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Eingekreist

Fortpflanzung

Ist die Fortpflanzung bei einem Paar irgendwann abgeschlossen, geht man langsam zu den Pflanzen über, und die Ideen für schönen Sex weichen den Ideen für schöne Gärten. Ob im Freien oder auf dem Balkon. Die Zuneigung, die man sich dort immer gewünscht hätte, richtet sich bloß noch auf grüne Triebe. Und seitdem meine katholische Freundin im Internet www.garten-schlueter.de entdeckt hat, der sich mit mir mal in Verbindung setzen sollte, um mir Schmerzensgeld zu überweisen, erreicht uns mindestens einmal die Woche ein Paket mit eben lauter Pflanzen darin. Das Verkaufsprinzip ist heimtückisch. Es beruht nämlich darauf, total sympathisch zu sein. Da kann ich ja nur verlieren. Jedem Pflanzenpaket ist ein Zettel beigelegt, auf dem steht „Mit Liebe frisiert und verpackt von“: und dann steht dort in einer scheinbar handgeschriebenen Schrift das Namenskürzel „Flo“. Ehrlich gesagt als Mann, noch dazu in der stinknormalen Variante ohne emotionale Ambitionen darüber hinaus, interessiert es mich doch einen Scheiß, wer das eingepackt hat. Ich bestelle meinetwegen eine Bohrmaschine und dann fällt mir ein Zettel in die Hand, auf dem steht, „Mit Liebe geölt und verpackt von: Uwe“. Das wäre für mich jedenfalls kein Grund, dort auch noch eine Stichsäge zu bestellen. Für Frauen offenbar schon. Der perfide Pflanzendealer ködert Kundinnen, indem er eine Beziehungsebene aufbaut. Meine Freundin kommt dann in mein Zimmer und sagt, „schau mal, die Pflänzchen wurden wieder von Flo mit Liebe eingepackt.“ Dabei hat sie einen Glanz in den Augen, und man kann förmlich sehen, wie sie sich insgeheim fragt, „wer ist dieser Flo, der so pflanzenlieb ist?“

Aber das ist noch nicht alles. Der Zettel beinhaltet auch noch Regeln, wie man mit den Pflanzen in der ersten Zeit umgehen soll. Die sind jedoch nicht so formuliert, wie Regeln formuliert sind, klassischerweise in einem leicht preußischen Tonfall, der aus Schrebergartenordnungen hinlänglich bekannt ist, sondern die Pflanzen drücken ihre Bedürfnisse quasi selber aus. Das klingt dann folgendermaßen: „Wir haben eng zusammengekuschelt geschlafen. In dem gemütlichen Garten-Schlüter-Karton war es ganz schön dunkel. Bitte geben Sie uns etwas Zeit im windgeschützten Halbschatten, damit wir uns voll entfalten können.“ Wenn ich so was lese, möchte ich sie doch glatt in die pralle Mittagssonne stellen.

Kaum aus dem gemütlichen Karton ausgepackt, verrät mir meine Freundin auch schon freudestrahlend, um welche Pflanzen es sich handelt. Genausogut hätte mir ein Philatelist erklären können, welche Briefmarken er sammelt oder ein Angler, warum er diesen Haken für jenen Fisch nimmt. Für mich sehen die Strünke, ja, was soll ich sagen, alle irgendwie gleich aus. Ähnlich wie Säuglinge. Knubbelig und schrumplig, und man weiß noch nicht, was daraus wird. Man muß sie erst irgendwo einpflanzen. Mit den Wurzeln voran in die Erde, soviel hab ich im Schulgartenunterricht verstanden. Sind die Wurzeln unten, wird es oben grün. Meine erste Schulgartenlehrerin schwärmte zu jeder Stunde ausgiebig von ihrer Kapuzinerkresse. Kapuzinerkresse hinten, Kapuzinerkresse vorne. Danach kamen wir uns immer ein bißchen floristisch mißbraucht vor. Im Nachhinein frag ich mich, ob da nicht tatsächlich auch irgendwas Sexuelles mitschwang bei ihrem mönchischen Kraut. Wir befanden uns schließlich in den achtziger Jahren, in denen die „Dornenvögel“ sehr beliebt waren, eine Fernsehserie, die sich um die Liebe zwischen einem katholischen Geistlichen und einer Frau drehte. Ein Problem, das komischerweise auch sehr viele DDR-Frauen interessierte, obwohl es auf dem Gebiet der DDR eigentlich nur sehr wenige Priester gab. Selbst aus dem Wohnzimmer meiner Eltern drang diese dramatische Serienmusik, und wenn ich durch das Schlüsselloch linste, sah ich den Hauptdarsteller Richard Chamberlain im Priesterornat und mit wild geröteten Augen auf einen fernen Punkt starren, wo offenbar das Geheimnis der ganzen Tragik zu finden war. Ich vermute ja, er konnte sich seinen Text nicht merken und mußte ihn krampfhaft von hochgehaltenen Tafeln ablesen. Als Romantiklegastheniker ist man wahrscheinlich auch ein Ignorant der Flora.

Liebevoll bestreichelt meine Freundin die ersten frischgewachsenen Blättchen ihrer Pflanzen und spricht zärtliche Worte zu ihnen. Ich bekomme gesagt, ob ich nicht mal wieder die Küche wischen könne. Was haben die Pflanzen, was ich nicht habe? Gut, sie haben zum Beispiel Blüten. Dafür könnte ich mir ein Hawaiihemd anziehen. Wie Magnum. Das ist auch so ein Serienheld aus den Achtzigern. Er konnte noch mit seinem Körperhaar Frauen begeistern. Glückliche Zeiten. Man muß sich bloß mal ein paar Pornos aus den  frühen Achtzigern anschauen, um zu begreifen, was danach im Schamhaarbereich alles so schief gelaufen ist.

Was Pflanzen natürlich sehr gut können, und es wäre nicht verkehrt, hierbei von ihrer Kernkompetenz zu sprechen, ist wachsen. Aber bei mir wächst es doch auch. Zwar nur noch spärlich auf dem Kopf, dafür kräftig aus den Ohren, aus der Nase, auf dem Rücken. Ich stehe, was das Wachstum anbelangt, im Grunde keiner Pflanze nach. Doch niemand ist begeistert, wenn es bei mir wächst. Das ist ungerecht.

Pflanzen machen aber auch Dreck. Wenn ich Dreck mache, muß ich den selber weg machen. Die Pflanzen können ja nicht. Stehen nur dumm rum und lassen sich bedienen. 

Der ganze Balkon ist inzwischen voll mit ihnen. Kein Platz mehr für den angestammten Bierkasten. Daß ich mich überhaupt dazusetzen darf, darüber kann ich mich noch glücklich schätzen. Aber ich merke, daß die mich vom Balkon runter ekeln wollen. Sie rempeln mich an. Schmeißen ihre Samen auf mich. Zücken ihre Dornen. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, meine Freundin würde eher mich beschneiden als ihre wuchernden Lieblinge. Damit endlich wieder Platz ist, für den nächsten so liebvoll verpackten Pflanzennachwuchs.

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