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In Würde wabbeln

Neulich las ich auf Zeit-Online einen Artikel über die neue Weiblichkeit, die sich endlich traue, dem gängigen Schönheitsideal und der männlichen Sicht auf den weiblichen Körper etwas entgegenzusetzen. Nämlich etwas selbstbewußt Unansehnliches. Es wird sich nicht mehr geschminkt, Achsel- und Beinhaare sprießen, frau trägt froh Zellulitis zur Schau, zieht einen Kartoffelsack an und möchte von den Männern gefälligst auch in der ganzen natürlichen Formgebung für attraktiv gehalten werden. Die Autorin des Artikels fand das sehr ermutigend.

Und ich dachte, ja verdammt, da hat sie wirklich mal was angestoßen.

Denn vor zwei Jahren habe ich damit begonnen, mich gesünder zu ernähren und jeden Morgen Liegestütze zu machen, einerseits wegen Rundrückenproblemen, andererseits aber eigentlich nur, weil meine katholische Freundin meine Oberarme angeguckt und dann mit dem leisen Unterton des Bedauerns festgestellt hat: „früher hast Du mal kräftigere Oberarme gehabt“. Es war kein direkter Vorwurf, allerdings schien die mögliche Wahrscheinlichkeit einer sukzessiven Reduzierung unseres partnerschaftlichen Sexualkontakts damit subtil angedeutet worden zu sein.

Ich beugte mich der weiblichen Sicht auf meinen Körper. Wäre ich emanzipiert genug gewesen, hätte ich gesagt, scheiß drauf, mein Körper gehört mir. Hühnerbrust ist hip. Bierbauch das neue beautiful. Die Realität sieht leider anders aus. Dicke und häßliche Männer werden von Frauen oft als dick und häßlich wahrgenommen. Das ist ungerecht, das ist diskriminierend, das ist bierbauchshaming. Doch es gibt keinen Aufschrei, niemand kümmert sich um die McDonaldsopfer aus dem ostdeutschen Hinterland, wo sich Biertitte und Gesichtskrüppel gute Nacht sagen.  

Männer Verräter wie Brat Pitt und George Cloony verzerren das Bild des Mannes obendrein noch, obwohl jedem klar sein müßte, daß solche Typen nur ein Konstrukt sind, leider ein sehr altes, bereits von herzlosen Bildhauern seit der Antike in die Welt gesetztes. Steht man als Mann vor dem David in Florenz, steht einem abends im Bett gar nichts mehr.

Als ich als kleiner Junge Monumentalfilme über die Römer gesehen habe, fiel mir auf, daß die Guten immer schöne und kräftige Männer waren und die Bösen unförmige Schlabberbäuche besaßen, wie Peter Ustinov in der Rolle des irren Nero. Ich sah mein Bäuchlein abends beim Zähnputzen im Spiegel und wollte kein irrer Nero sein. Leider schmeckten die Wurststullen, die mir Mutti zum Abendbrot geschmiert hatte, immer so gut.

Später setzte mich meine Mutti auf Diät. Ich bekam ein halbes Jahr lang abends nur noch zwei kleine Stullen mit Harzer Käse und einen aufgeschnittenen Apfel.

Es half nicht wirklich. Vom Reck hing ich wie ein nasser Sack. Die Mädchen kicherten.

Kurz darauf spannte mir der doofe Sven meine erste Freundin aus. Er war sportlich und hatte Muskeln. Ich war dicklich und hatte sogenannte Mußkellen, wie mein Vater immer sagte. Ich hätte nicht gedacht, daß Mädchen so oberflächlich sein können.

Den männlichen Körper endlich zu akzeptieren in seiner ganzen Schlaffheit, findet ja kaum Unterstützung bei Euch Frauen. Der dicke Danilo aus meiner Klasse stand in der Disko immer ungeküßt in der Ecke. Ich stand neben ihm.

Ich möchte mich auch mehr lieben können, so wie ich bin. Gut, ich hab mich zwar schon oft geliebt, hab es jedoch meist vermieden, dabei in den Spiegel zu schauen.

Wir müssen etwas ändern. Als erstes würde ich die Auftritte der Chippendales verbieten lassen. Und ich möchte auch keine schönen Männer mehr auf Plakaten sehen, die ihre Muskeln zur Schau stellen. Eine Petition dagegen bereite ich gerade bei Change.org vor. Ich bitte um Unterstützung!

Und ich treffe mich jetzt häufiger mit Aktivisten, die sich dem gängigen Schönheitsideal widersetzen. Wir trinken Bier gemeinsam, mindestens vier Flaschen, und grillen Fleisch dazu. Wir rauchen auch. Bei Peter und Andreas hat das alles schon Wirkung gezeigt. Ihre Hosen und T-Shirts stellen die Vorstellung vom attraktiven Mann konsequent in Frage. Sie lösen Grenzen auf mit ihren stark behaarten Bierbrüsten, an denen ich mich schon lange gestoßen habe, also an den Grenzen, nicht an ihren Brüsten. Denn warum sollte ein durchtrainierter Körper schöner sein als ein fülliger, fettwanstiger, schmerbäuchiger Körper? Warum sollten Doppelkinn, Tränensäcke und haarige Ohren häßlicher sein, als keine haarigen Ohren, Tränensäcke und Doppelkinn? Ich sah dort Männer am Grill stehen, die sich in ihrer verranzten Körperlichkeit genauso zeigten, wie sie waren, und fand darin eine eigene Schönheit, die mutig war und gelassen.

Ich fing an, mich auszuprobieren. Ich duschte tagelang nicht mehr, wechselte wochenlang nicht die bequeme Schlumperhose, die so weit geschnitten ist, daß mein plattgesessener Hintern darin verschwindet wie ein Bergdorf nach dem Lawinenabgang. Durch das häufige Grillen ähnelt mein Körper mehr und mehr dem eines leicht übergewichtigen Frosches - dürre Beine, hängende Bauchmurmel – und sieht nun fast wieder so aus, als hätte ich mit den Liegestützen gar nicht begonnen. Doch sobald ich die Runde meiner Kumpels verlasse, spüre ich den Druck nur allzu deutlich. Meine fettigen Haare stoßen vor allem bei meiner Freundin auf Ablehnung. Auch bei anderen Frauen werde ich praktisch unsichtbar. Schaue ich zu ihnen hin, schauen sie schnell weg. Es ist nicht leicht, sich gegen diese Normierung zu behaupten. Wann werde ich die Schweißränder meines am Bauch spannenden Bud-Spencer-T-shirts ohne Scham tragen dürfen? Und wann werdet ihr, liebe Frauen, eure Erwartungen ändern, wie ein attraktiver Mann auszusehen hat. Es gibt noch viel zu tun!

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