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Neulich stand ich auf einer Geburtstagsparty eines Bekannten mit einem Bier. Sein Vater, ein freundlicher, älterer Herr mit einem weißen Schnurrbart, inzwischen Rentner, ehemals Architekt, kam auf mich zu, und plauderte auf mich ein, daß er jetzt auch an einem Roman schreibe.
Ich antwortete ihm, das sei toll, und ich sei gerade damit beschäftigt, ein Haus zu entwerfen, ob er mir nicht ein paar Tips geben könne. Wenn ich nämlich irgendwann Rentner sei, wolle ich mich auch ein bißchen architektonisch verwirklichen.
Nein, sagte ich nicht, ich sagte nur: aha.
Er sagte: An Suhrkamp und Rowohlt hab ich Teile des Romans geschickt. Mal sehen, was sie sagen.
Mhm, sagte ich.
Er: Und Sie? Wie sind Sie an einen Verlag gekommen?
Ich: Über Kontakte.
Er: Ach so, Kontakte. Die sind immer gut [lacht]. Sie werden es nicht glauben, ein Verlag hat jetzt schon bei mir angebissen, sogar ganz ohne Kontakte.
Ich: oh, gratuliere. Wie heißt der?
Er: Der Johann-Wolfgang-von-und-zum-Schiller-Verlag. Die wollen gegen einen Druckkostenzuschuß von 7000 Euro das Buch machen.
Ich sagte: hm.
Er: Wieviel haben Sie eigentlich für Ihr Buch bezahlt?
Ich: Nichts, ich hab nichts bezahlt.
Er: Da können Sie ja von Glück reden.
Ja, sagte ich, entschuldigen Sie bitte, ich muß mal eben schnell zur Toilette.

Die Party war relativ groß. Wir sind uns den Rest des Abends nicht wieder begegnet, was auch daran lag, daß ich dreißig Jahre jünger bin, bessere Augen habe und mich schnell von einem Ende zum anderen Ende des Raumes unauffällig bewegen kann.

Als ich mal wieder eine Lesung hatte, fragte mich ein junger Mann, ob es in Halle eine Schreibwerkstatt gibt. Ich bejahte, und falls er Lust auf Kritik hat, soll er vorbeikommen.

Beim nächsten Treffen kam er vorbei und verkündete, daß er gerade einen satirischen Ratgeber fertiggestellt habe, und nun würde er gern von uns in Erfahrung bringen, wie man an einen passenden Verlag gelange.
Ich sagte, ob er nicht lieber erstmal was aus seinem Text vorlesen möchte.
Klar, kein Problem, es sei ein sehr komischer Text, wie wir gleich merken werden. Er habe sogar schon von einem großen Verlag eine Rückmeldung erhalten. Die wollten aber viele Änderungen am Manuskript vornehmen. Er solle mehr Erzählen. Das habe er abgelehnt und nun melde sich der Verlag nicht mehr. Aber das sei vielleicht auch besser so!
Oh, das ist schade, sagte ich mit einem Gefühl der Erleichterung, denn von diesem Verlag hätte ich auch gern mal eine Rückmeldung bekommen.
Dann las er vor.
Eine Autorin meinte anschließend, das sei durchaus interessant, der Schreibstil an einigen Stellen vielleicht noch etwas hölzern.
Ein anderer gab zu bedenken, möglicherweise sei der Vorschlag des Verlages, das Thema an einen Protagonisten zu hängen und aus dem Ratgeber eine Erzählung zu machen, gar nicht so schlecht.
Ich sagte lieber nichts.

Wochen später erhielt ich eine Email von ihm. Er wolle wissen, wie hoch meine Startauflage gewesen sei und ab wie viel Exemplaren ein Buch zum Bestseller werde. 
Warum wollte er das wissen?
Ich gab zur Auskunft, wenn er vorhabe, einen Bestseller zu schreiben, dann müßten sich davon mindestens vierzig Tausend Exemplare verkaufen.
500 Exemplare seien von meinem ersten Lyrikband gedruckt worden. (Ich erwähnte nicht, wieviel davon verkauft worden sind. Unter uns: Eigentlich schreibe ich ja nur Bestseller, dummerweise werden bloß nicht so viele Exemplare davon verkauft.) Dann entließ ich meine Antwort in den digitalen Raum mit einem kräftigen Druck auf die Maustaste, als würde ich ein Insekt zerdrücken.

Drei Wochen später stand ich beim Bäcker. Auf der ersten Seite der in einem Zeitungsständer steckenden Lokalzeitung entdeckte ich ein Foto von ihm. In der Überschrift wird er von einem Zeitungsschreiber als „Starautor“ bezeichnet. Ich kaufte ein Exemplar und verließ ohne ein Stück Kuchen den Bäcker, was auch schon längere Zeit nicht mehr vorgekommen war. Draußen überflog ich das Interview. Sein „satirischer“ Ratgeber sei nun im Eigenverlag erschienen und gleichzeitig bei Amazon als Ebook. Mehrere Tausend Exemplare haben sich angeblich dort bereits verkauft. Ist mir doch egal, soll er doch. Zu Hause schaute ich gleich mal bei Amazon rein. Mist! Dreißig positive Kritiken. Immerhin auch ein paar negative. Viele Rezensenten betonten, daß sie eigentlich keine Bücher lesen, aber mit diesem Buch viel Spaß gehabt hätten. Das schien glaubhaft. Denn weiter unten fiel mir die Amazon Statistik „Kunden, die diesen Artikel angesehen haben, haben auch angesehen“ auf. Die meisten hatten sich eine „Schnupfmaschine, das Bayern Geschenk für Schnupftabak mit Flaschenöffner“ angesehen. Der nächste Artikel war das „Snazaroo Kinder Abziehtattoo-Set“. Dann folgte der „Modbrix Bausteine Panzer IV Ausf. F, 1000 Teile inkl. Wehrmacht Soldaten aus original Lego-Teilen“ und noch ein „Bidet WC Dusche mit Sitzheizung, Fön etc. Vollausstattung“. Ich versuchte mir einen Kunden vorzustellen, der sich für Schnupftabakmaschinen, Kinderabziehtattoo-Sets und Lego-Wehrmachtspanzermodelle interessiert, dabei auf einem Bidet mit Sitzheizung sitzt, während er diesen Ratgeber liest, und kam zu dem Schluß, daß ich wahrscheinlich eine etwas andere Zielgruppe habe. Solch ein Kunde interessiert sich am Ende auch für Belüftungsanlagen, um die Kinder, die er in seinem Keller eingesperrt hat, mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.

Sechs Monate später traf ich den Vater meines Bekannten zufällig beim Arzt. Er lächelte mich an und sah dann etwas bedrückt aus, was aber nicht an altersbedingten Beschwerden lag, sondern an meiner Frage, ob sein Roman inzwischen erschienen sei. Ach, sagte er, nachdem er die Hälfte des Druckkostenzuschusses an den Johann-Wolfgang-von-und-zum-Schiller-Verlag überwiesen habe, sei der Verlag Pleite gegangen.
Was soll man darauf antworten?
Daß er einem Verlagsschwindler aufgesessen ist, einem Autorenabzocker. Das konnte ich mir jetzt auch sparen. Ich wünschte ihm, soweit das überhaupt noch wünschenswert war, alles Gute für sein Buch.

 

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