungsverschiedenheit respektierte ich ihre Entscheidung und war zumindest froh über die gelebte Emanzipation in unserem Haushalt. Ich sinnierte wieder ein klein wenig über meinen Roman und meine Freundin legte eigenverantwortlich das Bad aus. Alles wäre gut gewesen und der Text könnte getrost schließen, wenn nicht noch etwas passiert wäre.

Als ich nämlich Nudeln kochen wollte – dazu muß ich erläutern, daß ich sehr gern Nudeln esse, und am liebsten die teure, italienische Hardweizengriespasta anstatt der Wurzenereiersachsennudeln, weshalb ich jene, sobald sie preisgesenkt wird, immer in größeren Mengen auf Vorrat kaufe, sodaß wir einerseits die Empfehlungen des Innenministeriums für die Vorratshaltung im Katastrophenfall übererfüllen, aber andererseits die untere Schublade unseres Küchenschranks möglicherweise durchbrechen könnte – stellte ich fest, daß die untere Schublade durchgebrochen war.

Ich durchlief die fünf Sterbephasen nach Kübler-Ross.

Erstens, Nicht-wahrhaben-Wollen: „Die Schublade ist doch gar nicht richtig kaputt, wenn da nichts drin liegt, kann man sie problemlos raus und rein schieben.“  

Zweite Phase, Zorn und Ärger: „Ich soll das reparieren? Nö, vergiß es, ich will an meinem Roman schreiben. So eine Kacke!“  

Dritte Phase, Verhandeln: „Schau mal, ich versuch’s einfach wieder mit dem Tape, das hält bestimmt ein paar Wochen.“

Viertens, Depressive Phase: Stumm mit glasigen Augen den Schrank im Blick.

Fünfte Phase, Akzeptanz: Ich ging in ein Geschäft, ich glaube, es nannte sich „Baumarkt“, und kaufte Eisenwinkel, Bretter und Schrauben. Dann schwitzte und fluchte ich im Unterhemd vor mich hin. Am Abend dieses sinnlos vergeudeten Tages kam meine Freundin lächelnd auf mich zu, küßte mich, obwohl ich immer gedacht habe, sie schätzt mich wegen meiner Intellektualität, und sagte, „Na, bist Du nicht ein bißchen stolz. Deine erste, richtige Reparatur.“

Nachdem ich mich gefaßt hatte, antwortete ich, „Was heißt hier „richtige“ Reparatur. Und was heißt „stolz“. Demnächst zeigst Du mir noch ein paar andere Dinge in unserer Wohnung, auf die ich dann stolz sein soll.“

„Komm, mein Handwerker“, sagte sie, „ich zeig Dir erstmal was anderes“.
[Das Ende ist fiktional, Anm. d. Verf.]

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