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Mehlmottenbefall

Seit Jahren tauchen in unserer Wohnung immer wieder Mehlmotten auf, Flügelspannweite bis 25 Millimeter, bleigrau gefärbt. Keine Ahnung, wo die herkommen. Ich vermute, direkt aus der Hölle.

Die Lage spitzte sich zu, als ich eine angebrochene Kekspackung in meiner Schreibtischschublade vergessen hatte. Vergiß niemals eine angebrochene Kekspackung! Mehlmotten mögen auch Kekse. Nur bescheidene Mehlmotten würden sich allein mit Mehl zufrieden geben. Doch bei Keksen hört bei mir der Spaß auf. Es reicht schon, wenn ich meiner katholischen Freundin welche abgeben muß.

Seitdem weiß ich zweifelsfrei, daß ich ein Speziezist bin. Das ist nicht etwa jemand, der gern mal eine kühle Spezi trinkt, sondern einer, der der Auffassung ist, daß es höhere und niedere Tierarten gibt. Erhaltenswürdige, die er lieb hat, und welche, die er dem Abschuß freigeben würde. Also jemand, der es grundsätzlich vorzieht, am oberen Ende der Nahrungskette zu stehen. Für Veganer ist Speziezismus der geistige Bruder des Rassismus. Für mich schließen sich Motten und Moral aus.

Ein Mottenweibchen legt bis zu 500 Eier an einem Kekskrümel ab. Daraus entwickeln sich kleine Raupen. Sie können Schraubverschlüsse überwinden, dünne Verpackungen durchbeißen und bis zu 400 Meter weit kriechen. Sieh dir Rambo Teil eins an und du weißt, mit wem du es zu tun hast. Und als gleich mehrere die Tastatatur meines Laptops enterten, war folglich die Maxime meines Handelns, es darf nur ein Lebewesen an diesem Laptop geben. Für mich stand außer Frage, daß ich das sein sollte.

Die Raupen sind weißlich gefärbt mit dunklem Kopf. Soweit ich meinen Gegner bis dahin studiert hatte, wußte ich, irgendwo hat er sein Basislager, in dem er zu Kräften kommt, bevor er sich auf den Marsch begibt. Attackiere sein Basislager und du hast zumindest eine Schlacht gewonnen. Deshalb wird bei Mehlmottenbefall empfohlen, alles wegzuschmeißen, was einer Motte mundet. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich Nahrungsmittel in unserem Küchenschrank, die Auskunft darüber geben, wie sich Menschen ernährt haben als die Mauer noch stand und Kaiser Wilhelm die eingekochte Marmelade seiner Urgroßmutter für schlechte Zeiten aufhob. Ein Schatz für Historiker der Alltagsgeschichte. Traurigen Gaumens trennte ich mich von diesen Relikten. Nun mußte ich nur noch die vergessene Kekspackung finden, was sicherlich einfacher gewesen wäre, wenn ich sie nicht vergessen hätte. Und als ich für einen Moment nach oben sah, vielleicht um den Himmel anzuflehen, erblickte ich Mama und Papa der Raupenkinder. Ihre Hinterteile in Liebe miteinander verbunden. Doch sollte man sich von dem Liebesglück nicht täuschen lassen. Auch die Spartaner haben sich geliebt, bevor sie die Perser vernichteten. Erst hocken sie aufeinander und dann zerstören sie deine Lebensgrundlage. Einen ganzen Müllbeutel mit kontaminierter Nahrung schleppte ich zu den Tonnen. Wieder zurück, stierte ich erneut an die Decke, hilflos und verzweifelt. Dort flatterten sie, die Onkel und Tanten, Nichten und Neffen, Brüder und Schwestern aus der Falterfamilie der Zünsler, deren Lebensweise sich dadurch auszeichnet, daß sie auf Paarung aus sind und anderen die Vorräte wegessen. Zwar lebe ich als flatterhafter Lyriker auch so, trotzdem wollte mir keine Verbrüderung gelingen. Ich nahm mir vor, sie in einer finalen Luftschlacht zu erledigen.

Doch vorerst mußte ich mich um die Bodentruppen kümmern, die sich meines Laptops bemächtigt hatten. Auf der Suche nach dem Keks der Finsternis schob ich die Schublade meines Schreibtischs auf und entdeckte das Übel ganz weit hinten; den Anblick zu beschreiben, erspare ich dem Leser. Nur soviel, das Gewimmel, das sich mir darbot, ist ein Memento Mori, der Vorschein des eigenen Endes. Feuerbestattungsinstitute könnten mit einem Video davon noch mehr potentielle Kunden von den Vorteilen ihrer Einäscherung überzeugen.

Albert Schweitzer formulierte einmal die Ehrfurcht vor dem Leben. Furcht trifft es für mich eher. Als ich alles so gut es ging entfernt und mit Essigwasser gereinigt hatte, nahm ich eine von meinen elektrischen Fliegenklatschen zur Hand. Jene mit dem Teleskopstiel. Ausgefahren bringt sie es auf gut einen Meter Länge. Es ist der Bärentöter unter den elektrischen Fliegenklatschen. Ich besitze noch eine zweite. Die hat mir mal meine Freundin zum Geburtstag geschenkt. Mit einer elektrischen Fliegenklatsche kann man mir immer eine Freude bereiten. Die ist jedoch viel kürzer und sieht aus wie ein Tennisschläger für Kleinwüchsige. Für den Nahkampf hervorragend geeignet. Weniger jedoch, um die Lufthoheit zurückzuerobern. Dafür hab ich ja mein langes Teil, womit ich zur Not auch den Hund des Nachbarn oder die Zeugen Jehovas aus dem Haus vertreiben könnte. Wer nun Mitleid mit der Motte hat, dem kann ich versichern, solange die Batterien frisch sind, dauert der Todeskampf am Gitterrost der Klatsche nicht lang. Manchmal gibt es nur einen Knall, der mir signalisiert, die Motte hat Kontakt mit stromführenden Teilen gehabt und ist augenblicklich zerplatzt. Mottenreste umschwirren mich nun wie vormals noch die Motte unser Küchenlicht. Dieser Lichtneigung verdanken sie auch ihren Gattungsfamiliennamen „Zünsler“. Von zünseln, was laut Grimmschen Wörterbuch flimmern oder flackern bedeutet. Neben dem Tod auf meiner Klatsche gebe es für sie also noch die Variante des selbstbestimmten Sterbens. Wenn ich mich abends zusammen mit meiner Freundin gemütlich bei Kerzenschein aufs Küchensofa setze und dann entspannt zuschaue, wie sich ein Zünsler nach dem anderen an der Kerzenflamme verzünselt. Besser als Tischfeuerwerk.

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