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Ehrliche letzte Worte

Neulich am Telefon machte mir Mutter mal wieder einen interessanten Jobvorschlag, falls es mit der Schriftstellerei nichts wird: „Christian, Du kannst doch reden, warum wirst du nicht Beerdigungsredner?“ Klar, warum nicht. Ich kann auch atmen, das kann man eigentlich in jedem Beruf gut gebrauchen. Hören und Sehen habe ich als Softskills außerdem drauf, was mich durchweg zu einem beruflichen Allrounder macht.

Ich vermute aber, daß man als Beerdigungsredner noch ein paar weitere Fähigkeiten benötigt. Empathie zum Beispiel. Die ist bei mir so gut entwickelt, daß es durchaus für eine berufliche Tätigkeit als Fleischer reichen würde. Was nicht heißt, daß ich die Gefühle von anderen nicht halbwegs nachvollziehen kann. Ich verspüre bloß oft keine Lust, angemessen darauf zu reagieren. Sollte meine Mutter eigentlich von unseren Telefonaten wissen. Unlängst hat sie mir wieder mit Vorwurf in der Stimme erzählt, daß die Nachbarin jeden Tag von der Tochter angerufen werde. Ich schlug meiner Mutter vor, wenn sie nett darum bittet, würde bestimmt auch jeden Tag die Tochter der Nachbarin bei ihr anrufen. Fand sie dann doch nicht so gut. Allerdings käme selbst der Papst empathiemäßig bei meiner Mutter irgendwann an seine Grenzen.

Bezogen auf den Beruf des Beerdigungsredners drückt sich Empathie in der Befähigung aus, die kleinen und größeren Verlogenheiten der Hinterblieben ironiefrei in eine rührselige Rede packen zu können. Denn über Tote soll man ja nur Gutes sagen. Ausgenommen Attila der Hunnenkönig, Adolf Hitler und Helene Fischer. Ich weiß, die lebt noch. Aber man wird ja noch mal träumen dürfen.

Ich hab das schon bei meiner ersten Beerdigung beobachtet. Damals war ich fünfzehn und mein Opa kam unter die Erde. Nun war mein Opa nicht unbedingt jemand, über den man nach seinem Tod, auf Teufel komm raus, etwas Schlechtes hätte sagen müssen. Das hatte er eigentlich schon ausgiebig zu Lebzeiten gesagt bekommen, nämlich von seiner Frau, meiner Oma, von der er ständig ausgeschimpft worden war. Nach seinem Tod hätte er gewiß seinen Ohren nicht getraut, denn plötzlich war er der beste Ehemann aller Zeiten geworden. Und je länger er tot war, desto mehr verklärte sich ihr Bild von ihm.

„Aber Oma, ihr habt euch doch nur gestritten.“
„Ach, was weißt du schon, das sah nur von außen so aus.“

Daraus kann man die Erkenntnis ziehen, wenn Männer von ihren Frauen gelobt werden wollen, müssen sie eigentlich nur sterben. Prompt folgt die Lobeshymne in Form einer Beerdigungsrede, die den Fake-News eines Donald Trump in nichts nachsteht.

Ja, und nun ist meine Oma auch schon tot, und eigentlich gebietet es die Pietät, hier nur Gutes über sie zu sagen. Und genau aus diesem Grund eigne ich mich nicht zum Beerdigungsredner.  

Außer die Hinterbliebenen sind an Ehrlichkeit interessiert. Und die fängt bei der Todesanzeige an. Normalerweise liest man dort vorgefertigte Verse wie: „Dein gutes Herz hat aufgehört zu schlagen“, et cetera. Das ist schon sprachlich nicht ganz sauber, denn wenn das Herz gut gewesen wäre, hätte es vermutlich auch nicht einfach so mit dem Schlagen aufgehört und der Tote könnte immer noch fröhlich leben. So ein Herz ist eher ein Arschlochherz.

Die Hinterbliebenen sollten übrigens auch nicht selber dichten. Es ist schon ohne Trauer schwer genug. Neulich fand ich im Todesanzeigenteil der Mitteldeutschen Zeitung folgenden Vers:

„FC Bayern war Dein Leben.
Für Deine Familie hast Du alles gegeben.“

Mal ganz davon abgesehen, daß das Versmaß nicht stimmt, kann man doch die Verklärung eines Lebens, das den FC Bayern zum Inhalt hatte, nun wirklich nicht durchgehen lassen.

Was ich als professioneller Lyriker anbieten könnte, wäre also ehrliche Todesanzeigenlyrik. Ich arbeite indiskret, jedoch zeitnah. Für einen Vierzeiler würde ich schlappe Hundert Euro nehmen. Das ist fast geschenkt. Hier ein paar Proben, beispielsweise über einen Vater, den man vielleicht nicht ganz so sehr gemocht hat:

Dein Herz hat aufgehört zu schlagen,
wir konnten Dich nicht mehr ertragen.
Nun bist Du endlich abgetreten,
laßt dankbar uns zum Herrgott beten.

Oder auf die Frau, mit der man es aus welchen Gründen auch immer zu lange ausgehalten hat:

Auf einmal bist Du nicht mehr da.
Und keiner kanns verstehn.
Doch einer, nämlich ich.
Ich laß Dich gerne gehn.

Oder plötzlich und unerwartet klingt dann so:

Ich wollt es wäre nur ein Traum
Und könnt aus ihm erwachen
Ach so, es ist ja gar kein Traum.
Na das bringt mich zum Lachen.

Oder die ehrliche Dankbarkeit, zum Beispiel dem Erbonkel gegenüber:

Du hast gesorgt, Du hast geschafft
Dann hat es dich hinweggerafft
Nun ruhe aus in Gottes Hand
Wir erben viel, dafür sei Dank.

Oder im Gedenken an den pädophilen Onkel:

Was du für uns gewesen,
das wissen wir allein.
Man kann es auch hier lesen:
Du warst sehr oft ein Schwein.

Oder das nachträgliche Geständnis:

Wenn in der Nacht die Rosen weinen
und mein Herz vor Kummer bricht -
Offen gestanden, an dir liegt’s nicht.

Oder die schlichte, stoische Haltung der Hinterblieben:

Du warst so gut im Leben.
Du wirst so sehr vermißt.
Mein Gott, so ist das eben,
daß du jetzt nicht mehr bist.

Als ich dann Mutter von der Idee meiner ehrlichen Todesanzeigenlyrik erzählte, sagte sie etwas pikiert: „Also wenn ich mal sterbe, kann ich mich wohl auf eine schöne Todesanzeige gefaßt machen.“

„Keine Angst“, sagte ich, „bei Dir werde ich mich ehrlich darum bemühen, nicht ganz so ehrlich zu sein.“

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