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Urlaub mit den Eltern

Neulich habe ich mal wieder mit meinen Eltern Urlaub gemacht. Davor war ich zuletzt im Jahr 1996 mit ihnen im Urlaub. Ich war neunzehn und es hatte was vom Milgram-Experiment, bei dem Versuchspersonen aufgefordert wurden, anderen Personen Stromstöße zu geben, um festzustellen, wie weit einige damit gehen würden. Am Ende war es trotzdem eine interessante Erfahrung, wie Bundeswehr, Verlassenwerden oder eine Lebensmittelvergiftung. Sie ist nicht schön, aber hinterher hat man was zu erzählen. Und vielleicht wird es diesmal nur halb so schlimm werden, dachte ich. Zu einem Urlaub mit den Eltern gehört nämlich auch, daß man sich vorher wenigsten die eine oder andere Illusion macht. Illusionen sind überhaupt ganz wichtig im Leben, sonst würde man viele Dinge gar nicht erst versuchen. Zum Beispiel sich in das schönste Mädchen des Studienjahrgangs verlieben oder ungefragt ein Manuskript zum Suhrkampverlag schicken. Und hätte Adolf Hitler nicht die Illusion gehabt, die Welt erobern zu können, niemals hätte er den Zweiten Weltkrieg angefangen. Die Welt wäre um ein paar Millionen Tote und einige Sendungen von Guido Knopp ärmer gewesen. Illusionen sind zwar nicht das Salz, dafür aber das Haar in der Suppe, damit man sich im Nachhinein über alles beschweren kann. Wer nicht wagt, der nicht verliert.

Und es begann eigentlich harmlos. So könnte übrigens auch der erste Satz einer Biographie über Jack the Ripper lauten. Jedenfalls meinte meine Mutter, sie habe ein Ferienhaus in Prerow entdeckt, mit zwei Ferienwohnungen, es solle ein jeder seinen eigenen Bereich und seine Ruhe haben. Und sie würden uns, meiner katholischen Freundin und mir, das Ganze spendieren. Meine Augen funkelten wie die eines Bewohners von Troja beim Anblick des schönen, hölzernen Pferdes, das die Griechen als Abschiedgeschenk am Strand zurückgelassen hatten. Sicher, mit ein paar Bedenken trug ich mich schon, die da ungefähr lauteten: ist für meine Freundin ein Urlaub mit den Schwiegereltern denn auch erholsam?, und wird sich meine Mutter nicht doch etwas mehr gemeinsam verbrachte Zeit wünschen, entgegen ihren mit Engelszunge vorgetragenen Beschwichtigungen? Schließlich wischte ich die Bedenken beiseite. Bei der Erforschung der Radioaktivität dachte Marie Curie auch noch nicht an den Strahlentod.

Der erste Abend ging locker los. Mit einer Flasche Bier in der Hand. Meine Mutter saß mir gegenüber wie ein Verhörspezialist der CIA. Ich sollte aus meinem Leben erzählen. Ich nahm gleich noch einen Schluck Bier. Vielleicht würde ich dadurch geständiger. Okay, mein Leben: Morgens stehe ich auf, dann frühstücke ich, sitze an meinem Schreibtisch, onani… dann mache ich mir noch einen Kaffee oder auch nicht. Irgend so was gab ich zur Antwort. Meine Mutter guckte leicht enttäuscht. Sollte ich ihr nun sagen, daß ich gerade einen tollen Job in Aussicht habe und daß wir mit dem Gedanken spielen, uns eine Eigentumswohnung zuzulegen, weil sie demnächst doch noch Oma wird? Das hätte ich sagen können. Es stimmt bloß nicht. Ich guckte zur Uhr, es war erst um neun. Ab wann ist der Wunsch, ins Bett gehen zu wollen, nicht mehr unhöflich? Würde man mir glauben, daß ich nun müde sei, obwohl ich mal leichtsinnigerweise verraten habe, daß ich vor eins nicht ins Bett gehe? Mein Vater erzählte wieder von seinen Bauvorhaben. Das mochte meine Mutter nicht hören. Sie meckerte meinen Vater an, daß er nicht immer nur von sich erzählen solle, sie wolle nun lieber etwas von ihrem Sohn erzählt bekommen. Ich war eigentlich ganz froh darüber, daß mein Vater den Unterhaltungsauftrag bereitwillig übernommen hatte, obwohl es um die korrekte Verkabelung seiner Garage ging. Meine Mutter blickte mich mit den melancholischen, in die Seele des Täters hineinforschenden Augen eines Kommissar Derrick an, in denen sich der Kummer über soviel Verstocktheit spiegelte, während eine leichte Entrücktheit durch mein ganzes Wesen zog und mein Blick unbestimmt nach oben gerichtet war, als wollte er die Weite des Alls durchmessen, die Unendlichkeit des Universums. Und als ich fast den Gemütszustand von Buddha, Gandhi und dem Sandmännchen erreicht hatte, sagte meine Mutter, daß sie mein vor mich Hinschweigen überhaupt nicht schön fände, und ich versuchte darauf zu reagieren, und sagte, soweit ich mich erinnern kann, so etwas wie: „Himmel Arsch, ich platze gleich.“ Schnell hielt ich mir den Bauch, zeigte auf die Wurstplatte, sodaß man den Satz auch als Bekundung des zuviel gegessen Habens deuten könnte. Meine Mutter war trotzdem gekränkt, meine Freundin fand das auch nicht gut, wir stritten uns im Anschluß noch in Ruhe in unserer eigenen Ferienwohnung, ich sollte dann lieber auf der Couch übernachten. Kaum sagt man was, ist es auch nicht okay. Ich würde mich steigern müssen. Sowohl in meiner Sohnperformance als auch in der Partnerperformance. Durfte bei den beiden wichtigsten Frauen in meinem Leben nicht versagen. Mußte also zwischen Skylla und Charybdis hindurch, was jetzt bitte nur im übertragenen Sinne verstanden werden soll.

Am nächsten Tag ging ich erstmal auf Knien mit einem frisch gebrühten Kaffee zu meiner Freundin, Abbitte leisten. Und meiner Mutter versuchte ich dann doch noch irgendwas aus meinem Leben zu erzählen, die restlichen sechs Tage lang! Was hätte eigentlich Jack the Ripper seiner Mutti erzählt?

„Also mittags schau ich meist beim Messerschleifer in der Kensington Street vorbei und abends geh ich oft noch spazieren. Bei der Gelegenheit hab ich übrigens wieder ein Mädchen kennengelernt.“

Mutter von Jack: „Bring sie doch mal zum Abendbrot mit.“

Jack: „Geschnitten oder am Stück?“

Mütter wollen wahrscheinlich doch nicht alles wissen, was im Leben ihrer Söhne so vor sich geht. Vater empfahl, sag irgendwas Nettes, dann freut sie sich. Und ja, wenn man etwas verlogen ist, geht’s. Der Mensch kann Pyramiden erbauen, seinen Fuß auf den Mond setzen und einen Urlaub mit den Eltern überstehen.

Der nächste ist schon geplant.

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